Ein lebenslang wirkender Virus

Ich erinnere mich an meinen ersten Flug, ein kurzer nur nach London. Damals konnte ich noch nicht wissen, dass es ein Stein im Puzzle war, der mich später zu einem leidenschaftlichen Weltenbummler werden liess. Der Flughafen stellte das Eingangstor dar zu allem, was unbekannt, verrückt, abenteuerlich war. Und den Geruch nach Freiheit auströmte.

Es war nur ein Charterflug, schon damals billig, mit einer alten Maschine, der man nach heutigen Vorschriften die Flugbewilligung verweigern würde. Ich erinnere mich auch an die unregelmässigen Geräusche der Motoren. Sie liessen meinen Adrenalinspiegel nach oben springen, in der irrigen Meinung, dass mein erster Flug auch der letzte sein würde.

Alles vorbei. Heute empfinde ich Flughäfen nur noch als Stufe zur Vorhölle. Ich muss allerdings zugeben, dass der letzte Kaffee vor dem Abflug immer noch ein leises Kribbeln auslöst.

23 Uhr und müde

Dieses Gefühl stellt sich an diesem späten Abend am riesigen Flughafen in Mumbai ein. Ich fühle mich müde und möchte schlafen, doch es gibt keine Gelegenheit dazu. Es sind schon viele Stunden vergangen seit dem frühen Morgen. Seit der Verabschiedung meiner Freunde in Calangute. Der Fahrt mit dem Taxi zum Flugplatz. Der scheinbar endlosen Warterei auf den Abflug inmitten lärmender Familien. Und endlich dem Flug mit Spicejet nach Mumbai.

Spicejet

Mit Spicejet nach Mumbai

Hier sitze ich nun auf einem unbequemen Sitz, umgeben von anderen halb- und ganzschlafenden oder sonstwie dösenden Passagieren. Sie haben alle das gleiche Ziel. Endlich einsteigen und abfliegen zu können. Es herrscht eine seltsame Stille, nur manchmal unterbrochen durch die blecherne Stimme einer Ansage oder das leise Schnarchen eines übermüdeten Mitleidenden.

Das Problem ist einfach: zwischen Hin- und Weiterflug liegen mehrere Stunden Wartezeit, die man sich mit Kaffeetrinken, Essen, Spazieren, Lesen und Langweilen vertreibt. Doch irgendwann hat man genug Kaffee getrunken, sämtliche Gänge und Hallen mehrmals abgelaufen und keine Lust mehr, Zeitungen oder Romane zu lesen.

Man ist einfach nur noch müde und möchte schlafen.

Und wieder schlägt die Dummheit zu

Immerhin habe ich es geschafft, doch noch etwas gegen die Langeweile zu tun. Es hätte allerdings auch böse herauskommen können. Aber alles schön der Reihe nach.

Es geht einmal mehr darum, dass man auch als erfahrer Traveller die dümmsten Fehler macht (siehe Laos). In Mumbai liegt der Domestic Flughafen abseits vom International Airport, es gilt also, den dafür vorgesehenen Gratisbus zu benützen. An sich kein Problem, ausser man verlässt vor der Abfahrt trotz Warnung das Flughafengebäude.

Dabei steht auf einer grossen Tafel sehr deutlich und in zahlreichen Sprachen, dass es nach Verlassen des Gebäudes keinen Eintritt mehr gibt. Mit anderen Worten: ist man mal draussen, nützt weder Bitten noch Flehen etwas. Der bewaffnete Soldat am Eingang hat absolut (und zu Recht) keine Lust, für den Deppen eine Ausnahme zu machen.

Dumm gelaufen

Es gilt also, ein Taxi zu finden, das mich zum International Airport bringt. Gar nicht so einfach. Es ist spät, es ist zappenduster, es hat keine Taxis. Langsam werde ich etwas nervös, bis mich ein properer junger Inder anspricht, offenbar auf diese Fälle vorbereitet, und mir ein Angebot für fünfzig verspricht. Ich hätte vielleicht nach der Währung fragen müssen, denn im Taxi, das sich als heruntergekommener Lieferwagen entpuppt, sitzen neben dem Chauffeur zwei ziemlich dubiose Figuren, die nicht fünfzig Rupien sondern fünfzig Dollars verlangen, die man mir für die dreizehn Kilometer abnehmen will.

Ganz blöd gelaufen, wirklich ganz blöd.

Doch für einmal erweist mir mein cholerisches Temperament in der nicht ganz ungefährlichen Situation einen guten Dienst. Der saublöde plumpe Trick macht mich derart wütend, dass ich alle Vorsicht ausser Acht lasse und so laut schimpfe, dass man mich konsterniert aus dem Wagen lässt. Der Tuktuk-Fahrer, der mich dann für hundert Rupien ans Ziel bringt, wird mit einem saftigen Trinkgeld belohnt.

