Trekking zum Inlé-Lake – Tag 1

Trekking von Kalaw zum Inlé-See

Es ist immer ernüchternd und etwas schmerzhaft, wenn man an das eigene Alter erinnert wird. Ich erinnere mich gut an das erste Mal, ich war Mitte Dreissig, also noch mitten in der Jugend.

Dachte ich.

Nun, auf jeden Fall mass mich die junge Dame im damals angesagten Jeans-Shop von Kopf bis Fuss, um mir dann mit einem mitleidigen Blick mitzuteilen, meine gewünschten Hosen doch besser im PKZ (damals ein Kleidergeschäft für ältere Herrschaften) zu suchen. Autsch! Das tat weh!

Wie sagte schon Mae West (oder war es Kris Kristofferson?):

„Altwerden ist nichts für Feiglinge.“

Ich muss ihr zustimmen.

„You walk? .. Yes. Why? .. You old!!“

Heute Morgen werde ich an die damalige Geschichte erinnert. Das Mädchen an der Rezeption des Railroad Hotels namens Sima scheint die westliche Zurückhaltung bezüglich unpassender Bemerkungen zum fortgeschrittenen Alter ihrer Kunden noch nicht verinnerlicht zu haben (obwohl ich mir diese Direktheit manchmal wünschen würde).

Auf jeden Fall beginnt mein 2-tägiger Treck Richtung Inle-Lake mit genau diesen Worten. Wir lachen beide herzlich (ich ein wenig verkrampft) und verabschieden uns. Es war – trotz Badezimmer – ein wunderbarer Aufenthalt.

4 Personen plus Guide

Bei der organisierenden Agentur findet sich nach und nach die Truppe von insgesamt 4 Personen plus Guide zusammen (genau die richtige Grösse, denn immerhin ist man für 2 Tage eng zusammengeschweisst und erleidet sozusagen das gleiche Schicksal). Sebastian, ein junger Deutscher aus Rosenheim, Chris und seine Freundin Stefanie aus Amsterdam und Sanny, unser Guide. Zu ihm wird es noch einiges zu sagen geben, denn er wird sich als die grosse Attraktion unseres Ausflugs erweisen. Alles in allem eine gute Zusammensetzung, eine sehr gute.

Guide und Trekker
Sanny, unser Guide, mit interessierten Zuhörern

Sanny, unser Guide

Wir werden, da nur 2 Tage unterwegs, den ersten Teil mit dem Sammeltaxi in die Hügel hinausgefahren, wo wir schliesslich irgendwo im Nirgendwo ausgeladen und uns selbst überlassen werden. Na ja, immerhin haben wir ja Sanny. Er ist ein 55-jähriger, kleiner, drahtiger Mann mit einem feinen Geflecht von Falten in seinem sonst glatten Gesicht, immer mit einem Lächeln, auf dem Kopf eine Wollmütze, um die Beine schlottern sehr weite helle Hosen, die ihn von Weitem erkennen lassen. Dass er ein äusserst eloquenter Gesprächspartner und ein Geschichtenerzähler wie aus Tausend und einer Nacht ist, wird sich schon bald erweisen.

Sticky Rice

Nun denn, auf geht’s! Wir folgen dem Weg anfänglich gegen Osten, über gut ausgebaute Wege, dann wieder ausgewaschene Fusspfade, vorbei an gelben Feldern mit blühenden Sesampflanzen, an Feldern mit Sticky Rice (allerdings soll es gemäss Sanny auch Sticky Sticky Rice geben, der muss dann ziemlich sticky sein). Für die Nichtexperten: Sticky Rice ist anders als der Wet Rice etwas anders im Geschmack und gehört je nach Stamm, Volk oder Land mehr oder weniger zum täglichen Menü.

Banyan-Bäume

Manchmal kreuzen wir die riesigen Banyan-Bäume, stehen einen Moment still und bewundern die uralten, heiligen Monstren. Dann wieder vorbei an einem gelben Meer von Blumen. Das Auge wird müde ob der schieren Pracht.

