Paradies in den Hügeln

Heute ist einer der Tage, die man als Atemholen zwischen zwei Stürmen nennen könnte. Es scheint mir passend, den Tag mit einem von unzähligen Vogelstimmen untermalten Frühstück auf der Dachterrasse zu beginnen und dabei den Blick über die in allen Schattierungen von Grün und Braun leuchtenden Hügel wandern zu lassen. Wie gestern haben sich die Bergketten des Himalaya hinter eine Dunstwand geflüchtet. Kein Annapurna, nur ein flirrender Vorhang aus Feuchtigkeit.

Die Süsse des Morgens

Dieser Morgen scheint mir etwas Besonderes zu sein. Manchmal erschliesst sich nicht jedes Glück von selbst. Man muss es suchen.

Anyway, ich sitze also da, kein Mensch weit und breit, nur ich und die Vögel und die Süsse des Morgens. Vor mir ein Banana-Pancake, der endlich mal wieder diesen Namen verdient; solche im Langtang Valley konnten fast alles sein, aber niemals richtige Pancakes, auch wenn die Menükarte dies behauptete. Man hätte die Dinger eher als Karton-Cakes bezeichnen können.

Ich würde gerne wissen (wie schon so oft, ich Banause), welche beiden Vögel auf dem Mäuerchen ihre gegenseitige Zuneigung beschwören. Es erinnert an Liebesszenen aus Filmen und Büchern, auf jeden Fall scheint Romantik eine Rolle zu spielen. Oder gefällt mir einfach die Vorstellung, weil sie so gut zur Stimmung dieses Morgens passt?

Eigentlich egal. Ich nippe an meinem Kaffee, das iPad daneben, doch es wird heute und für den Rest der Reise deaktiviert bleiben. Die permanenten Probleme mit den schwachen Wlans haben mich nicht nur zermürbt, sondern zur Weissglut getrieben.

Eine entscheidende Rolle bei diesem Zermürbungsprozess hat aber eine amerikanische Plattform namens Spamhaus gespielt, die mich regelmässig auf eine Blacklist mit entsprechendem Zugriffsverbot auf meine eigene WordPress-Plattform brachte. Grund: illegale Zugriffsversuche durch irgendwelche IP-Adressen.

Nur dass jene IP-Adressen meine eigenen waren.

Also fertig mit Ärger und Frustrationen, ich werde den Blog in aller Ruhe zuhause fertigschreiben.

Der Mensch – eine seltsame Spezies

Die Gegend um das Dorf herum besteht hauptsächlich aus Hügeln, dazwischen ein paar Fusspfade und vereinzelte Häuser. Es geht also dauernd rauf oder runter. Um mich auf die zu erwartenden Anstrengungen vorzubereiten, genehmige ich mir noch einen Kaffee in einem der zahlreichen Restaurants an der Bazarstrasse und lasse das geschäftige Treiben auf mich wirken.

Tempel

Mitten im Dorf – ein Tempel

Eine alte Frau ruft einer anderen etwas zu, beide lachen und deuten auf einen älteren Mann, der mit würdevollen Schritten die Strasse abschreitet, als gehörte sie ihm und ihm ganz allein. Ein kleines Mädchen fällt mir auf, sie strahlt etwas Quirliges aus, sie erinnert mich an meine Enkeltochter, meine kleine süsse Mila. Aber da kommt, Schirme über dem Kopf, Schutzmaske vor den bleichen Gesichtern, eine chinesische Gruppe die Gasse herauf, man schaut sich um, zückt das Handy und den Selfiestick, klick – klick – klick, und auch diese Sehenswürdigkeit ist im Kasten.

So vergeht die Zeit, gefüllt mit Beobachtungen der Spezies Mensch, diesem ganz und gar mysteriösen Wesen, das mich immer wieder zu erstaunen vermag.

Tadchi Mai – vergeblich gesucht

Die Tasse ist leer, ebenso die Strasse, also Zeit, meinen Muskeln Bewegung zuzuführen. Dazu scheint sich die höchste Erhebung des Dorfes, ein Hügel namens Tadschi Mai, besonders gut zu eignen. Ein letzter Blick auf die Karte und Google Maps und los geht’s.

Ich folge also frohgemut einem anfänglich steilen, schweisstreibenden Pfad den Hang hinauf, er führt mich an baufälligen Häusern (habe ich je andere gesehen?), an Scheunen und Gärten und kleinen Wiesen immer höher hinauf, bis das Dorf unter mir liegt.

