Marokko – Die Wüste ist nah

Eine Reise vor langer Zeit. Eine Flucht vor einer schmerzhaften Trennung.

Der Versuch, auf einer Reise ins Herz der Wüste den Zugang zu meiner eigenen inneren Wüste zu finden.

Allein. Nur mit dem Rucksack. Ein paar Ideen, wohin die Reise führen könnte.

In den Süden. Dorthin, wo die Wüste lockt. Das endlose Sandmeer. Das Ende der Welt.

Wie ein Sinnbild für mein Scheitern habe ich auch die Wüste verpasst. Weil ein Bus, der mich nach Süden bringen sollte, nicht auftauchte.

Und ich dafür auf einem anderen Bus mit etwas viel Wichtigerem belohnt wurde.

Einer wunderbaren Geschichte. Und einer Erkenntnis, die mich mein Leben lang begleiten wird. Ich habe sie aufgeschrieben. Für alle, die manchmal zweifeln. An sich. An der Welt.

Geschichten

Es gibt lange Geschichten. Und ganz kurze.

Solche mit hundert Seiten und mehr.

Geschichten, die tiefer gehen.

Solche, die erschrecken.

Und jene, die die Seele berühren.

Manchmal sind sie erfunden.  So wie Eine Schlange in der Dunkelheit.

Und manchmal erlebt. So wie die folgende aus längst vergangener Zeit.

Sie wird mir für immer in Erinnerung bleiben.


Marokko – Die Wüste ist nah

Salaam aleikum

Salaam aleikum. Ist es das, was der schlecht rasierte, pockennarbige Mann murmelt, während er sich mit einem Seufzer der Erleichterung neben mir auf das Trottoir setzt? Ich rücke meine Tasche ein wenig beiseite und nicke – mehr aus Überraschung als aus Höflichkeit. Bonjour.

Arabisch kann ich nicht, bin nicht mal sicher, ob es Arabisch ist oder einer dieser merkwürdigen Dialekte, die hier südlich des Atlas’ gesprochen werden. Es bleibt mir also nur die Sprache der Eroberer, auch wenn diese längst das Weite gesucht haben, und hoffe, den Mann damit nicht allzu sehr zu kränken. “Ca va bien?” Die Stille, die den Begrüssungsworten in meinem holprigen Französisch folgt, wird nur unterbrochen durch das Krächzen schwarzer Vögel, die mit mächtigem Flügelschlag über uns hinwegziehen.

Ein graublauer Himmel, der am Horizont in schimmernde Streifen übergeht, spiegelt sich in einem Fenster, das von der andern Strassenseite stumm und halbblind herüberblickt. Der strenge, nicht zu sagen beissende Geruch, der in der Luft liegt, erinnert an alte Schulhöfe, an längst vergessene Kasernenareale. Mit dem Rücken an die Mauer eines halbverfallenenen Hauses gelehnt, warte ich auf den Bus, der schon seit Stunden überfällig ist. Doch Ungeduld ist fehl am Platz, vielleicht kommt er doch noch. Nichts ist so, wie es scheint.

Ich bin in Ouarzazade, Marokko.

Quarzazade in Marokko

Quarzazade südlich des Atlasgebirges

Der Mann döst mit vornübergebeugtem Kopf, sein Kinn ist auf die Brust gefallen. Leise schwankt sein Oberkörper hin und her. Ich betrachte ihn verstohlen aus den Augenwinkeln. Die poröse Haut an seinem erstaunlich muskulösen, kahlrasierten Genick legt sich in Falten, wenn ihn alle paar Minuten ein Hustenanfall überfällt. Gelegentlich greift seine Hand über die Schulter und kratzt sich sorgfältig am Rücken. Das Haar beginnt grau zu werden. Wie alt er wohl sein mag? Ein paar Jahre älter als ich mit meinen knapp Dreissig? Ausschauen tut er eher wie Fünfzig. Das macht wohl das Klima, die schlechte Ernährung, der Überlebenskampf. Aber er strahlt auch etwas aus, das uns Europäern längst abhanden gekommen ist. Eine in sich selbst ruhende Gelassenheit, eine Distanz zu den Dingen dieser Welt.

Wo bleibt der Bus?

