Inhaltsverzeichnis

Teil I: Dädalus

  • Affengesicht
  • Die Frau imKäfig
  • Eine Schlange in der Dunkelheit
  • Carlucci
  • Der Drachen
  • Lollo
  • Spuren im Schnee
  • Gruß aus dem Jenseits
  • Ein guter Tag zum Sterben
  • Der lachende Mann
  • Zahn um Zahn

Teil II: Ikarus

  • Auf Wiedersehen, kleiner Mann
  • Der abgeschnittene Kopf
  • Magische Artefakte
  • Wenn man vom Teufel spricht
  • Auf der Flucht
  • Erster Angriff
  • Gespräche am späten Abend
  • Noch einmal Lollo
  • Ausschau nach dem Feind
  • Schach
  • Die Maske fällt
  • Die Fledermäuse
  • Das Geständnis
  • Totentanz
  • Der König der Lüfte
  • Epilog

Kapitel 1: Affengesicht

Es kostete ihn zwar einige Überwindung, doch Jaco versuchte ein herausforderndes Lächeln. Der Junge, der mit verschränkten Armen vor ihm stand, warf ihm einen abschätzigen Blick zu. „Dir wird das Lachen gleich vergehen, Affengesicht“, sagte er. Seine beiden Begleiter, mit einem Ausdruck kaum verhohlener Angriffslust in den Augen, grölten. Der größere der beiden, seinem flammendroten Haarschopf wegen Rübe genannt, überragte Jaco um mehr als einen halben Kopf.

„Selber Affengesicht!“ Jacos Stimme war rau, und sie zitterte ein wenig, doch niemand bemerkte es. Immerhin. Sein Herz pochte laut unter seinen Rippen, das Atmen fiel ihm immer schwerer. Alles in allem, dachte er, erschien ihm die Aussicht, aus dieser Situation heil herauszukommen, höchst zweifelhaft.

„Gib’s ihm, Olin!“, rief der Rotschopf. „Dieses Mal entkommt er uns nicht.“

„Nur Geduld, Rübe! Lasst uns die Sache genießen“, höhnte Olin. Der Rotschopf grunzte beifällig, während der dritte, etwas kleiner als die beiden anderen, verächtlich vor Jacos Füße spuckte. Seine bullige Gestalt ließ erahnen, dass auch er ein nicht zu unterschätzender Gegner war.

„Du riskierst eine große Klappe. Mein Vater sagt, Leute wie du gehören nicht hierher. Man sollte sie zum Teufel jagen.“

Mit Mühe verkniff sich Jaco ein wütendes Schnauben. Olin natürlich, wie immer. Er war weder größer noch kräftiger, und in einem fairen Zweikampf würde er ihn mühelos besiegen, doch als Sohn des Bürgermeisters konnte er auf eine erstaunliche Anzahl williger Helfershelfer zurückgreifen, die nur darauf warteten, ihre Ergebenheit zu zeigen. Seine großen blauen Augen, von blonden Wimpern bekränzt, lagen in einem engelhaften Gesicht. Wäre da nicht dieser kalte unbarmherzige Blick gewesen, den Jaco zu fürchten gelernt hatte.

Während er angestrengt nachdachte, verstärkte sich das flaue Gefühl in seinem Magen. Er wusste, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb. Bei der letzten Auseinandersetzung hatte er eine kleine Unaufmerksamkeit nutzen können, doch dieses Mal sah er weit und breit keine Lücke in ihrer Front. Sie hatten sich den richtigen Ort ausgesucht, einen Hinterhof, der zu einem verschlossenen Tor führte. Zwar konnte er mit ein bisschen Glück mit ein paar Schrammen davonkommen, doch aus der Miene seiner Gegner musste er schließen, dass er nicht mit Gnade rechnen durfte.

Olin musterte ihn, als wüsste er genau, was in Jaco vorging. „Also, jetzt bist du dran! Du bist ganz allein, und so, wie ich es sehe, hast du keine Chance.“ Er musterte Jaco mit offensichtlichem Widerwillen, während er vorgab, ein Gähnen zu unterdrücken. „Eigentlich ist es schade um die Zeit, aber da wir schon mal hier sind … Willst du dich wehren? Oder wegrennen wie das letzte Mal?“

„So viele sind nötig, um gegen mich zu kämpfen?“, fragte Jaco kühl. Sein Blick ging unablässig nach links und rechts, immer noch in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden.

