Der Hippie Trail – Staub und Dreck und Mühsal

Es hat uns trotz Respekt vor den Distanzen schon zweimal erwischt. Zweimal in der Dunkelheit auf osttürkischen Strassen – kein Vergnügen!

Das soll nun definitiv der Vergangenheit angehören. Wir starten also noch früher, ohne grosse Begeisterung zwar, aber bis Erzurum sind wieder über 400 Kilometer zu fahren. Und was uns dabei erwartet, ist wie jeden Tag nicht vorhersehbar. Aber wir sind wie immer zuversichtlich.

Nicht ganz überraschend sind wir trotzdem wieder die letzten. Alte Leute erwachen bekanntlich früher, also ist nichts mehr zu sehen von den älteren Herrschaften.

Wir sind nun tief in der Osttürkei, einer armen, vernachlässigten Gegend, die so gar nichts zu tun hat mit dem Glanz Istanbuls. Was interessiert dort die reichen Leute wie es ihren armen Landsleuten im wilden Osten geht, einer Gegend, in die sie keinen Fuss setzen würden. Ausser wenn sie zur Armee eingezogen werden und ausgerechnet dort einen Teil ihrer Ausbildung absolvieren müssen.

 

From Sivas to Erzurum

 

Harte Gesichter

Die Armut ist sichtbar und spürbar. Die Leute machen einen ärmlichen Eindruck, die Gesichter sind hart, der Ausdruck darin aggressiv.

Es wird nicht mehr um eine Zigarette gebettelt, sondern mit grimmigem Gesichtsausdruck danach gefordert. Da ist Misstrauen, Abneigung, kaum zurückgehaltene Aggression. Wer kann es ihnen verdenken. Wir kommen aus dem Paradies, mit Geld wie Heu, mit seltsamen, unverständlichen Reisezielen, während die Menschen hier tagtäglich um ihre Existenz kämpfen.

Wir fahren als Fremde durch ihr Land, ohne viel über sie, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Traditionen zu wissen. Vielleicht kommen sie sich vor wie Tiere im Zoo; man sieht ihnen zu, man spottet vielleicht über sie, man fühlt sich so wunderbar erhaben. Ist es einfach Arroganz oder – wie meistens – simple Ignoranz? Manchmal fühlt man sich nicht sehr wohl bei diesen Gedanken.

Immerhin sind noch keine Steine geflogen. Und das mühsam konstruierte Schutzgitter vor dem Frontfenster bleibt festgebunden auf dem Dach.

 

On the road in Eastern Turkey

Aber leider ist man nicht immer in der Lage, unterschiedliche Kulturen mit Gelassenheit zu ertragen.

Auch kein Wunder, denn jedesmal, wenn ich einkaufen gehe und Monika im Bus wartet, wird sie belästigt. Mit Worten, mit Gesten, mit Grimassen. Offenbar ein Reflex der türkischen Machos, die dem Anblick einer weissen Frau nichts entgegenzusetzen haben als unverholene Abwertung.

Da ist keine Freundlichkeit mehr da, wie sie im Westen des Landes noch sprichwörtlich ist. Die Welt ist irgendwie finster geworden, als wäre sie ein Spiegelbild der Umgebung, wo wenig Leben spriesst, wo Mensch und Tier und Pflanze einen endlosen Kampf ums Überleben kämpft. Der Mann im Laden bedient mich, ohne Freude und Interesse, aber immerhin mit einem schwachen Lächeln, als er vom Fremden das Word Ekmek (Brot) hört. Eines der wenigen Worte, die wir gelernt haben.

Tja, da müssen wir durch (und wenn alles läuft wie geplant, werden wir das Vergnügen auf der Rückreise noch einmal haben).

Noch etwas apropos Abneigung: unser geliebter Bus hat sich eine neue Schikane ausgedacht. Nun funktioniert auch der Anlasser nicht mehr. Also wie vor zwei Jahren parkieren an einer abfallenden Strasse oder, falls es geht, lassen wir den Motor laufen. Oder lassen uns von hilfsbereiten Seelen anstossen.

 

Morgengymnastik

Es ist zwar kaum zu glauben, aber wir erreichen das Tagesziel Erzurum tatsächlich bei Tageslicht. Das heutige Mocamp ist ein ebenes trockenes Stück Land, von einer Mauer umgeben, mit Dusche und WC, und weiter nicht viel. Wäre etwas gewöhnungsbedürftig, wenn Zustände solcher Art nicht bereits zum Alltag geworden wären.

Also schlafen wir den Schlaf der Gerechten, nehmen schwach wahr, dass in der Nacht weitere Autos ankommen. Irgendwie beruhigend.

Der Morgen allerdings verschafft uns eine willkommene Abwechslung.

Während wir gemütlich frühstücken,  stellt sich eine Gruppe skandinavischer Tramper, die in der Nacht mit einem Reisebus angekommen sind, in einer Reihe auf, um Morgengymnastik zu betreiben. Und zwar in allen Schikanen. Da wird gekeucht und gestöhnt, da werden Muskeln und Sehnen gestreckt, da werden eingeschlafene Körper zum Leben erweckt.

