Baby Trek 1 – Tote stumme Welt

 

An diesem Morgen ist der Himmel ein Meer aus blauestem Blau.

Ein sehr willkommener Gruss an diesem besonderen Morgen (der eigentlich gar nicht so besonders ist, schliesslich geht es lediglich um die erste Etappe des Baby-Treks). Trotzdem bin ich sofort hellwach, denn trotz Baby liegt eine anstrengende Sache vor mir. Immerhin sind wir hoch genug, um den Puls zu beschleunigen. Die untenstehende Karte (während des Tages mit meiner Polaruhr aufgezeichnet) zeigt die Route.

Es sieht definitiv nach lebloser Wüste und sonst nichts aus.

 

Baby Trek Etappe1
Baby Trek Etappe1

 


Der letzte am Start

Wie könnte es anders sein – ich bin mal wieder der letzte am Start. Dieses Schicksal verfolgt mich schon seit Jahren. Die anderen Trekker, mit denen ich mich gestern Abend bekannt gemacht habe– ein amerikanisches Ehepaar, eine ziemlich heilig aussehende, wahrscheinlich bereits erleuchtete Inderin – sind schon früh verschwunden.

Der Blick von der Terrasse zeigt ein grossartiges Panorama. Der Himmel hat sich zur Erde geneigt.

 

Likir Valley
Das Tal von Likir – in seiner ganzen Pracht

Beim Morgenessen sind nur noch Lily, eine depressive Belgierin, die vor einem Jahr ihren Mann verloren hat, sowie Chin und ich übrig geblieben.

Chin wird sich aber zuerst das Kloster ansehen (das ich beim Klostertrip bereits bewundert habe), also werde ich schon mal mit Lily losziehen. Sie wird zwar nicht den Treck mitmachen, mich aber ein Stück Weges begleiten. Währenddessen erzählt sie mir ihre wahrhaft tragische Geschichte. Sie verbrachten vor einiger Zeit einen gemeinsamen Trek in eben dieser Gegend, doch in der Zwischenzeit ist ihr Mann unerwartet gestorben. Sie möchte nun an gleicher Stelle Abschied nehmen.

Ich kann Ihr zwar nicht helfen, aber wie man weiss, ist Zuhören ein ziemlich wirksames Mittel.

 


Das Kloster bleibt hinter uns zurück

Ein wehmütiges Gefühl bleibt zurück, als ich mich vom Guesthouse verabschiede. Die warme Freundlichkeit der Familie, die uns in ihren Kreis aufgenommen hat, wird mir fehlen. Aber so ist es eben beim Reisen – immer nimmt man wieder Abschied. Traurig, wehmütig, beschenkt …

 

 Buddha auf seinem Dachsitz
Der Buddha auf seinem Dachsitz bleibt hinter und zurück
Tal bei Likir
Am Talboden ist die Gegend noch einigermassen fruchtbar
Likir Gompa
Das Kloster grüsst ein letztes Mal
My friend Lily
Lily auf der Abschiedstour

 


So far – so good

Ja, und dann geht’s erst richtig los. Anfänglich ist der Anstieg zwar noch leicht verdaulich, sogar für ältere Herren, allerdings merkt man doch die Höhe von knapp 3800 Metern. Den ersten La (gleich Pass auf Ladakhisch) nimmt man sozusagen im Vorbeigehen und fühlt sich schon ein bisschen als Herr der Lage.

 

Aufstieg zum ersten Pass
Der Aufstieg zum ersten Pass – nicht sehr aufregend
Chörten at the top
Ein erster Chörten erwartet mich

Ein Paar aus Österreich hält sich knapp hinter mir; ich habe allerdings den Eindruck, dass Herr Österreicher doch ziemlich blass aussieht (später wird sich herausstellen, dass er Probleme mit dem Magen hat; ja klar, Mann, wir sind in Indien).

So far so good. Der folgende steile Abstieg hätte allerdings nicht sein müssen. Im Bewusstsein, dass alles, was runtergeht, mit Sicherheit wieder bergauf gehen muss, macht man sich grummelnd ins tief eingeschnittene Tal hinunter.

 

Abstieg
Ein Abstieg in ein unbekanntes Tal hinunter

 


Das Raunen der Berge – Tote stumme Welt

Es ist nun brennend heiss geworden, die Felsen ringsherum scheinen sich mit Hitze aufzuladen, und einmal mehr bin ich froh um meinen (echten) Indiana-Jones-Hut, der mir einigermassen Schatten spendet. Und natürlich kommt der unvermeidliche Aufstieg, und diesmal wird es so richtig heftig. Ich versuche, ganz ganz ganz langsam zu gehen, aber die Pulsuhr zeigt alle paar Minuten, dass die obere gesetzte Grenze erreicht ist.

Also halte ich halt alle paar hundert Meter an, lausche, doch es ist absolut nichts zu hören (sieht man vom kaum hörbaren Raunen der Berge ab).

 

Hot
Heiss und anstrengend – allein in der Wüste
 tote stumme Welt
Ringsherum eine tote stumme Welt

Ich bin allein, ringsherum nur tote, furchteinflössende Welt, ich bin weitherum das einzige atmende Wesen (vielleicht treibt sich irgendwo noch ein verirrter Schneeleopard herum), einerseits ein beglückendes, das Herz berührendes Phänomen. Seltsam, es ist ein Gefühl vollkommener Freiheit. Als ob ich seit langem zum ersten Mal in vollkommener Harmonie mit allem wäre.

