Die letzte Fahrt

Ich bin früh auf, denn der Bus fährt um 08.00 los, und da ich inzwischen die unerwartete Pünktlichkeit der indischen Bahn und Busse kennen- und schätzen gelernt habe, weiss ich, dass ich nicht zu spät kommen darf.

Frühstück Indian Style

Der versprochene Frühstücksraum ist geschlossen (wer hätte das gedacht), nur ein kleiner, halbdunkler Raum, in dem ein Einheimischer in einem kaum sichtbaren Essen stochert, scheint geöffnet zu sein. Ich setze mich an einen Tisch und schaue mich nach der Bedienung um, die aber offenbar gerade etwas anderes zu tun hat.

Nach mehreren vergeblichen Rufen etwas ungeduldig geworden, gehe ich zur Reception und erkundige mich erstens nach dem Frühstück („Breakfast at this Time? No, no“) und zweitens nach dem Waiter, der dann tatsächlich herangeschlurft kommt. Ich erkundige mich nach einem Continental Breakfast, doch er schaut mich nur fassungslos an und deutet auf das Essen des Inders.

Will ich aber nicht, also führt mich der Gang erneut zur Reception. „At this Time only one Piece for Breakfast. If you wait 15 Minutes, there will be two Pieces“. Was immer er mit Pieces meint, es ist auf jeden Fall nicht das, was ich suche. Ich bestelle also einen schwarzen Kaffee, nichts dazu, und tatsächlich, nach einigen Minuten erhalte ich ein Glas mit dampfend heissem Kaffee, allerdings ohne Zucker und ohne Löffel. Man ahnt es schon, der Mann an der Reception kennt und fürchtet mich in der Zwischenzeit, doch immerhin kommt der schlurfende Waiter nach einiger Zeit mit Zucker und Löffel …

Allerdings – der Löffel ist so gross und breit, dass er nicht ins Glas passt.

Ich gebe auf, ein homerisches Gelächter kann ich grade noch unterdrücken.

Einfach wunderbar.

Dem Norden entgegen

Der Bus fährt tatsächlich um 08.00 los, ich bin einer der wenigen Passagiere und freue mich endlich auf einen geruhsamen letzten Tag im Bus. Bis nach Kumta, dem Umsteigeort, dauert es bis Mittag, ich lasse zum zweitletzten Mal das weite Land in höllischem Tempo an mir vorüberfliegen.

das Meer

In der Ferne schimmert, ganz blau, das Meer

Zahn um Zahn

Während der Fahrt habe ich wieder mal Gelegenheit, über meine Geschichte nachzudenken (es bleibt nicht viel Zeit). Es ist einiges geschehen, zumindest im Kopf und in zahlreichen Notizen auf Papier.

Langsam  nimmt die Geschichte Form an, die bisher als Fragmente vorliegenden Kapitel wachsen nun langsam zu einem hoffentlich konsistenten Ganzen. Aber noch liegt dramaturgisch einiges im Argen. Nicht alle Protagonisten und Antagonisten folgen einer klaren Motivation. Der Mord bzw. dessen in der Vergangenheit liegenden Ursachen, muss noch konziser sein, überzeugender. Aber immerhin – der Anfang ist nun klar (siehe Leseprobe), die wichtigsten Protagonisten werden vorgestellt, das Problem Jacos mit den Jugendlichen scheint nachvollziehbar.

Besonders stolz bin ich auf das Kapitel “Zahn um Zahn” im Wirtshaus, das den eigentlichen Auslöser der darauf folgenden Geschehnisse ist. Man erinnere sich: der Zwerg Shi-Sha ist schwer betrunken, sein schwarzhäutiger Kumpel Matumbo hat schon beim Betreten der Kneipe für Aufmerksamkeit gesorgt. Die Stimmung ist gereizt, man spürt förmlich die kaum mehr kontrollierte Aggression im Raum.

Nachdem sich der Wirt verabschiedet hat, sieht Jacos Erzfeind Matiar, der mit den Zirkusleuten noch eine Rechnung offen hat, seine Chance.

Folgendes geschieht nun.

Als die Tür hinter Ichabod ins Schloss fiel, erkannte Matiar seine Chance. „He!“, rief er laut, „he, du dort, Schwarzer, was hast du hier zu suchen? Es gibt hier keine Kokosnüsse.“ Ein hässliches Gelächter brandete auf. Rund um die Tische wuchs das Interesse. Manche erstarrten, andere rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her.

„Genau! Was hat dieser Neger hier zu suchen?“, ergänzte Morgue krächzend.