Es wäre auch für uns nach all den mühsamen Kilometern eine Wohltat (und eine Aufforderung), wenn das Ganze nicht so lustig und irgendwie seltsam aussehen würde. Also lassen wir das und vertrauen auf „Mens sana in Corpore sano“.

Die Gymnastik hat auch Vorteile – die kampfgewohnten Skandinavier prügeln sich fast darum, unseren Bus anzustossen (nun eine tägliche Mühe, wir werden im Iran etwas unternehmen müssen).

 

Dieser elende Tahir-Pass

Wir haben es gewusst, wir sind gewarnt worden, alle Omen haben darauf hingezeigt. Interessiert uns das irgendwie? Natürlich nicht.

Es ist die Rede vom Tahir-Pass, den es heute auf dem Weg an die Grenze zu überqueren gilt. Die ersten 200 Kilometer sind ganz in Ordnung, eine asphaltierte Strasse führt in Richtung Nordosten, nach Dogubeyazit, dem letzten Ort auf türkischem Boden.

 

From Erzurum to Dogubeyazit

Dies ist die neue Route; die alte Strasse über den Tahir führt weiter nördlich durch (siehe unten)

Diese Karte (ich danke dem Ersteller) zeigt die ungefähre Route. Weiter südlich führt die neue Strasse durch.

Ich zitiere aus dem Beitrag (https://www.dangerousroads.org/europe/turkey/7771-tahir-gecidi.html):

Der Tahir-Pass ist ein hoher Gebirgspass auf einer Höhe von 2.496 m über dem Meeresspiegel in der Provinz Ağrı im Osten der Türkei.

Die Straße zum Gipfel ist nicht asphaltiert und sehr steil, mit einigen engen Abschnitten. Im Winter ist die Straße ein Alptraum für die Lastwagenfahrer auf dem Weg in den Iran. Lawinen, starke Schneefälle und Erdrutsche können jederzeit auftreten und sind wegen der häufigen Eisflächen extrem gefährlich.

Vier Monate im Jahr ist die Straße fast unpassierbar. Auf den steilen, eisbedeckten Straßen rutschen Lastwagen selbst im Stand. Die berüchtigte unbefestigte Straße zum Gipfel ist eigentlich eine Militärstraße auf der alten Seidenstraße zwischen Erzurum und Agri.

 

Staub und Dreck und Mühsal

Die obige Beschreibung bringt es auf den Punkt. Denn nun ist es vorbei mit dem geruhsamen Vorwärtskommen.

Kurz  bevor die Steigung zum Tahir beginnt, endet die geteerte Strasse. Was nun folgt ist die erste Stufe der Vorhölle: Querrinnen, Steine, Sand, Staub und Staub und nochmals Staub. Er knirscht zwischen den Zähnen, er legt sich auf alles, trotz geschlossenen Fenstern. Eine dicke Schicht Staub oder Sand oder wie immer man diese Variante verpulverten Gesteins nennen möchte. Und die Sicht wird immer schlechter, schlimmer als bei den nächtlichen Fahrten in Richtung Osttürkei.

 

Tahir Pass old 1  Tahir Pass old 2

Immer steiler werdende Kehren führen hinauf zur Passhöhe. Die türkischen Lastwagen machen sich einen Spass daraus, mit Vollgas an uns vorbeizupreschen und uns jedes Mal erneut mit einer undurchdringlichen Wolke aus Staub zu verhüllen, die kaum noch mehr als ein, zwei Meter Sicht erlaubt.

Und so sieht der Pass heute aus. Mehr oder weniger ein kies- und steinbedeckter Weg, den man sich nicht mehr als wichtigste Strecke in Richtung der iranischen Grenze vorstellen kann.

 

Tahir Pass very old 1 Tahir Pass very old 2

Und hier sind einige Youtube Videos, die die Situation in den 70-er Jahren und die modernere Route ziemlich exakt zu beschreiben vermögen.

 

 

Der Ararat und die Arche Noah

Auf 2500 Metern haben wir die Passhöhe erreicht, wir atmen durch, doch das Knirschen des Sandes zwischen den Zähnen bleibt. Immerhin geht es nun bergab, und nun wird auch die Strasse wieder besser.

Allerdings haben wir uns mit dem Benzinverbrauch verrechnet, etwa 50 Kilometer vor der Grenze nähert sich die Benzinanzeige beunruhigend dem letzten Strich. An sich kein Problem, doch nicht nur das Benzin sondern auch unsere türkischen Devisen sind auf ein Minimum geschrumpft.

Und nun, um der Sache so richtig Dampf zu machen, wird nun auch die Strasse wieder schlechter. Die tiefen Schlaglöcher quer über der Strasse zwingen zu seltsamen Slalomfahrten, und so nähern wir uns sehr langsam aber stetig Dogubeyazit, dem letzten Ort auf türkischem Boden. Dort tanken wir mit dem letzten türkischen Geld ein paar Liter Benzin, um wenigstens an die Grenze zu kommen. Natürlich mit laufendem Motor, denn der Mann an der Tankstelle macht nicht den Eindruck, dass er uns helfen würde, unser Vehikel in Gang zu bringen.

