Madurai – Der dünne Mann

 

Eine breite, für den Verkehr gesperrte Strasse verläuft um den Tempelbezirk herum. Eine Wohltat sich einfach bewegen zu können, ohne jeden Moment Gefahr zu laufen, über den Haufen gefahren zu werden. Es ist ruhig, weniger lärmig, weniger gehetzt, man kann in langsamen und gemächlichen Schritten die Strasse abgehen, mal hier stehenbleiben, mal dort.

Da ich Esel von Goa mit einer einzigen Hose losgezogen bin, habe ich mir gestern eine Hose gekauft, grauenhaft, die schlimmste aller Zeiten. Es bestätigt einmal mehr die Überzeugung, dass die Eitelkeit ein immerwährendes Phänomen ist und zum Menschen genauso gehört wie die Neigung, unverständliche Dinge zu tun. Na ja, heute gibt’s ja keine Modeschau, und kennen tut mich auch niemand. Aber ein bisschen stört mich die Hose schon …


Der dünne Mann

Manchmal setzte ich mich hin und beobachte das Leben um mich herum. Ein bis auf die Knochen abgemagerter Mann mittleren Alters hat offenbar Wäschetag und ist eben daran, seine paar Klamotten über einer Abschrankung zu trocknen. Jede Bewegung ist langsam, bedächtig, würdevoll.

Dann, mit dem Longyi um den Bauch gewickelt, setzt er sich unweit meines Sitzplatzes hin, und während ich ihn aus den Augenwinkeln beobachte, wühlt er in einem Sack, den er bei sich trägt. Ich gehe davon aus, dass sich darin seine ganzen Habseligkeiten verstecken.

 

Dünner Mann in Madurai
Der dünne Mann

Ich bin aufs Höchste gespannt, was er wohl sucht, und bin baff, als er eine schmale Zigarette herausfischt und diese umständlich, aber trotzdem mit Geschick anzündet und genüsslich den Rauch in die Lungen zieht. Es ist lange her, seit ich jemanden gesehen habe, der mit soviel Genuss raucht. Das sind die Eingebungen, die schliesslich verarbeitet werden und irgendwo ihre Erwähnung finden.

Dann wühlt er erneut in seiner Tasche, die Spannung steigt, und er entnimmt dem Sack einen Kamm, mit der er nun für die nächsten geschlagenen zehn Minuten sein dunkles, auf der Seite langes Haar kämmt, zuerst in die eine, dann in die andere Richtung.

Das ist genau das, was ich sehen will und warum es mich immer wieder in diese Länder zieht. Einfach wunderbar! Es ist einfach so – Indien ist eine Welt für sich.


Fahrrad-Rikscha mit Handy

Ein Inder spricht mit in gebrochenem Englisch an und bietet mir eine Rundfahrt mit seiner Velorikscha, 50 Rupien eine Stunde. Warum nicht, denke ich und folge dem Mann zu seinem Fahrzeug.

Ein guter Entscheid, denn schon nach kurzer Zeit gelangen wir im dichten Verkehr zum Gemüse- und Obstmarkt, den ich am Vormittag vergeblich gesucht habe. Ich lasse mich von ihm durch die Stände ziehen, während er mir die Namen der einzelnen Gemüse und Früchte aufzählt.

 

Marktgewimmel in Madurai
Das übliche Marktgewimmel
Frauen beim Verkaufen in Madurai
Frauen beim Verkaufen und Tratschen
Kürbisse in Madurai?
Was könnte das sein? Kürbisse?
Toilette der Madurai Corporation
Das nenne ich mal eine Toilette
Strassenszene in Madurai
Das übliche Gewühl

Elefanten-Wäsche

Die Tour geht weiter in andere Stadtgebiete, wir nähern uns einem ziemlich dreckigen Fluss, an dessen Ufer die Frauen Wäsche waschen und auf der Wiese zum Trocknen auslegen.