Ich erhebe mich ächzend und stelle mich herausfordernd an den Strassenrand, als könnte ich damit den Bus herbeizaubern. Merkwürdig ist es schon, dass wir die einzigen Wartenden auf den Morgenbus nach Zagora sind. Dabei hat mir der schlecht gelaunte Patron des Hotels glaubhaft versichert, dass es von Vorteil ist, möglichst früh an die Bushaltestelle zu gehen. Und mit südländischer Überzeugungskraft bekräftigte er mehrmals, dass der Bus nach Zagora nie Verspätung hat, schon gar nicht an einem Werktag. Heute ist Mittwoch, einen besseren Werktag kann man sich gar nicht vorstellen. Na gut, warten wir eben noch ein Weilchen. Seufzend setze ich mich wieder hin. Der Mann schaut kurz auf, mit vor Müdigkeit verschleierten Augen. Ich zucke mit den Schultern und versuche ein Lächeln.

Es ist still, fast ein wenig unheimlich. Von weitem hört man das Geräusch klappernder Schritte auf dem Pflaster. Eine Türe wird zugeschlagen. Ein Hund jault und verstummt, als ihn eine herrische Stimme zur Ruhe mahnt. Ein Motor brummt auf, wird hochgejagt. Manchmal taucht an der Querstrasse schemenhaft eine vermummte Gestalt auf, um gleich wieder um die nächste Ecke zu verschwinden.

Mein wortkarger Freund döst weiter. Nichts und niemand kann ihn aus seiner gelassenen Ruhe bringen. Nun gut. Mal sehen, wie es um meine eigene Gelassenheit steht. Es gibt nichts, was die Wartezeit besser überbrücken könnte als ein Buch. Während ich sorgfältig die Tiefen meiner Reisetasche durchforste, summe ich ein Lied, das mir während Tagen gefolgt ist. “Imagine me and you, I do, I think about you day and night, it’s only right, so happy together.”

timschel

JENSEITS VON EDEN. Ein Gelegenheitskauf in einem Buchantiquariat in Casablanca, wo ich Literatur über die Berber suchte. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen. Es ist eines dieser Bücher, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde.

TIMSCHEL. Das magische Wort.

Ich nähere mich der Stelle, auf die ich mich schon lange gefreut habe. Dort, wo die würdigen alten Chinesen Hebräisch lernen, um die wahre Bedeutung des Wortes TIMSCHEL herauszufinden.

Lee lachte auf. “Nun, jetzt wird die Sache lustig. Ich würde mich nicht trauen, vielen Leuten davon zu erzählen. Können Sie sich vier alte Herren vorstellen, von denen der jüngste bereits über neunzig ist, die sich daran machen, Hebräisch zu lernen? Sie engagierten einen gelehrten Rabbi und fingen an, wie die Schulbuben zu lernen. Anfangsgründe, dann Grammatik, Vokabeln, schliesslich einfache Sätze niederzuschreiben. Sie müssten das bloss sehen: hebräische Lettern mit dem Pinsel und chinesischer Tusche gemalt!  Die Schrift von rechts nach links fiel ihnen nicht gar so schwer, wie das andern Leuten fallen würde, da wir ja von oben nach unten schreiben. Ja, das sind Leute, die aufs Ganze gehen! Sie gingen bis an die Wurzel der Sache hinunter.”

“Und du?” sagte Samuel.

“Ich machte mit, immer wieder von Staunen ergriffen über die Herrlichkeit ihrer erhabenen klaren Gehirne. Ich fing an, meine Rasse liebzugewinnen; zum ersten Mal hatte ich den Wunsch, Chinese zu sein …

Ein struppiger Hund schnüffelt vorsichtig an meinen Schuhen herum. Seine Augen glitzern in einem sonderbaren Licht. Hunger. Von weitem ertönt ein Gedröhn. Ich schliesse das Buch.

Marrakesh statt Zagora

Das Ungetüm, das mit gewaltigem Getöse um die Ecke biegt, ist zwar tatsächlich angeschrieben, mit kaum noch sichtbaren Lettern und einer dicken Schicht Staub darüber, aber wenn ich mich nicht täusche, steht da nicht – wie sehnlichst erwartet – ZAGORA, sondern, wenn mich nicht alles täuscht, MARRAKESH. Es darf einfach nicht wahr sein. Ich stupfe meinen schläfrigen Begleiter, der seelenruhig die Ankunft beobachtet hat, mit dem Finger sachte an: “Zagora?” Das Lächeln, das auf seinem Gesicht erscheint, ist so breit, dass ich selbst lachen muss. Er schüttelt heftig den Kopf. “Marrakesh”, sagt er, und diesmal habe ich keine Mühe, ihn zu verstehen.

Der Chauffeur ist ein grossgewachsener schwerer Mann mit gewaltigem Schnurrbart; seine Kleider sind ausgebeult und voller Flecken, und unter dem Hemd quillt der Bauch hervor. Immerhin – der Ramadan wird ihm möglicherweise zu einer besseren Taille verhelfen. Er lädt eben Kisten in den Gepäckraum, als ich es ein letztes Mal versuche. Doch die Frage wird mit einem mitleidigen Kopfschütteln bedacht. “Et le bus à Zagora?” Das Schulterzucken sagt alles. “Peut-etre un peu plus tard.”