„Nein“, erwiderte Olin, „aber es macht mehr Spaß.“

Wieder das Grölen.

„Wir warten.“

„Feiglinge“, sagte Jaco ruhiger, als er sich fühlte. „Du kommst dir wohl ziemlich stark vor mit deinen Leibwächtern?“

„Klappe!“, blaffte der Rotschopf.

„Rattenarsch!“, grunzte der dritte. „Du wirst quieken wie ‘ne Sau!“ Die Anstrengung, auf den Angriff warten zu müssen, erforderte offensichtlich alle seine Selbstbeherrschung.

Nicht antworten. Ruhig bleiben.

Zumindest schien es Jaco, als hätte er sich in den bisherigen Auseinandersetzungen ganz gut geschlagen, und liebend gern hätte er ihnen noch einmal gezeigt, dass er kein Feigling war. Schlag doch, na komm … schlag zu …

Sie machten einen Schritt, doch Jaco wich nicht zurück. „Ah, du willst also kämpfen. Das ist noch besser. Nicht wahr, Jungs?“, rief Olin. Die Antwort war ein Lachen, ein zweistimmiges schrilles, überdrehtes Lachen. Er stupste Jaco mit dem Zeigefinger in die Rippen, giftig, schmerzhaft.

Das wird kein gutes Ende nehmen.

„Meine Fresse!“, kreischte der Rotschopf, „machen wir ihn endlich fertig!“

„Schwachkopf!“, knurrte Jaco. In ihm stieg die Wut hoch. Aufgebracht schlug er Olins Hand beiseite und, die Fäuste ballend, bereitete er sich auf den ersten Schlag vor. Seine Gedanken rasten … er konnte versuchen, ihre Phalanx zu durchbrechen, aber der Ring um ihn herum war geschlossen … oder als erster angreifen und versuchen, ihre Überraschung zu einer schnellen Flucht zu nutzen … oder aber … In diesem Augenblick hatte er eine Idee, vielleicht nicht die beste, und sie trug ein großes Risiko in sich, aber es war die einzige. Ein Hoffnungsfunke flammte auf. Er senkte die Fäuste.

„Du gibst auf? Mir soll’s recht sein …“ Olin grinste. „Zeit für ein letztes Gebet.“

Jaco sah das triumphierende Glänzen in seinen Augen, und während Olin noch überlegte, wohin er ihm zuerst eine reinhauen sollte, beugte sich Jaco zurück, bis sein Hinterkopf die Wand berührte, schnellte mit dem Gewicht seines ganzen Körpers nach vorne und knallte seine Stirn mitten ins Gesicht seines Gegners.

Es knackte kurz und trocken, als Olins Nase brach. Er fiel mit einem Schrei auf die Knie. Es war totenstill geworden. Die anderen Jungen standen reglos da und starrten mit offenem Mund auf ihren Anführer, der am Boden kauerte, die Hände wimmernd auf sein Gesicht gedrückt. Ein dünnes rotes Rinnsal tropfte zwischen seinen Fingern hindurch in den Dreck.

Das war die Chance. Mit einem Sprung schnellte Jaco über Olin hinweg und rannte mit Riesenschritten die Gasse hinunter.

 

Er war sich bewusst, dass er höchstens ein paar Minuten Vorsprung hatte. In seinen Schläfen hämmerte der Puls, während er sich in einem Hauseingang eine Verschnaufpause gönnte. Die Hoffnung, dass die Überraschung über den unerwarteten Ausgang der Schlägerei seine Gegner für eine Weile ruhigstellen würde, wurde enttäuscht. Es verging kaum eine halbe Minute, da hörte er das empörte Kreischen der Bande, und schon tauchte der Rotschopf am oberen Ende der Gasse auf, dahinter der nicht weniger gewandte Dritte im Bunde.

