Ladakh – Winter is coming

 

Der letzte Tag in Leh, traurig aber wahr.

Schon gestern Abend aufgefallen: immer mehr Läden machen zu, die Rollläden bleiben den ganzen Tag unten. Kann es sein, dass dies die ersten Anzeichen sind, dass sich die Saison dem Ende nähert?

Oder wie in Game of Thones – Winter is coming? Die Ankunft der White Walkers?

So schlimm wird es nicht werden, aber dass sich der Herbst langsam verabschiedet und dem eiskalten Winter Platz macht, ist spürbar …

 


 

Time to say Goodbye

Es scheint so, und zum ersten Mal merke ich auf einem Spazierganz den sich ankündigenden Herbst. Es ist merklich kühler geworden, die verfärbten Bäume verlieren ihre Blätter, die für die streunenden Kühe eine willkommene Zusatzverpflegung darstellen.

Die Strassen in Leh und den angrenzenden Dörfern (mit Ausnahme der Fussgängerzone) sind von zahlreichen Kühen und ein paar Eseln bevölkert. Aber es handelt sich dabei nicht um herrenlose heilige Kühe wie in Indien, sie sind Eigentum von Bauern, die ausserhalb von Leh leben.

Die Tiere machen sich am Morgen in die Stadt auf, um etwas Futter zu finden, und am Abend finden sie den Weg zu ihrem Hof zurück. Fand ich anfänglich nicht sehr glaubwürdig, doch die Tiere machen samt und sonders einen erstaunlich wohlgenährten und gepflegten Eindruck. Allerdings fressen sie auch den überall herumliegenden Plastikmüll und verenden daran …

 

Mutter und Kalb
Mutter und Kalb mitten in Leh


 

Die Tür geht zu

Es ist offenbar tatsächlich so: spätestens Ende Monat geht die Sommersaison zu Ende, und sobald der erste Schnee auf den hohen Pässen fällt, wird Ladakh nur noch via Flugzeug erreichbar sein. Allerdings soll es auch im Winter immer häufiger Touristen geben, die Wintertrecks, teilweise auf den zugefrorenen Flüssen unternehmen. Wenn ich an die Temperaturen von bis zu 30 Minus denke, wird mir ganz schecht.

Nichts für mich.

 

Winter in ladakh
So sieht’s aus – Winter is coming


 

Suche nach einer Fahrt nach Manali

Nach dem vergeblichen Versuch von gestern Abend, einen privaten Busbetreiber zu finden, der die Strecke nach Manali nicht in einem hauptsächlich in der Nacht stattfindenden Powertrip von 16 Stunden durchprescht, muss ich mir heute etwas einfallen lassen.

Ich will unbedingt während des Tages fahren. Soll die unbeschreibliche Landschaft in der Dunkelheit an unseren schlafenden Augen vorbeiziehen? No Way! Als Alternative bleibt nur der Government Bus, der morgens um vier abfährt. Allerdings fährt er nur los, wenn er voll ist, was wiederum heisst, dass man nie genau weiss, ob er nun wirklich fährt. Ausserdem soll es auch zum wenig verheissungsvollen Kampf um die besten Plätze im Bus führen. Und dies mitten in der Nacht!

Es bleibt also nur die Hoffnung, einen privaten Anbieter zu finden, der mich über die verrückte Strasse nach Manali bringt.

 


 

„2-Day-Trip to Manali“

Aber es stellt sich heraus, dass mir das Glück hold ist. Ich habe mich entschlossen, jede einzige Agentur abzuklappern, doch schon nach wenigen Metern, sozusagen bei der ersten Adresse, hängt ein Zettel an der Wand.

Looking for 2-3 persons for 2-Day-Trip to Manali.

Das ist genau das, was ich suche. Der Laden ist aber noch geschlossen, also mache ich mich zwischenzeitlich daran, ein Geschenk für mein noch nicht geborenes Grosskind zu suchen. Der tibetische Händler, sehr freundlich und sehr schwul, schüttelt mir geschlagene fünf Minuten lang die Hand, als ich ihm vom werdenden Grossvater erzähle.

