Traum oder Albtraum?

Es gibt bezüglich Indien zwei gegensätzliche Ansichten: man liebt es oder man hasst es. Die einen nehmen fluchtartig den nächsten Flug woanders hin, die anderen sind fasziniert von der unglaublichen Fülle an Leben, an Farben, an Gerüchen.

Dazwischen gibt es nicht viel.

Wie der untenstehende Absatz zeigt, dass aus einer Abneigung auch Zuneigung entstehen kann. Es braucht allerdings Zeit und Geduld und Optimismus.

Erinnerungen

Irgendwo zwischen Agra und Varanasi. In der endlosen, vermeintlich menschenleeren Ebene, auf schmalen, schlechten Strassen. Mit einem alten heruntergekommenen VW-Bus. Alle paar Minuten muss er die Strasse verlassen, wenn ein grösseres Vehikel entgegenkommt. Ein Bus. Ein Lastwagen. Ein Elefant.

Immer mit der Gefahr, dass irgendwas bricht. Ein Radlager. Eine Verstrebung. Irgendwas. Etwas, was die Reise im Bruchteil einer Sekunde beenden würde.

Stress

Die beiden Indienreisenden, Hippies wie aus dem Bilderbuch, sind seit Stunden unterwegs. Doch der Weg bis zum Tagesziel ist weit. Der Fahrer ist gestresst. Seine Hand liegt permanent auf der Hupe. Velofahrer. Fussgänger. Fuhrwerke. Busse. Autos. Lastwagen. Esel. Manchmal Elefanten. Oder Kamele.

Somewhere in India

Irgendwo in Indien

Sie alle machen sich den Platz auf der Strasse streitig. Ein altes Vehikel aus der Schweiz hat gerade noch gefehlt. Man wirft dem staubbedeckten Bus einen mitleidigen Blick hinterher. Und manchmal, wenn das Hupen lauter und aggressiver wird, macht man einen Schritt zur Seite.

Ein störrischer Fahrradfahrer

Doch ein Fahrradfahrer, vielleicht taub oder einfach nur störrisch, fährt stoisch weiter. Mitten auf der Strasse. Das Hupen wird lauter, der Fahrer spürt, dass er kurz davor steht, die angeschlagenen Nerven zu verlieren.

Und dann, nach weiteren Minuten ununterbrochenen Hupens, dreht der Velofahrer endlich ab und fährt auf die Wiese hinauf. Doch es ist zu spät. Der Fahrer des Busses, bleich vor Wut und Erschöpfung, dreht ebenfalls ab, fährt dem Fahrrad hinterher. Will ihn überfahren, Mord und Todschlag im Sinn.

Eddie Merckx

Jetzt endlich begreift der Velofahrer die Gefahr und tritt in die Pedale. Wie Eddie Merckx. Er spürt, dass er um sein Leben fährt, doch im letzten Augenblick kehrt die Vernunft zurück.

Langsam fährt der VW-Bus zurück auf die Strasse, der Fahrer atmet schwer. Er ist überrascht, entsetzt, schockiert über diesen einen Moment, der ihn vollkommen hat die Fassung verlieren lassen.

Das ist der Moment – oder einer von vielen – wo etwas geschieht. Eine Entscheidung. Ein durch Stress und Müdigkeit hervorgerufener, unumstösslicher Entschluss.

Niemals in dieses Land zurückzukehren.

Nochmals Reisen in Indien?

Die Erinnerungen an die erste Indienreise (siehe oben) sind zwar noch halbwegs präsent, aber diffus, verblasst, entschwunden. Die flüchtigen Begegnungen mit den vielen Menschen, ihre Gesichter, ihre Augen, ihre Stimmen – verloren im Nebel des Vergessens.

Aber vieles ist noch da. Die Gerüche beispielsweise. Die betörenden Aromen auf den Märkten. Der Duft von frisch geschnittenen Blumen und exotischen Früchten, deren Namen wir längst vergessen haben. Aber auch der Gestank der Abgase von Millionen von Vehikeln, von bitter riechenden Staubwolken, die wie durchsichtige Schleier über der Strasse hängen. Der Mief von Fäkalien, von am Strassenrand verfaulenden Abfällen, von menschlichen Ausdünstungen.

Aber auch die Farben sind noch da. Die Kleider der Frauen. Elegant getragen wie Königinnen. Die zum Trocknen ausgelegten Tücher. Gelb. Rot. Türkis. Grün. Der Himmel in einem Blau, das wir nicht kennen.

Und die Geräusche. Hupen. Endlos. Unaufhörlich. Eine Kakophonie des Grauens. Die Stimmen, in allen Sprachen der Welt. Kinderlachen. Hundebellen. Das Röhren der Elefanten und Kamele.

Genügt dies alles, um zurückzukehren?

Ich weiss es nicht.

Zurück im Traumland?

Viele Jahre vergehen, die Erinnerungen verblassen. Indien ist ein ferner Traum, den jemand anderes geträumt haben muss.

Und dann, nach vielen Jahren, auf dem Weg nach Nepal, ein kurzer Aufenthalt in Delhi. Und im Bruchteil von Sekunden kehrt alles zurück. Die Gerüche, die Geräusche, die Farben. Die gelbschwarzen Taxis. Die TukTuks. Das Gewühl. Die Menschen. Die Millionen von Menschen.

Back in Indian Hustle and Bustle

Zurück im indischen Chaos

Und plötzlich kommt es mir vor, als wäre ich nach Hause gekommen.

Auch das ist einer dieser Momente. Wo plötzlich alles anders wird. Eine Sehnsucht taucht auf. In dieses verrückte Land zurückzukehren.

Und so bin ich zurück …

… mit der Hoffnung, auf das Land zu treffen, das mich wie kein anderes in seinen Bann gezogen hat. Ein anachronistisches Land, in dem Vergangenheit und Zukunft aufeinander prallen.

Und auf ganz besondere Weise ein Erlebnis. Bungeejumping. Eine Dehnung des Möglichen. Ein immerwährender Tanz mit den Elementen, die da heissen schlechte Strassen, dichter Verkehr. Hitze. Löcher und Gräben. Suizidale Fahrer. Bekiffte Fahrer. Aggressive Fahrer. Gestörte Fahrer.

Und immer hat man den Eindruck, es gerade noch geschafft zu haben.

Und immer fühlt man sich so lebendig wie sonst selten.