Abschied vom wilden Tier

Am Nachmittag fährt der Zug, gemäss eindringlicher Warnung der überaus freundlichen Receptionistin, pünktlich um 15.40 ab. Genug Zeit also, um mich von Hanoi, diesem wilden Tier, zu verabschieden. Einmal mehr stürze ich mich ins Gedränge, wundere ich mich über nicht stattfindende Kollisionen, begegne freundlichen, abweisenden, verwunderten, ausdruckslosen Blicken und Gesichtern – und fühle mich schon fast ein bisschen wie zuhause. Was natürlich bedeutet, dass mir der Abschied schwer fallen wird, aber ein bisschen Zeit bleibt ja noch.

Unbekannter

Keine Ahnung, wer das sein könnte

Blumen

Alles bereit für eine Hochzeit

Zähe alte Damen

Also ein weiteres Mal durch die Liet, die engste, verstopfteste, aber gleichzeitig auch aufregendste Strasse/Gasse Hanois. Hier ist das Gedränge am dichtesten, der Lärm am lautesten. Und mitten drin – von weitem sichtbar durch ihre spitzen, geflochtenen Rundhüte – die Damen mit der Stange über den Schultern, an beiden Ende mit schweren Lasten behängt. Sie sind die Ruhe selbst, meistens ein freundliches Lächeln im Gesicht, das in vielen Fällen zerknittert ist, vom Alter, vom schweren Leben, von der täglichen Arbeit, die für die meisten unserer jungen muskelbepackten Männer in den Fitness-Zentren eine massive Überforderung bedeuten würde.

Jaja, Hanois zähe alte Damen. Sie haben meine restlose Bewunderung, meinen ganzen Respekt!

Alte Ladies in Hanoi

Zähe alte Ladies in Hanoi

Bodybuilding Vietnam-Style

Bodybuilding Vietnam-Style

Das Ende des Abenteuers Hanoi

Und so endet das Abenteuer Hanoi. Es gibt zwar nochmals eine kurze Aufregung, als mein Zugticket nicht den allgemeinen Vorgaben entsprechen soll, doch nach einigem Hin und Her werde ich dann doch noch dem richtigen Wagen, dem richtigen Abteil zugewiesen.

Bahnhof in Hanoi

Bahnhof in Hanoi

Ruckelnd, zuckelnd, mit viel Krach und dem ohrenbetäubenden Zusammenprallen der Wagen setzt sich der Zug in Bewegung. Auf an die Wärme. Zumindest klimamässig kann es nur besser werden …

Hanoi – Hue

Nadège

Nadège – so heisst die hübsche Dame, die mit mir und einer anfangs unbekannten Anzahl Vietnamesen das Abteil teilen wird. Wir kommen schnell ins Gespräch, und obwohl sie aus Frankreich kommt und ich ihr anbiete, in Französisch zu parlieren (ja wirklich!), beharrt sie darauf, Englisch zu sprechen (ich werde ihr ewig dankbar sein).

Manchmal geschehen diese zufälligen und ganz und gar unvorhersehbaren Begegnungen, die lange nachhallen. Dies ist eine davon. Es ist dieses sonderbare Gefühl, dass man sich schon ewig kennt, eine unmittelbare sofortige Vertrautheit, die sich in kurzer Zeit einstellt. Das Gespräch, zwischen knapp Vier und dem späten Abend, beginnt mit den üblichen Reiseanekdoten, den Abenteuern, die man glaubt, erlebt zu haben und die in der Erinnerung immer haarsträubender und immer weniger wahr werden. Doch nach einiger Zeit – und das ist das Unübliche – kippt die Geschichte ins Persönliche. Plötzlich sitzt da nicht mehr eine der meist banalen Reisebegegnungen gegenüber, die man schnell wieder vergisst, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Gault-Millau und Gespräche über Gott und die Welt

Unser Gault-Millau Menü, bestehend aus Thon-Sandwich mit Pommes Frites und Ketchup, einer Vanille-Schnecke, die wir uns brüderlich-schwesterlich teilen, und Bananen zum Dessert, ist – obwohl sehr frugal – der kulinarische Höhepunkt des Abends, und das intensive Gespräch über Gott und die Welt, das unabwendbare Älterwerden und die Trauer, die damit einher geht, und ganz versteckt, aber zwischen den Zeilen spürbar, ihre Einsamkeit, wird unterbrochen, doch nicht für lange. Manchmal wenden wir uns ab, fast etwas beschämt, und wir verstehen wieder ein bisschen mehr von der Welt und wie sie funktioniert …

Aber lassen wir das …