Von Mysore nach Madikeri

Es ist seltsam. Immer, nach überstandener Krise, merkt man, wie sehr das eigene Wohlbefinden vom Körper abhängt. Wir sind nicht nur Geist – wie wir gerne hätten und manchmal auch glauben – sondern auch Körper. Sobald was nicht stimmt, ist alles andere ohne Bedeutung. Wie sagt man so schön: Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.

Doch wenn alles wieder funktioniert – wie an diesem wunderbaren hellen Morgen in Mysore im südlichen Indien – spürt man eine Art Wiedergeburt.

Ich sitze hier auf der Terrasse eines Erstklasshotels (man wird ja vorsichtig, obwohl die Erfahrung zeigt, dass auch teure Etablissements nicht vor bösen Keimen im Essen oder Trinken gefeit sind) und fühle mich prächtig.

Und fit für die nächsten Tage. Dem Toast mit der grässlich farbigen Marmelade sehe ich zwar anfänglich noch mit Misstrauen und Zurückhaltung entgegen, doch alles ist in Ordnung. Der Himmel ist hell und blau, die Luft, obwohl sogar hier oben abgasgeschwängert, riecht sauber und gesund, der Lärm der Strasse klingt nach Mozart.

So läuft das.

Irgendwann erwacht man am Morgen und weiss, dass es vorbei ist.

Farben in Mysore

Ich bin noch einmal durch die Strassen spaziert, ganz langsam, und erinnere mich an meine erste Reise. An den riesigen Markt, die Augen geblendet von den vielen Farben, grün, rot, gelb, orange, blau, in allen Tönen, daneben Früchte, bekannte und unbekannte, in ebenso unterschiedlichen Farben. Einfach ein Fest für die Sinne.

Farben, Farben, Farben ...

Jede Schattierung von Farben

Gemüse und Früchte

… und Gemüse und Früchte …

Endlose Kurven nach Madikeri

Der Bus (das alte Hochgefühlt beim Busfahren stellt sich ein) nimmt die endlosen Kehren in die Höhe nach Madikeri hinauf mit bemerkenswerter Aggressivität. Jeder Postautofahrer in der Schweiz hätte spätestens nach einer halben Stunde die erste Herzattacke, aber solange man nicht nach vorne schaut und die zahlreichen knappen Momente nicht mitbekommt, ist die Fahrt ein Genuss.

Die Strecke ähnelt ein wenig den Passstrassen in der Schweiz, allerdings mit mehr Löchern auf dem Asphalt, weniger Absicherungen auf der Seite des Abgrunds. Dichte Wälder mit Eukalyptus-Bäumen gleiten vorbei, lange geht es geradeaus, dann beginnt die Steigung, die uns bis fast 1800 Meter hinauf ins einstmals lauschige Bergdorf bringt.

Manchmal – vor allem bei diesen unendlich langen Busfahrten, wenn ich zur Abwechslung mal nicht an meinem Roman herumstudiere – kommt alles hoch, was im normalen Leben in die zugehörige Schublade gesteckt wird. Man hat Zeit und Musse und Gelegenheit und so kommen sie dann, die Gedanken und Gefühle, Schritt um Schritt nähern sie sich der Oberfläche, bis man nicht mehr ausweichen kann. Und dann begegne ich Episoden aus der Vergangenheit, die ich glaubte, vergessen zu haben. Die ich glaubte, mit Gleichgültigkeit überwunden zu haben.

Aber so ist es nicht. Nichts ist je vergessen.

Ein lauschiges Bergdorf?

Aus dem lauschigen Bergdorf Madikeri ist eine 30‘000 Seelen-Stadt geworden, die mich anfänglich etwas an Ooty erinnert, aber beim genaueren Hinsehen doch etwas besser wegkommt. Immerhin gibt es ein paar ganz interessante Strassen und Gassen und ausserdem einen wirklich schönen Wochenmarkt, wo Früchte, Gemüse und allerhand Kram angeboten wird. Die Umgebung ist das wahre Ziel und ich kann mir gut vorstellen, dass das ursprünglich geplante Trekking eine grosse Freude gewesen wäre. Aber es hat nicht sollen sein …

Markt in Madikeri

Früchte- und Gemüsemarkt

Markt

Allas da und noch viel mehr

Heilige Kühe

Auch die heiligen Kühe sind glücklich

Markt draussen

Ein lebhaftes Durcheinander

Tomatenstand

Wenn ich bloss Tomaten gerne hätte …

Beim Abendessen, bei dem ich feststelle, dass sich beim Anblick indischen Essens momentan keine Hurragefühle mehr einstellen, gesellt sich ein deutsches Ehepaar an meinen Tisch. Schnell entwickelt sich eine lebhafte Diskussion über das Leben, das Reisen, das notwendige Geldverdienen (in ihrem Fall als Tauchlehrer in Mallorca). Wir Vielgereisten wissen allerhand auszutauschen, an Erlebnissen, Erkenntnissen, Abenteuern, an Träumen und Plänen für die Zukunft. Wie wir uns doch alle gleichen …