Ein paar Worte zu Goa

(Wikipedia) Goa – auch Konkani oder Marathi genannt – ist der kleinste indische Bundesstaat. Er liegt an der mittleren Westküste Indiens, hat eine Fläche von 3702 Quadratkilometern und knapp 1,5 Millionen Einwohner (Volkszählung 2011). Die Hauptstadt Goas ist Panaji.

Goa - Wikitravel

Goa ist nach der ehemals gleichnamigen Stadt, heute Velha Goa, benannt. Die Region war rund 450 Jahre lang portugiesische Kolonie und weist daher eine besondere kulturelle Prägung auf. Kaum ein indischer Bundesstaat ist kulturell so nachhaltig von einer europäischen Kolonialmacht beeinflusst worden wie Goa. Dies zeigt auch der hohe katholische Bevölkerungsanteil.

Am 18. Dezember 1961 marschierten indische Truppen mit etwa 20-facher Übermacht in Goa ein. Das Unternehmen trug den Namen „Operation Vijay“ und war nach 26 Stunden abgeschlossen. Die portugiesischen und goanesischen Truppen kämpften auf verlorenem Posten. Indien bombardierte strategische und zivile Ziele in Goa, Damao und Diu, unter anderem den Marktplatz von Damao. Im darauffolgenden Jahr wurde Goa, zusammen mit Daman und Diu, zu einem indischen Unionsterritorium.

Wer detaillierte Infos möchte, hier der Link zu Wikipedia.

Die letzten Hippies

Wenn ich das Wort Goa höre, tauchen vor meinem geistigen Auge augenblicklich langhaarige, wilde Gestalten in bunten Kleidern auf, Hippies, damals wie heute das Synonym für alternative Lebensformen, für Aussteiger, für Drogen, psychedelische Musik. Ich habe sie auf dem Hinweg nach Indien, damals unterwegs mit einem alten VW-Bus, angetroffen, die meisten davon auf dem Weg nach Goa oder wahlweise nach Kabul oder Kathmandu, immer schön der Nase nach, dorthin, wo es viele und billige Drogen gegeben hat.

Heute morgen, auf dem Weg durch die Stadt, habe ich einen gefunden, einen der letzten überlebenden Hippies. Dem Aussehen nach hat er seine besten Jahre hinter sich. Sein Alter ist schwer zu schätzen, aber wenn ich davon ausgehe, dass er seit den Siebzigerjahren hier ist, muss er mindestens zwischen 60 und 70 sein. Sein eingefallenes runzliges Gesicht deutet allerdings eher auf 80 hin. Auch eine Aussteigerbiographie scheint nicht für ewige Jugend zu sorgen.  Da dürften auch ein paar Drogen eine Rolle gespielt haben.

Während ich im Restaurant am Strassenrand meinen Kaffee trinke (hervorragend), sitzt er teilnahmslos auf dem Trottoir und bettelt die vorbei flanierenden Touristen an. Einige greifen in die Tasche, aber ihre Gesichter sagen deutlich, dass hinter ihrer milden Gabe Mitleid steht. Oder gehört auch eine Portion Schadenfreude dazu? Die späte Rache des Bürgertums? Wer weiss …

Calangute Town

Calangute

Calangute Town

Calangute ist ein kleines Städtchen im Norden von Goa mit ca. 14’000 Einwohnern, zusätzlich ein paar Tausend einheimische und ausländische Touristen während der Hochsaison über Weihnachten und Neujahr und im Sommer, der hier in erster Linie im Mai abgehalten wird.

Mir fällt auf, dass sich seit dem letzten Besuch in 2007 die Zusammensetzung der Herkunftsländer der Touristen verändert hat. Waren es früher vor allem Engländer, die aus geschichtlichen Gründen ihre alte Kolonie besuchten, sind es heute Russen und andere Nationalitäten. Und – vor allem übers Wochenende – jede Menge Einheimische, die, dank lockeren Gesetzen bezüglich Alkohol, ausgiebig Party feiern und sich volllaufen lassen. Zumindest ein Teil der Todesfälle im Meer ist weniger den Strömungen, sondern dem Alkohol zuzuschreiben. Die Meinung der Einheimischen, d.h. Ladenbesitzer, Wirte, Standverkäufer etc., ist klar: obwohl es viele englische Touristen mit wenig Niveau gegeben hat, so stellen die heutigen im Vergleich eindeutig eine qualitative Verschlechterung dar. Und diese Bezeichnung ist sogar noch freundlich gemeint.

Sand in der Kamera

Manchmal kommt die eigene idiotische Natur zum Vorschein. Heute Vormittag zum Beispiel beim Spaziergang dem Meer entlang, um den Shack mit dem besten Kaffee zu suchen. Nun, ich habe den Shack nicht gefunden, dafür meine Camera in den Sand fallen lassen. Auf den ersten Blick nicht besonders aufregend, auf den zweiten hingegen schon. Erkenntnis (böse, zornig, aufgebracht): es genügt ein einziges winziges Sandkorn, um den Mechanismus des Geräts lahmzulegen. Auf jeden Fall werde ich meinen Abschied um einen Tag verschieben müssen, um entweder die Camera flicken zu lassen oder – im schlimmsten Fall – eine neue zu kaufen.

Ich bin nicht abergläubisch, aber ich ahne Böses.

