Thiksey … und leere Blicke aus steinernen Augen

 
 
Alle 12 Jahre findet in Ladakh ein grosses buddhistisches Fest statt, eine Versammlung von tausenden von Gläubigen.

Hemis, ein kleines Dorf ca. 60 km von Leh entfernt, ist ab morgen für insgesamt 15 Tage Zentrum eines wichtigen buddhistischen Ereignisses. Pilger aus aller Herren Länder finden sich zusammen, um ein grosses Festival zu feiern. Das buddhistische Kloster in dem kleinen Dorf ist eines der ältesten und größten buddhistischen Klöster der Gegend. Und genau hier treffen sich Buddhas Jünger.

 


 

Das tibetische Jahr des Affen

Alle zwölf Jahre, im tibetischen Jahr des Affen, findet ein ganz besonderes Festival statt, denn man glaubt, dass dann das Schicksal eine besonders glückliche Wendung nimmt. Dann wird das zweistöckige „Thangka“ (eine Art Rollbild), das Guru Padmasambhava darstellt, gezeigt. Dieses berühmte „Thangka“ ist reich geschmückt mit Perlen und Halbedelsteinen. 2016 war wieder ein so besonderes Jahr. Danach wird man erst 2028 das „Thangka“ beim Hemis-Festival wieder zu sehen bekommen.

 

Kloster Hemis
Kloster Hemis (Zeichnung von Hermann von Schlagintweit (1856))

 


 

Leerer Blick aus steinernen Augen

Auf dem Weg zu den heutigen Highlights scheint tatsächlich etwas los zu sein. Der Verkehr in Richtung Hemis ist dicht und nervös, Stossstange an Stossstange. Und für einmal sind tatsächlich auch ausländische Gesichter zu erkennen.

Anyway, ich lasse das Fest links liegen (Versammlungen in dieser Grössenordnung sind mir eh zuwider) und kümmere mich heute lieber um die Klöster in Thiksey und Shey.

Das werden aber die letzten Klöster sein, denn sonst muss ich befürchten, mit einem sichtbaren Heiligenschein um den Kopf nach Hause zu kommen. Ein bisschen Arbeit am Karma kann aber nicht schaden, deswegen also auf nach Thiksey und Shey.

Im SharedTaxi treffe ich neben anderen Touristen mit dem gleichen Ziel auf Chantal, eine Französin in den besten Jahren, sie hat die exakt gleichen Pläne, also tun wir uns zusammen. Und wie wir schon bald sehen sollten, sind die Lobeshymnen über die beiden Klöster tatsächlich nicht übertrieben.

Buddhistische Klöster werden meistens dort hingebaut, wo a) man eine gute Rundsicht hat, b) den Mönchen, die hinauf und hinuntergehen müssen, zu einer schlanken Taille verholfen wird, und c) ein starkes Symbol klarmacht, wo Gott wirklich hockt. Auf einem Hügel oberhalb Thiksey, schon von weitem zu erkennen, thront eine riesige Klosteranlage, die grosse Ähnlichkeiten mit dem Potala-Palast in Lhasa hat.

 

Klosteranlage in Thiksey
Die riesige Klosteranlage in Thiksey

 

Es ist beinahe Mittag, eine grelle heisse Sonne brennt aus dem azurblauen Himmel, und wir keuchen wie die Mönche die unzähligen Treppenstufen hinauf.

Man glaubt zwar, die Anpassung an die Höhe von über 3000 Metern längst geschafft zu haben, doch diese endlosen Treppenstufen lassen Zweifel aufkommen. Doch wer den Heiligtümern näher kommen will, muss leiden, meint Chantal, während sie schwitzt und schnauft und dazwischen ein kaum hörbares französisches Schimpfwort einflicht.

 

Steile Stufen
Steile Stufen hinauf

Die weissgetünchten Mauern machen keinen einladenden Eindruck, eher den von abwehrbereiten Burgen, von schmalen Fenstern und Balkonen, von denen aus jeder Feind hätte bezwungen werden können. Aber was rede ich da – man kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass die frommen Buddhisten irgendeinen Feind zu befürchten hatten. Oder doch? Wer kennt schon die undurchdringlichen Seelen der Menschen, voll von widersprüchlichen Energien?

Auf jeden Fall ist die Wucht der hohen Mauern beeindruckend, man kommt sich als kleiner Mensch vor, noch kleiner als sonst.

 

noch mehr Stufen
Und noch mehr Stufen, noch mehr trutzige Mauern

 

Und dann plötzlich und unerwartet – der Blick aus steinernen, toten Augen. Man weiss nicht, was die Fratze bedeuten soll, aber irgendwie passt es zur abweisenden Umgebung. Man schweigt augenblicklich (falls man es vor lauter Keuchen nicht eh aufgegeben hat) und geht seines Weges, doch der Eindruck, dass der leere Blick im Rücken folgt, bleibt bis zur nächsten Kurve.