Da ist sie nun also, die grosse Frage. ZAGORA. Das heisst Wüste, letzter Ort vor der grossmächtigen Einöde. Tor zur Sahara. Die Düne von Tinfou. Allein der Name zerfliesst schon auf der Zunge. Oder aber MARRAKESH. Noch mehr Geheimnisse. Djema al Fna. Der Platz der Märchenerzähler, der Wasserverkäufer. Der tausend Vielfalten.

Die letzten Passagiere steigen ein. Mein Freund packt seine Siebensachen zusammen, doch bevor er in den Bus steigt, dreht er sich nochmals um. “Marrakesh?” fragt er. Ich schüttle, noch immer unentschlossen, den Kopf. Er klopft mit der Hand auf die staubbedeckte Carosserie des Buses. “Marrakesh!” wiederholt er eindringlich und lächelt einladend. Was soll man gegen eine solche Überzeugungskraft tun? Und ausserdem – vielleicht kommt der Bus nach Zagora heute gar nicht mehr. Die Aussicht auf eine weitere Nacht im wanzenverseuchten Hotel gibt den endgültigen Ausschlag.

Ben hur. Die zehn Gebote. Spartacus

Das Land schwebt vorbei, in intensiven fast künstlichen Farben, und trotzdem archaisch, irgendwie biblisch. Fast wie in alten Hollywood-Filmen. Ben Hur. Die zehn Gebote. Spartacus. Es würde mich nicht wundern, um die nächste Wegbiegung Charlton Heston zu begegnen, in einer Toga und einem Speer in der Hand. Daneben Kirk Douglas, mit grimmigem Gesichtsausdruck und Grübchen am Kinn.

Ich habe mich zuhinterst hingesetzt. Ich liebe das Schwanken, das Schaukeln, das Schwingen über den Rädern, das andere Leute seekrank werden lässt. Mein Begleiter von der Haltestelle hat sich weit vorne hingesetzt, dort wo alle Leute sitzen wollen. Dort ist es eng und stickig. Nichts für mich. Es wird eine lange Fahrt werden, lang, heiss und unbequem. Die Federn, oder was auch immer sich unter den abgewetzten Sitzflächen versteckt, drücken schmerzhaft durch und machen das Sitzen zur permanenten Tortur. Andererseits hat man sich Mühe gegeben, den Wagen sauber zu halten. Sogar die Fensterscheiben, obwohl mit Kratzern übersät, sind vor kurzem abgespritzt worden. Nichts steht der Neugier, der Lust auf vorbeirasende Bilder im Wege.

Winzige Dörfer wie Juwelen inmitten der Einöde

Es gibt nur wenige Bäume, wie Wegweiser in der kargen Landschaft, und künden von vergangenen Zeiten, wo das Land noch mit Wäldern bedeckt war. Dann tauchen plötzlich und unerwartet Häuser auf, winzige Dörfer, die wie gelbglänzende Juwelen inmitten der Einöde schimmern. Man könnte sie beinahe schön nennen, wären da nicht jene schäbigen Behausungen, die sich wie krankhafte Wuche­rungen an die steil abfallenden Abhänge klammern. Manchmal steht ein Mensch am Strassenrand, mit ernstem nachdenklichem Blick, manchmal eine Schar barfüssiger Kinder, die lachend und lärmend dem Bus folgen, bis sie in einer Staubwolke verschwinden.

Jetzt, wo draussen die Nachmittagssonne auf eine phantastische Landschaft niederbrennt, wandern meine Gedanken zu jenem kleinen Anwesen in Kalifornien zurück … Immer noch steht die wahre Bedeutung des Wortes TIMSCHEL zur Debatte.

Mit zitternder Hand füllte Lee die zerbrechlichen Schalen nach. Nachdem er die seine auf einen Zug geleert hatte, rief er: “Ja, merken Sie das nicht? Der amerikanische Standard-Text befiehlt dem Menschen, über die Sünde den Sieg davonzutragen, und man kann Sünde auch Unwissenheit nennen. Die King-James-Übersetzung macht eine Versprechung in ihrem “Du wirst – thou shalt”, was den Sinn hat, der Mensch werde bestimmt den Sieg über die Sünde davontragen. Das hebräische Wort des Urtextes jedoch, das Wort “timschel” – Du kannst, thou mayest”, das lässt eine Wahl. Es besagt, die Welt liegt offen vor dir. Es verlegt die Entscheidung in den Menschen. Denn wenn “du kannst” richtig ist, so ist auch “du kannst nicht” richtig. Begreifen Sie?”