Paradies in den Hügeln

Ein kleines Paradies in den Hügeln

Es ist ein wunderbar anregender Spaziergang durch blühende und duftende Wiesen, die – im Unterschied zu unseren Breitengraden – noch von summenden Bienen und Insekten bevölkert sind. Manchmal folgt der Weg horizontal zwischen Wiesen hindurch, dann wieder auf staubigen Pfaden steil hangaufwärts. Traktoren kreuzen meinen Weg, man winkt sich zu, freundschaftlich.

Irgendwo dann eine Tafel, darauf steht “Cave”, versehen mit einem Pfeil, der hangabwärts zeigt. Ich überlege eine Sekunde, ob ich mir den Abstieg und späteren Wiederaufstieg antun soll, verzichte aber grosszügig darauf. Der Tadchi Mai wird Belohnung genug sein.

Die Kuppe des Hügels, den ich als eben diesen Tadchi Mai identifiziert habe, scheint immer noch recht weit zu sein. Ausserdem verläuft sich der Pfad nun zwischen den Bäumen, allerdings in einer anderen Richtung. Irgendwas stimmt nicht, also frage ich den netten Herrn, der wie gerufen aus den Bäumen tritt.

“Tadchi Mai?”, frage ich und deute auf den Hügel oberhalb unseres Standortes. Sein Lachen ist anfangs etwas ungläubig, doch dann wird es lauter, und er deutet mit der Hand auf die gegenüber liegende Talseite, wo sich ebenfalls ein stattlicher Hügel erhebt.

“That’s the Tadchi Mai?”, frage ich ungläubig, einmal mehr überrascht von meinem fehlenden Orientierungssinn, der mich wieder mal in die Irre geführt hat.

Ja, es ist so. Ich öffne Google Maps und erkenne, dass die Himmelsrichtung nicht stimmt. Es ist alles genau umgekehrt. Ich lache auch, tippe mir an die Stirn, was den freundlichen Herrn noch mehr zu amüsieren scheint. Recht hat er.

Der richtige Tadchi Mai

Es macht mir aber eigentlich überhaupt nichts aus. Ich habe eine Seite des Tales gesehen, wo sich normalerweise kein Tourist hinbewegt. Der Weg hinunter ins Dorf ist genauso schön wie hinauf, allerdings hat sich nun eine lähmende Hitze über die Welt gelegt.

Es dauert etwas, bis ich den Pfad hinauf zum Tadchi Mai finde, doch dann geht’s so richtig los. Mir kommt es schon bald vor, als hätte mich mein Schicksal am Vormittag davon abhalten wollen, die tausend Treppenstufen zu bewältigen.

Es ist tatsächlich eine weitere Übung in Kraft und Durchhaltevermögen, gepaart mit Schnaufen und Fluchen und Ächzen. Die Häuser bleiben unter mir zurück, der Raum öffnet sich, wird weit und hell und grossartig.

Parkour

Immerhin gibt es sogar so etwas wie ein Ruheplatz, wahrscheinlich explizit für ältere Herrschaften wie mich angelegt. Doch der Ruheplatz auf halber Höhe ist  belegt. Ein junger Mann bewegt sich mit allerlei seltsamen Bewegungen fort, springt ein paar Meter den Hang hinauf, wuchtet sich über den Steintisch, landet auf den Füssen und macht einen letzten langen Sprung, der ihn vor die Füsse seiner hübschen Freundin bringt.

Als grosser Fan von Casino Royale, einem der besten Bondfilme überhaupt, weiss ich natürlich sofort, was der junge Mann da treibt.

Parkour.

Allerdings habe ich noch nie jemanden live gesehen, der diese Technik zu beherrschen scheint. Es handelt sich um ein Paar aus Italien, reisend so wie ich, doch noch nicht müde genug vom Aufstieg. Wie unterhalten uns über Daniel Craig und seinen Widersacher im Prolog von Casino Royale, Sébastien Foucan, einer der Begründer einer ähnlichen Sportart, dem l’art du deplacement.

Ein Tempel ganz oben

Dann geht es plötzlich ganz schnell, obwohl mich eine johlende Schulklasse noch einen Augenblick lang aufhält. Die Schüler möchten ihre knappen Englisch-Kenntnisse an den Mann bringen, d.h. ausgerechnet an den schnaufenden und keuchenden Herrn aus der Schweiz.

Die Aussicht ganz oben ist überragend, sie wäre allerdings noch viel überragender, wenn man die Berge sehen könnte. Aber der Fluch, der 1990 begann und seither wirkt, vermag auch an diesem Nachmittag die Berge zu verschleiern. Ein Hinweis zu 1990: Der Trek der Kali Gandaki Schlucht entlang führt zwischen den Giganten des Himalaya  Massivs durch. Also rechts der Daulaghiri, links der Annapurna. Eine wunderbare Aussicht, etwas, was man sein Leben lang nicht vergisst.

