Les Paccots – Vevey

Drei Uhr morgens am Hotelfenster.

Pechschwarze Nacht. Die Konturen der Bäume sind aufgesogen durch eine undurchdringliche Schwärze. Kein Laut, kein einziger. Kein Käuzchen ruft in der Ferne, kein Wind pfeift durch die Blätter, keine Regentropfen klopfen auf das Dach, rein gar nichts.

Irgendwie schön und irritierend zugleich.

Das erinnert mich an einen der berühmten Romane von Philip K. Dick (Autor der Grundlagen zur Verfilmung von Bladerunner, Minority Report, Total Recall etc.), nämlich Marsian Timeslip. Er beschreibt dabei das Problem, dass das menschliche Gehirn ohne Sinneseindrücke nicht überleben kann.

Im Roman wird das zeitliche Problem beim Transport eines Gehirns zu einem anderen Körper (SF-Literatur) so gelöst, dass von aussen künstliche Sinneseindrücke vermittelt werden, um das Gehirn am Leben zu erhalten. Allerdings hat dieses keine Möglichkeit zu erkennen, ob die wahrgenommenen Sinnesphänomene echt oder künstlich sind.

Was uns zwangsläufig zur Frage bringt, welche Möglichkeiten wir selbst hätten, um zu erkennen, ob das, was wir zu erleben glauben, real oder von aussen implantiert ist. By the way, im Film MATRIX wurde das Thema aufgenommen.

Verstörende Überlegungen mitten in der Nacht …

 

Der letzte Tag in den Bergen

Heute Abend werde ich am Genfersee ankommen. Die Berge bleiben endgültig hinter mir zurück, nach über drei Wochen und unzähligen Höhenmetern, zahlreichen Wegen über Hügel und Berge, über Pässe und durch Wälder. Ach Gott, wie werde ich sie vermissen …

Doch einmal mehr gibt der Wanderführer grünes Licht für eine besonders schöne Etappe:

Die Wanderung nach Vevey über Les Paccots führt über die Grenze der Kantone Freiburg und Waadt und hält viele Entdeckungen bereit: den naturbelassenen Lac des Joncs, den Pont de Fégire (Grenze zwischen den Kantonen), eine herrliche Aussicht auf die Voralpen und den Genfersee sowie regionale Spezialitäten.

 

From Les Paccots to Vevey

Dieser elende Regen entbietet auch an diesem Morgen einen nassen Gruss, doch mein unerschöpflicher Optimismus hält dagegen. Und ganz ehrlich – eigentlich waren doch die verregneten Tage die schönsten. Nie hat man mehr Ruhe, weit und breit keine Seele, der Regen tropft und klopft auf den Kopf, ein unermüdliches Konzert ganz für mich allein.

Also bin ich beinahe etwas enttäuscht, als sich beim Aufbruch der Regen bereits verzogen hat, nur noch ein paar niedrig hängende Wolken verdecken eine blasse Sonne. Die Landlady hat es geschafft, mir Bargeld abzuknüpfen, vermeintlich wegen technischer Probleme. Na ja, alles passt.

 

A wet green world againPath through the wet forest

Oberhalb von Les Rosalys, ich habe eine Variante gewählt, taucht man in eine feuchte grüne Welt ein, immer noch tropfend und nach nasser Erde riechend. Doch es erinnert einmal mehr an Mittelerde, und hinter den Büschen verstecken sich Waldelben oder Hobbits, vielleicht aber auch Orks oder Uruk-Hai, gezüchtet von Saruman.

Aber nichts in diesem Wald oberhalb Les Paccots lässt auf Böses schliessen. Das einzige, was passieren kann, ist, dass man auf dem glitschigen Boden das Gleichgewicht verliert. Und da grüsst auch eine hölzerne Eule, der Wächter des Waldes, sie verfolgt die unbeholfenen Schritte der seltenen Besucher, warnt die Wesen des Waldes vor den Eindringlingen.

 

Wooden owl

 

Ein einfaches Leben

Beim Wandern wird das Leben ganz einfach – man geht, man isst und trinkt, man macht Pausen, man übernachtet, man pflegt sich, man geht weiter … Es ist eine Art Metapher, wie man vielleicht leben könnte oder sollte. Einfacher, bescheidener, konzentriert auf das Wesentliche und nichts weiter.

