Chiang Mai – Auf der Suche nach Déja-Vus

Wo ist das alte Chiang Mai?

Bei der Landung ist es heller Nachmittag, die Stadt liegt in heissem Mittagstaumel, und genauso geht es mir. Aber, entschlossen, der Müdigkeit die Stirn zu bieten, setze ich mich ins Hotelrestaurant (nichts hat sich geändert, nicht mal die Tischtücher), lese im Führer und erkundige mich schon mal nach Touren in den Norden.

Die Dame an der Rezeption ist begeistert und bucht mich auf den Trip vom 10. Februar. Bis dahin hoffe ich, mich genügend an die veränderten Umstände gewöhnt zu haben, an eine neue Umgebung, an Sonne und Wärme, eine andere Kultur, andere Gewohnheiten.

Das System brennt weiter

Aber das innere System brennt weiter, unruhig, nervös, getrieben von Energie und Leistung. Aber das wird sich geben. Zuerst mal zur Ruhe kommen. Heute heisst die Devise herumhängen, ein kaltes Bier trinken. Herunterkommen. Vergessen.

Schnee und bittere Kälte sind bereits eine ferne Erinnerung.

Schrödingers Katze

Ja, und dann sitze ich wieder einmal vor leeren Seiten im Tagebuch, die gefüllt werden müssen, ich fühle mich leer, der Kopf aber noch voll vom Reisestress. Es scheint mir, als ob ich noch nicht richtig angekommen bin, ich bin hier und gleichzeitig noch weg. Schrödingers Katze sozusagen. Etwas fehlt noch, vielleicht die Seele, die noch irgendwo im Hindukusch festhängt.

Eine würdevolle alte Dame

Die würdevolle alte Dame, die mir Brot und Eier und Kaffee bringt, verbeugt sich schüchtern. Ich frage sie nach ihrem Namen, doch die Gesprächsversuche scheitern an der Sprachgrenze, es bleibt nur der Austausch eines gegenseitigen Lächelns.

Die ersehnte Ruhe

Während ich am Kaffee nippe, spüre ich, wie sich langsam die Ruhe einstellt, auf die ich mich so gesehnt habe. Die letzten Wochen waren krass – bezüglich Arbeitsbelastung, Stress, Frustrationen. Unser Leben in Reinkultur, manisfestiert an schlaflosen Nächten, an Bauchschmerzen, an Rückenproblemen.

Breakfast in Chiang Mai
So muss ein Frühstück sein

Erinnerungen verblassen

Ich will herausfinden, was an Erinnerungen an den letzten Besuch noch geblieben ist. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch, um herunterzukommen. Und um die Stadt zu erkunden.

Auf der Suche nach Déja-Vus.

Der gemütliche, langsame Gang durch die Stadt zeigt, dass die Erinnerungen nach mehr als zwanzig Jahren verblasst sind. Was aber nicht nur mit der beschränkten Kraft des Gedächtnisses zu tun hat, sondern vor allem mit der Geschwindigkeit, mit der sich die Stadt verändert hat. Mein Gott, wo sind die stillen Gassen geblieben, die kleinen Restaurants, die freundlichen Menschen, die eine ganz besondere Ruhe und Gelassenheit ausströmten? Alles fort, weggefegt durch die Dynamik des Fortschritts.

Déja-Vus

Und doch – innerhalb der Stadtmauern, einem letzten Refugium der alten Kultur – scheint alles so zu sein wie immer … Der Buddha liegt auf seinem Ruhebett, in Gedanken im Nirwana, seinem Ziel.

Buddha looking for Nirvana
Buddha mit Blick auf das Nichts

Dieser eine flüchtige Augenblick

Gegen Abend, die Dunkelheit ergiesst sich wie gewohnt von einem Augenblick zum anderen über die Welt, nimmt die bisher heroisch bekämpfte Müdigkeit überhand. Aber ich schaffe es noch bis zum Nachtmarkt, der mir seltsam fremd vorkommt. Hier kauften wir vor langer Zeit Winterjacken (!) und liessen sie uns nach Hause schicken, wo sie tatsächlich nach einer dreimonatigen Seereise bei uns eintrafen.

Night-Market in Chiang Mai
Nachtmarkt in Chiang Mai

Bevor ich mich endgültig ins Nirvana abmelde, noch ein letztes Singha Bier im Gartenrestaurant. Motorengeräusche überall, der Vollmond hängt rötlich am Himmel.

Alles ist gut.

Alles, was wir haben, ist dieser eine flüchtige Augenblick.

PS Song zum Thema:  Art of Noise – Moments in Love

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.