Beziehungsweise nicht vergessen würde im Konjunktiv. Wir schafften es nämlich, eine Woche lang zwischen den schönsten Bergen zu wandern, ohne auch nur eine einzige Sekunde lang etwas davon zu sehen.

Anyway, ich bewundere halt den Rest, setze mich auf eine Mauer und lasse die Aussicht wirken.

Tempel auf dem Kadchi Mai

Keine Ahnung, warum der Tempel mit Seilen abgesperrt ist, es gibt weder viel zu sehen noch zu stehlen (falls dies die Absicht war).

Was dieses seltsame Gebäude soll, ist unklar

Die besten Momos aller Zeiten

Zum Mittagessen erwarten mich die besten Momos aller Zeiten. Während eine junge Amerikanerin dem Koch detailgenaue Angaben zur Zubereitung des gewünschten Menüs gibt (“I hope you don’t use the same frying pan for the potatos as for the Chapatis”), streift mein Blick über die Bazarstrasse, doch ausser ein paar wenigen der Hitze trotzenden Touristen ist kein Mensch zu sehen.

Die Chicken Momos hingegen sind ein Gedicht. Nicht nur eine Belohnung für meine Irrfahrten am Vormittag sondern vor allem für den heroischen Aufstieg zum Tadchi Lai.

Tudikhel

Mit Ausnahme grüner Hügel und dörflicher Atmosphäre (was an sich schon sehr viel ist), sucht der Tourist natürlich alles, was der Guide an Sehenswürdigkeiten noch zu bieten hat. Es soll also einen Aussichtspunkt namens Tudikhel geben, eine Art Sportplatz, der gelegentlich auch für Helikopterlandungen herhalten muss.

Ich folge also wieder mal schmalen Pfaden und staubigen Strassen und erreiche schliesslich den Aussichtspunkt. Seine besondere Bedeutung ist einmal mehr nur im Konjunktiv zu beschreiben, denn so sehr ich mich bemühe, etwas zu erkennen, ich sehe nur im Dunst verschwommene Landschaften.

So geht es auch einer Gruppe farbig gekleideter Frauen, die anstelle der nicht vorhandenen Aussicht einen forschenden Blick auf den älteren Herrn werfen, der es nicht lassen kann, seinen ganzen Charme spielen zu lassen (na ja, versuchen kann man es ja mal).

Immerhin erhalte ich von einer der Damen ein Kompliment, das alle Frustrationen bezüglich Leistungsfähigkeit in den Bergen im Nu verschwinden lässt. “You’re very strong.” Natürlich vollkommen aus der Luft gegriffen, aber trotzdem wohltuend.

Frauen in Trachten

Meine Verehrerinnen – you’re very strong – haha

Cricket-Training

Cricket ist trotz “Lagaan” immer noch ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Doch als ich auf dem Heimweg einen jungen Burschen sehe, der verzweifelt und mit ziemlich wenig Talent Schläge übt, kann ich nicht widerstehen, ihm ein wenig Hilfe zu leisten. Schliesslich kann ich mich genau erinnern, wie der Werfer den Ball wirft (eine seltsame Bewegung aus dem gestreckten Arm heraus).

Und so entwickelt sich eine ungleiche Paarung. Ich auf englisch Anweisungen gebend (obwohl ich keine Ahnung habe), er auf nepalesisch fluchend, wenn er zum x-ten Mal daneben schlägt. Doch nach einer halben Stunde geschieht das Wunder: er trifft nun beinahe jeden Ball, jubelnd und sich am Schluss tausend Mal bei mir bedankend für den unerwarteten Fortschritt seiner Kunst. Wahrscheinlich denkt er, dass er einem wahren Cricket-Meister begegnet ist.

Ein Abend wie in den Fünfzigerjahren

Der Ausklang dieses denkwürdigen Tages an der Bazarstrasse. Kinder spielen, Erwachsene flanieren vorbei, auch das quirlige kleine Mädchen, das mir bereits am Morgen auffiel, ist wieder da. Man spielt mit Reifen (so wie wir vor hundert Jahren), mit allem, was zur Verfügung steht, und ist vollkommen glücklich.

Man könnte endlos zusehen.

Doch der Tag, ebenso wie der Aufenthalt in diesem kleinen wunderbar entspannten Ort, geht zu Ende. Morgen beginnt ein neues Kapitel, das schon beinahe letzte dieser Reise. Chitwan.