Aber natürlich ist das schwierig in unserer komplizierten Welt. Wie soll man einfach und bescheiden leben, wenn man permanent von Angeboten überhäuft wird? Von Pflichten und Zielen und Massnahmen vereinnahmt? Wenn das Leben ein endloser Parcours durch all das ist, was man moderndes Leben nennt?

Manchmal wird man lethargisch, manchmal deprimiert, manchmal verzweifelt. Aber das ist so. Jeder muss auf seine Weise damit fertigwerden.

Deswegen sind Auszeiten so beliebt, ein eigentlicher Hype, dem jeder folgen will und doch fast niemand schafft.

Meine Art und Weise, das Problem zu entschärfen, ist wandern (oder reisen, je nachdem). Manchmal nur kurz, manchmal ein bisschen länger. So wie jetzt. Auf dem Weg von Les Paccots nach Vevey …

 

Der letzte Mensch

Manchmal komme ich mir vor wie der letzte Mensch. Ich bin schon einige Zeit unterwegs, doch auch heute bin ich offenbar der einzige Wanderer weit und breit.

Auch kein Wunder, heute ist definitiv kein Wanderwetter, denn der Weg bleibt rutschig, voll tiefer Pfützen, der nächtliche Regen hat Spuren hinterlassen. Seltsam riechendes Moos hat Bäume und Boden überwachsen, der Weg ist weich wie ein Bett aus Daunenfedern. Manchmal ist das satte Grün unversehens nicht mehr satt sondern irgendwie verblasst, als wäre die Natur am Absterben.

 

Pale world

Es geht immer noch bergauf, dem Pass Les Joncs entgegen. Den Abstecher zum viel gerühmten Lac des Joncs lasse ich bleiben, bis Vevey ist noch lang. Das einzige, was mir fehlt, ist der Kaffee im Gasthaus am See.

 

Die Brücke in die Waadt hinüber

Eine Holzbrücke führt über den Fluss Veveyse de Fégire, der die Grenze zwischen den Kantonen Freiburg und Waadt bildet. Gemäss Wanderführer sind die Freiburger Wanderwege sehr gepflegt, auf waadtländischem Boden hingegen eine eher trübselige Angelegenheit. Wir werden sehen.

Mein Weg hingegen ist, ungeachtet ob in Freiburg oder Waadt, genau so schlimm wie schon den ganzen Tag, überschwemmt mit den schlimmsten Wasserlachen, manchmal muss ich mitten durch das dichte Gebüsch ausweichen, manchmal hilft nur ein weiter Sprung über den aufgeweichten Pfad hinweg.

 

Bridge over troubled water Creek with nightly rain water

flooded path

 

Eine Alpwirtschaft und ein Wiedersehen

Der Wald bleibt für einen Moment zurück, eine weite grüne Hochebene liegt unter dem grauen Himmel, und nicht zum ersten Mal werde ich von einer Herde schwarzweisser Freiburgerkühe begrüsst. Sie haben sich in einer Reihe am Zaun aufgestellt, fehlt nur noch die Achtungsstellung.

 

Black and white cows greeting me at the fence

Wir sind zwar nicht mehr in Freiburg, aber an Alpwirtschaften mangelt es trotzdem nicht. Die Buvette les Mossettes entpuppt sich von aussen als ziemlich geschlossen, innen aber von erlesener Einrichtung. Hier könnte man Tage verbringen.

Ich erlaube mir, die Zeichnung des Innenraums aus der Website der Buvette zu übernehmen.

 

La Buvette les Mossettes

Noch während ich mit gebührender Achtung den Raum betrachte – im übrigen brennt mitten im Raum ein Ofen, der die klammen Finger aufwärmt – treten Mann und Frau aus Luzern herein. Ein fröhliches Wiedersehen (man erinnere sich an das Abendessen in Jaun, die beiden absolvieren ein paar Etappen bis Vevey).

Sie haben realisiert, dass heute Abend ihre Tour endet und damit auch ihr Alpenpanorama-Abenteuer. Ich kann das Bedauern darüber spüren, sie würden noch so gerne bis Genf mitkommen.

 

Das Reich der Narzissen

Kurze Zeit nach der Buvette führt der Weg nochmals durch dichten Wald, bevor er in Richtung Süden abbiegt und man das Gebiet der Les Pléiades, das Reich der Narzissen, erreicht.

Leider ist die Blütezeit vorbei, aber im Mai sollen auf diesen Alpweiden tausende von weissen Narzissen blühen. Schade, ich hätte die leuchtende Naturpracht gerne gesehen, aber das Naturschutzgebiet des Marais des Tenasses ist an sich schon eine Augenweide.

