Indien ist eine Welt für sich.

Ein Land der Gegensätze.

Nirgens sonst auf der Welt treffen derart unterschiedliche Lebenswelten aufeinander.


Ein Land der Extreme

Der ehemalige Bauer aus Zentralindien, der in Delhi Zuflucht vor seiner aussichtslosen Armut gesucht hat und nun mit seiner Familie auf dem Gehsteig wohnt.

Der zu Wohlstand gekommene IT-Spezialist in Bangalore, der sich durch einen mausarmen Rikschafahrer chauffieren lässt.

Der Bettler, mit leeren Blick und leerem Magen, der auf einer dünnen Decke am Boden sitzt.

Die Liste lässt sich beliebig verlängern …


Reaktionen

Darauf gibt es zwei gegensätzliche Reaktionen: man liebt das Land, oder man hasst es. Die einen nehmen fluchtartig den nächsten Flug woanders hin, die anderen sind trotz der Widersprüche und Gegensätze fasziniert von der unglaublichen Fülle an Leben, an Farben, an Gerüchen.

Dazwischen gibt es nicht viel.


Erinnerungen

Irgendwo zwischen Agra und Varanasi. In der endlosen, vermeintlich menschenleeren Ebene, auf schmalen, schlechten Strassen. Mit einem alten heruntergekommenen VW-Bus. Alle paar Minuten muss er die Strasse verlassen, wenn ein grösseres Vehikel entgegenkommt. Ein Bus. Ein Lastwagen. Ein Elefant.

Immer mit der Gefahr, dass irgendwas bricht. Ein Radlager. Eine Verstrebung. Irgendwas. Etwas, was die Reise im Bruchteil einer Sekunde beenden würde.

Stress

Die beiden Indienreisenden, Hippies wie aus dem Bilderbuch, sind seit Stunden unterwegs. Doch der Weg bis zum Tagesziel ist weit. Der Fahrer ist gestresst. Seine Hand liegt permanent auf der Hupe. Velofahrer. Fussgänger. Fuhrwerke. Busse. Autos. Lastwagen. Esel. Manchmal Elefanten. Oder Kamele.

Somewhere in India
Irgendwo in Indien

Sie alle machen sich den Platz auf der Strasse streitig. Ein altes Vehikel aus der Schweiz hat gerade noch gefehlt. Man wirft dem staubbedeckten Bus einen mitleidigen Blick hinterher. Und manchmal, wenn das Hupen lauter und aggressiver wird, macht man einen Schritt zur Seite.

Ein störrischer Fahrradfahrer

Doch ein Fahrradfahrer, vielleicht taub oder einfach nur störrisch, fährt stoisch weiter. Mitten auf der Strasse. Das Hupen wird lauter, der Fahrer spürt, dass er kurz davor steht, die angeschlagenen Nerven zu verlieren.

Und dann, nach weiteren Minuten ununterbrochenen Hupens, dreht der Velofahrer endlich ab und fährt auf die Wiese hinauf. Doch es ist zu spät. Der Fahrer des Busses, bleich vor Wut und Erschöpfung, dreht ebenfalls ab, fährt dem Fahrrad hinterher.

Eddie Merckx

Jetzt endlich begreift der Velofahrer die Gefahr und tritt in die Pedale. Wie Eddie Merckx. Er fährt um sein Leben.

Doch im letzten Augenblick kehrt die Vernunft zurück.

Langsam fährt der VW-Bus zurück auf die Strasse, der Fahrer atmet schwer. Er ist überrascht, entsetzt, schockiert über diesen einen Moment. Im Rückspiegel sieht er den Mann, der immer noch perplex neben seinem Fahrrad steht und seiner Nemesis hinterher blickt.

Das ist der Moment – oder einer von vielen – wo etwas geschieht. Eine Entscheidung. Ein durch Stress und Müdigkeit hervorgerufener, unumstösslicher Entschluss.

Niemals in dieses Land zurückzukehren.


Tausend Gesichter, tausend Geschichten

Die Erinnerungen sind diffus, verblasst, entschwunden. Die flüchtigen Begegnungen mit den vielen Menschen, ihre Gesichter, ihre Augen, ihre Stimmen – verloren im Nebel des Vergessens.

Aber vieles ist noch da. Die Gerüche beispielsweise. Die betörenden Aromen auf den Märkten. Der Duft von frisch geschnittenen Blumen und exotischen Früchten, deren Namen wir längst vergessen haben. Aber auch der Gestank der Abgase von Millionen von Vehikeln, von bitter riechenden Staubwolken, die wie durchsichtige Schleier über der Strasse hängen. Der Mief von Fäkalien, von am Strassenrand verfaulenden Abfällen, von menschlichen Ausdünstungen.

Die Farben. Die Kleider der Frauen. Elegant getragen wie Königinnen. Die zum Trocknen ausgelegten Tücher. Gelb. Rot. Türkis. Grün. Der Himmel in einem Blau, das wir nicht kennen.

Und die Geräusche. Hupen. Endlos. Unaufhörlich. Eine Kakophonie des Grauens. Die Stimmen, in allen Sprachen der Welt. Kinderlachen. Hundebellen. Das Röhren der Elefanten und Kamele.


Ein ferner Traum

Viele Jahre vergehen, die Erinnerungen verblassen. Indien ist ein ferner Traum, den jemand anderes geträumt haben muss.

Back in Indian Hustle and Bustle
Zurück im indischen Chaos

Und dann, nach vielen Jahren, auf dem Weg nach Nepal, ein kurzer Aufenthalt in Delhi. Und im Bruchteil von Sekunden kehrt alles zurück. Die Gerüche, die Geräusche, die Farben. Die gelbschwarzen Taxis. Die TukTuks. Das Gewühl. Die Menschen. Die Millionen von Menschen.

Und plötzlich kommt es mir vor, als wäre ich nach Hause gekommen.

Auch das ist einer dieser Momente. Wo plötzlich alles anders wird. Eine Sehnsucht taucht auf.

In dieses verrückte Land zurückzukehren.


Und so bin ich zurück …

… in der Hoffnung, auf das Land zu treffen, das mich wie kein anderes in seinen Bann gezogen hat.

Ein anachronistisches Land, in dem Vergangenheit und Zukunft aufeinander prallen.

Und auf ganz besondere Weise ein Erlebnis. Es ist eine Art Bungeejumping. Eine Dehnung des Möglichen. Ein immerwährender Tanz mit den Elementen. Schlechte Strassen, dichter Verkehr. Hitze. Löcher und Gräben. Suizidale Fahrer. Bekiffte Fahrer. Aggressive Fahrer. Gestörte Fahrer.

Und immer hat man den Eindruck, es gerade noch geschafft zu haben.

Und immer fühlt man sich so lebendig wie sonst selten.


Und hier fängt die Reise an …