„He, hast du nicht gehört? Wir wollen dich hier nicht! Hau ab und zwar sofort!“ Matiars Ton war nun drohend, die Gäste an den Nebentischen drehten sich um. Es war still geworden in der Gaststube. „Hast du nicht gehört?“, wiederholte er, ermutigt durch die aufmunternden Rufe Morgues und seiner Kumpane, „wir dulden hier keine Neger. Geh zurück in den Urwald, wo du hergekommen bist!“ Höhnisches Gelächter brach aus. Viele Gäste beugten sich vor, hämische Blicke austauschend, andere schlugen mit den Fäusten auf den Tisch. Matiar warf seinen Stuhl zurück und trat langsam nach vorne, bis er vor der Theke stand. Seine Kumpane waren sitzen geblieben, doch der schielende Bursche schlug mit seinem Stock herausfordernd auf den Tisch. „Entweder du verschwindest, oder …“ Matiar ließ das Ende des Satzes offen, benetzte jedoch nervös seine Lippen. Die Stimmung wurde noch ausgelassener. Matumbo hatte sich immer noch nicht gerührt.

„Ach, wen haben wir … denn da?“, sagte Shi-Sha. „Ich kann mich … gut an das letzte Mal erinnern.“

„Sei still!“, warnte ihn Jaco.

Shi-Sha nickte. Obwohl ihn den Zorn wie eine heiße Welle umspülte, versuchte er, ruhig zu bleiben. Er kannte das lose Mundwerk, mit dem ihn die Natur beschenkt hatte, und wusste um die Gefährlichkeit seiner unbesonnenen Ausbrüche.

 „Lass die beiden in Ruhe! Es sind Gäste wie du“, versuchte Jaco die Situation zu entschärfen.

„Was willst du, Bübchen? Das ist meine Sache, geht dich überhaupt nichts an, klar? Also halt dich zurück, verdammt nochmal! Mit dir befasse ich mich ein anderes Mal!“

„Solange Ichabod weg ist, vertrete ich ihn“, sagte Jaco mit fester Stimme. „Also, setz dich wieder hin und trink deinen Schnaps! Er geht aufs Haus.“

Matumbo winkte ab. Mit aufreizend langsamer Bewegung wandte er sich um und musterte Matiar, auf dessen Stirn unversehens Schweißtropfen glitzerten. „Heiß?“, fragte er höflich, doch Matiar entging der Spott nicht. Einen Augenblick irrlichterte ein Gedanke durch seinen alkoholgeschwängerten Geist, dass der Mann, der vor ihm saß, sich wie ein wildes Tier bewegte: leichtfüßig, schwerelos, mit fließenden Bewegungen, ein Wesen auf der Pirsch. Nichts an ihm schien auf eine Bedrohung hinzuweisen, doch er fühlte, wie sich die Haare in seinem Nacken aufstellten. Dann rief Morgue: „Gib’s ihm!“, der Gedanke versickerte, und er fühlte seinen Puls schneller schlagen.

Matiar zögerte kurz, dann schlug er zu, ohne Vorbereitung und ohne Anlauf. Der Schlag, hart und kaum im Ansatz erkennbar, zielte mitten ins Gesicht Matumbos. Seine Faust pfiff durch die Luft, doch zu seiner Überraschung verfehlte er das Ziel. Er blinzelte dumpf, unfähig zu erkennen, warum er nicht getroffen hatte. Das Lachen Matumbos vertiefte sich, während er immer noch ruhig auf seinem Hocker saß. Matiars böse kleine Augen blinkten unruhig, er sammelte alle Kraft, bevor er erneut zuschlug. Wieder wich Matumbo ohne besondere Eile aus, und auch dieser Schlag ging ins Leere. Einige Sekunden lang stand Matiar völlig starr, dann brach ein heiserer Laut aus seiner Kehle, und er setzte sich in Bewegung.

Die Haltung Matumbos, der von seinem Hocker gestiegen war, hatte sich unmerklich verändert. Mit locker herabhängenden Armen, die Beine leicht gespreizt, wartete er auf den Angriff. Mit einem dumpfen Röhren ging Matiar mit beiden Fäusten auf ihn los, bereit, seinen Gegner in Grund und Boden zu schlagen. Als Matiars Fäuste wie zwei Dreschflügel geflogen kamen, machte er einen eleganten Schritt zur Seite und drehte sich blitzschnell um hundertachtzig Grad. Matiar hatte seine ganze Kraft in diesen letzten Schlag gelegt, doch nun wurde er durch sein eigenes Gewicht nach vorne gerissen, und er stolperte gegen die Theke. Noch mühsam das Gleichgewicht suchend, spürte er plötzlich eine Faust am Nacken, sein Kopf wurde zuerst nach hinten und eine halbe Sekunde später nach vorne gerissen. Es gab ein hässliches, knirschendes Geräusch, als er auf die Theke aufschlug.

