Cartagena – Ionesco und Frieda Kahlo

Mein Hotel ist offenbar erst seit letzten Dezember in Betrieb.

Allerdings sind die Fehlüberlegungen, Konstruktionsmängel und allerlei Schäden schon heute sichtbar und absolut typisch für die diesbezüglichen Talente der Architekten und Handwerker. Lichtschalter, Steckdosen, Duschbrausen, Wasserhahnen, Türschlösser sind prinzipiell entweder am falschen Ort angebracht oder funktionieren schon gar nicht oder nur nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen.

Da es selten ein Nachtlicht neben dem Bett gibt, muss man aufstehen, den Lichtschalter, der sich neben der Tür befindet, betätigen und anschliessend im Dunkeln ins Bett zurücktapsen. Steckdosen sind an allen möglichen Orten angebracht, nur nicht dort, wo man sie gerne hätte. Türschlösser sind eine Knobelaufgabe für helle Geister, denn nur nach langem Nachdenken und tausend fluchenden Versuchen schafft man es, endlich, ins oder aus dem verdammten Zimmer zu kommen.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen …

Ach, Kolumbien, wie liebe ich dich.

 

Die Zubereitung des Frühstücks als logistische Denkaufgabe

Beim Frühstück im Innenhof lässt sich trefflich eine weitere wunderbar erhellende Studie der menschlichen, in diesem Fall kolumbianischen Denk- und Arbeitsweise beobachten.

Eine fröhliche, sehr symphatische dunkelhäutige Dame in hellblauer Uniform ist für die Bereitstellung des Frühstücks verantwortlich. Also Kaffee kochen, Früchte schneiden, Fruchtsaft pressen, Toast und Butter und Konfitüre bereitstellen, gelegentlich Rührei kochen.

Eine alltägliche Aufgabe, die aber unser fröhliches Mädchen massiv überfordert. Unser logisches Denken, das in Abläufen geschult ist, Prioritäten kennt, zeitliche Zusammenhänge miteinbezieht, ist in diesem Fall ziemlich abwesend. Entweder ist die Dame eben am Früchte pressen für den Saft, dann fehlt der heisse Kaffee; oder der Saft ist anstatt um 7.30, wenn offiziell Frühstücksbeginn ist, erst um kurz nach neun fertig; oder an diesem Tag ist einfach keine Konfitüre zu finden und man muss sich das trockene Brot mit etwas Margarine in den Hals stopfen.

Auch diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Aber – und das ist das Schöne – kein Mensch regt sich auf. Niemand reklamiert, man lässt der Dame ihren eigenen Rhythmus, und irgendwie klappt’s dann doch. Man kriegt seinen heissen Kaffee, manchmal sogar Konfitüre und alle paar Tage Rührei. Was will man mehr …

 

Südamerika und der Klimawandel

Wenn man durch das Centro Historico von Cartagena geht, so wie ich jetzt, dann fallen nicht nur die vielen Autos, die permanent verstopften Strassen und Gassen auf, sondern vor allem die vielen Autos, Motorräder, Busse, Lastwagen, die mit laufendem Motor stehen oder parkiert sind.

Bei einigen ist es pure Bequemlichkeit, bei anderen ist der Grund klar: die Klimaanlage am Laufen halten, sodass der Fahrer nach dem Bier oder dem Essen oder der Konferenz eine angenehme Umgebung vorfindet. Es ist nicht überraschend, dass viele davon SUVs sind, von denen es auch hier zahlreiche gibt, teure, schwarzlackierte Monster, deren Fahrer sich üblicherweise weder um Verkehrsregeln noch um andere Verkehrsteilnehmer kümmern.

Kommt uns doch irgendwie bekannt vor, nicht wahr?

Das alles ist nur ein Puzzlestein in einem viel grösseren Spiel genannt „Klimaveränderung geht mir am Arsch vorbei“.

 

Ein paar Gedanken zur Gedankenlosigkeit

Ein weiterer Puzzlestein in dieser Tragödie – die Entwicklung des Bahnwesens in Südamerika.

Natürlich gibt sie es noch, die berühmten Bahnstrecken: der ‚Tren a las Nubes‘ in Argentinien, der ‚Andean Explorer‘ in Peru, der ‚Nariz des Diablo‘ in Ecuador, die ‚Valle Sagrado‘ nach Machu Pichu oder der ‚Serra Verde Express‘ in Brasilien.

Wunderbare Züge, leider ausschliesslich für Touristen. Die eigentliche Aufgabe, Personen oder Waren von einem Ort an den anderen zu bringen, wird immer mehr zu Gunsten der Strasse umverteilt. Das Ergebnis ist ein langsamer Tod des Schienennetzes. Wieviele Male haben meine Busse Bahnschienen überquert – alle stillgelegt, alle ins Nichts führend, von Gras und Sträuchern überwachsen. Nutzlos.

Dafür sind Millionen von Bussen unterwegs, Tag und Nacht, Winter und Sommer. Gigantische Busterminals werden gebaut, die mehr einem modernen Flughafen gleichen als einem Busbahnhof, so wie wir ihn kennen. Kann man sich vorstellen, welche Mengen an Treibhausgasen allein durch die Busse in die Luft geblasen werden? Von den anderen Vehikeln auf der Strasse ganz zu schweigen.

Während andernorts auf der Welt in zunehmender Ernsthaftigkeit nach Lösungen gesucht wird (der sogenannte Tipping Point ist nahe!), scheint sich hier kein Schwein für Lösungen zu interessieren. In China vor allem, aber auch in anderen asiatischen Ländern wie Laos oder Burma verkehren immer mehr Elektrofahrzeuge. Hier habe ich kein einziges gesehen.