Wenn ich unserem gut informierten Führer glauben kann (Einschränkung: ich glaube ihm nicht alles, obwohl ich überzeugt bin, dass ER alles glaubt, was er uns erzählt. Die Geschichte mit seinen Heilerqualitäten (was ein eigenes Kapitel füllen würde) ist so abstrus und gleichzeitig komisch, dass, falls nicht wahr, doch wenigstens gut erfunden ist).

Wenn ich ihm also glauben kann, gibt es unterschiedliche Banyan-Bäume, nämlich die heiligen und die anderen. Wie sie sich unterscheiden, ist allerdings unklar. Die einen sind einfach heilig und werden mit ebenso heiligen Utensilien bekränzt, während die anderen, obwohl vollkommen gleich aussehend, eben nicht heilig sind.

Aber sei’s drum, Banyan-Trees haben eine wichtige Rolle in Buddhas Geschichte gespielt. Soweit ich weiss, meditierte er in Bodh Gaya, einem Kaff in Indien, ein paar hundert Kilometer von Varanasi (Benares) entfernt, unter einem Banyan-Tree und wurde eben dort erleuchtet (ein Ur-Ur-… Enkel des damaligen Baumes wächst immer noch an der gleichen Stelle, selbst gesehen und kein Wort geglaubt) …

Banyan-Baum
Ein riesiger Banyan-Baum
Sonnenblumen so weit das Auge reicht
Ein gelbes Meer von Sonnenblumen

Durch Felder und Wälder

Es ist einer der schönsten Wanderungen ever. Ein gemütlicher Spaziergang entlang Wiesen und Felder und Wälder, an lieblichen Flüssen und Bächen vorbei, dazwischen aufgelockert durch Wasserbüffel und Kühe und Kinder …

Bienenkästen
Bienenkästen?
stillgelegte Geleise
Entlang stillgelegten Geleisen
Wasserbüffel und Bäume
Einsame Bäume mitten in der Landschaft mit ein paar Wasserbüffeln
Wasserbüffel
Er schaut ziemlich grimmig („Haut ab!“)
Stopp zum Durchatmen
Angeregte Diskussionen

Mönchsordination

Manchmal muss man etwas Glück haben. Auf dem Weg nach Osten treffen wir auf einen buddhistischen Tempel, wo eben eine seltsame Zeremonie im Gange ist. Unweit eines Tempels warten unter den ausladenden Ästen eines Banyanbaumes (siehe unten) eine Menge Leute, alte, junge, Babies, Kinder,die Blicke auf den Eingang des Tempels gerichtet, wo man das monotone Gemurmel buddhistischer Rezitationen hört.

Wir stellen uns dazu, und Sanny, unser Führer, erklärt uns, dass eine Ordination im Gang ist. Offenbar werden an diesem Tag zahlreiche neue Mönche (Bhikkus) ordiniert, d.h. sie erhalten ihren Status als Mönch und müssen ab diesem Tag die über zweihundert Gebote (die meisten davon betreffen lustigerweise die Vorgaben, wie man richtig am Tisch sitzt, isst und trinkt) einhalten.

Erstaunlicherweise ist der Buddhismus in dieser Beziehung sehr locker und offen: eine Ordination wie im katholischen Glauben beispielsweise, die für die Ewigkeit gilt, kann hier problemlos wieder aufgelöst werden, man wird also nach mehr oder weniger Tagen oder Wochen oder Jahren auf eigenen Wunsch von seinen Gelübten gelöst und kann sein normales Leben weiterführen.

Es dauert nicht lange, und die gut zwanzig frischgebackenen Mönche verlassen mit ernsten Gesichtern den Tempel, sie werden durch die Zuschauer mit Musik begrüsst, und die ganze Prozession geht würdevoll von dannen, ohne uns auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen …

Wir verlassen die Feier mit einem zwiespältigen Gefühl. Einmal mehr möchte man gern Teil der Kultur sein, ist sich aber bewusst, dass wir nicht dazugehören.

