Der letzte Tag

Man geht immer mit einem lachenden Auge und mit einem weinenden Auge. (Sprichwort, Autor unbekannt)

Ich kann das nur bestätigen. Der Abschied naht, und da es mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Abschied für immer ist, ist es vor allem ein weinendes Auge.

Und er naht mit einem dieser verfluchten letzten Tage.

Wie soll man ihn verbringen?

Nochmals den irren, einem LSD-Trip ähnlichen Spaziergang durch diese verrückte Stadt machen?

Zum letzten Mal die Lungen mit Dreck und Abgasen füttern?

Im liebgewonnenen Restaurant zum letzten Mal Chicken Momos geniessen?

Im anderen den letzten wirklich guten Kaffee trinken und dabei eine Danish Roll essen?

Nochmals den Durbar Square umrunden und die wieder aufgebauten oder noch immer in Trümmer liegenden Tempel besichtigen?

Das infernalische Gewühl in Thamel beobachten, wissend, dass es das letze Mal sein wird?

Alles zusammen. Das ist der Plan. Das alles gehört zum Abschied.

Thamel – der letzte Ritt auf dem Mustang

Dann also auf zum letzten Ritt auf dem wilden Ross, genannt Thamel. Es scheint mir, dass ich es zum ersten Mal geniesse, durch die schmalen Gassen zu gehen, alle paar Augenblicke beinahe über- oder umgefahren zu werden (was in Tat und Wahrheit nie passiert), von hundert Stimmen aufgefordert zu werden, dieses oder jenes Ding zu einem fabulösen Preis erstehen zu können. Und die sagenhaft schlechte Luft einzuatmen.

Ich habe es besiegt, dieses Monstrum.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass man sich langsam kennt. Die gelangweilten Verkäufer nicken mir zu, obwohl sie wissen, dass ich nichts kaufen werde. Aber ein freundliches Lächeln ist noch immer der beste Türöffner für gegenseitiges Kennenlernen.

Die Dame in meinem Lieblingsrestaurant begrüsst mich nach der langen Abwesenheit mit einem Lächeln. “Welcome back!”, murmelt sie. Ich bin ganz gerührt. Ob es was mit meinen im Allgemeinen grosszügigen Tipps zu tun hat?

Anyway, es stellt sich tatsächlich so etwas wie ein heimatliches Gefühl ein. Und das ausgerechnet an meinem letzten Tag.

Durbar Square – Tempel und Ruinen

Beim zweiten Besuch zeigen sich die wahren Schäden, die das Erdbeben zurückgelassen hat. Einzelne Tempel erstrahlen zwar wieder in altem Glanz, andere liegen immer noch in Trümmern oder müssen abgestützt werden.

Tempel beim Durbar Square

Tempel beim Durbar Square – dieser ist wieder restauriert worden

Tempel beim Durbar Square

Auf den ersten Blick alles okay

Tempel beim Durbar Square

Höchstens ein bisschen schräg …

Tempel beim Durbar Square

… oder immer noch in Trümmern

Tempel beim Durbar Square

Andere müssen abgestützt werden, damit sie stehen bleiben

Was mir zu denken gibt, sind die Tempel hinter riesigen Gerüsten, die offensichtlich durch chinesische Unterstützung wieder aufgebaut werden. Da kommt mir doch gleich der alte Spruch in den Sinn, der die Sache ziemlich genau beschreibt. “There ain’t no such thing as a free lunch.”

Aber lassen wir das.

Herzzerreissende Blicke

Die Plätze rings um den Square sind voller Touristen, und so sind da natürlich auch zahlreiche Verkaufsstände, die alles, was in Thamels Gassen angeboten wird, natürlich auch hier anbieten, allerdings zu viel höheren Preisen. Es scheint aber einige Verzweifllung zu herrschen, denn man wird als unschuldiger Fussgänger fast genötigt, zumindest einen Blick auf die Gegenstände zu werfen. Eine abschlägige Antwort verursacht einen herzzerreissenden Blick …

Verkaufsstände am Durbar Square

Auf den ersten Blick eine unendliche Anzahl wunderbarer Gegenstände, jeder ein Souvenir wert

Verkaufsstände beim Durbar Square

Auf den zweiten Blick immer das gleiche …

Der Weg zurück ist langsam, nachdenklich. Das war’s also wiedermal. Morgen früh wartet ein Taxi auf mich und meine schweren Rucksäcke, und kurze Zeit später das Flugzeug Richtung Katar.

Ich verabschiede mich, im Geist fühlend wie einer der bemalten Götter, deren Gesichtsausdruck irgendwas zwischen Lachen und Weinen ausdrückt.

Gott

Lacht er oder weint er?

24 Stunden später …

Ich sitze wieder mal am Flughafen in Doha, müde und gelangweilt, und muss trotzdem noch viele Stunden an diesem gottverlassenen Ort verbringen, bis endlich mein Weiterflug um 2 Uhr morgens startet. Bis dahin Netflix, Lesen, Dösen, Kaffee trinken und einen letzten Blick auf die Skyline von Doha im Abendlicht werfen.

Ein wunderbares letztes Bild dieser wunderbaren, unvergesslichen Reise …