Vieh am Strand

Die letzten Bilder mit meiner Camera

Pläne – oder doch keine?

Gegen Abend sitze ich hier auf meinem gewohnten Stuhl mit den rot-schwarz karierten Polstern, spüre, wie sich die Anstrengungen des Tages langsam auflösen. Die Unruhe, die ich von zuhause als unerwünschtes Souvenir mitgenommen habe, ist immer noch da, die schon fast beiläufige Nervosität, etwas tun zu müssen, etwas zu vergessen oder zu verpassen. Vielleicht erwartet man einfach zuviel. Urlaub als eine Art Arztbesuch mit der Erwartung sofortiger Linderung des Schmerzes. So läuft das nicht.

Aber es gibt etwas zu tun. Die Reise in den Süden hat bisher genau ein Ziel definiert: den untersten Zipfel des indischen Subkontinents zu erreichen und dabei etwas Verrücktes zu tun.

Dort, wo das Arabische Meer und der Golf von Bengalen zusammentreffen, die Füsse ins Wasser zu halten. Einer in diesem Meer, der zweite im anderen. Ich stelle mir das irgendwie mythisch vor. Ich stehe gleichzeitig in zwei riesigen Meeren.

Wahrscheinlich werde ich keinen Unterschied bemerken.

Aber wie gesagt, ich sollte mir doch langsam Gedanken machen, wo’s hingehen soll.

Muss ich das?

Oder soll ich so vorgehen wie immer? Ohne Plan, ohne Ziele, einfach Achtung-Fertig-Los? Auf jeden Fall werde ich den Trip in den Süden langsam und gemütlich angehen. Es geht nicht darum, möglichst viele Orte abzuhaken sondern das Gefühl des Treibenlassens zu erleben. Und dabei möchte ich bestimmte negative Dinge – Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, Ängste, Sorgen – am Wegrand in Indien zurücklassen. Das Land ist gross genug, um auch diesen Müll noch zu schlucken.

Der lachende Mann

Ein Einschub zu meinem Literaturprojekt: ich bin gestern Abend sozusagen nach Hause gerannt, um meine im Kopf vorgenommene Korrektur des Abschnitts sofort zu Papier zu bringen. Grosse Freude beim Durchlesen, aber auch wiederkehrende Zweifel über den weiteren Verlauf.

Vor allem der Arbeitstitel “Der lachende Mann” bereitet mir Sorgen. Wer interessiert sich schon für ein Buch mit diesem Namen. Dabei stammt er aus einem Abschnitt, der vieles über die Handlungsweisen bestimmter Protagonisten aussagt.

Hier ist er.

Jaco hatte aufgehört zu arbeiten. Sein Unbehagen war in den letzten Minuten immer größer geworden. Die Trunkenheit Shi-Shas hatte ein Mass erreicht, das nur in einer Katastrophe enden konnte.

„Achte mal auf die … glänzenden Augen der Zuschauer, wenn sie uns … anstarren, mich oder Jon oder Matumbo. Wir sind die eigentlichen … Höhepunkte der Vorstellung, wir, die … die Missgeburten, wir, die Zwerge und … Riesen, die bärtigen Frauen, die zusammengewachsenen Zwillinge. Wir sind die beliebtesten … Ausstellungsobjekte, die wahren Attraktionen … Was meinst du, Matumbo, mein schwarzhäutiger Freund? Es ist doch deine Haut, die sie sehen wollen, nicht deine … Kunststücke.“

Matumbo zuckte die Schultern.

„Das sollte dir nicht egal sein“, rief Shi-Sha, „deine Haut ist dein … Kapital, verstehst du denn nicht? … Und das Schöne ist, dass es nie genug von uns … gibt. Wir sind eine seltene Ware, die einen hohen … Preis hat. Der Natur gelingt ein solches … Meisterwerk nur in den seltensten Fällen … Schau mich an oder Jon, wir sind die lebenden … Beweise für die Erfindungsgabe der Natur.“ Er lachte wieder laut, doch es lag keine Fröhlichkeit darin. „Aber der Mensch ist … kreativ, wenn er ein Problem hat, sucht er eine Lösung. Die … Chinesen haben gezeigt, wie man das macht. Sie steckten kleine Kinder in … Töpfe, in Töpfe, verstehst du? Kleine, große, runde, gebauchte Töpfe.

Die Glieder der Kinder … dehnten sich und breiteten sich aus … in dem Raum, der ihnen zur Verfügung stand. War das unglückliche Wesen acht oder … zehn Jahre alt, zerschlug man den … Topf, und eine vasenförmige, krummbeinige Masse kam zum Vorschein. Eine lebende Masse, welche watscheln, lallen und zur Not auch … denken konnte.“ Er hielt ein. „Das ist die … Wahrheit. Genauso wie die Geschichte von den … Kindern, denen man den Mund bis zu den … Ohren aufschnitt. Oder denen man die Nase zerdrückte oder die … Stirne zerschnitt, um damit künstliche Falten zu schaffen. Hast du mal was vom …  ‘lachenden Mann’ gehört? Nein? Die Gesichter, die man auf diese … Weise schuf, nannte man den ‘lachenden Mann’. Man verkaufte sie an Höfe, an vornehme … Damen oder an Gaukler, die für ihre … Vorstellungen einen Hanswurst mit wirklicher … Maske brauchten.“

„Der lachende Mann?“

„Der lachende Mann, genau …