Die innere und die äussere Welt verschmelzen, werden in meinem müden Geist zu einem phantastischen Gemälde: Marokko, das Atlasgebirge, die ehrwürdigen alten Chinesen, Lee, ausser sich vor Aufregung, und Samuel, über die Prärie reitend, und irgendwo, das undeutliche Spiegelbild meines Gesichts im Fenster des Wagens; alles vermischt sich, alles wird eins. Ich muss wohl eingenickt sein, denn als ich mit einem Ruck aufschrecke, ist die Sonne ein ganzes Stück weitergerückt. Ich habe die Passhöhe verschlafen. Es geht wieder bergab, der weiten Ebene entgegen, wo Marrakesh liegt.

Ramadan

Der Bus hält ächzend an; einen Augenblick lang vibriert der Motor im Leerlauf, dann erstirbt er. Es ist mit einem Mal still. “Trente minutes.” Der Chauffeur hält die Hände in die Luft und zeigt den Passagieren, was er darunter versteht. Dreissig Minuten Aufenthalt. Pisspause. Die Füsse vertreten, durchatmen, den schmerzenden Rücken massieren. Etwas trinken, heimlich natürlich, damit mich niemand sieht und sich ärgert. Ich möchte niemanden ärgern.

Die erste Zigarette, im Bus achtlos angezündet, war noch mit begehrlichen Blicken verfolgt worden; ich merkte jedoch mit Verwunderung, dass die männlichen Passagiere der Rauchspur mit geblähten Nüstern zu folgen schienen. Doch das Rascheln des Papiers, in das ich Brot und getrocknetes Fleisch eingepackt hatte, liess das Murmeln ersterben. Der weisshaarige Mann, der stumm und ergeben auf der gleichen Sitzreihe gesessen hatte, verzog das Gesicht. Seine bis anhin friedliche Miene verzog sich in Sekundenschnelle, als aus seinem zahnlosen Mund ein Fauchen der Empörung entwich. Mehrere Köpfe drehten sich gleichzeitig zu mir; meine rechte Hand, die eben ein köstlich duftendes Stück Brot zum Mund führen wollte, blieb erstarrt in der Luft hängen. Und jetzt endlich, als der vor mir sitzende Passagier meinen verblüfften Gesichtsausdruck richtig deutete und mit heiserer Stimme das eine Wort sagte, das alles erklärte, begriff ich.

Ramadan.

Köstliche Aromen

Die meisten Passagiere steigen aus; pulsierendes Lachen und Rufen begleitet sie, als sie sich in Gang setzen. Ich schaue mich um. Es scheint eine Kleinstadt zu sein, in der Ferne sind die halbverfallenen Überreste brauner Mauern zu erkennen. Ein Minarett, irgendwie pummelig und gar nicht so schlank wie die meisten, die ich gesehen habe, erhebt sich wie eine Glucke über einer Schar Küken. Einige staubbedeckte Autos drücken sich hupend zwischen den Menschen hindurch, die in dichten Trauben einem gemeinsamen Ziel zusteuern. Die Luft ist erfüllt von köstlichen Aromen, dem Duft von Gewürzen, von exotischen Früchten und gebratenem Fleisch. Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Ich habe seit Stunden nichts mehr gegessen. Der Grund dafür ist einfach, aber es dauerte trotzdem eine geraume Zeit, bis ich merkte, was los war.

Eine bunte, tö­nende, duftende Woge

Jetzt, einige Stunden später, sozusagen als Mitleidender in den Geheimbund der Fastenden aufgenommen, bin ich irgendwie fast ein bisschen stolz darauf, der Lust auf Essen und Trinken und Rauchen erfolgreich widerstanden zu haben. Auch wenn nun in meiner Magengegend eine ziemliche Flaute herrscht, und die Vorstellung des tiefen Inhalierens einer Zigarette schon fast mystische Züge annimmt. Die andern Passagiere sind längst um eine Ecke verschwunden. Als ich in die enge Gasse einbiege, höre ich mit einem Mal den Klang von Musik, das gleichförmige Summen vieler Stimmen, und ich beschleunige meine Schritte unwillkürlich. Eine Menge Leute kommt mir entgegen; unter den Armen eingeklemmt oder über die Schulter geschlagen tragen sie Stoffballen, Kleider, Geschirr, Werkzeuge mit sich. Ich drücke mich an ihnen vorbei und biege um die letzte Ecke.