Tempel auf dem Weg
Ein kleiner Tempel im Nirgendwo
Versammlung der Gläubigen
Die Gläubigen versammeln sich im Schatten der Bäume
Zeremonie beim Tempel
Die Zeremonie beginnt
Feierlicher Umzug
Sonnenschirme? Oder doch nicht?
Musikanten
Musikanten mit seltsamen Instrumenten

Kinder und Wasserbüffel

Manchmal laufen Kinder über den Weg, scheu, zurückhaltend, rennen weg, sobald eine Kamera gezückt wird. In einem Dorf dann eine ganze Meute, die nach Pencils schreien. Pencils? Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, die restlichen Farbstifte loszuwerden. Der Verteilprozess ist allerdings etwas mühsam, denn zehn Kinder springen an mir hoch, versuchen mit ausgestreckten Händen an die begehrten Stifte zu kommen. Also muss das organisiert werden, alles in eine Reihe, dann faire Verteilung, damit auch die jüngeren nicht zu kurz kommen.

Kinder auf dem Weg
Ist das bereits eine bittende Geste?
Kinder
Noch mehr Kinder
Kinder
Genussvoll kauend

Immer wieder Wasserbüffel, das schönste Bild ein Wasserpfuhl, wo sich zehn Stück aufs Mal wohlig suhlen, während im Hintergrund eine Mutterkuh ihr Junges bewacht und uns misstrauische Blicke zuwirft.

Wasserbüffel beim Baden
Es gibt nichts Schöneres
Hirte im Schatten
Der zugehörige Hirte im Schatten

Peperoncini

Was den Fotographen unter uns, Chris, besonders erfreut, sind die zum Trocknen ausgelegten Peperoncini, man hat den Eindruck, dass ganze Fussballfelder in dunklem Rot schimmern. Darauf kauern sich Frauen und Kinder, zum Teil in ihren wunderbar farbigen Trachten des Pa-O Stammes, und wenden die Dinger oder sammeln sie ein.

Den genauen Ablauf habe ich nicht ganz verstanden, allerdings erscheinen mir gewisse Details der Anpflanzung von Gemüse, das ich nicht besonders mag, auch nicht besonders erinnerungswürdig (ausser den wunderbaren Farben natürlich).

Peperoncini
Ein rotes Meer von Peperoncini
Frau auf dem Peperoncini Feld
Die mühselige Arbeit in der brennenden Sonne ist das tägliche Brot

Mein Magen/Darm rebelliert

Etwas müsste ich vielleicht noch erwähnen: gestern Nachmittag, müde und heisshungrig auf etwas Süsses, habe ich den einen Fehler gemacht, den man tunlichst vermeiden sollte, nämlich in einem indischen Restaurant einen lauwarmen Kaffee zu trinken. Natürlich hätte ich das Gebräu zurückzuweisen müssen, aber manchmal ist man einfach zu dumm oder zu höflich.

In der Konsequenz: Punkt fünf Uhr morgens die unangenehme Überraschung, die man sich vorstellen kann. Nun bin ich also auf einem 2-tägigen Treck, der mich irgendwohin führt, auf jeden Fall nicht in Gegenden, die für anständige WCs bekannt sind. Aber wie gesagt, mein Fehler, aber das gehört halt irgendwie dazu. Ein gehöriger Input von Loperamid-Mepha wird hoffentlich dafür sorgen, dass ich mich nicht allzu sehr als Störenfried entpuppen werde.

Ein gelbes Meer

Und dann wieder, fast verloren im endlosen gelben Meer, der Weg durch blühende Felder.

Es ist wie in einem Traum. Einem wunderschönen Traum.

blühende Blumen
Weg durch ein gelbes Meer
Trecker im Blumenfeld
Blauer Himmel, blühende Felder, lachende Trecker

Die Pa-O Dame

Alle paar Stunden ein Halt, wie es sich gehört, einmal ein Teestopp bei einer Pa-O Dame, die emsig am Weben von wunderbaren Tüchern und Taschen ist. Ein endloser, mühsamer Prozess, der für ein einziges Tuch mehrere Tage dauern kann, und – nach unseren finanziellen Gegebenheiten – für ein Trinkgeld verkauft wird.

