Die Schönheit der Leere

 

Was ist das Berückende an den Bergen, an den leeren stillen einsamen Orten, wo der eigene Atem das einzige Geräusch ist?

Ist es der Blick ins Nichts? Oder die Schönheit des Nichts?

Die Berge sind nur noch eine Erinnerung, bereits fern, bereits unwirklich.

Der Blick am frühen Morgen, nach einer ohnmachtsähnlichen Nacht, geht instinktiv nach Norden, dorthin, wo sind uns verloren gegangen sind. Sie sind noch da, ebenso die Geister, die uns begleitet haben. Aber jetzt sind wir hier, im lärmigen Manali, etwas verloren und ratlos und auch etwas traurig. Ich bezweifle, dass ich sie noch einmal sehen werde. Und wenn ja, dann anders, nicht mehr mit der gleichen Hingabe. Wie alles, was beim zweiten oder dritten Mal anders erscheint.

Das ist der Grund, warum ich ungern an die gleichen Orte zurückkehre. Immer geht dabei etwas verloren.

 


 

Zurück in der Vorhölle

Frühstück im noch verschlafenen Städtchen, Banana-Pancake und heisser starker Black Coffee. Ich lehne mich zurück, schalte die Gedanken ab, bin einfach nur noch hier, während die TukTuks sich die steilen Gassen hinaufquälen, blaue Abgase und mörderischen Lärm hinter sich herziehend.

Ich spüre eine lange nicht mehr empfundene Melancholie. Es ist ja auch ein Abschied (nicht nur von Anja, die noch ein paar Tage hierbleiben wird), auch von Ladakh, von den Bergen, der Abgeschiedenheit, dem Indien in den Bergen, das so ganz anders ist. Denn jetzt bin ich zurück im wahren Indien, dem lärmigen, heissen, verrückten Indien. Dort, wo die Luft anders riecht als irgendwo auf der Welt. Dort, wo die Farben intensiver leuchten. Dort, wo der Motor lauter dröhnt.

Und immer, wenn ich in Indien bin, tauchen Bilder auf, zwar längst in einer unteren Schublade des Gedächtnisses versorgt, doch immer noch da, wartend, wieder hervorgeholt zu werden. Es ist die alte Liebe oder der alte Hass, alles meldet sich zurück, die Bilder, die Phantasien, die Illusionen.

 

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Wo immer man hinschaut, ist alles kleiner oder grösser, aber sicher anders
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Zwei Welten begegnen sich
 

 

Ein Bus, der nicht kommt

Ich bin also zurück, hier in Manali noch in einer Art Ruhe vor dem Sturm, bevor dann spätestens in Delhi die wahre Vorhölle beginnt. Vorerst geht es aber darum, noch einmal tüchtig Luft zu holen, denn ab morgen ist diese ein seltenes Gut. Um drei mache ich mich auf den Weg zur Busstation, genaue Angaben über die Busnummer und Sitz auf meinem Ticket.

Eine Wiese irgendwo am Rand der Stadt dient als Busbahnhof.

Dieser Ausdruck ist etwas übertrieben, denn es handelt sich lediglich um eine wirre Anhäufung von Bussen, von TukTuks, Autos, Verkaufsständen und Restaurants und tausend Menschen, die irgendwas damit zu tun haben. Fragt sich nur was, denn nirgends ist jemand zu sehen, der das Ganze unter Kontrolle hat. Der mir sagen kann, warum ausgerechnet mein Bus nirgends zu sehen ist.

 

Busbahnhof in Manali
Irgendwo hier müsste mein Bus sein (was er aber nicht ist)

Irgendjemand telefoniert dann auf meine Bitte hin doch mit irgendjemandem, um die Auskunft zu erhalten, dass der Bus verspätet ist. Ach so. Wäre ich nicht draufgekommen.

Die Busse fahren einer nach dem anderen ab, verschwinden in einer Wolke aus Dieselabgasen und Staub … und ich warte immer noch auf meinen Bus mit der Nummer 14387. Man erbarmt sich schliesslich meiner und steckt mich kurzentschlossen in einen anderen Bus. Ok, der ist zwar noch leer, aber ich weiss, dass er sich irgendwann irgendwo füllen wird. Das wird eine interessante, lange und mühselige Fahrt werden. Ich bin gespannt, auch wenn mich meine Erfahrungen gelehrt haben, dass schlechte Omen selten zu positiven Ergebnissen führen.

