La Paz – Atemlos

Der Bus hat sein Ziel La Paz sogar eine Stunde vor der geplanten Ankunft erreicht. Mit zwei Freunden, kurz vor der Abfahrt in Uyuni getroffen, suchen wir uns erstmal einen Ort, wo man einen Kaffee bekommt.

Es ist fünf Uhr morgens, stockdunkel, die Restaurants noch geschlossen, nur eine kleine Bar hat geöffnet. Eine resolute Dame schenkt Kaffee ein (ziemlich schrecklich, aber mit viel Zucker geniessbar) und überredet uns zu einem Stück Kuchen. Sobald wir bezahlt haben, werden wir zum Gehen aufgefordert, da schliesslich neue Kundschaft warten könnte. Was aber nicht der Fall ist.

Natürlich hat sie sich damit die falschen Kunden ausgesucht, denn wir lassen uns In aller Herrgottsfrühe nicht von Kaffee und Kuchen vertreiben. Ich würde sagen, eins zu null für die Schweiz.

 

Eine sehr kurze Taxifahrt

Müdigkeit und Unkenntnis der Strassen und Entfernungen führen immer wieder dazu, dass man von Taxifahrern übers Ohr gehauen wird.

Wie auch an diesem Morgen. Später erkenne ich, wie weit mein Hotel vom Busbahnhof entfernt liegt. Ich würde mal sagen, bei grosszügiger Schätzung etwa fünfhundert Meter. Der Taxifahrer nickt bei der Bekanntgabe der Adresse, macht ein paar grosszügige Zusatzschleifen und lädt mich für 20 Bolivianos vor dem Hotel ab.

Was kein schlechter Lohn für gerademal 5 Minuten Taxifahrt ist. Ladron …

 

The Adventurebrewhostel

Das ‚The Adventurebrewhostel“ wird im Internet in den höchsten Tönen gelobt. Ich habe mir ein Zimmer mit Bad reserviert und werde, obwohl noch früh am Morgen, in aller Freundlichkeit in Empfang genommen. Es ist ein typisches Backpacker El Dorado, mit allen notwendigen Ingredienzien wie Tischtennis, Musik aus boomenden Boxen, eine Bar mit einer Riesenauswahl an den angesagten Drinks. Und natürlich ist alles hochtechnifiziert, wobei dessen Nachteile schon bald empfindlich präsent werden.

 

The Adventurebrewhotel

The Adventurebrewhotel

 

Allerdings ist noch lange nicht Check-out-Time, deswegen werde ich wohl noch ein paar Stunden in der Lounge herumlümmeln müssen. Eine junge Dame aus Los Angeles leistet mir dabei Gesellschaft, bringt mir ihre Pläne fürs weitere Leben näher. Spannend! Sie will in nächster Zeit nach New York ziehen und dort als ausgebildete Ingeneurin bei einem Startup-Unternehmen anheuern. „And becoming a Billionaire like the guy from Snapchat?“

Sie lacht. Klar. Warum nicht.

 

Ein technisches Rätsel

Ein technisches Mysterium hält mich anschliessend noch eine Weile wach.

Es scheint, dass mein iPhone das einzige Gerät weit und breit ist, das sich standhaft weigert, mit dem WIFI Kontakt aufzunehmen. Mit dem iPad kein Problem, aber das iPhone gibt mir Saures. Der Typ an der Reception rät mir, es im angrenzenden Schwesterhostel zu versuchen. Stimmt, dort klappt’s. Allerdings bedeutet dies, dass ich für alles, was ich nicht via iPad erhalte, ein paar Meter nach draussen gehen muss?

Na wunderbar. Egal, kurz nach neun ist mein Zimmer bezugsbereit, und das allererste, was ich mache, ist mich ein paar Stündchen aufs Ohr zu legen. Wie gesagt, die Sitze im Bus sind bequem, aber von einem geordneten Schlaf kann nicht gesprochen werden.

 

Wiedersehen mit einem alten Freund

Es sind soviele Jahre seit meinem letzten Besuch in La Paz vergangen, dass ich wenig bis gar keine Erinnerungen daran habe. Aber ich erinnere mich, dass mir die Stadt schon damals ans Herz gewachsen war.

