Der Hippie Trail – Work in Progress

Ich verstehe ja wie erwähnt nicht sehr viel von Motoren und noch weniger, wenn es um wichtige Komponenten geht.

Der Anblick der Pleuellager allerdings nimmt mir den Atem. Der Chefmechaniker zeigt sie mir mit unverhohlenem Vorwurf in seinem bärtigen Gesicht.

Man kann mit blossem Auge erkennen, wie sehr sie gelitten haben oder anders ausgedrückt, wie sehr sie durchgehalten haben über den Tahir bis nach Täbris. Mein Gott, dieser Motor gehört wahrlich zu den wichtigsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts.

Immerhin, die gute Nachricht ist, dass Pleuellager und -welle noch einmal geschliffen werden können. Wir senden ein stilles Gebet zum Himmel.

 

Der Meister und die Neugier

Alles in allem scheint die Arbeit am Motor zügig vorwärts zu gehen.

Der Meister, der sich höchstpersönlich um die Reparatur des Motors kümmert, hat sich in der Zwischenzeit zähneknirschend mit der ständigen Neugier seines ahnungslosen Kunden aus der fernen Schweiz abgefunden. Eine Neugier, die einen rationalen Grund hat.

Denn seien wir ehrlich, der Anblick des Motors, in sämtlichen Bestandteilen zerlegt im Dreck und Staub des Hinterhofs liegend, hat zu ernsthaften Zweifeln geführt, ob unser Gefährt noch imstande ist, einen einzigen Kilometer zurückzulegen.

Doch es gilt, Abbitte zu leisten.

Die Arbeit, die hier unter widrigsten Umständen gemacht wird, ist schlicht und einfach bewundernswürdig. Ich wiederhole es gerne: alle unsere hochentwickelten Werkzeuge und Maschinen und Aufzüge und was sonst noch alles zu einer modernen Autowerkstatt gehört, ist hier nicht vorhanden. Alles muss von Hand gemacht werden (mit Ausnahme des Schleifens der Lager und Wellen, die in einer besser ausgerüsteten Werkstatt duchgeführt wird).

Es gibt leider immer noch wenige Ausdrücke in Farsi, die mir geläufig sind (aber die Zahlen haben wir uns merken müssen, um beim Tanken nicht übers Ohr gehauen zu werden).

Mein Lieblingswort ist Farda.

Es bedeutet „morgen“. Wenn ich also den Fertigstellungstermin wissen will, frage ich „Farda?“ Wenn der Meister den Kopf schüttelt, frage ich „Farda Farda?“ Also übermorgen? Und so weiter.

Die Antworten sind nicht wirklich beruhigend.

 

Strenge Hierarchien

Langeweile und Neugier haben zumindest den Vorteil, dass man hautnah miterleben kann, wie das tägliche Leben in einem Land wie dem Iran abläuft.

Auch wenn die Werkstatt aus dem vorletzten Jahrhundert zu stammen scheint, ist die Arbeiterschaft streng reglementiert. Die besondere Hierarchie ist schnell sichtbar.

Jeder Arbeiter mit einem bestimmten Erfahrungs- und Ausbildungslevel hat automatisch Anrecht auf einen Zudiener. Dabei handelt es sich um Jugendliche im Lehrlingsalter, die sich in einem Entwicklungsland aus einem gewaltigen Pool rekrutieren lassen. Sie absolvieren hier eine Art Lehre.

Man erkennt sie von weitem, nicht nur an ihrem hektischen Herumgerenne, sondern vor allem an ihren von Kopf bis Fuss mit Oel und Dreck verschmierten schmächtigen Körpern.

Es ist allerdings auch eine Art Statussymbol, je verdreckter desto wichtiger. Oder ist es schlicht und einfach das Fehlen geeigneter Reinigungsmöglichkeiten?

 

Die Sache mit den Kosten

Nicht erstaunlich, dass sich der Meister immer öfter nach unseren Finanzen erkundigt. Na ja, wir machen ja nicht unbedingt den Eindruck von kleinen Dagobert Ducks, also will er sicher sein, dass seine Arbeit auch den entsprechenden Lohn erhält.