Frau bei der Arbei
Langsam, gemächlich entstehen Kunstwerke
Bunte Tücher
Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind atemberaubend

Mittagessen im Homestay

Mittagessen dann in einem Haus, das für andere Trekkinggruppen als Homestay dient. Ein runder Tisch ist bereitgestellt, man setzt sich auf den Boden (ah, wie ich das hasse, wie mein blöder Rücken protestiert) und erhält ein mehrgängiges Menü aus Noodles, Gemüse, unedefinierbaren Beilagen, die aber, so höre ich, sehr gut schmecken (ich begnüge mich aus verständlichen Gründen mit einem Teller Suppe). Es wird gequatscht und gelacht, langsam findet sich die Gruppe zusammen. Einmal mehr ist Englisch die Lingua Franca.

Frau am Fenster
Die Dame des Hauses schenkt uns einen vorsichtigen Blick
Mittagessen
Es sieht nicht nur gut aus
hungrige Arbeiter
Im Nebenraum sind andere hungrige Mäuler am Essen

Zieleinfahrt beim Sonnenuntergang

Gegen Abend dann, nach einem Zwischenspurt, denn wir haben viel Zeit verloren, erreichen wir eben vor Sonnenuntergang das Dorf, wo wir übernachten werden.

seltsames Haus
Irgendwie eine seltsame Architektur
Frau und Kühe
Eine Idylle gegen Abend

Der Homestay

Der Homestay macht einen recht ordentlichen Eindruck (von den Toilette möchte ich lieber nicht sprechen), es gibt einen grossen Raum, in dem wir schlafen werden, die Schlafplätze mit Decken und Matratzen sind bereits vorbereitet. Auf die Dusche allerdings (ein Kübel eiskaltes Wasser über den Kopf) verzichte ich gerne (nur Sebastian ist genügend Masochist, um sich das anzutun).

Nach dem Abendessen im Freien – es wird sehr schnell ziemlich kalt – und einem längeren Vortrag von Sanny über seine Fähigkeiten als Heiler (!), über Buddhismus und einer Präsentation seiner KungFu Künste ist es Zeit, sich unter die Decken zu verkriechen. Allerdings, die vom Organisator versprochenen 5 Zentimeter dicken Matratzen erweisen sich eher als 5 Millimeter dick (wahrscheinlich hat er die Masse verwechselt), aber die Decken scheinen ziemlich warm zu sein (wenn vermutlich auch schon tausend Mal in Gebrauch gewesen).

Homestay
Unser Homestay

Das alles erinnert an alte SAC Hütten mit müffelnden Wolldecken (und den fehlenden Duschmöglichkeiten). Auf jeden Fall bin ich froh um meinen Baumwollschlafsack, der zwar wärmemässig nicht allzu viel hergibt, aber zumindest vor der direkten Berührung mit den Decken schützt. Ich werfe noch eine Tablette ein, in der Hoffnung, jeglichen nächtlichen Gang auf die besagte Toilette vermeiden zu können, und drehe mich auf die Seite. Es ist kalt, und es ist hart, aber irgendwie … wunderbar.

Zumindest im ersten Moment …

Wie gesagt, irgendwie wunderbar, langsam stellt sich Wärme ein, die Matratze ist besser als gedacht, der Magen im Moment ruhig gestellt – da beginnt das, was in jeder Beziehung, im Militär oder bei den Pfadfindern, unweigerlich zu Problemen führt: Schnarchen!

Eine Symphonie des Grauens

Das, was neben mir aus der Kehle Sebastians dringt, ist aber nicht einfach Schnarchen, es ist viel mehr als das, es ist ein Angriff auf Ruhe und Frieden an sich, eine Kakophonie von schaurigen Tönen, mit denen man kleine Kinder zu Tode erschrecken könnte, eine Symphonie des Grauens. Manchmal klingt es, als würde er in den letzten Zügen liegen, manchmal holt er lautlos Atem, um diesen dann in furchterregenden Schüben hinauszupressen. Gott im Himmel!

An Schlaf ist nicht zu denken, denn nun beginnt das, was man dann in solchen Fällen tut, man wartet auf den nächsten Angriff auf die Ohren und kann nicht schlafen. Und die blöden Ohropax habe ich zurückgelassen!

Nun, irgendwie vergeht die Nacht trotzdem, ich falle zwischendurch sogar in einen mehrstündigen Schlummer, der Punkt sechs durch die Geräusche des Morgens unterbrochen wird.

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.