Wenn sie ihn erwischten, würde es ihm schlecht ergehen. Eine gebrochene Nase war mehr als die übliche Rauferei, es war eine Kriegserklärung. Er stutzte, als er aus der Ferne den Klang von Trommeln und Orgeln und die Rufe eines Mannes vernahm, der seine Waren anpries. Der Jahrmarkt! Jetzt erst bemerkte er die Leute, die in Scharen in Richtung des Marktplatzes strömten. Rasch drückte er sich zwischen den gemächlich dahin schlendernden Leuten durch. Er hatte erwartet, inmitten des Getümmels mit Leichtigkeit ein Versteck zu finden, einen Marktstand oder einen Vorhang, hinter dem er sich verkriechen konnte, doch mit Ausnahme eines Stapels Kisten sprang ihm nichts ins Auge. Mit einem kräftigen Sprung hüpfte er dahinter, die Rufe seiner Verfolger bedrohlich nah, und zog den Kopf ein. Für einen bangen Augenblick glaubte er, ihre Schatten auf dem Versteck zu spüren, doch es waren nur zwei Männer, die sich über einen dritten lustig machten und mit meckerndem Lachen von dannen zogen.

Nach ein paar Minuten, als er sich endlich sicher fühlte, wagte er aufzuatmen. Und nun spürte er auch die pochenden Schmerzen an seiner Stirn und die Beule, die sich darauf abzeichnete. Vielleicht war der Kopfstoß, den er Olin versetzt hatte, doch nicht die beste Idee gewesen. Doch bei der tröstlichen Erinnerung an das Knacken von Olins brechender Nase wurde ihm warm ums Herz.

„Was machst du da?“, fragte eine helle Stimme.

Jaco schaute verdattert auf. Ein junges Mädchen betrachtete ihn vorwurfsvoll. Auf ihrer Schulter saß ein buntgefiederter Vogel, der unruhig um sich blickte. „Es gibt nichts zu stehlen bei uns.“

„Was?“

„Hörst du schlecht? Ich sagte, dass es nichts zu stehlen gibt.“

Jaco schnappte nach Luft. „Zu stehlen? Was fällt –“

Sie unterbrach ihn mit einer herrischen Handbewegung. „Du solltest dich schämen!“

Jaco merkte, wie das Blut in seine Wangen schoss. „Das ist doch die Höhe! Ich habe mich hier bloß –“

„Sei still! Du machst alles nur noch schlimmer.“

Bevor er zu einer scharfen Entgegnung ansetzen konnte, ertönte ein Krächzen. Gauner! Der Vogel starrte ihn aus seinen kleinen listigen Augen an. Das Gefieder zuckte. Spitzbube! krächzte er, Vagabund! Dieb!

Das war zuviel. Das Mädchen trat einen Schritt zurück und verschränkte spöttisch die Arme vor der Brust. Erst jetzt bemerkte er, dass ihr Gesicht weiß eingestäubt und die Lippen in einem schwachen Himbeerrot nachgezogen waren.

„Nur weil ich mich hier versteckt habe, bin ich noch lange kein Gauner.“

„Bist du doch!“

„Bin ich nicht!“

„Wieso musst du dich verstecken? Hast du was ausgefressen?“

Jaco beschloss, die unverschämte Göre zu ignorieren, klopfte sich den Staub von der Hose und wandte sich zum Gehen.

„Nicht so schnell!“, befahl sie und griff nach seinem Arm.

„Jetzt ist’s aber genug! Lass mich sofort los, sonst werde ich wirklich –“

Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter und zog ihn herum. Vor ihm stand ein ungewöhnlich aussehender, wettergegerbter Mann. Sein Körperbau verriet nicht nur geballte Kraft, er schien aus Granit zu sein. Trotz seiner durchschnittlichen Körpergröße wirkte er riesig, mit quadratischen Schultern und mächtigen Oberarmen.

„Gorgon!“, sagte das Mädchen. „Du kommst gerade recht. Ich glaube, dieser Bursche wollte uns bestehlen.“

„Das stimmt nicht!“, rief Jaco. „Ich wollte mich bloß verstecken. Lassen Sie mich in Ruhe!“ Er starrte noch einen Augenblick in das narbenübersäte Gesicht des Mannes, dann duckte er sich und wollte sich mit einem Sprung aus dem Staub machen. Er hatte keine Chance. Bevor er es sich versah, baumelte er in der Faust des Mannes, der ihn wie einen Sack Mehl hochhielt.