 

Leere Blicke, steinerne Augen
Leere Blicke, steinerne Augen

 

Bevor wir durch eine Pforte in die höher gelegenen Gebäude eintreten, lassen wir den Blick in die Ferne schweifen, über das fruchtbare Tal entlang des Flusses, über die graue Wüste, die sich am Fuss der Berge abzeichnet, die schneebedeckten Gipfel, die sich in den Wolken verbergen.

 

Fruchtbar und Wüste
Fruchtbar und Wüste zugleich
Blick hinunter zum Dorf
Thiksey, Blick hinunter zum Dorf

 

Eintritt in eine düstere Welt

Der Gang durch die dunkle Pforte eröffnet nicht etwa wie erwartet eine neue Welt, vielleicht sogar das eigentliche Kloster, nein, es folgen neue Stufen, neue Mauern, noch höher und steiler als die bisherigen, und so nimmt man sie schnaufend und langsam etwas entnervt in Angriff.

 

Pforte
Pforte in die Unterwelt
noch mehr Treppen und Mauern
Und noch mehr Treppen und Mauern

 

Gelegentlch hat man den Eindruck, in ein Labyrinth geraten zu sein. Man verliert die Orientierung, lässt sich durch Treppen und Öffnungen im Gemäuer zu neuen Stufen, neuen Pforten führen, die weiss Gott wo hinführen.

 

Schattige Wege
Schattige Wege zwischen hohen Mauern

 

Nur gelegentlich sieht man so etwas wie bewohnte Räume mit Fenstern und Markisen, doch bisher haben wir mit Ausnahme einiger keuchender Touristen keine lebende Seele angetroffen. Wo sind die Mönche, wo sind die Menschen, die hier ihren Wohnsitz haben? Haben sie sich im Labyrinth verirrt? Es würde mich nicht wundern … Aber vielleicht halten sie Siesta in der Mittagshitze ab und lassen die Touristen schwitzen, während sie von buddhistischen Dingen träumen, von denen wir keine Ahnung haben.

 

 Zimmer
Nur manchmal so etwas wie ein Zimmer

 

Doch dann, wir trauen unseren Augen kaum, erreichen wir die oberste Etage, und hier öffnet sich die Pforte zu einem ganz eigenen Paradies. Denn jetzt weichen die ewig gleichen weissen Mauern, machen Platz für farbige Dächer und rote Mauern und orange-gelbe Markisen.

Es ist eine neue wunderbar farbige Welt, wir sind mit einem Mal umgeben von traumhafter Architektur, von einer Kunstfertigkeit, die uns den Atem verschlägt.

 

endlich oben
Ganz oben öffnet sich eine andere Welt
Welt aus Farben
Eine Welt aus Farben
göttliche Architektur
Hier hat ein göttlicher Architekt seine Kunst bewiesen
Einfach nur schön
Einfach nur schön

 

Und dann treten wir mit einem Gefühl der Beschenktheit ein in die Innenräume und befinden uns sogleich in anderen Sphären der Schönheit.

 


 

Zeitlose Schönheit

Eigentlich könnte man denken, dass nach all den grossartigen Klostern in Lamayuru und Alchi und denen im Nubra Valley keine Steigerung mehr möglich ist, doch Thiksey beweist das Gegenteil. Einmal mehr wird man durch die unwirkliche Schönheit der Räume zum ehrfürchigen Schweigen gebracht.

Es gibt die Momente, wo man glaubt, dass diese Herrlichkeiten gar nicht für uns vergängliche Kreaturen geschaffen worden sind, sondern für höher gestellte Wesen. Vielleicht für den nächsten Buddha Maitreya selbst? Oder andere vom Himmel heruntersteigende Gottheiten?

Aber es sind Kunstwerke von Menschen für Menschen gemacht, und so fühlt man sich plötzlich ein bisschen stolz, dass der Mensch nicht nur zu Krieg und Zerstörung fähig ist, sondern auch zu ewiger Schönheit.

 

Buddhas
Buddhas im Innenraum
Gebetsraum
Üppige Pracht im Gebetsraum
Augenweide
Und noch mehr und mehr …
Wandmalereien
Wandmalereien
Buddha mit Krone
Und auch er, diesmal mit Krone

Überwältigend! Ich sage gar nicht viel mehr dazu, lasse die Bilder für sich sprechen. Die anderen Eindrücke rings um uns herum sind allerdings weniger göttlich. Auch die heiligsten Heiligtümer werden von den Touristen zur Staffage für die Selfies benutzt, anscheinend ohne die geringste Ahnung, wo sie sich befinden und was die Kostbarkeiten bedeuten. Aber lassen wir das …

 


 

Die Amchi-Mediziner

Auf dem Weg hinunter kommen wir bei einem sogenannten Amchi vorbei. Amchis sind tibetische Mediziner, die es anstelle eines normalen Arztes in jedem noch so abgelegenen Dorf gibt.

Ein ziemlich fetter (also doch nicht alle schlank?) Mönch scheint die Kunst des Public Relation von der Pike auf gelernt zu haben, und so warten wir schon bald vor seinem mit Glasbehältern vollbelegten Tisch, während er einer älteren Frau zuhört und nickt und anschliessend aus seinen Zaubertränken irgendwas zusammenbraut. Und dann – er scheint sehr gespannt und neugierig – ist die Reihe an uns, und wir erzählen ihm von unseren grossen und kleinen Gebrechen.