Wäsche auslegen in Madurai
Wäsche zum Trocknen ausgelegt (Farben so weit das Auge reicht)

Und siehe da, der Zufall will es, dass mein alter Freund aus dem Tempel, der Elefant, eben die tägliche Waschprozedur über sich ergehen lässt. Ich lasse mich vom Fahrer in die Nähe lotsen und so spielt sich vor mir ein ganz besonderes Schauspiel ab.

Dem Elefanten scheint es zu gefallen und es macht auch den Anschein, als würden die Männer und Jungen, die an ihm schrubben, dies auf sehr fachmännische und sanfte Art tun. Es dauert eine Weile, bis er sich endlich erhebt und sich mit dem Rüssel abspritzt.

 

Elefantenwäsche in Madurai
Der Tempel-Elefant wird gewaschen

Indischer Geschäftssinn

Der Rikschafahrer, obwohl schon ziemlich in den Jahren, hat die moderne Zeit nicht verpasst. Während er mich gemächlich von einem Ort zum anderen fährt, nimmt er immer mal wieder das Handy zur Hand und organisiert den nächsten Trip.

Langsam wird mir klar, dass er tatsächlich 50 Rupien gemeint hat, aber 50 Rupien für jede Stunde. In der Zwischenzeit sind wir schon ziemlich lange unterwegs, doch erst als er mich auch noch zuerst in eine Ausstellung absolut scheusslicher indischer Kunst und anschliessend auch noch in ein Museum lotsen will, bricht der Faden und ich mache ihm klar, dass Feierabend ist.

Es sind dann plötzlich 3 Stunden, die das Ganze gedauert haben soll, na ja, seien wir grosszügig, aber als er dann auch noch einen Zuschlag von 100 Rupien für die Elefantenshow verlangt, werde ich doch ein bisschen ungnädig. Aber was soll’s – Er muss wahrscheinlich eine Familie mit vielen Kindern ernähren.

 

Marktstand in Madurai
Manchmal habe ich keine Ahnung, was verkauft wird
Kuhstatue in Madurai
Und dann, mittendrin, eine riesige Kuh

So wird es Abend, ich kaufe mir etwas Verpflegung für die lange Fahrt im Zug, gehe dann aber doch noch in ein Restaurant, um etwas zu essen. Ob der Fehler hier oder anderswo gelegen hat, werde ich wohl nie herausfinden (siehe später).

Und dann … warte ich wieder einmal auf meinen Zug, schreibe einige SMS an meine Freunde und Kinder und schwärme davon, wie schön und wunderbar es doch mit den Millionen von Indern und Moskitos ist.


Irgendwas stimmt nicht

Zwei Stunden später bin ich im Nachtzug, liege in meinem Schlafsack , auf dessen wohlige Geborgenheit ich mich gefreut habe, und höre mir mit den Kopfhörern „Kimbie“ von Marianne Faithful an und bin zufrieden und glücklich.

Marianne Faithful – Kimbie

Das Lied ist noch nicht zu Ende, da spüre ich, dass etwas nicht stimmt. Der aufgeblähte Bauch war ein erstes Anzeichen, sozusagen die rote Lampe, aber dann merke ich, dass sich etwas Unschönes anbahnt. Der erste Besuch auf dem Zugs-Klo gibt Klarheit: ich habe Durchfall und wie.

Immerhin ist das WC ein Steh-WC und es ist für indische Verhältnisse sehr sauber. Die nächsten Stunden verbringe ich also entweder dort oder in meinem Abteil, wo ich auf den nächsten Anfall warte.

Man muss sich das so vorstellen: Ich bin in einem Abteil mit drei anderen Passagieren, sollte also so leise sein, während ich im Dunkeln meine Schuhe suche, hineinschlüpfe und anschliessend mucksmäuschenstill nach draussen gehe, immer im Ungewissen, ob ich es bis zur Toilette schaffe.

Aber irgendwie überstehe ich die schlimme Nacht, in Bangalore steigen die meisten Passagiere aus, und ich bin endlich allein im Abteil.

Aber genauso wie der folgende Song klingt, fühle ich mich …


PS Song zum Thema:  Flyleaf – I’m so sick


Und hier geht’s weiter …

 

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