 


 

Drei ehrwürdige alte Sikhs

Wie befürchtet, füllt sich der Bus schnell.

In Manali, kurz nach der überfälligen Abfahrt, dachte ich noch voller Hoffnung auf einen nicht gar zu vollen Bus, aber eben, solche Erwartungen sind selten realistisch. Ich hänge am Fenster, beobachte das Licht, das warme farbige indische Licht, das sich ins Dunkel verkriecht.

Reise von Manali nach Delhi
Eine lange Reise von Manali nach Delhi

Nach vielen Stopps und dem Zusteigen weiterer Passagiere, wird es still im Bus. Die jungen Leute haben die Wolldecken über den Kopf gezogen, manchmal hört man ein leises Schnarchen. Friedvoll.

Wären da nicht drei ehrwürdige alte Sikhs, Turbane auf dem Kopf, in weisse Gewänder und knallenge weisse Leggins gekleidet, die als allerletzte Passagiere eingestiegen sind. Sie sind ausserdem ziemlich korpulent, ihr BMI muss mindestens 30 oder einiges mehr betragen. Einer der drei, mit einem gigantischen Bart, zwängt sich mit Schnaufen und Ächzen auf den letzten noch verbliebenen leeren Sitz, nämlich den neben mir, während sich die beiden anderen auf die Nebensitze drängen.

Mein Nachbar würdigt mich keines Blickes, und so ergibt sich eine unausgesprochene gegenseitige verächtliche Abneigung. Was allerdings eine Ausnahme ist, denn eigentlich mag ich alte Inder, sie strahlen meistens eine besondere Würde aus. Diese drei seltsamen Männchen sind eine Ausnahme. Immer, wenn sich mein Sikh auf seinem Sitz bewegt, komme ich mir vor wie auf einer Wassermatratze, es schaukelt und federt und schwingt. Dafür brummelt er ungehalten irgendwas in seinen Bart, wenn ich aufstehen will und er seinen massigen Körper bewegen muss.

Tja, die drei sind wahrlich nicht das Salz der Erde …

Mir ist natürlich einigermassen bekannt, worum es bei der Sikh-Religion geht. Eine der heiligen Regeln besagt zum Beispiel, dass sich die Männer ihre Haare nicht schneiden dürfen. Das führt natürlich organisatorisch und ästhetisch zu gewissen Problemen, also versteckt man sie unter einem Turban. Aber jetzt kommt das Schöne: ich kann mir einen Grinser nicht verkneifen, als ich feststelle, dass unter dem überdimensionierten Turban meines Sikhs ein letztes mickriges Schwänzchen geblieben ist. Alles andere hat den Weg alles Vergänglichen genommen. Was mich beinahe versöhnt mit ihm …

 


 

Der Hauch einer kühlen Brise

Ich erwache aus meiner Bewusstlosigkeit, und tatsächlich, ein neuer Tag ist angebrochen.

Die Nacht vor dem Fenster ist jetzt, um halb zwei, nicht etwa dunkel und still, sondern von Hunderten von Lichtern durchbrochen. Wenn jemand einen Eindruck von der Dynamik des indischen Subkontinents gewinnen will, dann sollte er sich einfach mitten in der Nacht an eine beliebige Strasse stellen und schauen, welche Post da abgeht. Lastwagen kreuzen sich auf schmaler Strasse, man hupt wie üblich, was das Zeug hält, Kanten von Lastwagenseiten schrammen gelegentlich haarscharf an meinem Fenster vorbei.

Mein Sikh bleibt im Bus, ich steige wieder mal über ihn hinweg, sein böses Knurren verstärkt mein spöttisches Grinsen. Es ist warm, die mitternächtliche Wärme Indiens, die ich immer geliebt habe. Sie schlägt nicht mehr auf deiner Haut auf, sie ist versöhnlich geworden, der Hauch einer Brise löst Ekstase aus.