Das Klirren der Gläser verklang. Es war sehr still geworden. Matiar stierte entgeistert auf das Blut, das aus Nase und Mund schoss.

„Da komm ich wohl gerade rechtzeitig“, sagte Ichabod an der Tür.

„Es ist …“, stotterte Jaco mit einem halbherzigen Versuch, die Situation zu erklären.

Ichabod winkte ab. „Es ist immer das gleiche mit euch Trunkenbolden.“ Er fasste Matiar an der Schulter und drückte ihn in Richtung des Ausgangs. „Verschwinde, und komm erst wieder, wenn du nüchtern bist und dich zu benehmen weißt! Hau ab, du brauchst nicht zu bezahlen!“

Matiar starrte den Wirt an, dann griff er nach seinem Hut und warf einen letzten Blick in die Runde. „Das ist noch nicht vorbei. Ihr werdet sehen.“

„Jaja! Los jetzt, raus mit dir!“

Die Tür fiel mit einem Krachen hinter ihm ins Schloss. Ein heftiger Windstoß riss ihn beinahe von den Füßen, doch es waren nicht nur Kälte und Wind, die ihm die Tränen in die Augen trieben. „Verdammt!“, jammerte er, als ein Gurgeln aus seiner Kehle drang und eine heftige Welle der Übelkeit über ihn hinweg rollte. Noch bevor er sich auf dem Boden aufstützen konnte, schoss ein dünner, übelriechender Strahl aus seinem Mund. Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, und er erbrach sich heftig. Am Boden sitzend, betrachtete er seine Hände, feucht und klebrig vom Blut. Sie hatten aufgehört zu zittern, doch sein Gesicht war ein einziger höllischer Schmerz. Das Atmen fiel ihm schwer, seine Brust schmerzte, als stecke sie in einem Schraubstock. Er dachte an die erschreckende Schnelligkeit des Schwarzen, die Leichtigkeit, mit der er ihn auf die Theke geschmettert hatte.

Er hörte das Rauschen der Bäume, das Wispern des Windes. Doch diese Welt, so friedlich sie vor ihm lag, hatte nichts für ihn übrig. Er hasste sie, und sie hasste ihn … So war das. Es war schon immer so und würde für immer so bleiben …

Tja, mal sehen, ob da was draus werden wird. Aber eines ist sicher – es hat unendlich Spass gemacht.

Kampfplatz Bus

Während meiner mentalen Auseinandersetzung mit meinen erfundenen Figuren, erreicht der Bus Kumpta. Jetzt ist Schluss mit lustig. Es ist mir schleierhaft, wieviele Menschen man in einen Bus quetschen kann, denn obwohl jeder Quadratzentimeter besetzt ist, gelingt es irgendwie, noch ein paar zusätzliche Passagiere aufzunehmen. Mir schläft abwechselnd jedes einzelne Glied ein, so eng sitzen wir gedrängt.

Ich werde mit der Zeit etwas ungehalten, wenn man knapp an meinem Gesicht vorbei aus dem Fenster spuckt. Aber irgendwie schaffen wir es gemeinsam nach Margao, wo eben die Fasnacht abgehalten wird, und eine weitere Stunde später erreichen wir Panjim. Ein kleines Teufelchen redet mir ein, dass ein echter Traveller nicht am Schluss noch auf ein Taxi umsteigt, sondern zwecks Kontinuität auch noch das letzte Teilstück mit dem Local fährt.

Ich steige also zum letzten Mal in einen der geliebten, völlig herunter gekommenen Busse, lasse mich entlang des Meeres durch enge Gassen, vorbei an Millionen von Leuten, umgeben von Lärm und Gestank, nach Calangute fahren, wo ich kurz vor Sonnenuntergang ankomme.

Und da sind sie wieder, die dickbäuchigen, kahlrasierten, ignoranten Touristen, die plötzliche Hektik, ganz anders als die letzten Tage. Und schon sehne ich mich zurück nach dem Süden, nach Madurai und Mysore und all die anderen Orte, die mir in kurzer Zeit ans Herz gewachsen sind.

Und langsam dämmert die Einsicht, dass Goa mit Indien etwa gleich viel zu tun hat wie St. Moritz mit der Schweiz …