 

 Amchi
Beratung und Medizin beim Amchi

 

No Problem, ruft er ekstatisch, und öffnet nach einem nachdenklichen Blick auf seine Zaubermedizin einen Behälter, zählt ein paar schwarze, braune oder andersfarbige Kügelchen ab und stopft sie in einen kleinen Papiersack. „Three now with Hot Water, three in the Evening! No more troubles!“, schreibt er mit sorgfältiger Schrift darauf. Ich bin ein bisschen skeptisch, so kurz vor der grossen Reise nach Manali meinen Magen mit etwas derart Unbekanntem zu malträtieren, aber mal sehen.

Auf jeden Fall schreibt der Mönch mit einem listigen Lächeln um den Mund eine Quittung aus und verabschiedet sich würdevoll. Natürlich können wir im nahen Restaurant der Versuchung doch nicht widerstehen und kauen die drei vorgesehenen Kügelchen, bevor wir sie mit heissem Wasser runterspülen. Erkenntnis: der Geschmack ist wahrlich entsetzlich (deswegen wahrscheinlich das heisse Wasser), ich habe am Abend ein unheilvolles Rumoren in den Eingeweiden, und mehr ist nicht passiert. Vielleicht eine Langfristkur, die erst nach der Einnahme aller Kügelchen zu wirken beginnt?

 

Medizin vom Amchi
Ich bin nicht ganz sicher, ob ich dem Zeug trauen soll

 


 

Der Hollywood Mönch

Der eine der beiden Mönche, auch er ziemlich beleibt, aber offenbar ganz unmönchisch eitel, ist uns gefolgt und bittet uns, ihn zu fotografieren und ihm das Bild zuzuschicken. Klar, machen wir doch, und müssen angesichts seiner Pose, die beinahe Hollywood- Standards entspricht, das Lachen verbeissen …

 

Hollywood Mönch
Ein echter Hollywood Mönch

 


 

Fussweg nach Shey

Es gibt einen wunderschönen Fussweg durch die angrenzenden Felder zwischen Thiksey und Shey, und so machen wir uns auf einen gemütlichen Spaziergang.

Schulkinder sind auf dem Weg nach Hause, Julee, Julee, Kühe weiden auf den spärlich bewachsenen Wiesen, das Raunen des Verkehrs ist in weiter Ferne, doch Chantal hat Probleme mit ihrer Verdauung und muss alle paar Minuten hinter ein paar Büschen verschwinden.

Eine Schnellkur, ausgelöst durch die Amchi-Medizin? Das wäre dann eine Art Lichtgeschwindigkeitskur. Ob das Resultat allerdings den Erwartungen entspricht, lasse ich offen.

 

Thiksey verschwindet in der Ferne
Das Kloster Thiksey verschwindet in der Ferne

 

Amon Sûl, die Wetterspitze

Schon von weitem hat man den Eindruck, das burgartige Gebäude auf dem Berg zu kennen. Es braucht etwas Zeit, bis man auf die Lösung kommt. Der Herr der Ringe. Amon Sûl, die Wetterspitze. Sie wird von Aragorn und den Hobbits als Lager für eine Nacht aufgesucht. Durch ein Feuer, das Sam, Merry und Pippin anzünden, werden die Nazgûl angelockt. Bei einem Kampf gegen sie wird Frodo durch die Morgulklinge des Hexenkönigs verwundet.

 

Klosteranlage von Shey
Die Klosteranlage von Shey
Shey Kloster
Eine Trutzburg auf dem Berg
Wetterspitze
Tatsächlich – die Wetterspitze (hat sich Tolkien hier inspirieren lassen?)

Nach Thiksey und seinen unirdischen Schönheiten hat Shey einen schweren Stand. Doch die trutzige Anlage mitten in der Landschaft, eine Art steinernes Monument von braunen Felsen umgeben, wirkt auf seine Weise wie aus einer anderen Welt. Zum soundsovielten Mal in meinem Leben merke ich, dass es überall Dinge gibt, die man nicht für möglich hält. Und doch sind sie da, Beweis für Steinbecks Behauptung in East of Eden, dass der Mensch kostbarer ist als jeder Stern am Himmel.

 

Buddha mit freundlichem Lächeln im Gesicht
Und auch er ist da, ein freundliches Lächeln im Gesicht


 

Kostbarer als ein Stern am Himmel

Nun fehlt zum Abschluss des Tages nur noch ein Bus, ein Taxi, irgendwas auf Rädern, das uns zurück nach Leh bringt. Das ist angesichts der fortgeschrittenen Zeit problematischer als gedacht. Irgendwann – wir haben die Hoffnung schon beinahe aufgegeben – hält ein Minibus neben uns, vollgepfercht mit Touristen, aber für zwei zusätzliche Passagiere hat es immer Platz.

Was sagte ich eben? Kostbarer als ein Stern am Himmel …

 


 

PS Song zum Thema: David Bowie – Blackstar (aus seinem letzten Album)

 


 

Und hier geht die Reise weiter … Winter is coming.