Nun geht der orientalische Basarhandel los.

Der Meister nennt seinen Preis, natürlich viel zu hoch angesetzt, absolut nicht akzeptabel, er entlockt mir ein mitleidiges Grinsen. Aber zum Zweck besserer Verhandlungsmöglichkeiten suche ich mir den erstbesten Englischkundigen von der Strasse und gebe meinen Preis bekannt, natürlich viel zu tief angesetzt, in diesem Fall absolut inakzeptabel für den Meister.

So geht die Sache in die zweite Runde.

Der Meister klagt über die Löhne seiner Mitarbeiter und die hohen Preise (immerhin lässt er mögliche sieben Kinder aus, die zu Hause hungern), während ich an sein gutes Herz appeliere und ihm zu verstehen gebe, dass wir bei seinem Preis unverzüglich umkehren müssten und damit keine Gelegenheit hätten, sein wunderschönes Land kennenzulernen.

Na ja, ein bisschen Chauvinismus zur rechten Zeit (und mit einem etwas schlechten Gewissen) kann nie schaden.

Es geht also in die dritte Runde.

Der Meister, langsam etwas weichgeklopft durch den traurigen Blick seines Kunden, fragt schliesslich, wieviel wir denn zu zahlen imstande sind. Zehn- bis fünfzehntausend Rial. Er entgegnet, für zehn kann er’s nicht machen, aber fünfzehn wäre in Ordnung.

Ich überlege keinen Moment und bezahle, bevor er die Chance hat, seine Meinung zu ändern.

So ist das Leben, nicht immer fair, nicht immer so, wie es eine gesunde Moral vorschreiben würde.

Wenn ich allerdings an das grinsende Gesicht des Meisters denke, bin ich nicht mehr sicher, wer hier wen über den Tisch gezogen hat …

 

Der letzte Tag in Täbris – endlich

Ich weiss nicht mehr, wieviele Stunden wir durch die Strassen gegangen sind, während wir doch längst in Teheran sein wollten. Die Restaurants – wieder offen, welch eine Wohltat – sind alte Bekannte, die streunenden Hunde unsere Freunde, die Gassen keine unbekannten Orte mehr. Wir fühlen uns schon beinahe wie zuhause.

Und trotzdem sind wir froh, dass sich der Abschied nähert.

Gestern ist überraschenderweise ein altes Schweizer Postauto angekommen, hat blauen Diesel und eine Menge seltsamer Passagiere ausgespuckt, die offenbar auf dem Rückweg von Indien sind.

Man möchte sie fragen, wie es gewesen ist, das Land, die Leute, das Wetter, aber wenn man je die sprichwörtliche Verschlossenheit der Schweizer am eigenen Leib erfahren will, dann sind es diese merkwürdigen Leute. Man kommt partout nicht an sie heran.

 

Und dann bye-bye Master and Servants

Was wir lange nicht für möglich gehalten haben, ist nun doch Realität geworden.

Der Motor ist wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt worden, es steht die erste Probefahrt an.

Und tatsächlich, der Motor ruckt noch gelegentlich, aber sonst schnurrt er wie ein junges Kätzchen. Zum ersten Mal stellt sich ein unerwartetes Gefühl der Hoffnung ein, dass wir mit unserem alten Gefährt doch noch nach Indien gelangen.

Wir verabschieden uns von allen in der Werkstatt mit einem festen Händedruck und Tipps für alle, sie sind in der Zwischenzeit zu einer Art Freunde geworden.

Auf dem Campingplatz, den wir als erstes aufsuchen, wimmelt es von Rückkehrern aus Indien. Schweizer, die nach ein paar Jahren in Afrika nun via Indien nach Europa zurückkehren. Oder Amerikaner, die über Nepal nur Negatives zu berichten wissen. „You can eat anything, but you get sick anyway!“

Schöne Aussichten.

 

Passender Song zur Zeit: Steely Dan – Rikki don’t lose that Number

Und hier geht der Trail weiter … endlich nach Teheran

 

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