Jaipur – Der Palast der Winde

 

Jaipur ist nicht nur unterhaltsam und witzig, sondern auch ein Monstrum.

Es ist die Stadt mit den meisten ausländischen Touristen, was angesichts der besonderen Highlights nicht überraschend ist. Aber es leben in der Zwischenzeit eben auch über 3 Millionen Menschen hier, die Luft ist verpestet von den Abgasen der tausenden von Bussen, Motorrädern, Rikschas und Autos, die sich in den zum Teil engen Strassen den Platz streitig machen.

Alles, was ich bisher gesehen habe (mit Ausnahme von Old Delhi natürlich), steht weit im Schatten bezüglich Lärm, Gestank, Hitze. Wenn man zu Fuss unterwegs ist (im meinem Fall also immer), ist die Gefahr, überfahren zu werden, permanent vorhanden. Natürlich gewöhnt man sich daran, ist jeden Moment voll konzentriert, springt das eine oder andere Mal halt im letzten Augenblick zur Seite. Das ist das, was die Bewohner dieser aussergewöhnlichen Stadt jahraus, jahrein tagtäglich erleben.

Aber was soll’s – heute kämpfe ich mich durch schlechte Luft und Verkehr und Gestank zum Highlight der Stadt, dem Palast der Winde, der Hawa Mahal.

 


 

Der Palast der Winde

Dass der berühmte Palast der Winde eigentlich gar kein Gebäude, sondern nur eine wunderschöne Fassade ist, merkt man nicht auf Anhieb. Man steht bewundernd vor dem Palast der Winde, staunt wie eine Million anderer Touristen über das architektonische Wunderwerk, und merkt doch, dass irgendwas nicht stimmt.

Erst wenn eintritt, in Pulk der anderen Aficionados, erkennt man mit einem Mal, dass man genarrt wird. Aber das hat seinen besonderen Grund, der nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Die  Konstruktion diente nämlich den zahlreichen Damen des Hofes, die sich nicht unter das einfache Volk begeben durften, als Beobachtungsposten vor allem bei den beliebten Prozessionen. Sie sahen, hörten und rochen alles von der Straße, konnten aber aufgrund der Bauweise von außen nicht bemerkt werden. Ihren Namen erhielt die Schaufassade wegen der raffinierten Luftzirkulation, die stets eine frische Brise durch die Räume ziehen liess.

Ich bin beeindruckt. Der Maharadscha muss seine Konkubinen wahrlich geliebt haben, dass er ihnen diese seltene Gunst gewährte. Oder gilt doch die alte, wenn auch unausgesprochene Vermutung, dass weder der Maharadscha noch der König oder der Kaiser oder wer auch immer die Hosen trägt, sondern die Frauen.

Der im Jahre 1890 gebaute Stadtpalast steht von hohen Mauern umschlossen zwischen Gärten und Höfen mitten im Stadtzentrum und ist als „Maharadscha Sawai Mansingh II Museum“ für die Öffentlichkeit zugänglich. Noch heute bewohnen Nachfahren der Herrscherfamilie einen Teil des Palastes und bei formellen Anlässen durchschreiten Familienangehörige in einer aufwendigen Prozession das große Tripolia-Tor der südlichen Stadtmauer.

Es ist nicht erstaunlich, dass neben den zahlreichen ausländischen Touristen vor allem indische Besucher den Palast bevölkern. Und natürlich bietet die eigentümliche Konstruktion, die man über allerlei Stufen und Treppen ersteigen kann, ein beliebtes Sujet für eine Million Selfies.

Ich hingegen, etwas schlapp in der Hitze, setze mich auf einen schmalen Absatz und starre durch eine gitterartige Öffnung auf die Welt hinaus, sehe alles, höre alles, rieche alles, so wie die Damen des Hauses vor langer Zeit. Und jetzt endlich begreife ich den unwiderstehlichen Reiz der Konstruktion. Sichtbar und verborgen zugleich.