Aber, als das Highlight des Tages, die letzten Meter bis zur Grenze passieren wir den Ararat, den höchsten Berg in der Gegend, über 5000 Meter hoch, und wo sich, nach Ansicht vieler Experten, die Überreste der Arche Noah befinden. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, wie das biblische Phantom ausgerechnet an diesem Berg gestrandet sein soll. Aber wie man weiss, sind die Wege Gottes unergründlich …

 

Mount Ararat and Noah's Ark

 

Ein Tor zwischen zwei Welten

Die Grenzstation zwischen der Türkei und dem Iran liegt mitten in der Wüste, ringsherum nur brauner Sand und Steine und ein paar spärliche, von der Sonne verbrannte Gräser. Eine Gegend, die zu schleuniger Weiterfahrt auffordert. Man erkennt sie von weitem, denn eine kilometerlange Schlange von Lastwagen steht reglos in der weiten Oede, darauf wartend, irgendwann das Tor zur Glückseligkeit durchfahren zu dürfen. Wir sind aber sozusagen bevorzugte Kunden, dürfen die Kolonne überholen und uns ganz vorne hinstellen.

 

Dogubeyazit today

Das heutige Dogubeyazit

Die Station selbst ist ein Unikum der besonderen Art. Man erreicht sie von der türkischen Seite her durch ein grosses Tor und befindet sich anschliessend in einem Innenhof, der genau in der Mitte durch eine Mauer getrennt ist. Diese Mauer ist nichts anderes als die Grenze zwischen zwei grossen, mächtigen Staaten mit langer wechselvoller Vergangenheit.

Und während wir in beinahe feierlicher Stimmung die seltsame Atmosphäre einatmen, werden wir aufgefordert, den Wagen im türkischen Teil des Hofs zu parkieren und die aufwendigen und zeitraubenden Zollformalitäten zu erledigen.

Sobald dies erledigt ist (was etwas dauert), also man alle benötigten Stempel hat und sämtliche Formulare ausgefüllt sind, steigt man in den Wagen und lässt sich unter viel Lachen und Spotten anstossen. Erst jetzt ist man, natürlich unter Vorweisung der Papiere, berechtigt, auf den persischen Teil des Hofes zu fahren (viele Jahre später stehe ich im Niemandsland zwischen Argentinien und Uruguay und erinnere mich wehmütig an eine lang zurückliegende Episode an der türkisch-iranischen Grenze).

 

Passport Stamps

Und natürlich fängt im persischen Hof alles wieder von vorne an. Man parkiert also den Wagen ein zweites Mal, man füllt weitere Formulare aus, um anschliessend stundenlang an irgendwelchen Schaltern mit zahllosen weiteren Leuten Schlange zu stehen. Immerhin ergibt sich damit die Gelegenheit, neue Bekanntschaften zu knüpfen, und he, es scheint, dass sich die halbe Welt auf dem Weg nach Indien befindet. Na ja, vielleicht ein bisschen übertrieben, aber nur ein bisschen …

 

Highway Police

Aber irgendwann, nach Stunden, ist man durch.

Einige Seiten in den Pässen sind nun gefüllt mit unleserlichen Eintragungen und Stempeln und Marken und Unterschriften. Das Portemonnaie voller neuer Noten und Münzen. Und auch das Carnet de Passage, das notwendige Formular zur Identifikation des Fahrzeugs, ist nach einigen Problemen mit der Eintragung im falschen Pass doch noch abgestempelt worden. Na ja, wie sollte der arme Mann auch verstehen, dass in unseren Breitengraden ein Fahrzeug auch auf den Namen der Frau eingetragen werden kann. Auf den Namen einer Frau? Unvorstellbar …

Aber die Beamten sind herzlich und freundlich und jung und flott gekleidet. Und nehmen sich natürlich sehr wichtig.

Natürlich hat das Grenzabenteuer viele Stunden gekostet, und so ist es, nicht ganz überraschend, stockdunkel, als wir endlich zurück auf der Strasse sind und ein Plätzchen zum Übernachten suchen. Offenbar sind im Iran die Stationen der Highway Police dazu besonders gut geeignet.

Die erste befindet sich schon kurz nach der Grenze, ein Geheimtipp der Indienfahrer. Und tatsächlich, wir werden sehr freundlich empfangen und sogar mit einem Tee bedient. Nach den eher düsteren Erfahrungen in der Osttürkei eine willkommene Abwechslung. Auf jeden Fall schlafen wir fest und tief und fühlen uns im neuen Land ausgesprochen wohl …

 

Passender Song zur Zeit: Bob Marley – No Woman no cry

Und hier geht der Trip weiter … nach Täbris im Iran und einigen besonderen Problemen

 

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