„Geschieht dir recht“, lachte das Mädchen. „Jetzt hast du den Salat!“

Gauner! Vagabund! Dieb!

„Lassen Sie mich los! Ich habe nichts getan“, keuchte Jaco und versuchte mit aller Kraft, sich aus dem stählernen Griff zu befreien, doch vergeblich. Je mehr er sich bemühte, desto breiter wurde das Grinsen des Mannes.

„Falls du es noch nicht bemerkt hast – das ist unser Kraftmensch“, sagte das Mädchen stolz. „Er kann sogar ein Pferd hochheben.“

„Was ist denn hier los?“, fragte jemand, der sich unbemerkt genähert hatte. Jaco hörte auf zu strampeln und blickte in die schwärzesten Augen, die er je gesehen hatte. Der Mann war großgewachsen, zumindest auf den ersten Blick, denn seine hagere Gestalt und seine Kleider ließen ihn größer aussehen, als er tatsächlich war. Er trug ausgebeulte schwarze Hosen, die bis über die Knöchel seiner Stiefel reichten, einen dunkelblauen Kittel und auf dem Kopf einen hohen, spitzkegligen Hut.

„Ich habe ihn erwischt“, sagte das Mädchen stolz. „Ein Dieb! Sicher einer dieser Dorflümmel.“

„So, so“, sagte der Mann, ein spöttisches Lächeln um seinen Mund. „Ein Dorflümmel also. Bist du das wirklich? Oder übertreibt die gute Serafina wieder mal?“ Er sprach langsam und gedehnt, als müsste er jedes Wort sorgfältig abwägen. „Der Junge sieht nicht besonders gefährlich aus. Lass ihn runter!“

Gorgon, der Jaco immer noch in seinem ausgestreckten Arm hielt, als wäre er ein räudiger Kater, öffnete die Faust und verschwand leise lachend um die Ecke. Jaco stolperte auf die Beine. „Wie heißt du denn, mein Junge?“ Die Stimme des Mannes war wohlklingend, wenn auch dunkel und voll unterdrückter Kraft. „Ich bin Caligari, der Zauberer, und dieses hübsche Mädchen hier ist Serafina. Also, wie heißt du?“

„Jaco. Und ich bin nicht Ihr Junge!“

„Na, na, nur keine Aufregung! Was willst du hier?“

„Das ist doch klar!“, rief das Mädchen. „Er will –“

Caligaris tadelnder Blick ließ sie schweigen. „Also?“

„Ich musste mich verstecken. Jemand war hinter mir her.“

„Jemand?“

„Ein paar Burschen. Sie wollten mich verprügeln.“

„Und weswegen?“ Caligari grinste. Die Sache machte ihm offensichtlich großen Spaß.

Jaco druckste herum, bevor er antwortete. „Sie nennen mich Affengesicht. Oder Zigeuner. Und wenn sie mich sehen, fallen sie über mich her. Aber heute habe ich mich gewehrt“, fügte er stolz hinzu.

„Zigeuner? Das verstehe ich nicht.“

„Ist ja auch egal“, knurrte Jaco. Seine Wangen waren rot angelaufen.

Caligari strich nachdenklich über seinen Schnauzbart. „Ich verstehe. Darf ich dir einen Rat geben? Wenn du sie wirklich loshaben willst, ein für alle Mal, dann musst du ihnen zeigen, dass du keine Angst hast und dass es jedem schlecht ergeht, der sich mit dir einlässt. Wie du das anstellst, überlasse ich deiner Phantasie. Klar? Einmal zuschlagen, aber richtig.“ Er lächelte komplizenhaft und klopfte ihm auf die Schultern. „Und nun erzähle uns mehr von dir! Wo wohnst du? Gehst du zur Schule?“

Während Jaco die Fragen des Zauberers zögernd beantwortete, trat das Mädchen nahe an ihn heran. Ein kaum wahrnehmbarer Duft von Vanille lag in der Luft. Doch sie hatte anscheinend nicht vor, so schnell aufzugeben. „Er wollte uns bestehlen und erzählt nun irgendeine erfundene Geschichte, also was –“

„Du musst Serafina entschuldigen, sie übertreibt manchmal“, sagte der Zauberer und sah sie streng an. „Das kommt davon, wenn man die Tochter des Direktors ist. Dabei ist sie eigentlich ein liebes Kind, das kannst du mir glauben … Du wohnst also allein. Und wovon lebst du?“

„Ich arbeite in einem Wirtshaus.“

„Dann brauchst du auch nicht zu stehlen!“, spitzte Serafina zu.