Tja, man weiss nie, wofür auch schlechte Angewohnheiten irgendwann ihr Gutes haben.

Revue

Anyway, ich bin hier, wie gesagt müde und gereizt und warte auf den Aufruf zum Boarden, was allerdings die Möglichkeit verschafft, die vergangenen Wochen nochmals Revue passieren zu lassen. Also nochmals das Gefühl der Ungebundenheit, der entspannten Ruhe, des Nichts-tun-Müssens, bevor mich in ein paar Stunden die Welt wieder einholt.

Die vergangenen Tage und Nächste schweben vorbei, winken noch einmal kurz und verschwinden, lösen sich auf, bis sie irgendwann nur noch undeutliche Erinnerung sein werden. Einiges wird bleiben, Bilder, Erlebnisse, Stimmungen, doch sie werden sich ändern in den komplizierten Katakomben des Gedächtnisses, das seine eigenen Gesetze hat.

Irgendwann werden es nur noch geisterhafte Landschaften, grüne, braune, gelbe, rote, sein, die vor einem virtuellen Fenster vorbei fliegen, untermalt durch ein vielstimmiges Konzert aus menschlichen Stimmen, Hupen, Glocken, Rasseln, Muhen, Bellen, Bremsgeräuschen, Motoren und immer wieder dazwischen Kinderstimmen, laute, fröhliche, leise und traurige.

Und die Nase wird sich erinnern an die Gerüche, die scharfen, zarten, süssen, sauren Aromen, die das Land ausmachen, an den Duft der Obst- und Gemüsemärkte, den Gestank der Kanäle, der Ausscheidungen zahlloser Lebewesen, der verfaulenden Lebensmittel am Strassenrand, das Odeur des Meeres, den Duft des Banana-Pancakes auf meinem Frühstückstisch.

Warum allein und ohne Plan?

Und dann, wie immer in diesen wehmütigen Situationen, die Frage, warum ich allein und ohne Plan reise. Ich habe mir in all den Jahren eine Theorie zusammengeschustert, die für mich stimmt, aber wohl kaum Allgemeingültigkeit besitzt.

Für jeden, der das Alleinsein aushält, ist es eine einzigartige Gelegenheit, mit sich selbst ins Reine zu kommen; nie hat man mehr Gelegenheit, über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken und sich über offene Fragen Gedanken zu machen (ich bin nach jeder Reise mit einem Sack voll neuer Ideen und Lösungsansätzen nach Hause gekommen)

Das Erleben ist wesentlich intensiver, wenn man nicht durch eine andere Person abgelenkt wird. Allerdings fehlt dadurch die Möglichkeit des gemeinsamen Reflektierens über das Gesehene und Erlebte – ein wesentlicher Nachteil, den man aber über den Austausch mit anderen Travellern wett machen kann.

Es fördert die kommunikativen Fähigkeiten. Nichts ist schlimmer als wochenlanges Verharren in der eigenen kleinen Welt, ohne persönlichen Austausch mit anderen Menschen, seien es Traveller oder Einheimische.

Je weniger vorher organisiert, desto besser. Alle die Zufälligkeiten, die sich ergeben, die Umwege, die vermeintlichen Probleme, die zu verrückten Erlebnissen führen, zum Kennenlernen ausserordentlicher Menschen und Orte. Das alles ist nur möglich, wenn man völlig offen und ohne festgelegte Pläne unterwegs ist.

Keine vorherige Vorbereitung mittels Reiseliteratur oder Reiseberichten (was natürlich dem Zweck dieses Blogs völlig widerspricht, aber wie schon Sheldon Cooper sagte, was wäre das Leben ohne die kleinen Verrücktheiten). Ich nehme zwar einen Führer mit, lese aber erst darin, wenn ich an Ort und Stelle bin (wie gesagt, das gilt für mich und nur für mich).

Eine Schlange in der Dunkelheit

Und noch etwas zum Schluss. Wie in einzelnen Berichten erwähnt, habe ich an meinem Roman gearbeitet. Es gibt noch viel zu tun, aber das Licht am Ende des Tunnels wird langsam heller. Und ich habe endlich einen neuen Titel gefunden. Keine Ahnung, ob er etwas taugt oder nicht, aber hier ist er.

Eine Schlange in der Dunkelheit.

Ich wollte diesen letzten Eintrag nach Bilbos Beispiel There and back again nennen. Also hier noch ein Hinweis auf einige meiner absoluten Lieblingsromanen.

Alles gesagt. Bye-bye.