Madikeri – Mangalore – Udupi

Busfahren ist eine Lust, einmal mehr verspüre ich den Hochgenuss, auch wenn mein Rücken auf der Fahrt Madikeri – Mangalore – Udupi arg in Mitleidenschaft gezogen wird. Manchmal muss ich mich buchstäblich festhalten, um nicht den Kopf an der Decke anzustossen. Insbesondere die lange kurvenreiche Strasse hinunter in die Ebene in Richtung des Meeres hat es in sich. Landschaften gleiten vorbei, farbige, eintönige, blasse und verblasste, erschreckende, irritierende, amüsante …

Armut und Not

Das Herz will helfen, wenn es Armut und Not sieht, während der Kopf versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen, die aus dem Gleichgewicht geratende Balance zu stabilisieren versuchen. Und immer wieder, wie schon einige Male auf dieser Reise, stösst der Anblick des Elends an die Grenzen des Erträglichen.

Das ist Indien – ebenso faszinierend wie verstörend.

Indien – Erkenntnisse? Oder doch nicht?

Dass Indien auch beim vierten Besuch eines der faszinierendsten Länder der Welt ist, überrascht nicht. Es ist ein eigenes Universum, eine Welt der Gegensätze, der Überrumplung, der Widersprüche.

Indien kann weder rational noch nicht-rational begriffen werden, es ist schlicht eine einzige grosse Überforderung. Ich kann mir kein anderes Land vorstellen, das Geist, Seele und Körper so sehr (über-)beansprucht wie dieses verrückte, grossartige Land.

Mordlust

Ich kann mich gut an meinem ersten Besuch erinnern. Von einem Moment zum anderen Millionen von Menschen, Tieren, Fahrzeugen, irgendwelchen Vehikeln, Elefanten, Bussen, Lastwagen, Fahrradfahrern gegenüber. Alles Gegner auf dem Schlachtfeld, beim gnadenlosen Kampf um den Platz auf den schlechten Strassen.

Kann man sich vorstellen, dass liebenswürdige, harmlose, freundliche Menschen im Verlauf weniger Tage zu mordlustigen Unheuern mutieren? Es ist kaum zu glauben, aber leider wahr. Ich selber – und ich bin nicht stolz darauf – folgte einem Fahrradfahrer, der während Kilometern die Strasse blockierte und auf keinen Fall zur Seite ausweichen wollte, bis aufs Feld hinaus, wo ich ihn überfahren wollte. Mit hochrotem Gesicht, Blutdruck auf gefährlichem Level, Mordlust in den Augen.

Das ist auch Indien.

Der Stress, mit dem eigenen Wagen auf den indischen Strassen zu fahren, war derart extrem, dass wir uns auf der Rückfahrt bei der Überquerung der indisch-pakistanischen Grenze bei allen Göttern schworen, niemals zurückzukehren.

Wir haben den Schwur nicht gehalten. Und wir sind froh darüber.

Soll man nach Indien reisen?

Es ist in vielfacher Hinsicht eine Erfahrung, die man ertragen muss. Sensible Gemüter, die das alltägliche Elend nicht verkraften, sollten es bleiben lassen. Das Land ist definitiv nicht für alle geeignet.

Aber wenn man sich darauf einlässt, der Armut der Bevölkerung mit Mitgefühl und Verständnis gegenüber tritt, sie mit Respekt behandelt, ist es auch eine Reise in die eigene Welt, die täglich in Frage gestellt wird. Ich habe keinen einzigen Augenblick, auch nicht die Momente grosser Frustration, wenn wieder mal nichts funktioniert, bedauert. Indien macht auf seine Weise demütig, man ganz klein und unbedeutend. Und viele Relationen – unsere Sorgen im Vergleich – werden neu skaliert.

Und währenddessen – Mangalore

Und so gelange ich zuerst nach Mangalore, wo mir nur eine kurze Umsteigezeit bleibt, bevor es mit einem andern Bus weitergeht nach Udupi. Irgendwann am Nachmittag erreiche ich den Ort, eine lebendige, lärmige, stinkende, grossartige Stadt.

Indien live.

Udupi

Ich habe ein Zimmer im besten Hotel reserviert und muss nachfragen, als mir der Mann an der Reception den Preis sagt. 450 Rupien für ein gutes Zimmer mit Ventilator und TV und einem sauberen Badezimmer mit heissem Wasser. Beinahe unverschämt billig. Ich fühle mich ein bisschen als Kolonialist.

Dann mache ich mich auf den Weg, um das letzte Teilstück zu organisieren. Die Zugsfahrt entfällt schon mal, denn die Züge sind entweder ausgebucht oder fahren während der Nacht. Nichts für mich, ich will etwas sehen von der Landschaft. Von allem. Die etwas besseren Luxus-Busse fahren ebenfalls nur in der Nacht, bleibt also einmal mehr nur der Local Bus, der mich morgen nach Goa bringen soll. Freude herrscht.

Heiligtümer und heilige Kühe

Es gibt ein hinduistisches Heiligtum in Udupi, das ist der Grund für die vielen Pilger, die von weit herkommen. Merkwürdige Gebäude in seltsamen Formen bilden das Zentrum, wohlgenährte heilige Kühe streunen durch die Gassen um das Heiligtum herum. Ich mache ein paar Photos und merke, dass sich langsam ein gewisser Stau an Bildern und Erlebnissen gebildet hat. Ich mag nicht mehr, ich habe genug gesehen. Alles was ich möchte, ist irgendwo ein ruhiges Plätzchen mit gutem Essen, einem Buch und viel Stille.

heilige Kühe

Wohlgenährte heilige Kühe

Architektur

eigenwillige Architektur

Tempel in Udupi

… und noch ein Tempel

freundlicher Gott

… und ein freundlicher Gott

Mehr Licht

Abendessen im Hotelrestaurant, in einem verdunkelten Raum („mehr Licht? Nein, das geht nicht“), der kaum genug Licht zum Lesen aufweist. Der Grund liegt wahrscheinlich beim Fernseher, der im Hintergrund läuft, sehr laut mit Ausrufezeichen. Alle Augen, auch die des Kellners, sind fasziniert darauf gerichtet, es muss sich um eine indische Soap Opera handeln, und er reagiert ziemlich abweisend, wenn er unterbrochen und zur Arbeit gerufen wird.

Immerhin bejaht er die Frage nach einem möglichen Frühstück am andern Morgen. Vielleicht hat er mich nicht richtig verstanden, auf jeden Fall geschieht am folgenden Morgen eine der wunderbaren Geschichten, die so nur in Indien möglich sind …