3 Bücher für einen Corona-infizierten März

 

Wir haben ein Problem.

Es hat einen Durchmesser von 120 bis 160 nm (also  10−9 Meter) und nennt sich COVIT-19-Virus.

Das Virus pflügt momentan unsere Welt komplett um. Es braucht wenig Phantasie, um zu befürchten, dass dieser kleine Kerl es schaffen wird, das Leben oder die Welt, wie wir sie kennen, zur Unkenntlichkeit zu verändern.

Vielleicht zum Guten (was ich hoffe, aber bezweifle) oder zum Schlechten (was ich nicht hoffe, aber befürchte).

Wir befinden uns entweder in Quarantäne (gute Besserung) oder im Exil, auf jeden Fall an einem Ort, den wir so nicht ausgesucht haben. Es zwingt uns, auf kleinem, ungewohntem Terrain, nämlich unseren vier Wänden, die plötzlich gewonnene Zeit zu verbringen.

Dazu gibt es eine Menge Möglichkeiten.

Netflix. Soziale Medien bis zum Erbrechen. Spiele. TV. Musik. Garten. Klavierspielen (oder -lernen) …

Oder wir könnten wieder mal lesen. Ein richtiges Buch zur Hand nehmen und lesen.

Enjoy!

Alles geht vorbei.

 


 

Antti Tuomainen – The Man who died (Die letzten Meter bis zum Friedhof)

 

Jaakko ist 37, als sein Arzt ihm eröffnet, dass er keine Grippe hat, sondern sterben wird, und zwar sehr bald: Jemand hat ihn über längere Zeit hinweg vergiftet. Das an sich ist schon geeignet, einem Mann so richtig den Tag zu verderben. Leider wird Jaakko bei der Rückkehr nach Hause außerdem noch Zeuge, wie ihn seine Frau mit Petri betrügt, dem jungen, knackigen Angestellten ihrer gemeinsamen Firma. Der Firma, die in jüngster Zeit gefährlich Konkurrenz bekommen hat. Jaakko beschließt herauszufinden, wer ihn um die Ecke bringen will. Und er wird sein Unternehmen für die Zeit nach seinem Tod fit machen. Der Handel mit den in Japan zu Höchstpreisen gehandelten Matsutake-Pilzen läuft nämlich ausgezeichnet, und in Finnlands Wäldern wachsen nun einmal die besten. Doch das neue Konkurrenzunternehmen kämpft wirklich mit harten Bandagen. Ist es da Jaakos Schuld, wenn es zu Toten kommt? Und hat er überhaupt Zeit für anderer Leute Sorgen? Denn so viel ist klar: Mit dem Tod vor Augen geht alles leichter, gilt es doch, jede Minute zu genießen.

Dass die Finnen im besten Sinn des Wortes ein schräges Volk sind, hat uns Aki Kaurismäki in seinen wunderbaren Filmen gezeigt. Sie sind längst Kult, gehören zur Populärkultur. Antti Tuomainen schafft etwas Vergleichbares in seinen erfolgreichen Büchern mit den Titeln „Palm Beach, Finnland“ oder „Klein Sibirien“. Oder eben „Die letzten Meter bis zum Friedhof“. Mit skurrilem Humor erzeugt er eine Welt, die fremd und gleichzeitig bekannt ist. Auch wenn wir es nicht gern zugeben, wir sind letztendlch alle auf unsere Weise schräg, ebenso schräg wie Jaakko, der seine letzten Tage mit stoischem Durchhaltevermögen verbringt. Da bringen ihn nicht mal scharfe Samurai-Schwerter aus dem Gleichgewicht …

 


 

Alexander Spörl – Memoiren eines mittelmässigen Schülers

 

In seinem Buch berichtet der junge werdende Vater Alexander Spoerl von den Warteräumen einer Entbindungsanstalt aus, also im Hinblick auf den eigenen Nachfolger, in einer äußerst mokanten und zugleich liebenswürdigen Form von den Absonderlichkeiten unseres Zeitalters. Die Verteidigung der persönlichen Freiheit gegen Elternhaus, Schule, Polizei und Militär wird mit einer Mischung aus trockenem Witz und sprühender Ironie vorgenommen. Seine Szenerien, Typen, Dialoge und Einfälle atmen Zeitnähe und gutgelaunte Daseinskritik. Dieser Schüler, der da von der Weltgeschichte vorschnell in den Männerstand versetzt wird, bewahrt sich im Irrgarten der Absurditäten stets die spöttische Distanz eines ganz und gar ungenialen Normalmenschen, der ausgezeichnet zu plaudern versteht. Die Kunst der Beobachtung des Unscheinbaren wird hier zur Meisterschaft entwickelt.

Kein anderes Buch habe ich häufiger gelesen als diese Memoiren eines wahrhaft mittelmässigen Schülers. Und jedes Mal lache ich an den gleichen Stellen Tränen. Es ist zweifellos eines der lustigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Vielleicht ist es genau das richtige Buch, um die gegenwärtigen Sorgen für ein paar Stunden zu vergessen.

Alexander Spoerl ist ein Meister der hierzulande seltenen Kunst, witzig, ironisch und scheinbar leichthin zu erzählen und damit genau den Kern einer Sache zu treffen. Man liest mit stillem Schmunzeln und herzlichem Lachen, wie der unverbesserliche Individualist Jakob van Tast alias Alexander Spoerl in der Schule und den schwierigen Jahren der ›Gleichschaltung‹ seine persönliche Freiheit verteidigt. Der gesunde Menschenverstand triumphiert, wer möchte sich darüber nicht freuen!

PS Für meine englischen Leser: ich habe leider keine englischsprachige Ausgabe gefunden. Sorry!

 


 

Graeme Simsion – The Rosie Project  (Das Rosie Projekt)

 

Don Tillman will heiraten. Allerdings findet er menschliche Beziehungen oft höchst verwirrend und irrational. Was tun? Don entwickelt das Ehefrau-Projekt: Mit einem 16-seitigen Fragebogen will er auf wissenschaftlich exakte Weise die ideale Frau finden. Also keine, die raucht, trinkt, unpünktlich oder Veganerin ist.
Und dann kommt Rosie. Unpünktlich, Barkeeperin, Raucherin. Offensichtlich ungeeignet. Aber Rosie verfolgt ihr eigenes Projekt: Sie sucht ihren biologischen Vater. Dafür braucht sie Dons Kenntnisse als Genetiker. Ohne recht zu verstehen, wie ihm geschieht, lernt Don staunend die Welt jenseits beweisbarer Fakten kennen und stellt fest: Gefühle haben ihre eigene Logik.

Und noch ein Buch, das das Leben etwas heiterer macht. Eine wunderbare Reise in die Welt eines etwas anderen Menschen, der in all seiner Verschrobenheit so unendlich liebenswürdig ist, das wir „Normalen“ eine Menge von ihm lernen können. Es ist auch eine Welt des Staunens über Dinge, die uns als selbstverständlich erscheinen, im Blick Don Tillmans aber eine ganz andere Bedeutung erhalten. Einfach grossartig …

 

 

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