Hsipaw – Ein unbekanntes Geräusch

Eine Springflut vom Himmel

Ein Geräusch weckt mich mitten in der Nacht auf. Ein Art Grollen wie aus dem Rachen eines urzeitlichen Ungeheuers, ein dumpfes Tosen, ein Dröhnen auf dem Dach. Auf jeden Fall etwas, was nicht zum üblichen Geräuschpegel Hsipaws gehört. Es ist tatsächlich – Regen. Natürlich nicht einfach Regen, so, wie wir ihn kennen, oh nein, es ist eine Springflut, eine Lawine aus Wasser, die sich aus dem schwarzen Himmel stürzt. Fast ein bisschen unheimlich. Aber Regen im November?

Hier ist alles möglich, auch Regen im November. Einerseits ersehnt, aber auch gefürchtet, denn niemand weiss, ob er ein Geschenk oder ein Unglück bedeutet. Aber ich fühle mich in Sicherheit, im trockenen Zimmer, in der wohligen Wärme des Bettes.

Erinnerungen tauchen auf im Halbschlaf. An eine Nacht in Bihar, im Norden von Indien. Der erste Regen seit Monaten. Die anfänglichen zarten Tropfen auf dem Dach des VW-Busses, überraschend und unerwartet, dann plötzlich, als würde der Himmel einstürzen, eine Flut und ein Tosen wie beim Weltuntergang. Und dann, tatsächlich, welche Überraschung – das Dach ist leck, und wir werden nass ..

Spuren des nächtlichen Überfalls

Auf jeden Fall sind die Spuren des nächtlichen Überfalls auch am Morgen noch zu sehen. Überall tiefe Pfützen, in denen Kinder herumplatschen und die Motorradfahrer vorsichtig umfahren. Aber die Luft, mein Gott, sie riecht so wunderbar sauber und würzig. Fast fühlt man sich auf einer Alp in den Bergen. Auf jeden Fall eine erstmalige Erfahrung im dieselgeschwängerten Myanmar.

Mädchen
Mädchen mit Bananen

Abschied von Hsipaw

Anyway, es gilt Abschied zu nehmen. Vom herzlichen Personal in Lily’s Hotel, von Greg, meinem temporären Kumpel aus Wisconsin, mit dem ich während der letzten Tage viele Stunden mit Diskutieren, Lachen und Trinken verbracht habe. Das sind die eher bedrückenden Augenblicke dieser Reisen: man lernt viele interessante Menschen kennen, wird schon beinahe zu Freunden – und nimmt wieder Abschied im Bewusstsein, dass man sich mit grosser Wahrscheinlichkeit nie mehr wiedersehen wird. Daran muss man sich gewöhnen.

Oder die englische Dame an der Reception, eben am Einchecken, die sich schreckliche Sorgen um die Brexitabstimmung macht. Meine Versuche, sie zu beruhigen, bleiben ohne Erfolg (und wie man jetzt im Nachhinein weiss, waren ihre Sorgen berechtigt).

Einsilbige Unterhaltung

Dann also auf den Weg. Man zwängt uns in ein Sammeltaxi, umgeben von Burmesen aller Altersklassen bin ich mal wieder der einzige Ausländer. Die Unterhaltung wird also wieder etwas einsilbig werden. Ist mir aber egal, ich döse vor mich hin, während es draussen wieder in Strömen pisst. Immerhin benutzt der Chauffeur den Scheibenwischer, nicht wie damals in den Anden, als der Chofer aus Gründen der Batterieschonung seinen Scheibenwischer auch dann nicht einsetzen wollte, als der dichte Schneefall seine Sicht vollkommen zukleisterte.

Der übliche Stop im Niemandsland

Ich liebe diese Stops irgendwo im Niemandsland. Es gibt keine bessere Möglichkeit, die Mentalität eines Volkes aus der Nähe zu erfahren. Wie die Leute miteinander umgehen. Wie sie einkaufen, essen, trinken. Wie sie ihre Müdigkeit zeigen oder verbergen. Ob sie freundlich miteinander umgehen. Oder misstrauisch.

Es lohnt sich, genau hinzusehen.

A stop in No Man's land
Tausendundein Stop im Nirgendwo
Essen unterwegs
… und tausendundein Restaurant unterwegs

Die Momente gegenseitigen Verstehens

Aber manchmal ergeben sich trotz der sprachlichen Barrieren diese kleinen feinen Momente des gegenseitigen Verstehens. Neben mir sitzen zwei ältere Damen, völlig stumm (was im übrigen auf den ganzen Bus zutrifft), nur manchmal flüstern sie sich ein paar Worte zu, wühlen in den Untiefen ihrer Taschen, nehmen gelegentlich eine Kleinigkeit zum Futtern hervor.

Und einmal, nach vielleicht vier Stunden, stecken sie mir eine Handvoll Süssigkeiten zu, einfach so, mit einem dieser breiten Lächeln, wie man sie hier sehr oft sieht. Wunderbar. Ich bin gerührt und weiss plötzlich wieder, welchen Zauber diese Länder haben, und – was wir alles verloren haben.

Swiss Chocolate, oh yes!

Später setzt sich ein alter, verschrumpelter, jedoch sehr würdevoller Mann neben mich, er trägt einen Heisenberg-Hut wie Walter White in Breaking Bad. Er verhilft mir zur Gelegenheit, mich zu revanchieren, indem ich nun ihm etwas schenke, auch Süssigkeiten, das letzte Stück Schokolade aus der Schweiz. Er nimmt es genauso würdevoll entgegen, nickt mir zu, kaut, nickt erneut. Swiss Chocolate, oh yes!

PS Song zum Thema: The Cult – Rain

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