Ich bleibe einen Moment lang stehen, die Au­gen ge­schlossen, und atme tief ein. Längst ver­gessen geglaubte Erinnerungen aus der Kindheit tauchen mit einem Schlag wieder auf, als mich die Eindrücke wie eine bunte, tö­nende, duftende Woge überrollen.

Staunen und Verwunderung

Dann öffne ich die Augen, voller Staunen und Verwunderung, und tauche ein in das vibrierende Menschengewühl, willenlos den Strömungen ausgeliefert, und lasse mich bereitwillig treiben, den Marktständen entlang, zwischen denen dunkelglänzende Kinder spielen, an farbigen Tüchern vorbei, die auf der ebenen Erde ausgebreitet sind, dahinter würdevolle Frauen, die mir eigenartigerweise zulächeln und hinter meinen Rücken tuscheln und kichern. In meinen Ohren dröhnt das Geschrei der Marktleute, gutturale Sprachfetzen umspülen mich wie Meeresgischt, und irgendwo in der Ferne, kaum wahrnehmbar, dringt der fette träge Klang einer Orgel an mein Ohr, oder vielleicht ist es auch ein Leierkasten oder irgendein exotisches Musikinstrument, das ich nicht identifizieren kann. Es ist mir egal, denn die Gefühle, die ich in diesem Moment verspüre, kommen dem am nächsten, was ich unter Glück verstehe.

Es ist unendlich heiss, eine Hitze, die bedrohlich und schwer über der Welt hängt, doch vielleicht nur für mich, denn überall, wo ich hinblicke, sehe ich nur entspannte lachende Gesichter. Die Leute kommen offenbar von weit her, um an diesem Markt teilzunehmen. Im Hintergrund, dort wo sich der Schatten den Häusern entlang zieht, sind Fahrzeuge und die zugehörigen Zugtiere abgestellt. Jetzt erinnere ich mich an die von Eseln und Maultieren gezogenen Wagen, die mir auf der Fahrt aufgefallen sind, die Staubwolken, die sie wie trägen Dunst hinter sich herzogen.

Eine besondere Magie

Es ist eine besondere Magie. Ich lasse mich treiben, der Schwerkraft enthoben, und schwebe, in einer Art verzauberter Trance, die mich leicht wie ein Schmetterling werden lässt, über dem Boden, und in allem, was ich sehe, rieche und höre, spüre ich eine merkwürdige Vertrautheit. Ich folge meinem Gehörsinn, der unsichtbaren Tonspur, die mich den schmalen Gassen entlang führt, entlang phantastischen Anhäufungen von allen nur denkbaren Klängen, vom grossen klaren BUMM BUMM einer Trommel bis zum sanften, fast unhörbaren Klang einer Flöte, die ein kleines Mädchen gedankenverloren, vollkommen in seiner eigenen Welt verharrend, spielt.

Ein ge­waltiges Getöse aus Trom­pe­tenstös­sen und Trommeln

Die Uhr zeigt bald drei Uhr an; schon bald Zeit, zum Bus zurückzugehen. Ich kehre um und gehe die schmale Gasse zwischen den Marktständen zurück. An der nächsten Abzweigung zögere ich, als ich von etwas weiter oben merkwürdige Töne höre. Ich wende mich nach rechts und nähere mich dem oberen Teil des Platzes, wo ein grosses Gedränge herrscht. Ein ge­waltiges Getöse aus Trom­pe­tenstös­sen und Trommeln übertönt den Lärm. Ich zwänge mich zwischen den Leuten durch, bis ich zuvor­derst stehe.

Der Mann, mit buschigem schwar­zem Bart und nacktem Oberkör­per, steht reglos in der Mitte, die Arme über der Brust ver­schränkt. Er scheint aus Granit zu sein: trotz seiner durch­schnittlichen Körper­grösse wirkt er riesig, mit quadrati­schen Schultern und hervorquellendem Bauch. Sein kahler Schädel glänzt wie ein Totenkopf. Daneben sitzt ein zwergenhaft kleines Wesen mit gekreuzten Beinen auf einem Schemel, bläst falsche Töne aus ei­ner Trompete und hämmert gleichzeitig voller Eifer auf eine zerbeulte Kindertrommel ein. Dann wird es still. Er legt das Instrument zur Seite und fängt mit mit lauter schriller Stimme zu sprechen an. Dann ver­stummt er; eine Mauer ehr­fürchtigen Schweigens umgibt die beiden.