„Ich habe nicht gestohlen!“, schnaubte Jaco. „Wann begreifst du das endlich?“ Sie verschränkte die Arme. „Was habe ich gestohlen? Los, zeig‘s mir!“

„Sachte!“, sagte Caligari, „Serafina, dein Sinn für Gerechtigkeit in allen Ehren, aber hier haben wir es offenbar mit einem besonderen Fall zu tun.“

„Ein besonderer Fall?“, rief das Mädchen entrüstet.

„Ich denke schon. Also, mein junger Freund, ich glaube dir. Und um dich für unser anfängliches Misstrauen zu entschädigen, laden wir dich an die nächste Vorstellung ein. Aber ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Du stellst dich ganz vorne hin, direkt vor den Vorhang, und was immer geschieht, lass es geschehen, klar?“

 

Ein paar Sekunden, nachdem die Uhr am nahen Kirchturm zwei Uhr geschlagen hatte, brauste ein höllisches Getöse aus Trompetenstößen und Trommeln über den Jahrmarkt. Im Nu drängten sich die Zuschauer in dichten Reihen in der Mitte des Marktplatzes. Farbige Wimpel flatterten im Wind, und an einer rot bemalten Stange hing eine Fahne, auf der in großen Lettern Zirkus Magico geschrieben stand. Das erwartungsvolle Gemurmel verstummte, als die Vorhänge zur Seite glitten.

Auf der linken Seite stand ein halbnackter Mann, auf seinem riesigen Schädel trug er einen weißen, mit kleinen Vögeln verzierten Turban. Ihm gegenüber blies ein Zwerg falsche Töne aus einer Kindertrompete und hämmerte gleichzeitig voller Eifer auf eine zerbeulte Trommel ein. Er trug eine unförmige rote Nase, und seine Schuhe, die unter einer grässlich karierten gelben Hose hervorlugten, wären auch einem Riesen ein paar Nummern zu groß gewesen. Beim letzten Ton hüpfte ein kleiner spitzbäuchiger Mann hervor. Mit einer eleganten Bewegung zog er den schief sitzenden Zylinder vom Kopf und enthüllte volles weißes Haar, das er glattgekämmt und mit einem sauber gezogenen Scheitel trug.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, verehrtes Publikum, liebe Kinder“, hob er an, „ich möchte Sie im Namen der Künstler begrüßen und Sie zur Teilnahme an unserem absolut einmaligen Programm einladen. Ich habe das große Vergnügen, Sie mit unseren Attraktionen bekannt zu machen. Nie zuvor in der Welt des Zirkus hat man eine derartige Kombination von Können, Anmut und Eleganz gesehen.“ Das Publikum lachte über den kleinen Mann, der seine Begeisterung so unverhohlen zeigte. „Doch keine langen Reden mehr“, sagte er, „Lasst uns beginnen!“

Der Zwerg legte das Instrument weg und sagte die erste Nummer an. Die Zuschauer zuckten zusammen. Die Stimme war nicht nur laut, sie klang tief und misstönend, wie das Timbre eines falsch gestimmten Blasinstruments.

Jetzt erwachte der halbnackte Mann zum Leben und griff nach einer Fackel. Sekunden später tropfte Harz auf den Boden, eine gelbschwarze Rauchfahne stieg in den Himmel, verfolgt von unzähligen Augenpaaren. Im nächsten Augenblick zuckte eine Flamme aus seinem Mund, begeistertes Klatschen begleitete sie auf dem Weg in die Wolken.

Im Verlauf der nächsten Stunde wurde dem Publikum ein Leckerbissen nach dem anderen präsentiert. Die Zuschauer waren hingerissen, und der Applaus am Ende der einzelnen Nummern schwoll zu einem Orkan an. Jaco ließ sich durch die Begeisterung mitreißen, doch er blieb wachsam und warf immer wieder einen Blick über die Schulter. Es war nicht ausgeschlossen, dass ihm seine Verfolger noch immer auf den Fersen waren.