 

Wir alle sind das Problem

Aber seien wir uns über eines klar: nicht nur Onkel Donald Trump, der von der ganzen Klimageschichte rein gar nichts hält, ist Teil des Problems, wir alle sind es, auch ich mit den bald 10’000 Kilometern auf der Strasse und den 20’000 in der Luft.

Es zeigt, wie sehr wir Wasser predigen und Wein trinken.

Die Auswirkungen sind in den letzten beiden Monaten sicht- und spürbar geworden. Überschwemmungen in Peru und Ecuador und Bolivien. Schlammlawinen in Kolumbien. Unnatürlich heftige Regenfälle in ganz Südamerika … Klimaveränderung? … Ach wo. Das ist El Nino, der wieder mal sein Unwesen treibt. Das geht vorbei.

Das geht vorbei? Wenn du dich nur nicht täuschst, Amigo!

Es gibt ein paar andere Selbstverständlichkeiten von Argentinien bis Kolumbien, die ins gleiche Muster passen. Zum Beispiel die Gewohnheit, an der Ladenkasse prinzipiell jedes einzelne Produkt (!) in einen grossen (!) Plastiksack zu verpacken. Wenn man darauf hinweist, dass man keinen braucht, da man ja einen Rucksack bei sich hat, erntet man zumindest verwunderte wenn nicht mitleidige Blicke.

Umweltverschmutzung? Verschwendung von fossilen Brennstoffen? Gigantische Plastikhaufen im Meer? … Nie gehört. Interessiert kein Schwein.

Oder doch? Ein paar junge Leute, mit denen man das Thema Überschwemmungen diskutiert, sind sich der Zusammenhänge bewusst. Allerdings ist eine ganze Menge Resignation herauszuspüren. Aber sie sind die Zukunft. Manchmal geschehen ja noch Zeichen und Wunder. Auch hier in Südamerika.

Wir werden sehen …

 

Ein farbiger Traum

Aber lassen wir uns den wunderbaren Tag durch diese pessimistischen Gedanken nicht verderben. Der Tag ist zu schön und zu farbig, um ihn in dystopischer Laune zu verderben.

Ich lasse mich wieder einmal treiben, von Strasse zu Strasse, von Haus zu Haus, von blau zu gelb zu rot zu grün. Man kann sich kaum sattsehen an all den Farben. Es ist Disneyworld, Alice im Wunderland, eine Stadt aus Marzipan. Manchmal bleibe ich stehen, lese die Schilder an den Eingängen, bewundere die in der Luft schwebenden Balkone, die Graffitis (vor allem dasjenige mit Miles Davis), schlendere genauso wie die Einheimischen mit Langsamkeit und Würde den Gassen entlang, bis der Schweiss in Strömen fliesst und das nächste Open Air Restaurant lockt …

 

Cartagena Houses 4

Sogar Miles Davis hat seinen Platz gefunden

Cartagena Houses 1

Blaue Wände, schwebende Balkone

Cartagena Houses 2

Menschen vor gelben Wänden

Cartagena Houses 3

Ein nie verlöschendes Feuer an Farben und Formen

Cartagena Houses 5

Einfach nur schön

Cartagena Streets and Alleys

Nicht einfach nur Früchte und Gemüse – ein Bildnis

 

Ionesco und Frieda Kahlo

Die Crew besteht aus jungen Leuten, die den Laden schmeissen. Eine fröhliche junge Bande, die es mit Organisation und Aufgaben nicht immer so genau nimmt. An diesem Abend ist eine besondere Feier angesagt, alle Gäste sind eingeladen.

Wir sagen zwar zu, haben allerdings keinen Dunst, worum’s geht. Nach einer weiteren Erkundungstour in der Stadt bin ich um Punkt acht zurück im Hotel und treffe als erstes den jungen Mann an der Reception, der sich als Frieda Kahlo verkleidet hat, allerdings absolut perfekt.

 

Das ist die echte Frieda Kahlo, die berühmte mexikanische Malerin und Muse Diego Riveras, und Blaupause für unseren schwulen Concierge …

Ich frage ihn, ob er auf Diego Rivera wartet und ernte ein dankbares, wunderbar schwules Kichern. Es könnte sich also um eine Kostümparty handeln, denn auch der Rest der Crew ist verkleidet. In den nächsten zwei Stunden fragt man sich, ob hier ein absurdes Ionesco-Theater zum Besten gegeben wird.

Dass jemand Geburtstag zu haben scheint, wird nach einer gewissen Zeit klar, aber die Darbietungen vor der Torte und dem Gesang sind uns auch nach langer Überlegung völlig unklar. Es werden Blumensträusse verteilt, jemand putzt wie wild den Boden mit einem Besen, ein anderer steigt grundlos in ein bereitgestelltes Fass, eine andere Dame fuchtelt mit einem Bügeleisen herum …

Alles ist irgendwie wunderbar Sinn-los, man klatscht mit, lacht mit, doch ohne einen Hauch Verständnis, was da abläuft. Aber niemand tanzt zur perfekten Salsamusik, was mich nun doch ein bisschen frustriert. Einigen Natives beim Tanzen zuzusehen, wäre doch ein erhellender Beitrag gewesen. Und das hätten wir verstanden …

Kilometerstand:  9015

Song zum Thema: Patti Smith – Ain’t it strange?

Und hier geht der Trip weiter …