Der Weg führt durch Wiesen, auf einer Art Holzsteg, den man nicht verlassen darf. Und so folgt man auf leicht schwankendem Untergrund reinster Natur, wie sie hier noch in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten ist. Oder stellt man sich das einfach so vor? Ist der Holzsteg wirklich der einzige Eingriff des Menschen? Ich kann es mir nicht vorstellen, obwohl ich es gerne täte. Und ja, die Zweifel sind berechtigt – Hochspannungsleitungen überqueren das Naturschutzgebiet. Ein weiterer zivilisatorischer Gruss …

 

wooden walkway through the sanctuaryNature reserve

 

Les Pléiades – das panoramische Glück

Nach der Durchquerung des Naturschutzgebietes erreicht man Lally, von wo eine Zahnradbahn auf den Gipfel der Pléiades fährt. Als eingefleischter Wanderer ist es klar, dass man den Fussweg nimmt, der neben den Bahngeleisen hangaufwärts führt. Nicht unbedingt die angenehmste Weise, ich erinnere mich einmal mehr an den Niesen Berglauf. So ungefähr muss es dort aussehen, einfacher viel weiter und viel höher.

Natürlich steht auf dem Gipfel ein grosses Restaurant, der Blick von hier ist tatsächlich atemberaubend. Und natürlich treffe ich meine Luzernerfreunde, sie genehmigen sich eben ein wohlverdientes Mittagessen, zu dem ich mich gerne dazusetze.

 

View on Lake Geneva from the Pléiades

Wir beschliessen, den Rest des Weges bis Vevey gemeinsam zu gehen, und so ergibt sich wieder mal ein fröhliches, ziemlich geschwätziges Trio, man hat sich ja viel zu erzählen. Und so verwundert es nicht, dass wir für die restlichen knapp 5 Kilometer über anderthalb Stunden brauchen. So ist es halt, wenn man sich auf Anhieb sympathisch ist und eben – viel zu erzählen hat.

 

Die letzten Kilometer

Irgendwann erreichen wir die ersten Häuser, doch ich realisiere erst nach einigen Minuten, dass ich die Hügel und Berge nun eben das letzte Mal verlassen habe. Ich versuche, mein schmerzendes Herz zu verstecken.

In Blonay ist definitiv Schluss. Der Weg in die Stadt hinunter ist weit und mühsam, also steigen wir in den Zug. Eine merkwürdige Erfahrung. Die Zivilisation hat mich wieder in die Fänge gekriegt, bis Genf wird sie mich nicht mehr loslassen.

Aber sei’s drum, ich wusste, was mich erwartet.

An der Endstation verabschieden wir uns, einmal mehr im Wissen, dass der Abschied definitiv und für immer ist.

Ich gehe die letzten Meter zum See hinunter, rings um mich die Hektik und der Lärm der Grossstadt – bright lights, big city – welch ein Unterschied zu heute morgen.

Und dann bin ich da, stehe einen Augenblick lang gerührt am See, ein Fremdkörper mit meinen Wanderschuhen und dem Rucksack und dem Hut inmitten der fröhlichen Menge, die das Wochenende einläutet.

Aber ich bin am Genfersee, niemals hätte ich gedacht, dass ich es bis hier schaffe. Noch 5 Tage …

 

Lake Geneva seahorse with lady

 

Das erste Mal so etwas wie Erschöpfung

Bisher bin ich von Müdigkeit verschont geblieben, doch heute Abend spüre ich so etwas wie Erschöpfung. Ist es die Einsicht, dass mein Traum bald zu Ende ist? Oder rührt es ganz einfach davon, dass ich Dummkopf den ganzen Tag viel zu wenig gegessen habe?

So sitze ich später in einem Gartenrestaurant, Bier und Pizza und Kaffee und Dessert, und weg ist die vermeintliche Erschöpfung.

Ein paar Spatzen erkennen flugs, dass da jemand sitzt, der ihnen wohl gesonnen ist. Sie setzen sich entspannt auf meinen Tisch, knabbern an den Resten der Pizza, ein sehr willkommener Beitrag zu meiner Unterhaltung.

 

Ein perfekter Abschluss eines wunderbaren Tages …

 

Song zum Thema: Ruelle – The World we made

Und hier geht der Trip weiter … nach Lausanne

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.