Immer noch steht der Feuerschlucker mit ge­schlosse­nen Augen inmitten eines mit gelber Kreide auf den Boden gemalten Kreises; ob­wohl von hinten ge­stossen und ge­drängt wird, bleibt der magische Kreis unberührt. Dann öff­net der Mann die Au­gen, als kehre er aus einem fernen Land zu­rück, klatscht in die Hände, und es wird mit einem Mal still. Ich habe den Ein­druck, als würden auch die Ge­räusche im Hintergrund, die nichts mit dem Spektakel zu tun haben, leiser, ge­schluckt durch die sonderbare Atmosphäre, die sich inmitten der zahlreichen Menschen ausbreitet. Dann ergreift der Feuerschlucker eine Fackel und zündet sie an; Sekun­den später tropft das Harz zischend auf den Boden, und ei­ne gelbschwarze Rauchfahne steigt in den Himmel. Viele Au­genpaare folgen den rasch wegfliegen­den Schwa­den. Meine Blicke bleiben auf dem Künstler haften, der un­be­merkt eine Flasche mit einer durchsichtigen Flüssigkeit an seinen Mund hebt. Dann, als alle Augen wieder auf ihm lie­gen, bewegt er mit einer schnellen Bewegung die Fackel zu seinem Mund, und eine mächti­ge brausende Flamme wallt in die Höhe.

Mit offenem Mund verfolgen die Zuschauer den Auftritt. Ein ehrfürchtiges Raunen schwillt einen Moment lang auf. Die Blicke bleiben wie gebannt auf dem lodernden Feuer liegen. Der Anblick der Flammen, die aus dem Mund des Feuerschluckers hüpfen und Augenblicke später knisternd erlöschen, lassen mich alles um mich herum vergessen. Die Geräusche werden leiser, sind nur noch durch Watte hin­durch zu hören. Ich glaube, mich unter Was­ser zu befinden, am Grunde eines tiefen Meeres.

Eine dunkle Stimme, die mir entfernt bekannt vorkommt, löst mich aus meiner Trance. Eine harte Faust ergreift meinen Oberarm, und wieder ertönt die Stimme. Als ich mich erschreckt umdrehe, fällt mein Blick auf das sanft lächelnde Gesicht meines wortkargen Reisebegleiters. Er zeigt auf meine Armbanduhr und weist in die Richtung der Bushaltestelle. Verdammt! Mit langen Sprüngen eilen wir die Gasse hinab. Der Chauffeur steht mit verschränkten Armen vor seinem Bus; blaue Dieselwolken entweichen dem vibrierenden Auspuff. Es ist Zeit. Ein ironisches Lächeln zieht einen Augenblick lang über sein Gesicht; das Zwinkern zeigt mir, dass er verstanden hat. Ich lächle zurück und steige ein. Rumpelnd und träge schwankend wie eine überladene Arche Noah setzt sich der Bus in Bewegung. Auf einer Anhöhe, dort, wo die Stadt im Tal versinkt, blicke ich ein letztes Mal zurück. Irgendwo zwischen den Häusern glaube ich eine dunkle Rauchwolke zu erkennen, die langsam in den Himmel steigt und vom Wind zerzaust wird.

Die Sonne entgleitet

Der Himmel wird schimmlig. Die Röte der untergegangenen Sonne verblasst, langsam nur, in winzigen, kaum wahrnehmbaren Schritten, und doch entgleitet sie. Das monotone Dröhnen des Motors ist während der letzten Stunde das einzige Geräusch gewesen. Die munteren Stimmen sind verstummt; manche Passagiere dösen mit ausdruckslosem Gesicht auf ihren Plätzen, andere sitzen zusammengesunken, schlafend, träumend, vielleicht vom Essen, das sie heute Abend erwartet, vielleicht von der ersten Zigarette, von einem Glas kühlen Wassers.

“Mir auch,” sagte Lee. “Aber ich rauche am Nachmittag meine zwei Pfeifen, nicht mehr und nicht weniger , so wie das die Vorvordern taten und tun. Und dann fühle ich mich als Mensch. Und ich erkenne, dass der Mensch ein höchst bedeutsames Ding ist, wohl bedeutsamer als ein Stern. Das ist keine Thelogie. Für die Götter habe ich keine Vorliebe. Aber ich habe eine neue Liebe für das funkelnde Werkzeug, Menschenseele geheissen. Ein herrliches, ein einzigartiges Instrument innerhalb des Weltalls. Immerdar ist es Angriffen ausgesetzt, doch nie wird es vernichtet – auf Grund des “Du kannst, thou mayest.”

Ich lehne die heisse Stirn an die Fensterscheibe und betrachte den Sonnenuntergang, dieses tägliche Wunder, als ob es das erste oder das letzte Mal wäre. Ein Gefühl der Scham geistert einen winzigen Augenblick lang auf, als ich die Tränen merke, die sich in meinen Augen sammeln. Doch wie soll man diesem Pathos, dieser täglichen Zelebration von der Vergänglichkeit der Schönheit und der Schönheit der Vergänglichkeit anders begegnen als mit Tränen.

Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Dunkle Schleier decken das letzte rostrote Aufbäumen des Lichtes am Horizont zu, mit einem Mal verliert die Welt an Festigkeit und Stabilität, wird durchsichtig wie ein gespenstischer Schleier. Der Prophet sagt etwas von dem Augenblick, wenn ein weisser Faden nicht mehr von einem schwarzen unterschieden werden kann. Dann – endlich – endet die tägliche Fastenzeit.

Eine Handvoll schwarzer Datteln

Aber ist es immer noch hell. Der seltsam gekleidete Mann, ein islamischer Geistlicher vermutlich, der die ganze Fahrt über neben dem Chauffeur gesessen hat, erhebt sich. Das Murmeln der Passagiere verebbt, eine geisterhafte Stille senkt sich mit einem Mal über die bunt gemischte Gesellschaft. Der Mann – er ist grossgewachsen und schlank – greift in die Tasche, nimmt einen feucht glänzenden Plastikbeutel aus seiner Tasche. Einen Augenblick lang schwebt sein Blick feierlich über den Anwesenden, als wollte er eine Predigt halten … Dann senkt sich sein Blick, er greift in den Beutel und entnimmt ihm einen kleinen Gegenstand, den er dem nächstsitzenden Passagier mit einem gemurmelten Wort in die Hand drückt. Dieser verbeugt sich und steckt den Gegenstand genussvoll in den Mund; der Mann geht weiter, von Sitzreihe zu Sitzreihe, langsam, bedächtig, mit grosser ernster Würde. Immer wieder gleitet seine Hand in den Beutel, blickt dem Empfänger seiner Gabe einen kurzen Augenblick in die Augen, manchmal lächelt er.

Als er sich den hintersten Sitzreihe, wo ich nun seit geraumer Zeit allein sitze, nähert, merke ich mit einem Mal, wie ich innerlich den Atem anhalte. Noch ein paar Schritte, ich höre das gedämpfte Murmeln der Dankesworte, die helle Stimme des Mannes, den ich erst jetzt, als er vor mir steht, als jungen Mann erkenne, kaum so alt wie ich; vielleicht bin ich auch nur verwirrt, doch mit diesem Gefühl  bin ich nicht allein. Nun steht er vor mir, und ich erkenne seine eigene Verwirrung. Was wird nun geschehen? Ich sehe ihn an, lächle, vielleicht fast ein bisschen entschuldigend für die Tatsache, dass ich da bin, ich, der Ungläubige, der Fremde, der in diesem Augenblick so fehl am Platze ist.

Es ist still geworden, unerwartet. Die Köpfe der vor mir Sitzenden sind zu uns gedreht. Ein versonnenes Lächeln überzieht unversehens das Gesicht des Mannes. Er greift in den Beutel, entnimmt ihm eine der letzten Datteln und legt sie in meine Hand. Mit einer leichten Verbeugung wendet er sich um und geht langsam zwischen den Sitzreihen zu seinem Platz. Die Blicke folgen ihm, wie er sich lautlos in den Sessel sinken lässt.

Die Dattel in meiner Hand ist leicht und doch gleichzeitig schwer wie ein Sandstein. Ein unerwartetes Glücksgefühl überschwemmt mich. Ich starre auf die Dattel, fast ein bisschen ehrfürchtig. In diesem Moment fühle ich mich verbunden, mit diesen merkwürdigen Gestalten in ihren unförmigen Kleidern und den Wollmützen auf dem Kopf. Vielleicht ist der Mensch tatsächlich ein höchst bedeutsames Wesen, bedeutsamer als ein Stern …

Und immer noch spüre ich das klebrige Gefühl der Dattel in meiner Hand. Wenn ich sie esse, bleibt nur die Erinnerung. Ein Bild taucht auf (schon wieder eines), eine Erzählung, die mir, wenn auch vielleicht nicht wahr, so doch wunderbar erfunden scheint, und während ich auf die Dattel in meiner Hand starre, fährt der Bus weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Picasso