Schliesslich finden wir was, und in der Zwischenzeit hat sich auch der Agent eingefunden. Es gibt zwar nur einen einzigen Interessenten für die Fahrt nach Manali, und da der Preis auf die Passagiere aufgeteilt wird, könnte es eine teure Angelegenheit werden.

Aber was soll’s, und so wird kurzentschlossen gebucht. Abfahrt am nächsten Morgen, Punkt acht Uhr, Übernachtung in Jispa oder Keylong, Ankunft in Manali am nächsten Tag. Perfekt! …

 


 

Unterwegs in Sankar

Am Nachmittag ganz allein im kaum bekannten und sehr ruhigen Ort namens Sankar etwas oberhalb von Leh unterwegs. Keine Menschenseele, kein Dauergehupe, klare Luft. Manchmal ein Mütterchen mit seinen Grosskindern. Julee hier und Julee da ein weiteres Mal. Ich werde meine letzten Malstifte los, Ergebnis: erstaunte und freudige Kinderaugen. So wenig braucht’s. Ein paar billige Malstifte …

 

Grossmutter
Grossmutter mit Enkelin
 Enkelin
Und noch eine Enkelin – mit triefender Nase


 

Kaltes Essen im offenen Hinterhof

Die unterschiedlichen Zonen von Hitze und Kälte haben über kurz oder lang Konsequenzen. Wenn dann noch die Auspuffgase und die aufgewirbelten Staubwolken dazukommen, steht einem tüchtigen Schnupfen und Husten nichts im Wege. Und wie schon erwähnt – es ist spürbar kälter geworden. Das Nachtessen im offenen Hinterhof wird bereits zu einer ziemlich kalten Angelegenheit.

Nun also, kurz vor Torschluss, hat es mich doch noch erwischt. Ich bin also heute Morgen etwas reduziert und somit alles andere als bereit für den letzten Tag in Leh. Aber warum auch nicht? Zeit, etwas Bilanz zu ziehen.

 

Ein kleiner Tempel
Noch ein letzter Spaziergang durch die oberen Quartiere
Blick von oben
Ein letzter Blick von oben


 

Die Bilanz

Die Stadt auf 3500 Metern wird auch – verächtlich oder bewundernd – Klein-Kathmandu genannt, verächtlich wegen den Zerstörungen, die der Massentourismus hinterlässt, missbilligend wegen den jungen Ladakhis, die den westlichen Lebensstil so sehr imitieren, dass sie ihre kulturelle Identität verlieren.

Aber auch bewundernd wegen den liebenswürdigen Einheimischen, den prachtvollen Heiligtümern und Klöstern, der Stimmung und lockeren Atmosphäre. Die positiven Punkte überwiegen immer noch, doch der Fortschritt in Form von Autos,Taxis, Motorbikes und all den anderen Zeichen westlicher Zivilisation, die die Stadt mit der Wucht einer Dampfmaschine überrollen, lassen mich befürchten, dass die Bewertung in nicht allzu ferner Zukunft auf die negative Seite kippen wird.

Das Beispiel Kathmandu hat es gezeigt. Dort hat die Zerstörung (auch ohne das Erdbeben) längst stattgefunden.

Aber – ich wiederhole es tausend Mal – ich würde jedezeit wiederkommen. Trotz Umweltbelastung und allem, was damit zusammenhängt, habe ich die Stadt ins Herz geschlossen. Es hat sicher viel mit der tibetischen Mentalität zu tun, mit der Freundlichkeit und dem verschmitzten Witz der Menschen, mit ihrer Gelassenheit, Ihrer Freundlichkeit.

Alles Dinge, die uns so schmerzhaft abhanden gekommen sind …

Leh – wir werden uns wiedersehen. Vielleicht erst im nächsten Leben, aber was soll’s …

Ja, dann also auf ins Abenteuer. Morgen locken tausend Abgründe.

 


 

PS Film zum Thema: Game of Thrones / The Winds of Winter (Trailer)

 


 

Und hier geht der Trip weiter … Auf zu einer der verrücktesten und gefährlichsten Passüberquerungen …