Seltsamerweise gibt es doch eine direkte Zugverbindung zwischen Kanyakumari und Trivandrum.

Entweder habe ich etwas missverstanden, oder, was eher anzunehmen ist, ich bin wieder mal einer dieser zwar liebenswürdigen, aber vielfach ins Verderben führenden Falschaussagen aufgesessen. Die Angst davor, einen Fehler zu machen und damit das Gesicht zu verlieren, ist bei vielen Indern grösser als der Wunsch zu helfen.

Was mich an meine erste Reise im VW-Bus durch Indien und an einen entscheidenden Fehler erinnert: jemanden nach dem Weg zu fragen und gleichzeitig mit der Hand die mögliche Richtung anzugeben. Die Antwort ist mit tödlicher Sicherheit ein zustimmendes Nicken, auch wenn der Gefragte nicht den Hauch einer Ahnung hat.

Zug-Geschichten

Während der Fahrt nach Norden erinnere ich mich an einen alten Hitchcock-Thriller, Strangers on a Train. Ich hoffe zwar, dass es heute weder konspirative Gespräche noch Mordabsichten gibt, aber die Erinnerung ist angenehm.

Hitchcock – Strangers on a Train

Während einer Fahrt mit der Eisenbahn lernt Guy Haines, ein Tennisstar mit politischen Ambitionen, im Zug einen Mann namens Bruno Antony kennen. Bruno, ein Muttersöhnchen aus reicher Familie, hat aus der Presse umfangreiche Kenntnisse über Guys Privatleben gesammelt: So weiß er zum Beispiel auch von Auseinandersetzungen, die Guy mit seiner von ihm getrennt lebenden Frau hat, und von Guys Plänen, sich scheiden zu lassen, um Anne Morton, die Tochter eines Senators, zu heiraten.

Bruno schlägt ihm einen Handel vor: Da er immer davon träume, das „perfekte Verbrechen“ zu begehen, sei er bereit, Guys Frau zu töten, wenn dieser im Gegenzug Brunos verhassten Vater umbringen würde. Da die Opfer den Mördern jeweils völlig fremd wären, gäbe es für die Polizei keinerlei nachvollziehbare, logische Motive. Guy glaubt, bei Bruno handle es sich um einen harmlosen Verrückten (Wikipedia).

Zugfahren mit Larry

Heute stehen keine düsteren Pläne und Morde zur Diskussion. Ich fahre zusammen mit Larry Richtung Norden, das gestrige Gespräch erfährt eine Fortsetzung.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Menschen, vor allem Allein-Reisende, anfreunden und ihrem bis vor kurzem unbekannten Gegenüber allerhand Privates, auch Tragisches und Persönliches anvertrauen. So ist es auch mit Larry. Hinter seiner liebenswürdigen, offenen Art offenbaren sich dunkle Abgründe, Seelenschmerz, Einsamkeit.

Das ist mir nicht neu. Und immer muss ich mich im Nachhinein fragen, ob ich auch zu dieser Spezies gehöre. Dass ich Verborgenes und Verschwiegenes eher einem Fremden anvertraue als den Menschen, die mir wichtig sind. Es gibt Zeiten, da weise ich solche Gedanken vehement von mir, in lichteren Augenblicken bin ich mir nicht sicher.

Getrennte Wege

In Trivandrum trennen sich unsere Wege. Einmal mehr ein Abschiednehmen auf Nimmerwiedersehen. Für eine sehr kurze Zeit haben sich zwei Menschen getroffen, ihre Geschichten, ihre Verletzungen, ihre Hoffnungen, ausgetauscht, und nun schüttelt man sich die Hand, im Wissen, dass man sich nie mehr wiedersehen wird.

Schönheit bleibt Schönheit

Nach der geruhsamen Fahrt von Kanyakumari nach Trivandrum hat sich das Abteil mit Indern gefüllt, es ist heiss, stickig. Eine junge Inderin, eine dieser früh erblühten Schönheiten, die bereits in ihrer Jugend erste Ansätze von Molligkeit zeigen, sitzt gegenüber.

Aber was soll’s, Schönheit bleibt Schönheit.

Die gestrigen Kopfschmerzen sind verschwunden, das schreckliche Hotel Baghya treibt bereits in den Untiefen der Erinnerung. Norden ist die einzig mögliche Richtung, und so fahre ich im langsamen Tempo der indischen Bahn im vollbesetzten Abteil in Richtung Kollam oder Quillom, wie es früher hiess, wo ich auf ein besseres Hotel und eine angenehme Stadt hoffe.