Der Mann, ein ebenso unsterblicher wie mittelloser Anhänger von Pablo Picasso, sitzt einst am Meer und betrachtet den Himmel, als plötzlich, vollkommen unerklärlich, der berühmte Meister auftaucht und sich unweit seines Standortes im Sand niederlässt. Eine Weile bleibt er still sitzen, in sich versunken, dann beginnt er gedankenverloren in den Sand zu zeichnen; mit schnellen Bewegungen zeichnet er mythische Figuren, ineinanderfliessende Gestalten, Menschen und Tiere und Pflanzen, denen der Sand zu einer eigentümlichen Form verhilft, manchmal deckt seine Hand das eben Gezeichnete schnell zu und beginnt von neuem. Der Mann ist fasziniert, wagt kaum noch zu atmen, denn er weiss, dass er Zeuge eines einzigartigen Schöpfungsaktes ist. Nach einiger Zeit, gegen Abend, kommt ein kühler Wind auf; der Meister erhebt sich und geht achtlos weg. Zurück bleiben seine kunstvollen Figuren im Sand. Der Mann geht näher, mit klopfendem Herzen, und kniet nieder. Lange verharrt er so und betrachtet das Kunstwerk, das nur für ihn allein geschaffen worden ist. Niemand hat es je gesehen ausser ihm, und niemand sonst würde es je sehen. Denn das Geräusch der brechenden Wellen kommt näher, die Flut steigt unaufhaltsam höher …

Ich weiss nicht, warum ausgerechnet dieses Bild auftaucht. Doch irgendwie hat es eine gewisse pathetische Ähnlichkeit. Ich stecke die Dattel in den Mund. In der geisterhaften Düsternis des Wageninneren bleibe ich still sitzen, atmend, kauend.

Gute alte Freunde

Später – es ist nun stockdunkle Nacht geworden – fährt der Bus vor ein trübe beleuchtetes Gebäude und stoppt. Schnell und mit erstaunlicher Eleganz verlassen die eben noch müde und erschöpft aussehenden Passagiere den Wagen und begeben sich ins Innere des Hauses. Es scheint sich um eine Art Kneipe zu handeln, denn hinter einer schwach beleuchteten Theke bewegen sich kaum erkennbare Gestalten in der Halbdunkelheit, Geräusche von Geschirr und Pfannen begleiten ihre Schritte. Die Leute stellen sich in einer geordneten Schlange an, vorbildlicher als vor einer Londoner Bushaltestelle, und warten auf das Essen. Ich stelle mich ebenfalls an. Als die Reihe an mir ist, wird mir nach kurzem Zögern – un étranger! – ein Gefäss in die Hand gedrückt und gleich darauf schwappt der köstlich duftende Inhalt eines undefinierbaren Menüs bis an den Rand des Tellers.

Ich setze mich zu meinem Reisegefährten; still und glücklich sitzen wir neben einander und essen das wohlverdiente Mahl nach hartem Tag. Ich bin so hungrig, dass mich nicht mal der mehr als fremdartige Geschmack stört, und auch nicht die im Halbdunkel kaum erkennbaren Brocken, die auf der Oberfläche der Suppe schwimmen und dabei einen eigentümlichen Geruch verströmen. Es kann mir nichts passieren. Mein Grossvater mütterlicherseits hat mir einen Magen vererbt, der im Notfall auch Steine verdauen würde.

Es ist merkwürdig: wir kennen uns nicht, keiner weiss den Namen des andern, wir können uns nicht unterhalten, beide kommen wir aus unterschiedlichen Kulturen, beide haben wir uns heute das erste Mal gesehen, und es ist fraglich, ob wir uns je wiedersehen werden. Trotzdem sitzen wir einfach da, wie gute alte Freunde, essen, trinken, rauchen eine Zigarette, lächeln uns gelegentlich zu, fast ein wenig scheu.

Thou mayest

Die Reise geht zu Ende. Ich steige aus, allein, der Bus ist fast leer. Am Fenster erkenne ich die schmale Silhouette meines Freundes. Ich winke ihm zu, er nickt, lächelt.

Der Bus verschwindet in einer grandiosen Staubwolke, den Nachthimmel mit feinem Sand besprühend. In der Ferne verklingt das monotone Brummen des Motors. Und jetzt erst erklingt das Zirpen der Zikaden, die leisen Geräusche der Nacht. Ich kann mich eines leisen Gefühl des Verlusts nicht erwehren, vielleicht ist es auch nur die Einsamkeit, die sich nach den langen Stunden im Bus bemerkbar macht. Da gehen sie hin. Ich nehme meine Tasche und wende mich entschlossen um. Vor mir liegt die Stadt, hell erleuchtet, rauschend und raunend. Irgendwo, zwischen den Mauern, den Häusern, Strassen und Gassen liegt mein Ziel. Djema al Fna. Der Platz der Märchenerzähler. Der Wasserverkäufer. Ich atme tief durch. Und wieder einmal ist es da, das Gefühl der Vertrautheit. Déja vu aus einem andern Leben.

Timschel. Thou mayest.

[Die kursiv gesetzten Abschnitte sind East of Eden von John Steinbeck entnommen]