5 grossartige Bücher der letzten 20 Jahre – für einen sonnigen Mai

Es gibt viel zu befürchten und wenig zu hoffen in diesem elenden Jahr, das uns bisher nur Krankheit, Tod und Angst gebracht hat.

Aber lasst uns die Hoffnung auf die Resilienz der Gattung Mensch noch nicht ganz begraben. Wir sind stark und mutig und imstande, grossen Problemen und Gefahren zu begegnen, wenn wir zusammenarbeiten. Nicht gegeneinander wie oftmals in den letzten Wochen, sondern miteinander.

Dann werden wir das verdammte Ding in den Griff kriegen.

Einer der wenigen Vorteile dieser Zeit ist die Gelegenheit, Dinge zu tun, die normalerweise vergessen gehen.

Beispielsweise Bücher zu lesen.

Man braucht dabei gar nicht weit in die Vergangenheit zu reisen, um neue Klassiker zu entdecken. Die besten Bücher der letzten 20 Jahre zeigen, wie unendlich reich und faszinierend die Literatur des beginnenden 21. Jahrhunderts ist.

Ein paar der herausragenden Werke habe ich bereits früher vorgestellt:

Ian McEwan – Abbitte

Zadie Smith – Zähne zeigen

Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt

Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Philip Roth – Der menschliche Makel

Liu Cixin – Die drei Sonnen

Amitav Ghosh – Der Glaspalast

Hillary Mantel – Wölfe

Colson Whitehead – Underground Railroad

Rachel Joyce – Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Frey

Wolfgang Herrndorf – Tschick

Jonathan Franzen – Die Korrekturen

Andy Weir – Der Marsianer

Doch daneben gibt noch viele andere, die eine Chance verdienen. Denn gerade jetzt ist es wichtig, den Stimmen von Menschen zuzuhören, die uns in dieser seltsamen Zeit mit Phantasie und Intelligenz durch die Irrungen und Wirrungen der Menschheit begleiten. Sie sind die Wegweiser in dunkler Nacht, die Leuchttürme im Sturm …


Cormac McCarthy – The Road (Die Strasse)

 

Die Welt nach dem Ende der Welt
Ein Mann und ein Kind schleppen sich durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee schimmert grau. Sie haben kaum etwas bei sich: ihre Kleider am Leib, einen Einkaufswagen mit der nötigsten Habe und einen Revolver mit zwei Schuss Munition. Ihr Ziel ist die Küste, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Die Geschichte der beiden ist eine düstere Parabel auf das Leben, und sie erzählt von der herzzerreißenden Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.

Ich bin seit All die schönen Pferde ein grosser Fan von Cormac McCarthy. Die Strasse hat mir allerdings am Anfang mehr Mühe gemacht als erwartet. Vielleicht ist es einfach die Trostlosigkeit der Welt, wie sie die beiden Protagonisten erleben, die das Lesen wenig erträglich macht. Nichts ist noch so, wie es einmal war. Kälte, Asche, eine verbrannte Welt. Und mittendrin ein Vater mit seinem Sohn, inmitten des Grauens eine letzte Bastion menschlicher Werte.

Und kongenial verfilmt mit Viggo Mortensen als Vater.


Vladimir Sorokin – The Blizzard (Der Schneesturm)

 

Was beginnt wie eine Erzählung aus dem 19. Jahrhundert, entpuppt sich als fantastische Irrfahrt durch das ländliche Russland einer nahen Zukunft. Der Landarzt Garin will so schnell wie möglich in den Ort Dolgoje, um die Menschen dort gegen eine rätselhafte Krankheit zu impfen, die jedenInfizierten zum Zombie macht. Doch es herrscht Schneesturm, Garins Pferde sind erschöpft, und so heuert er den einfältigen Brotkutscher Kosma an, dessen Schneemobil von winzigen Pferden gezogen wird. Und so beginnt seine Reise in eine Märchenwelt mit Ingredienzien einer Hochtechnologiegesellschaft. Eingebettet in den erzählerischen Kosmos von Tolstoi, Tschechow und Gogol, versetzt »Der Schneesturm« ein grotesk-imaginäres Russland in den Abgrund zwischen den Zeiten – ein zugleich heiteres wie verstörendes Buch, das von der Kritik einhellig gefeiert wurde und einmal mehr Sorokins herausragende Stellung unter den zeitgenössischen russischen Schriftstellern untermauert.

Die russische Literatur ist reich an grossartigen Werken, die einen festen Platz im Literatur-Kanon haben. Doch es gibt nicht nur Tolstoi oder Dostojewski oder Gogol, es gibt zahlreiche junge Autoren, die in die Fussstapfen ihrer berühmten Vorbilder treten und dabei grosses Können zeigen.

Vladimir Sorokin ist einer davon. Nicht verpassen!