Einfach genial.

 

 

Hawa Mahal
Von aussen ein grandioser Palast, aber eigentlich nur eine Fassade

Palast der Winde 1 Palast der Winde 2 Palast der Winde 3  Palast der Winde 4 Palast der Winde 5 Palast der Winde 6

 


 

The World Tourism Day

Wer weiss schon, dass es sowas wie einen World Tourism Day überhaupt gibt.

Riesige Plakate machen mich bereits auf dem Weg zum Museum darauf aufmerksam. Das will zwar nichts heissen, denn in unmittelbarer Nähe steht ein ebenso grosses Plakat, das auf ein ebenso unglaublich wichtiges Ereignis hinweist, das allerdings bereits vor gut zwei Jahren stattgefunden hat.

 

Central Museum
Albert Hall mit Central Museum

Spätestens vor dem Museum erkenne ich aber die Besonderheit des Tages. Riesige (das heisst in Indien wirklich etwas!) Schlangen von jungen Leuten stehen am Eingang oder breiten sich schon mal in alle Himmelsrichtungen aus. Damn it! Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich möchte einmal, ein einziges Mal, irgendwas besuchen, wo ich mich nicht durch dichte Trauben von anderen Besuchern durchkämpfen muss.

Und dann, beim Eingang, werde ich von einer bildhübschen jungen Dame in eng sitzender Uniform beiseitegenommen.

Ein besonderer Besucher

Sie begrüsst mich offiziell (!?) und hängt mir einen wunderschönen gelben Blumenkranz um den Hals. Ich bin ein wenig verdattert, weiss beim besten Willen nicht, was das soll, denn ich bin ganz offensichtlich der einzige Besucher, dem diese Ehre zuteil wird.

Eine Verwechslung? Glaubt die Dame, dass ich inkognito, also sozusagen in Verkleidung als etwas heruntergekommener, leicht verfilzter offizieller Vertreter der UNO-Organisation für Tourismus, hierher gekommen bin?

Wow. Gebauchpinselt, wenn auch leicht irritiert, betrete ich das Museum, und tatsächlich, wenn die Uniformierten am Eingang bei meinem Anblick auf die Knie gingen, wäre es nicht verwunderlich, auf jeden Fall verbeugen sie sich hoheitsvoll, und ich, ganz in der neuen Rolle aufgehend, schenke Ihnen ein huldvolles Lächeln.

 

World Tourism Day
Ganze Schulklassen feiern den World Tourism Day

Das Museum ist tatsächlich gestopft voll. Ganz kleine Kinder in ihren Kindergartenuniformen halten sich an den Schultern und gehen folgsam von einem Gemälde oder was auch immer zum nächsten, hören still und konzentriert den Ausführungen ihrer Lehrerin zu und machen alle Cheese, wenn es darum geht, das unvermeidliche Foto zu schiessen.

Die älteren hingegen, ganze Schulklassen, finden es – falls sie nicht gerade ein Selfie schiessen – zum Todlachen, wenn sie meine Blumenbekränzung entdecken. Ich bin sozusagen die Lachnummer des Tages, was mich allerdings wenig stört, also gebe ich Ihnen im besten Fall ein blasiertes Nicken zurück.

 


 

Das Central Museum

Im Süden der Stadt erstrecken sich auf über 145.000 m² Fläche die Grünanlagen des „Ram-Niwas-Parks“. Benannt nach Ram Singh (1816–1885), der von 1835 bis 1880 in Jaipur regierte und die Pläne für den Park selbst entwarf. Auf dem Gelände des Parks befindet sich die „Albert Hall“, die vom britischen Architekten Samuel Swinton Jacob (1841–1917) entworfen wurde.