Der Direktor, der die nächste Nummer ankündigte, holte Jaco zurück zur Vorstellung. „Meine Damen und Herren“, sagte er gedämpft, „wir werden nun das besondere Vergnügen haben, die unnachahmlichen Fähigkeiten Madame Olgas zu genießen. Doch bevor wir beginnen, ein paar Worte zu der außergewöhnlichen Künstlerin, deren Gegenwart Sie in wenigen Minuten entzücken wird.” Er brach ab und blickte ernst zum Himmel.  „Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte, ist leider wahr. Die kleine Olga litt in ihrer Kindheit an Albträumen, die sie manchmal für Tage nicht schlafen ließen. Ihre Mutter pflegte an ihrem Bett zu wachen, wenn es besonders schlimm war, doch stellen Sie sich ihr Entsetzen vor, als das Kind eines Tages, in schläfriger Trance, unvermittelt zu sprechen begann und vor einer Reise warnte, die ihnen allen den Tod bringen würde … Madame wusste, was zu tun war. Sie sagte die Reise gegen den Willen ihres Mannes ab, und war glücklich und traurig zugleich, als man nach einigen Wochen von einem schrecklichen Unglück berichtete, das mehreren Reisenden den Tod gebracht hatte.” Erneut legte der Direktor eine bedeutungsschwere Pause ein. „Bitte, meine Damen und Herren, begrüßen Sie sie mit einem warmen Applaus!“

Jaco zog überrascht die Brauen hoch, als ihm abseits der anderen Zirkusleute eine Frau ins Auge fiel, die mit gesenktem Kopf auf einem Stuhl saß, umgeben von einer Aura, die sie wie ein unsichtbarer Mantel aus etwas Dunklem, Zerbrechlichem einhüllte. Sie war um die vierzig, klein und zart, in schwarzen Samt gekleidet. Das Haar fiel über ihr Gesicht, auf dem eine leichenhafte Blässe lag. Unter dem getuschelten „Oh!“ und „Ah!“ der Zuschauer trat sie langsam nach vorne und machte es sich in einem mit bordeauxrotem Plüsch bezogenen Sessel bequem.

„Meine Damen und Herren, den folgenden Herrn brauche ich Ihnen nicht vorzustellen. Hier kommt Caligari!“

Grabesstille machte sich breit. Aus der Seitenwand löste sich eine Gestalt. Jaco hielt unwillkürlich den Atem an. Bis jetzt hatte ihm die Vorstellung Spaß gemacht, doch nun beschlich ihn ein eigenartiges Gefühl des Unbehagens.

Die Worte des Zauberers schnitten, melodisch und messerscharf zugleich, durch die Grabesstille, die mit einem Mal wie eine dunkle Wolke über den Zuschauerreihen lag. „Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie und schlage Ihnen vor, uns ins Labyrinth verschlungener Wege, in die geheimnisvolle Welt des Okkulten, in die mystische Sphäre des Übersinnlichen zu begleiten!“

Das Spektakel begann. Mit einer leichten Verbeugung vor der Hellseherin hob er den Kerzenhalter auf Augenhöhe und begann in einer fremdländischen Sprache zu murmeln, bis ihr Kopf auf die Brust sank.

„Gut, so lasst uns beginnen … Olga, bist du bereit, meine Fragen zu beantworten?“ Sie nickte langsam. „Olga, sag mir doch bitte den Vornamen des Herrn ganz links in der ersten Reihe!“

„Er heißt Adalbert.“

Ihre Antworten klangen teilnahmslos, sehr leise, fast ein Flüstern. Während der Zauberer weitere Fragen stellte und Olgas Antworten anfangs zögernden, dann immer heftigeren Applaus auslösten, stellte sich Jaco auf die Zehenspitzen, um einen Blick hinter die Vorhänge zu werfen. Eine Dame formulierte stockend eine Frage nach ihrem verstorbenen Gatten, doch er hörte nicht mehr hin, denn zwischen den Tüchern hindurch zeigte sich ein Mädchen. Ihre Augen huschten aufmerksam über das Publikum.