Guggisberg – Schwarzsee

Es scheint, als hätte sich der Wettergott für einmal künstlerisch betätigt.

Durch das viereckige Fenster glaubt man, im Gemälde eines Landschaftsmalers zu stehen. Dampf steigt aus den nassen Wiesen hoch, verdichtet sich knapp über den Hügeln zu einem langgezogenen Wolkenarm, der wie eine flauschige Decke über den Bäumen und Wiesen hängt.

Also genau die richtigen Impressionen, um den heutigen Tag gebührend zu begrüssen. Wir verneigen uns vor dem überraschenden Talent des Herrn über das Wetter und hoffen, dass er uns heute gnädig gestimmt ist.

 

A small cloud arm hanging over the landscape

Vom bernischen Bauerndorf Guggisberg zum verträumten Weiler Hirschmatt hinunter; über einen bewaldeten Hügelzug in den urtümlichen Sensegraben bei Zollhaus, in den Kanton Freiburg hinüber und der Warmen Sense entlang ins Ferienzentrum Schwarzsee.

Dies die Meinung des Verfassers unseres Führers. Ob sich seine poetischen Betrachtungen über den Weg zum Schwarzsee bestätigen lassen, wird sich zeigen. Auf jeden Fall erwarten wir einen wiederum angenehmen Marsch.

 

From Guggisberg to Schwarzsee

 

Alles eine Illusion des Geistes?

Ein letzter Blick zurück, Guggisberg, das Guggershörnli bleiben zurück, verschwinden hinter einem Hügel. Andere Dörfer und Weiler schimmern im warmen Licht des Vormittags, vor uns und hinter uns, namenlos, man müsste sie anhand der Karte identifizieren. Aber es scheint uns nicht notwendig, das schnelle Vergessen wäre ein Verrat.

 

last view on Guggisberg

landscape through the trees

Manchmal bleiben wir auf dem Weg zwischen den Bäumen stehen, den Blick hinaus auf die sanft gerundeten Hügel gerichtet. Es ist, als wären sie schon immer dagewesen, als hätten sie ein Geheimnis, aber wahrscheinlich ist da nichts. Sie sind einfach da, ohne Grund und ohne Zweck.

„Alles ist eine Illusion des Geistes“, würde Buddha sagen. Manchmal muss ich ihm beipflichten.

 

Postkartenlandschaft

Dass es Gegenden in der Schweiz gibt, die als Postkartenidyllen bezeichnet werden, ist erstens touristische PR, aber zweitens auch eine Tatsache.

Wer schon mal auf dem Wanderweg oberhalb der Seen im Oberengadin gestanden hat, weiss wovon ich rede. Das Gleiche gilt für den Vierwaldstättersee, dessen verzweigte Arme und Buchten in unterschiedlichem Blau das Auge jedes Betrachters entzücken.

 

Upper Engadin with lakes

Einer der Seen im Oberengadin

The Vierwaldstättersee

Der Vierwaldstättersee im morgentlichen Dunst

Man braucht nicht ins Engadin zu reisen, um unbekannte, beinahe verborgene Idylle zu entdecken. Wir marschieren den ganzen Tag durch Gegenden, die auf den ersten Blick nichts Aufregendes zu bieten haben, und trotzdem idyllisch wirken.

 

Destination Schwarzsee

On the way to the Schwarzsee

Soemtimes through woods ...... and sometimes with view

 

Der wütende Sturm

Man stellt sich beim Beobachten des Sturms – natürlich hinter sicheren Fenstern und Mauern – vor, was das Wüten alles anstellen könnte, doch wenn man es am anderen Tag mit eigenen Augen sieht, überrascht die Zerstörung.

Der Weg durch den Wald hat sich mit einer dicken Schicht zerfetzter Blätter und Äste und Zweige bedeckt, man geht für einmal auf weichem Untergrund. Der Boden sieht aus, als wäre der Himmel eingestürzt.

Die Vorstellung, wie es hier gewesen wäre, hätten wir uns immer noch auf dem Weg befunden, ist beunruhigend. Da gibt es keinen Schutz mehr unter den Bäumen, weit und breit kein Unterstand, keine Hütte, kein Hof und keine Häuser.

Man müsste sich zu Boden ducken, den Kopf mit irgendwas schützen vor den herunterpreschenden Wogen aus Wasser und Eiskörnern und zerfetzten Ästen und Zweigen.

 

remnants of the thunderstorm

Kaum aus dem verletzten Wald heraus, stehen wir mitten in einer Wiese, wo das hohe Gras vom Wind und Wasser und Hagel zu Boden gedrückt worden ist. Man kann sich die Zerstörungswut des Wetters nicht vorstellen. Man hat sich längst daran gewöhnt, in Sicherheit zu sein.

 

Destroyed gras

 

Der „Warmen Sense“ entlang

Beim Ort Zollhaus (ich bin nicht mal sicher, ob es sich überhaupt um einen Ort handelt) treffen die Kalte Sense und die Warme Sense zusammen. Wir folgen nun der warmen Sense, die vom Schwarzsee gespeist wird. Viele Kilometer später wird sie bei Laupen von der Saane aufgesogen, als hätte es sie nie gegeben.

Wir folgen ihr das Tal hinauf bis zum heutigen Tagesziel, dem Schwarzsee. Und ganz beiläufig haben wir irgendwo die Grenze zum Kanton Freiburg überschritten.

Jetzt befinden wir uns in einem anderen Kulturkreis, und vor allem, ab hier herrscht wieder katholische Lebensfreude. Der Unterschied zwischen Bern (protestantisch) und Freiburg (katholisch) zeigt sich exemplarisch darin, dass man in Bern zahlreiche Sitzbänke entlang des Wegs findet, während diese in Freiburg vollständig fehlen. Dafür laden alle paar Kilometer Alpwirtschaften zum Kaffee oder ein Glas Weisswein ein. Und ganz klar – die Zufahrten für Autos sind in jedem Fall gewährleistet.

 

On the Way to the SchwarzseeIt's a perfect path

 

Schwarzsee

Bei Schwarzsee handelt es sich einerseits um einen See, aber auch um eine populäre Tourismusregion. Im Sommer wird gewandert, im Winter skigefahren, oder man versucht sich auf dem zugefrorenen See als Eisläufer. Interessant ist, dass der See auch ein offizieller Flugplatz ist und im Winter bei einer Eisdicke ab 30 cm genutzt wird.

Bei unserer Ankunft hat der See allerdings nicht sein freundlichstes Gesicht aufgelegt. Er scheint eher überzeugt zu sein, das dem Namen nach passende Bild eines unheimlichen, düsteren Gewässers abgeben zu müssen.

Wir haben schon kurz nach Zollhaus die Verfinsterung des Himmels mitbekommen und dementsprechend pressiert. Immerhin ist uns das drohende Gewitter gnädig gesinnt, und wir erreichen das Dorf noch bevor der Regen beginnt.

 

The sky darkens

Die dunklen Wolken passen perfekt zum schwarzen See, der seinem Namen alle Ehre macht (oder ist der Effekt bloss an die Touristen gerichtet?

Und dann, nach der Ankunft im B&B, nach erledigter Dusche und Kleiderwechsel, schlägt das Gewitter zu. Es gibt die Augenblicke, wo man zwingend zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss. Das Gegenteil wäre sehr sehr nass …

 

 

Song zum Thema:  Wanda Jackson – Thunder on the Mountain

Und hier geht der Trail weiter … nach Jaun

 

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