Der in mehrjähriger Bauzeit ab 1867 errichtete Bau ist ein Stilmix aus zeitgenössischen britischen Vorbildern und indischer Architektur im Mogul-Stil. Er beherbergt das „Central Museum“, das neben einer ägyptischen Mumie insbesondere frühbuddhistische und hinduistische Skulpturen, Miniaturen aus Rajasthan, eine Waffensammlung, Textilien und Keramiken ausstellt.(Wikipedia)

 

Albert Hall Museum
Albert Hall Museum (Copyright By Ajit Kumar Majhi)

 


 

Ein Traum bleibt ein Traum

Die Hitze ist unvorstellbar an diesem Tag (so wie an jedem anderen vermutlich). Die kühlen Hallen des Central Museums bieten genau die richtige Mischung aus einem Luftzug und erstaunlich kühlen Böden.

Ich würde gerne allein, vielleicht an einem eiskalten Wintertag, wenn sich alle potentiellen Besucher am warmen Ofen versammelt haben (ziemlich unwahrscheinlich in dieser Gegend), durch das Museum schlendern, hie und da stehenbleiben, die einzigartigen Kunstwerke mit der gebotenen Ehrfurcht betrachten.

Denn das Museum verfügt über eine reiche Sammlung von Artefakten, darunter Gemälde, Schmuck, Teppiche, Elfenbein, Stein, Metallskulpturen und Werke aus Kristall[2]. Die Sammlung umfasst Münzen aus der Gupta-, Kushan-, Delhi-Sultanat-, Moghul- und britischen Periode.

Doch dieser Traum bleibt heute, was er ist, ein Traum. Es gibt Momente, wo ich in dichten Trauben von Besuchern steckenbleibe, wo es nicht mehr vorwärts noch rückwärts geht. Man gut daran, einfach tief Luft zu holen und den Moment zu geniessen. Auch das ist Indien.

 


 

Eine Illusion

Und trotzdem – vielleicht inmitten der Besucher, der lachenden und schwatzenden und Selfie-machenden Besuchern, spüre ich zum ersten Mal eine schwere Müdigkeit in den Knochen, in den Muskeln, im Kopf.

Doch es ist für einmal nicht die Hitze, es ist etwas anderes.

Wenn man auf eine Reise geht, lässt man eine Menge Probleme und anderen Mist zurück. Nicht alles, aber einiges. Eine Weile ist man überzeugt, ein anderer Mensch zu sein, einer mit Freiheit, mit Frieden und Ruhe.

Aber das ist eine Illusion.

Genauso wie zuhause steckt man knietief im Leistungsdruck, der uns Westlern mit der Muttermilch verabreicht wird. Und anstelle von Freiheit, Frieden und Ruhe rennt man weiter, kann gar nicht anders, und obwohl man es weiss und merkt, gibt man dem inneren Imperativ nach, von einem Ort zum nächsten.

Bis etwas geschieht, so wie heute,  von einem Augenblick zum anderen.

 


 

Dem Ende entgegen

Denn plötzlich weiss ich, dass meine Reise zu Ende ist, dass hier an diesem seltsamen Ort alles nochmals zusammenkommt, was die letzten Wochen ausgemacht hat.

Man spricht in der Oekonomie vom abnehmenden Grenznutzen, und genau so kommt es mir vor. Ich bin so voll von Eindrücken, dass jedes zusätzliche Gemälde, jede weltberühmte und einzigartige Kostbarkeit, jedes Schwert, das einst ein Mogul schwang, keinen zusätzlichen Nutzen mehr bringt, im Gegenteil. Es gefährdet durch das  Mehr, das Zuviel alles Bisherige.

Es würde mich mit einiger Sicherheit dazu bringen, schreiend das Weite zu suchen …

In der Konsequenz gehe ich mit langsamen Schritten zurück zu meinem Hotel, lege die müden Beine aufs Bett und lasse die letzten Wochen an meinem geistigen Auge vorbeiziehen …

 


 

PS Song zum Thema:  PJ Harvey – The Wind

 


 

Und hier geht die Reise weiter … zurück nach Delhi