TukTuk
Immer noch das wichtigste Verkehrsmittel in Indien

Gedanken über das Schicksal

In Indien liegt es auf der Hand, dass man sich früher oder später Gedanken über das Schicksal macht und die unverständlichen Mechanismen der Auswahl. Oder des Zufalls.

Hier der wohlbehütete, reiche, verwöhnte Mensch aus dem Westen, dort der mausarme, verstörte, jeden Tag ums Überleben kämpfende andere Mensch. Was macht den Unterschied? Ein früheres Leben oder die Abfolge davon? Gute oder schlechte Taten und wenn ja, gibt es demzufolge  eine Instanz, die das Ganze mittels Wertmassstab steuert und kontrolliert und organisiert?

Oder ist es der Zufall, ein steuernder, als Guillotine wirkender, elender Zufall, der die Menschen in diese oder eine andere Gruppe kippt?

Keine Antworten

Der Mensch will Antworten, die ihm niemand geben kann, und trotz Buddha und Jesus und Mohammed, die spekuliert und nach der Wahrheit gesucht haben, ist er verloren in der Welt. Er will wissen, ob er sich freuen soll an seinem guten Schicksal, ob er gleichzeitig ein schlechtes Gewissen haben muss, weil es andern schlecht geht, ob das, was er jetzt lebt, ihm zum Vorteil oder Nachteil gereicht. Oder ob er eine Art Versuchskaninchen darstellt für Wesen höherer Ebene, die sich einen Heidenspass daraus machen, die Milliarden Kaninchen zu beobachten und gelegentlich in ihr Schicksal einzugreifen.

Ein schlechtes Spiel, ein mieser Zeitvertreib gelangweilter Existenzen?

Ist Gott da, hört er die Bitten und Klagen und bleibt stumm?

Ich weiss es nicht. Ich werde es wahrscheinlich nie wissen.

Kollam – nichts Besonderes

Auf jeden Fall erreiche ich am Nachmittag Kollam, lasse mich von einem Tuk-Tuk in das Shines-Hotel bringen und bin ganz zufrieden damit. Die Cockroaches tauchen erst später auf und ärgern mich gewaltig. Diese Viecher, auch wenn ich ihnen kein Leid antue, kann ich nicht ausstehen. Wie sagt man so schön – im Falle eines dritten Weltkriegs sind sie zusammen mit Keith Richards die einzigen Überlebenden.

Immerhin habe ich einen Balkon, von dem aus man über die Stadt sehen kann, ein riesiges Doppelbett mit einem schwirrenden Ventilator darüber und ein akzeptables Bad. Immerhin eine spürbare Verbesserung gegenüber dem letzten Hotel.

View from the window
Keine wirklich schöne Aussicht

Heldenmut am Abend

Kollam selbst ist aber nichts Besonderes. Leider kriege ich im Tourist-Office heraus, dass es keinen Zug über die wundervollen Western Ghats gibt, der während des Tages fährt, also bleibt vermutlich nur ein Bus. Mal sehen. Auf jeden Fall ist der morgige Tag mit der Backwaters Tour nach Alleppey gebucht (es hat mir einiges Kopfzerbrechen verursacht, die beste Variante für die Tour und am Tag danach die Reise nach Madurai herauszufinden, aber oha, ich hab’s geschafft).

Am Abend spaziere ich die Strasse entlang und versuche in diesem ungeheuren Chaos zu überleben. Es braucht einigen Heldenmut, um die Strasse zu überqueren, und es gibt Momente, an die ich mich lieber nicht erinnern will.

The usual traffic chaos  A whole family on a motorcycle

Abend mit indischen TV-Sendern

Immerhin finde ich ein Restaurant in einem der besseren Hotels und schlage mir den hungrigen Bauch voll. Es gibt ein frühes Gutenacht, allerdings verführt mich HBO und andere Sender dazu, dumme, gewalttätige, amerikanische B-Movies anzusehen, und einmal mehr wundere ich mich über die Erkenntnis, dass die amerikanische Kultur primär auf Gewalt aufbaut.

Allerdings muss ich gestehen, dass die zahlreichen indischen Sender zwar weniger Gewalt, dafür ein Mass an Kitsch und schlechtem Geschmack produzieren, dass sogar mir der Genuss am Fernsehen verleidet wird …

 

PS Song zum Thema:  Element of Crime – Beware of Strangers

Und hier geht’s weiter …

 

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