 

Mein Bus in der indischen Dunkelheit
Mein Bus in der indischen Dunkelheit, irgendwo

 

 

Eine falsche Frage

Erstaunlicherweise gehen die 14 Stunden Fahrt bis Delhi relativ zügig vorbei, auch wenn ich gestehen muss, dass mir für solche Abenteuer langsam die Lust fehlt.

Ich könnte es soviel einfacher haben, aber nein, es muss der verflixte Bus sein. Ausserdem bin ich wieder mal der einzige Ausländer, kein Mensch scheint ein verständliches Englisch zu sprechen, und der Zugbegleiter redet so schnell und so schlecht, dass ich kaum die Hälfte verstehe. Es schleicht sich auch das dumpfe Gefühl ein, dass man mich nicht mag, dass man alle Ausländer nicht mag. Vielleicht täusche ich mich, aber das folgende Kapitel zeigt einmal mehr, dass man seiner Intuition trauen sollte.

Ich kann mich erinnern, dass der Zugbegleiter das Kashmiri Gate erwähnt hat, also der Ort, wo ich aussteigen muss.

Beim ersten Halt – es ist heller Morgen geworden – glaube ich tatsächlich diesen Ausdruck zu hören, frage vorsichtshalber nach und versichere mich bei mehreren Passagieren, dass es sich im das besagte Gate handelt. Jeder nickt (und lacht wahrscheinlich hinter meinem Rücken), denn nachdem ich ausgestiegen bin und ein TukTuk oder Taxi suche, erkenne ich den Fehler. Ich befinde mich irgendwo ausserhalb Delhis, etwa 30 Kilometer, wie sich herausstellt, und das entsprechende Taxi kostet ziemlich genau das Doppelte als die ganze Busfahrt gekostet hat.

 


 

Wiedersehen mit Old Delhi

Nun, immerhin bringt er mich ins Hotel, wo mitten in Old Delhi ein reserviertes Zimmer auf mich wartet. Die Fahrt dahin, durch enge Gassen, vorbei an einer geschätzten halben Million Menschen und Hunden und Kühen, bringt mich in Windeseile mit dem in Kontakt, was ich unter Indien verstehe.

Und oh Wunder – plötzlich fühle ich mich ausgesprochen wohl. Seltsam, irgendwie fühlt es sich an, als wäre ich nach Hause gekommen.

 

das ist Indien
Das vergisst man nie, das ist Indien

Am frühen Nachmittag wage ich die ersten Schritte hinaus ins Spektakel, gehe langsam und mit offenen Augen und Ohren (und Nase, denn in Indien riecht es immer nach Irgendwas, was man lieber nicht wissen möchte) durch die Strassen, dem Connaught Place zu.

 

 

Der Platz mit erhabenen Fassaden und klassischen Säulen ist Dreh- und Angelpunkt von Neu-Delhi, also in einem großen Kontrast zum überfüllten Zentrum von Old-Delhi. Er ist für ein klassisches Einkaufszentrum sehr großzügig angelegt worden. Ähnlich dem parlamentarischen Hauptquartier südlich sind die Geschäfte und Büros in prächtigen Gebäuden mit Arkadengängen untergebracht. Der Connaught Place beherbergt ein immenses touristisches Angebot, eine große Anzahl von Hotels und Restaurants. (Wikipedia)

Was immer wieder verblüfft, sind die an sich völlig unwichtigen Details, die im Gedächtnis haften bleiben. Vom ersten Trip die Erinnerung an das schlechteste Cola meines Lebens, beim zweiten das scharfe Essen in einem der angesagten Restaurants mit später auftretenden Magenbeschwerden Johns (der keine scharfen Speisen verträgt).

Diesmal bin ich einfach nur überwältigt durch den ungeheuren Verkehr, die dichten Trauben von Menschen, die krassen Unterschiede zwischen den Ärmsten auf der Strasse und den teuer gekleideten Business People beim Connaught Place. Und das alles innerhalb weniger Meter. Das ist auch Indien …

Aber alles in allem – schön wieder hier zu sein!

 


 

PS Song zum Thema:  Hope Sandoval and the warm Inventions – Salt of the Sea

 


 

Und hier geht die Reise weiter … mit einem Abstecher ins Chaos von Old Delhi