Wahrscheinlich hat sich eh alles verändert.

Die Stadt ist massiv gewachsen, ist die Hügel hinauf gekrochen, und einmal mehr muss ich die unglückliche Metapher anwenden, dass sich die Stadt wie ein Krebsgeschwür ausbreitet. Was auffällt, sind die Millionen von Menschen, die zahlreichen Kinder und Jugendlichen, aber leider auch die dröhnenden rauchenden hupenden Wagenkolonnen, die sich den ganzen Tag den Platz streitig machen. Der Verkehr hat massiv zugenommen, die Strassen jedoch sind gleich geblieben.

Die Stadt liegt ja in einem Talkessel, also ist der Platz für allfällige Verbesserungen der Infrastruktur beschränkt.

Doch unweit der Verkehrsachsen stösst man schnell auf die schönen Plätze der Stadt, wo sich das Leben noch etwas friedlicher abspielt, wo Strassenmusikanten spielen, Grossmütter ihre Enkel hüten, man die Kathdrale bewundert oder es sich einfach gut gehen lässt.

 

central plaza in La Paz

Einer der ruhigen Plätze

Children and pigeons

Kinder und Tauben

looks impressive

Sieht nach wichtigem Amtsitz aus

Ich schlendere mit einem Gefühl des Wohlbehagens durch die Nebenstrassen, merke aber schnell, dass wir auf fast 4000 Metern Höhe liegen. Der Schritt wird zwangsläufig langsamer, ich setze mich da und dort auf eine Parkbank, beobachte das Treiben und spüre den Atem der Stadt.

 

La Paz – die vermeintliche Hauptstadt

Die Stadt liegt auf etwa 3600 m in dem rund 400 Meter tiefen Canyon des Río Chokeyapu, der in die umgebende Hochebene des Altiplano eingeschnitten ist und sich zu einem Talkessel mit einem geschützten und angenehmen Klima weitet.

Auf der Hochebene westlich von La Paz ist die Stadt El Alto entstanden, die inzwischen mit 848.840 Einwohnern (Volkszählung 2012) größer als La Paz ist; dort befindet sich auch der internationale Flughafen La Paz-El Alto.

Der Höhenunterschied zwischen den weiter talabwärts gelegenen südlichen Stadtteilen mit vielen Villen und dem Stadtrand am oberen Ende des Talkessels beträgt knapp 1000 m, was bei der Abfahrt von El Alto hinunter nach La Paz zu einem der spektakulärsten Ausblicke Boliviens führt.

Zwischen der Höhenlage der Wohnviertel und dem sozialen Status ihrer Bewohner existiert eine eindeutige Beziehung: je höher die Lage, desto ärmer die Bewohner. Bei einer durchschnittlichen Abnahme der Temperatur um 0,6 °C je 100 m liegt die Differenz zwischen den tiefsten und den höchsten Wohnlagen bei immerhin 6 °C im Jahresmittel; auch die Höhenkrankheit stellt für Auswärtige in den oberen Vierteln ein größeres Problem dar.

 

Atemlos

Das sind nicht nur statistische Angaben, sie lassen sich auch gut am eigenen Leib erforschen. In der Zwischenzeit müsste ich mich eigentlich an die Höhe gewöhnt haben, doch die Strassen in dieser Stadt sind nie eben, irgendwie ist man dauern entweder im Abstieg oder Aufstieg begriffen, was zu einem dauernden Gekeuche führt. Kommt die Kälte dazu und gegen Abend auch der Regen, die das Ganze zu einem zwiespältigen Erlebnis machen.

Sidestreets of La Paz

Irgendwo geht es immer auf- oder abwärts

Auf jeden Fall bin ich am Abend froh um den Elektro-Ofen, der schon bald eine herrliche Wärme verbreitet und mir den Abend in meinem Zimmer zu einer Wohltat macht …

 

Kilometerstand: 3991

Song zum Thema:  Chase & Status – Breathing

Und hier geht der Trip weiter …