Der Hippie Trail – Das absurde Verlangen nach Abenteuer

Das kühlere Kontinentalklima macht sich bemerkbar – die nächtliche Kälte arbeitet sich von den Füssen die Beine hoch, was das Schlafen zum ersten Mal beunruhigend frostig macht. Wir nähern uns langsam der Osttürkei, eine Gegend, die berüchtigt ist für ihre eisigen Temperaturen.

Da kann es offenbar schon mal vorkommen, dass man sich bei Temperaturen um 30 Grad minus in Sibirien glaubt. Aber irgendwann, so Gott will, werden wir in Gegenden landen, wo Kälte ein Fremdwort ist.

 

Die Gegend – Same same

Im Gegensatz zum gestrigen, sehr entspannten Start (der uns wie erwähnt ein paar Probleme bereitet hat), sind wir heute früh unterwegs. Durch irgendwelche fremden Leute geweckt zu werden, ist nicht das, was wir uns für den Morgen wünschen.

Anyway, wir verdrängen – vorläufig noch erfolgreich – die zunehmenden Probleme mit dem Oelverbrauch, und machen uns auf in Richtung Osten. Sivas ist das heutige Ziel, eine Stadt mitten im Zentrum der Türkei, von da an fängt die dritte Welt an, so wurde uns mitgeteilt. Oder wie man auch hört, der wirkliche Abschied von allem, was wir kennen.

 

Near Kirikkale

Yerköy in Middle Turkey

Die Gegend allerdings, obwohl schon weit im Osten, ändert sich wenig. Wir sind nun bereits soweit im Nirgendwo, dass wir uns ein bisschen als Abenteurer vorkommen. He, rings herum fremde, unbekannte, manchmal furchteinflössende Landschaft mit Menschen, die aus einem anderen Universum zu kommen scheinen. Schnauzbärtige, seltsam harte Gesichter, hinter denen sich Misstrauen und Abneigung versteckt. Oder reden wir uns das nur ein, weil wir ganz einfach überfordert sind?

Hügel, noch mehr Hügel, braune, graue, gelbe Hügel. Es geht Kilometer um Kilometer geradeaus, aufwärts und abwärts, an einer Gegend vorbei, die immer lebloser wird. Manchmal ein Dorf, eine kleine Stadt, alle mit seltsamen, ungewohnten Namen. Hasanoglan. Kirikkale. Cerikli. Yerköy …

 

Das Fahren als Formel-1 Pilot

Das Fahren mit dem alten Bus ist eine Mühsal.

Der Motor ist viel zu schwach, um schnellere Tempi oder grössere Steigungen zu bewältigen. Es bedeutet, dass ich häufiger schalten muss als die Formel-1 Fahrer vor der Einführung moderner Schalt-Technologie. Kurz, ich bin eigentlich dauernd am Schalten und komme mir vor wie Ayrton Senna selig am Grand Prix von Monaco.

Ausserdem haben wir uns entschlossen, dass ich auch in Zukunft das Fahren übernehmen werde. Ich habe mich bereits etwas an die riskante Umgebung mit den eigenwilligen Fahrgewohnheiten gewöhnt. Und ganz wichtig – ich bin ein wirklich ekelhafter Beifahrer.

Und so fahren wir weiter, immer weiter, immer ostwärts, der Osttürkei entgegen, getrieben von einem unverständlichen absurden Verlangen nach Abenteuer, nach Entdecken, nach dem Unbekannten.

So geht es uns heute …

 

Langeweile? Oder doch nicht?

Was kann man sagen über etwas, was irgendwie gar nicht stattfindet? Eine Gegend, deren Gleichförmigkeit einlullend wirkt, wie ein Schlafmittel, wie ein Glas Rotwein zuviel? Aber wir fühlen uns wohl, kommen gut vorwärts, dazwischen ein Halt, ein Picknick, ein Kaffee, ein Glas Wasser. Und viele Blicke auf die Umgebung, obwohl sie uns nicht mit Einladungen überhäuft.

Manchmal verirrt sich ein Vogel oder vielleicht ein anderes fliegendes Wesen durch die Lüfte, ohne das Dröhnen des Motors würde man ein klagendes Krächzen vernehmen. Es ist auf der Suche nach Leben, nach Nahrung, nach Irgendwas, was sich lohnt, dahin zu fliegen.

Und noch seltener eine Haltestelle, offenbar gibt es einen Bus. Vermummte Gestalten suchen Schatten, während sie auf die Abfahrt warten. Allein dieser Anblick ist eine Abwechslung, sogar eine halbverfallene Hütte auf dem Hügel genügt, um unsere Neugier zu wecken.

Die Dörfer wechseln sich ab, manchmal ein See, ein Fluss, der sich geruhsam zwischen den Hügeln durchschlängelt. Dann wieder lange nichts.

 

 

A brown lifeless region

Eine braune leblose Gegend, durchbrochen von einer Strasse, gesehen durch das Auge unserer Camera

 

Einmal mehr düstere schwarze Nacht

Wir fahren den ganzen Tag, kommen vermeintlich gut vorwärts, doch 60 Kilometer vor dem Tagesziel Sivas bricht wieder die Dunkelheit über uns herein.

Es ist eine andere Dunkelheit, sie kommt nicht auf leisen Sohlen wie bei uns, sie ergiesst sich unangemeldet über das Land, als wollte sie es zudecken mit einem Mantel aus geflochtenem Schwarz. Sie kostet uns den letzten Nerv.

Denn einmal mehr kämpfen wir uns durch eine Nacht, die sich gegen uns verschworen hat. Unsere schwachen Scheinwerfer versuchen, die undurchdringliche Dunkelheit zu durchbrechen. Für einen Augenblick ist alles ruhig, dann steht mitten auf der Fahrbahn ein Esel, dann anderes Getier, das sich offenbar einen Spass daraus macht, auf der Fahrbahn herumzustreunen.

Und die anderen Autos sind wie gestern Nacht kaum beleuchtet, erscheinen wie Phantome aus düsterer Nacht, fliegen an uns vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen. Ohne Spuren? Nein, denn jede Begegnung bringt den Puls auf schwindelerregende Höhen.

Bei der Ankunft in Sivas sind wir fix und fertig.

 

Das Mocamp

Mocamps in der Türkei sind Camping Plätze, die aus einer gemeinsamen Anstrengung der Regierung und den BP Tankstellen entstanden sind.

Das heutige liegt etwas ausserhalb Sivas, besteht im wesentlichen aus einer elenden Wiese und kostet pro Nacht 15 Lira. Und es ist ziemlich bevölkert. Busse und Camper und allerlei seltsame Vehikel aus aller Herren Länder sind versammelt. Das Wichtigste – sie alle sind auf dem Weg nach Indien. Alle Hippietrailer, wenn auch unterschiedlichen Alters.

Da gibt es ein älteres belgisches Ehepaar, zwei noch ältere englische Ehepaare, eine Familie mit Baby. Man könnte meinen, man befinde sich auf einem Sonntagsausflug.

Es sieht also zum ersten Mal so aus, als würden sich von nun an einige Wege kreuzen.

 

Passender Song zur Zeit:  Mott The Hoople – The golden Age of Rock ’n‘ Roll

Und hier geht der Trip weiter … nach Erzurum

 

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