Audrey Niffenegger – The Time Traveler’s Wife (Die Frau des Zeitreisenden)

 

Audrey Niffeneggers innovatives Debüt, Die Frau des Zeitreisenden, ist die Geschichte von Clare, einer schönen Kunststudentin, und Henry, einem abenteuerlustigen Bibliothekar, die sich kennen, seit Clare sechs und Henry sechsunddreißig Jahre alt war, und die heirateten, als Clare dreiundzwanzig und Henry einunddreißig war. Unmöglich, aber wahr, denn Henry ist einer der ersten Menschen, bei denen eine Chrono-Verdrängungsstörung diagnostiziert wurde: Seine genetische Uhr wird periodisch zurückgestellt, und er findet sich in der Zeit fehl am Platz und wird in Momente emotionaler Schwerkraft in seinem Leben in der Vergangenheit und in der Zukunft, gezogen. Sein Verschwinden ist spontan, seine Erfahrungen unvorhersehbar, abwechselnd erschütternd und amüsant.

Die Frau des Zeitreisenden schildert die Auswirkungen der Zeitreise auf die Ehe von Henry und Clare und ihre leidenschaftliche Liebe füreinander, während sich die Geschichte aus beiden Blickwinkeln entfaltet. Clare und Henry versuchen, ein normales Leben zu führen, indem sie vertraute Ziele verfolgen – feste Arbeitsplätze, gute Freunde, eigene Kinder. All dies wird durch etwas bedroht, das sie weder verhindern noch kontrollieren können, was ihre Geschichte intensiv bewegend und völlig unvergesslich macht.

Ein SF Roman wie dieser zeigt, was das Genre zu leisten vermag. Ganz ohne Raumschlachten und Roboter und Aliens wird hier eine vermeintlich romantische Liebesgeschichte erzählt, nur das Henry immer mal wieder verschwindet und in einer anderen Zeitperiode wieder auftaucht. Was die Liebe der beiden zunehmend bedroht, vor allem dann (Spoiler Alert!), als sie merken, dass Henrys Zeitreisen offenbar nur bis zu einer bestimmten Altersgrenze gehen. Was könnte das bedeuten?


Dennis Lehane – Mystic River

 

Als Kinder waren Sean Devine, Jimmy Marcus und Dave Boyle Freunde. Doch dann tauchte in ihrer Umgebung ein seltsames Auto auf. Einer der Junge stieg ein, die beiden anderen nicht, und etwas Schreckliches passierte – etwas, das ihre Freundschaft beendete und alle drei Jungen für immer veränderte.

Fünfundzwanzig Jahre später ist Sean Detective bei der Mordkommission. Jimmy ist ein Ex-Sträfling, der einen Tante-Emma-Laden besitzt. Und Dave versucht, seine Ehe zusammenzuhalten und seine Dämonen in Schach zu halten – Dämonen, die ihn dazu drängen, schreckliche Dinge zu tun. Als Jimmys Tochter ermordet aufgefunden wird, wird Sean mit dem Fall betraut. Seine Ermittlungen bringen ihn in Konflikt mit Jimmy, der seine alten kriminellen Impulse findet, die ihn dazu verleiten, das Verbrechen mit brutaler Gerechtigkeit aufzuklären. Und dann ist da noch Dave, der in der Nacht, als Jimmys Tochter starb, blutverschmiert nach Hause kam.

Dennis Lehanes Weltbestseller, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis, verfilmt und mit zwei Oscars prämiert.

Dennis Lehane hat so viele grossartige Bücher geschrieben, dass die Wahl schwierig ist. Ist es eher Shutter Island oder Gone Baby Gone oder ein anderes mit dem Duo Kenzie & Gennaro? Ich habe mich für Mystic River entschieden, wahrscheinlich auch wegen der Verfilmung mit Sean Penn und Tim Robbins und Kevin Bacon. Der Roman zeigt – wie alle von Lehanes berühmten Werken – wie sehr er die dunkelsten Tiefen der menschlichen Seele kennt. Erschreckend …


Pascal Mercier – Night Train to Lisbon (Nachtzug nach Lissabon)

 

Mitten im Unterricht verlässt ein Lehrer seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon, um den Spuren eines geheimnisvollen Autors zu folgen. Immer tiefer zieht es ihn in dessen Aufzeichnungen und Reflexionen, immer mehr Menschen lernt er kennen, die von diesem Mann, den ein dunkles Geheimnis umgibt, zutiefst beeindruckt waren. Eine wundervolle Reise – die vergeblich sein muss und deren Bedrohungen der Reisende nicht gewachsen ist. Endlich kann er wieder fühlen, endlich hat er von seinem Leben zwischen Büchern aufgeblickt – aber was er sieht, könnte ihn das Leben kosten …

Jemand hat Merciers grössten Erfolg als Roman für alternde Männer bezeichnet. Die noch einmal, möglicherweise das letzte Mal, aus ihrem gewohnten saturieren Leben ausbrechen wollen.

Vielleicht stimmt das. Aber die abenteuerliche Reise des alten Lehrers, der sich mitten in eine seltsame Geschichte stürzt, ist höchst unterhaltsam und führt beim Leser unwillkürlich zu allerhand Ausbruchs- und Aussteigerphantasien. Nicht nur für ältere Männer …