Manchmal setze ich mich hin, trinke langsam einen Schluck Wasser, lausche, betrachte die tote Welt um mich herum. Stille. Die Welt hat aufgehört, sich zu bewegen, zu atmen, ist zu einem reglosen, in Stein und Fels verschmolzenen Kunstwerk geworden. In diesem Augenblick möchte ich nirgends sonst sein. Und die Uhr sollte angehalten werden …

Dann, von seltsamer Glücksseligkeit erfüllt, setze ich den Weg fort. Aufwärts, abwärts, es ist egal …

 


Please help me in keeping Ladakh clean

Doch der Weg bietet mehr Abwechslung, als man erwarten könnte. Mitten im Nichts – eine Recycllng Anlage. Man (die Trekker?) werden doch höflich gebeten, Papier, Plastik und Metall säuberlich zu trennen und in den jeweiligen Behaltern zu deponieren. Wenn man an den Müll auf den Strassen Lehs denkt, ebenso absurd wie unglaublich. Aber tatsächllich ist weit und breit nicht der kleinste Abfall zu entdecken. Es scheint, als wäre die Botschaft angekommen. Meine Hochachtung für soviel Glauben an die Vernunft der Memschheit … (Man stelle sich das Everest Base Camp vor – eine einzige Müllhalde.)

 

Recycling Anlage
Recycling Anlage im Nirgendwo

 


Eine grüne Oase

Und dann wie aus dem Nichts – eine grüne Oase. Das saftige Grün der Bäume und Sträucher deutet auf Wasser hin. Der Pfad ist durch Mauern gesäumt,doch Menschen sind kene zu sehen. Das einzige Geräusch ist das kaum wahrnehmbare Sprudeln von unsichtbarem Wasser.

 

grüne Oase
Ein willkommener Ort für eine Pause
Mauern und Bäume
Mauern, aber keine Menschen

 


Indianer-Talente

Es gibt natürlich keine Beschilderung, und so steht man gelegentlich vor einem unlösbaren Rätsel, wenn der Weg in verschiedene Richtungen abzweigt. Dann muss man alte Indianer-Erfahrungen zu Rate ziehen, indem man die Richtung herausfindet, wohin die meisten Fussspuren führen (was natürlich auch mal schief gehen kann), und klopft sich aufs Apachen-Haupt, wenn sich die Entscheidung als richtig herausstellt.

Irgendwann tauchen in der Ferne Häuser auf einer Anhöhe auf. Es muss sich um Yangthang handeln, meinen heutigen Zielort.

Allerdings führt der Weg zu meinem Ärger zuerst mal wieder in eine Schlucht hinunter, aber – die Dummen haben meistens Glück – eine zierliche Japanerin namens Yoko weist mich auf den richtigen Weg, und so erreiche ich doch noch nach sechs Stunden, heftigstens keuchend und schwitzend, das Dorf, Mann, das sind fürwahr keine Baby-Etappen!

 

Der Weg führt immer weiter
Manchmal entsteht der Eindruck, als führte der Weg in die Unendlichkeit

 


Auf der Suche nach einem Homestay

Ich muss noch nachtragen, dass ich unterwegs einer ziemlich grossen Gruppe von Israelis begegnete. Wenn die in diesem winzigen Kaff eine Bleibe suchen, bleibt wenig übrig für mich.

Also auf ins erste Guesthouse, was sich aber schnell als Fehler herausstellt. Drei düster aussehende Burschen, die den Preis auf Ladakhisch diskutieren (grosser Fehler) empfangen mich in ihrem ziemlich neu aussehenden Guesthouse und offerieren mir ein Zimmer für 1000 Rupien.

Das Zimmer scheint ok, doch es gibt kein Badezimmer und als Dusche muss man sich einen Eimer kalten Wassers übers müde Haupt schütten. Was mir aber den Rest gibt, ist die Toilette oder das, was die Herren darunter verstehen. Man geht ums Haus herum (um Mitternacht ein Erlebnis, auf das man verzichten kann) und findet sich in einem krummen kleinen Gebäude mit zwei Türen wieder, in dem es nur ein Loch am Boden gibt. An sich nichts Besonderes, doch lässt sich zu allem auch die Tür nicht verschliessen, weil es der Konstrukteur der Tür nicht geschafft hat, den Bolzen so anzubringen, dass er in die entsprechende Öffnung passt.

Man kauert sich also über das Loch im Boden, währenddessen man verzweifelt versucht, mit der Hand die Tür geschlossen zu halten. Ich bin müde und erschöpft und habe keine Lust auf Abenteuer dieser Art. Ich packe also meine Siebensachen wieder zusammen und mache mich auf die Suche nach einer Alternative. Vorher schlafe ich unter einem Baum als in diesem Etablissement!

Ein paar ehrwürdige alte Herren weisen mir den Weg zu einem Guesthouse, ähnlich wie dem gestrigen, aber sogar noch eine Spur freundlicher.

Ich fühle mich auf jeden Fall sofort wie zuhause. Diesmal ist ein kleiner Junge von anderthalb Jahren für die Abendunterhaltung besorgt. Die Grosseltern sehen aus wie hundert, allerdings sind sie wahrscheinlich gerade mal ein paar Jahre älter als ich. Der Opa murmelt fortwährend buddhistische Weisheiten aus einem Buch, in der anderen Hand eine Gebetsmühle, an der er eifrig dreht.

So viele Glücksgefühle und später ein tiefer Schlaf …

 

Sohn des Hauses
Er sorgt für Unterhaltung im Wohnzimmer
Essen am Boden
Man sitzt auf dem Boden beim Essen
Familie und Gäste beim Essen
Eine interessante Zusammensetzung beim Essen
Kleiner Bub beim Essen
Welches Leben erwartet ihn?

 


 

PS Song zum Thema:  Bishop Briggs – Dreams

 


 

Und hier geht die Reise weiter …

 

 

 

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