Bye-Bye Vientiane

Der Bus nach Savannakhet startet um Punkt 7, also kein Frühstück, dafür Hetze, denn der Hotelmanager lässt mich erst gehen, wenn er das Zimmer gecheckt hat. Wahrscheinlich glaubt er, dass ich ihm seine billigen Bettanzüge klaue.

Die Strassen sind, wen wundert’s, noch verschlafener als tagsüber, also totenstill. Kein Mensch zu sehen. Es ist Sonntag, also irgendwie verständlich. Eine Reise von knapp 500 Kilometern wartet auf mich, in Laos umgerechnet mindestens 10 Stunden Fahrt. Wunderbar! Das sind für mich die Höhepunkte jeder Reise, und immer, wenn wir uns dem Ziel nähern, sehne ich mich danach, einfach weiterzufahren, endlos, immer weiter.

Stopp

Irgendwo ein Stopp

Bis ans Ende der Welt

Keine Ahnung, warum das so ist.

Am Busbahnhof werde ich sozusagen schon erwartet. Alles geht ruckzuck, mein Rucksack wird verladen. Das langweilige Bild der herumstehenden, grösstenteils noch im Halbschlaf versunkenen Leute wird massiv aufgehellt durch eine laotische Schönheit, die still und irgendwie entrückt auf die Abfahrt wartet. Sie trägt ein paar Schlabberhosen, die perfekt zum weinroten Pulli passen und ihre schlanke Figur betonen. Und das alles an einem frühen Sonntagmorgen. In Laos!

Laotische Schönheit

Entrückt am frühen Morgen

Die Welt im Auge des Beobachters

Einmal mehr bin ich der einzige Ausländer im Bus, es wird also wieder einer dieser wortkargen bis wortlosen Tage werden. Die Passagiere  machen nicht den Eindruck, als würden sie sich für einen Touristen interessieren, also mache es mir an meinem Fensterplatz gemütlich: Wasser, Essen, Tagebuch, Kamera, Handbuch, Jacke.

Auf dem Sitz vis-à-vis sitzen zwei gut gekleidete Jungen mit seltsam ernsten Gesichtern, kein Lachen, den Blick geradeaus gerichtet. Ich würde mich gerne mit ihnen unterhalten, sie nach dem Woher und Wohin fragen, den Grund für ihr seltsames Verhalten herausfinden. Aber dazu wird es nicht kommen. Dafür fängt die Phantasie an zu arbeiten. Sind sie vielleicht auf dem Weg zu Verwandten (die sie nicht mögen)? Oder zur Schule, wo sie sich nicht wohlfühlen? Hätten sie lieber das Flugzeug genommen und nicht diesen heruntergekommenen Bus? Sind sie Waisen? Sind sie Brüder? Warum so ernst?

Ich werde es nie erfahren.

Keine Häuser, kein Dorf, keine Strassen

Bei jedem Stopp verlassen die Leute den Bus, lockern ihre Muskeln oder pissen ins Gebüsch. Ein paar haben ihr Ziel erreicht, wobei es schwierig ist, sich vorzustellen, wo sie hingehen. Keine Häuser, kein Dorf, keine Strassen.

Dafür steigen andere ein, der Bus ist voll. Es ist heiss geworden, sehr heiss, und nur der Fahrtwind durch das offene Fenster bringt etwas Erleichterung. Manchmal nicke ich ein, erwache mit schwerem Kopf, wende mich wieder der Welt zu, die vor dem Fenster vorbeizieht. Die Gegend wird nun trockener, die weidenden Tiere magerer. Wo sollen sie auch etwas zum Fressen finden?

Trip dem Mekong entlang

Ein langer Trip dem mekong entlang nach Süden

Das Handbuch weiss auch nicht viel mehr über diese Region. Sie ist nicht sehr attraktiv, wüstenähnlich verbrannt, menschenleer, also genau nach meinem Geschmack. Dann und wann trinke ich einen Schluck, esse etwas Brot, kaufe mir beim nächsten Stopp eine Tüte Pommes Chips, die sofort vertilgt wird.

Wir folgen dem Mekong, der sich nicht sichtbar für uns in der Nähe gegen Süden windet. Thailand ist nahe, der Fluss stellt an vielen Stellen die eigentliche Grenze dar. Im Norden, so lese ich, gibt es zahlreiche Naturschutzgebiete, aber auch Gebiete, so man sich besser fernhält. Es sind die Orte, wo es immer noch Überreste der massiven Bombardierung durch die amerikanischen Truppen gibt.

Gelegentlich hält der Bus an den üblichen Orten, die Leute strömen zu den Ständen, ins Restaurant, auf die Toilette.

Stopp

Stopp im Nirgendwo

Ein scheussliches Zimmer

So geht’s 10 Stunden lang, ebenso spannend wie langweilig, wie ich es mir vorgestellt habe, und wie ich es liebe. Aber irgendwann sind wir da, meine Schöne verschwindet auf Nimmerwiedersehen, ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen. Das Hotel (eine Bezeichnung, die ich später nicht mehr anwenden würde) liegt abseits, ich nehme also ein TukTuk, und los geht’s. Der Fahrer – die linke Hand lässig am Joint, die rechte am Steuerrad – kennt den Weg und braust in haarsträubendem Tempo durch die Strassen bis zum Ziel.

Ein grimmiges Exemplar eines Laoten

Es ist zwar nicht sehr teuer, aber das merkt man leider auch. Der Hotelmanager (?), ein ziemlich grimmiges Exemplar eines Laoten, führt mich durch einen schlecht beleuchteten Raum zu einer steilen Treppe, die in einem seltsamen Zimmer endet.

Vor dem Bett liegt ein Teppich (!), der so scheusslich aussieht, dass ich mir schwöre, keinen Fuss darauf zu setzen. Immerhin gibt es ein Badezimmer mit heisser Dusche, dafür fehlt der Spiegel beim Lavabo. Keine Bleibe für einen längeren Aufenthalt. Sogar für mich, der sich an einiges gewöhnt ist, ein Grenzfall.

Es zieht mich nach der anstrengenden Fahrt nicht mehr gross ins wahrscheinlich kaum existierende Nachtleben von Savannakhet. Ich nehme das erstbeste Restaurant, das sich allerdings als echte Niete entpuppt. Überteuert, schlechte Qualität. Savannakhet ist definitiv kein Ort zum Verweilen. Morgen um diese Zeit bin ich hoffentlich längst in Pakxe, schon ganz nahe an den 4000 Inseln.

PS Song zum Thema:  Edgar Broughton Band – Hotel Room