Manchmal ist es besser, Unangenehmes möglichst schnell hinter sich zu lassen.

Das ist unser heutiges Mantra. Auf Teufel komm raus dieses Land mit Bleifuss auf dem Gaspedal zu durchqueren, nicht rechts oder links zu sehen, einfach nur zu fahren und auf möglichst wenige Probleme zu hoffen.

Ein Wort zum damaligen Jugoslawien.

Das Land war zu dieser Zeit noch ein Vielvölkerstaat, ein seltsames Gebräu aus unterschiedlichen Ethnien, Religionen, Kulturen, einzig zusammengehalten durch die eiserne Faust von Martschall Tito. Man stelle sich vor, die heutigen selbständigen Staaten Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien und Kosovo, damals noch einander mehr oder weniger freundschaftlich zugetan, waren in einem einzigen Staat vereint.

Doch im Untergrund döste eine Zeitbombe still vor sich hin, auf den richtigen Zeitpunkt wartend, und dieser kam mit dem Tod Titos, der das fragile Gefüge nachhaltig veränderte bzw. in mörderischen Kriegen zum Einsturz brachte. Im Nachhinein erkannte man, dass man es hätte wissen müssen.

Heute ist einigermassen Ruhe eingekehrt, und für die gleiche Strecke würde man nmehrere Länder durchqueren.

Der Verkehr lässt nicht nach. Es scheint, dass jedes, wirklich jedes Vehikel mit vier Rädern und einer Ladefläche auf dem Weg in den Iran ist. Man erkennt die Kennzeichen so ziemlich jedes europäischen Landes, sogar das Kennzeichen von Liechtenstein.

Was wird ihnen der Schah abkaufen? Liechtensteiner Spezialitäten? Käsknöpfle mit Apfelmus, Rheintaler Ribelmais?

Rätsel über Rätsel.

 

Trucks to Iran 3Trucks to Iran

Und so fahren wir weiter, immer weiter Richtung Süden, manchmal euphorisiert und glücklich, dann wieder still und nachdenklich, denn in schwachen Momenten wird uns klar, auf was wir uns eingelassen haben. Die Strasse vor uns, ob in schlechtem Zustand wie jetzt oder vielleicht unbefahrbar wie in Zukunft, ist unsere Richtschnur, an ihr entlang finden wir unseren Weg ins Ungewisse.

Wir haben uns schnell an das Fahren gewöhnt, allerdings muss man sich vorstellen, dass es damals noch kein Gurtenobligatorium gab und man es sich also ohne Angst vor allfälligen Bremsmanövern geschweige denn Kollisionen auf den Sitzen bequem machte (Monika im Schneidersitz, was aus heutiger Sicht suizidal erscheint). Der untenstehende Abschnitt gibt Einsicht in das, was tatsächlich hätte passieren können.

Aber lassen wir das, andere Zeiten, andere Sitten.

 

Kränze für die Toten

Wenn es einen Beweis für die Gefährlichkeit der Strasse gibt, so sind es die Kränze, die an den Strassenrändern auf Unfälle mit tödlichem Ausgang hinweisen. Nicht, dass es jemanden interessieren würde, am allerwenigsten die Lastwagen, die mit unverändert hoher und gemeingefährlicher Geschwindigkeit den Strassen entlang preschen.

So wird für jeden Toten ein makabres und ziemlich verstörendes Zeichen hinterlassen. Zwei Kränze, drei, vier, der Tagesrekord liegt bei sechs (!) Kränzen. Sechs Kränze. Sechs Tote bei einem einzigen Unfall.

Und jeder sieht die Kränze, macht sich seine Gedanken oder auch nicht, und fährt weiter. So schnell wie möglich. Vielleicht ist es eine Art Wettrennen. Vielleicht sind die Lieferungen nicht vertraglich besiegelt, vielleicht gilt first come, first served. Den Letzten beissen die Hunde, also vorwärts.

Irgendwie pervers. Aber überrascht uns das?

Nicht wirklich.

Das einzige, was uns überrascht, ist die Tatsache, dass es nicht viel mehr Unfälle gibt. Spielt hier der Zufall eine Rolle oder einfach Glück? Wir wissen es nicht und wollen es auch nicht wissen. Alles, was zählt, ist möglichst schnell aus dieser irdischen Hölle zu kommen. Je näher wir der bulgarischen Grenze kommen, desto näher sind wir dem Glück.

Und tatsächlich, in Nis, nahe der bulgarischen Grenze, biegen die Lastwagen ab, es wird schlagartig friedlich. Die Route über Bulgarien in die Türkei ist offenbar kürzer und schneller, also verschwinden die Trucks in dunkelblauen Dieselschwaden auf hoffentlich Nimmerwiedersehen. Good Luck!

 

Und doch wieder der Motor

Unser Wagen, die letzten Stunden in durchaus befriedigendem Zustand, scheint uns daran erinnern zu wollen, dass nichts, aber auch gar nichts so ist, wie es scheint.

Es ist nicht nur so, dass wir Benzin in geradezu erschreckender Menge verbrauchen. Man hat sich ja ungefähre Vorstellungen über den Verbrauch gemacht, dazu dienen Statistiken, durchschnittliche Verbrauchswerte des Herstellers. Aber eben, unser Vehikel ist durch den seltsamen Aufbau alles andere als stromlinienförmig. Man könnte sagen, der viereckige Dachaufbau (eine wirklich blödsinnige Idee) führt jede Aerodynamik ad absurdum.

Wenn es nur das Benzin wäre, könnten wir uns, etwas zähneknirschend zwar, in das unvermeidliche Schicksal fügen, aber was viel schlimmer ist, wir müssen jeden Tag einen Liter Oel nachfüllen.

Einen ganzen Liter Oel pro Tag?

Dies bedeutet, dass unser Notvorrat an Oel, der eigentlich für ganz andere Gegenden gedacht war, bereits aufgebraucht ist. Meine Kenntnisse über die Zusammenhänge eines Verbrennungsmotors sind wie erwähnt bescheiden, aber da kommen doch langsam Begriffe wie defekte Dichtungen, kaputte Kolbenringe etc. ins Spiel, die sich als kleine bösartige Teufelchen ins Unterbewusstsein einnisten.

Was sagte der gute Mann bei der Überprüfung des Motors: „Mit diesem Vehikel würde ich nicht mal nach Liechtenstein ins Ausland fahren.“

Langsam dämmert es auch den einfachsten Gemütern, dass er recht hatte. Das kann ja heiter werden.

Aber was soll’s, einfache Gemüter schlagen die bösen Gedanken beiseite und denken an morgen, an Griechenland, an das blaue Meer. Wir übernachten vor einem einsamen Hotel, vielleicht leer, vielleicht nur von Geistern bewohnt, aber sie lassen uns in Frieden, wachen über unseren friedlichen Schlaf.

Wenigsten schlafen kann man sehr gut in diesem Land, das ist doch immerhin etwas …

 

Und wie immer, der Sound zur Epoche:  Eric Clapton – I shot the Sheriff

Und hier geht die Reise weiter … nach Griechenland (vielleicht)

 

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