Rio de la Plata – Das versenkte Panzerschiff

 

Dann also bye-bye Buenos Aires.

Unsere Beziehung war kurz und intensiv, fast eine Art verlängerter One-Night-Stand. So nehme ich also wieder einmal Abschied von einem Ort, an dem ich mich wohlgefühlt habe, Rucksack auf den Rücken (ist er schwerer geworden?), ein schneller Händedruck, ein letztes ‚See you‘ und das Chillhouse ist Vergangenheit.

Die Strassen sind zu alten Bekannten geworden, ebenso die Metrostationen, auch einige der Leute, die am Strassenrand allerhand verkaufen oder andere, die in der Metro betteln und mir einen sehnsuchtsvollen Blick zuwerfen.

Das Einverleiben einer Stadt geht schnell. Oder ist es eine Art Eroberung? Man kommt als Fremder, fühlt sich lange im falschen Film, sehnt sich nach bekannten Orten und Menschen, und plötzlich und unerwartet ist man ein Teil davon geworden. Man atmet nun die gleiche Luft wie die Einheimischen, beginnt ihre Gefühle zu spüren, entwickelt ein Verständnis für ihre besonderen Probleme und Sehnsüchte – und weiss trotzdem, dass man immer ein Fremder bleiben wird.

Ein Wanderer auf Zeit …

 


 

Im Niemandsland zwischen zwei Ländern

Das Schiff der Seacat Company liegt abfahrtsbereit im Hafen, ein Koloss von einem Dampfer, leise schaukelnd im trüb-braunen Wasser des Rio de la Plata.

Der Terminal erinnert an Busterminals oder an Flughäfen. Lange Schlangen stehen vor unzähligen Schaltern, die Menschen sitzen auf unbequemen Stühlen vor furchtbar viel Gepäck, man ist still und in sich versunken. Oder man setzt sich in eines der vielen Restaurants für einen letzten Kaffee, bis man merkt, dass es Zeit ist, sich in Richtung des Zolls aufzumachen.

Ich weiss  nicht, wo Argentinien aufhört und Uruguay beginnt. Es ist eine Art Niemandsland zwischen den Ländern, zu niemandem gehörend, also ein nicht existierendes Stück Geographie ausserhalb jeglicher Zugehörigkeit.

Hier befinden sich sich die Passkontrollen, doch hier, an diesem unwirtlichen Ort wird der Pass nicht einfach kontrolliert, oh nein. Man wird zuerst ohne Mütze und Brille fotografiert, sozusagen nackt ausgezogen. Anschliessend wird das Bild mit Lichtgeschwindigkeit mit all Landolts auf der Welt verglichen, die allenfalls schon mal kriminell geworden sind.

Doch erst der Daumenabdruck (ich komme mir vor wie bei Scotland Yard) beweist eindeutig, dass dieser Landolt ganz und gar ohne Fehl und Tadel ist und man ihm das nötige Vertrauen schenken darf. Die ernste Dame erhebt sich graziös, winkt mich hinterher und bringt mich nach Uruguay, um anschliessend das genau gleiche nochmals zu machen, allerdings in umgekehrter Richtung.

 


Mark Rothko

Im Untergeschoss des riesigen Schiffes sind hunderte von Autos verschluckt worden. Das obere Deck ist für die Erstklasspassagiere reserviert, ein grimmiger Uniformierter schaut zum Rechten, dass ja nicht etwa ein Zweitklässler sich ins Reich der VIPs verirrt.

Wir, zwischen den Decks für die Autos und die VIPs eingeklemmt, sitzen in langen Reihen auf blauen Sitzen und harren der Dinge, die da kommen. Die Fensterplätze sind natürlich längst besetzt, allerdings stellt sich später heraus, dass man nicht viel verpasst.

Ein kurzes Zittern im Rumpf kündigt die Abfahrt an.

 

Rio de la Plata
Beinahe ein Mark Rothko – Himmel (blau) und Meer (braun)

Der letzte Blick zurück nach Buenos Aires ist voller Wehmut, denn die Stadt hat ihren ganzen Charme über mich ergossen.

Kommt dazu, dass man sich in fortgeschrittenem Alter zunehmend zu fragen beginnt, ob ein derart abgelegener Ort nochmals auf dem Reiseplan stehen könnte. Wohl eher nicht, also noch ein Grund, ein fiktives Tränchen zu verdrücken.

Dann aber geht der Blick wieder nach vorn, einem neuen Land zu, Uruguay, von dem ich nicht allzu viel weiss, allerhöchstens ein paar Kenntnisse im Zusammenhang mit Fussball.

Zweifacher Weltmeister, der es 1950 im Maracana-Stadion in Rio schaffte, ein ganzes Volk in tiefe Depression zu stürzen und ein Jahrzehnte langes Trauma auszulösen (allerding nur bis zum berüchtigen 1:7 im Halbfinal 2014 gegen Deutschland, aber das ist eine andere Geschichte), zweimal im Halbfinale. Die Fussballer sind ziemlich verhasst, werden als Rüpel, Wadentreter und Ohrenbeisser wie Luis Suarez betitelt.

Und sonst: das kleinste Land Südamerikas, ziemlich flach, viele Kühe und eine Hauptstadt mit einem der schönsten Namen überhaupt, Montevideo.

Alles andere wird sich zeigen.

 


Das Grab vieler Schiffe

Wir nähern uns in majestätischem Tempo der Mitte des Rio de la Plata, wie ich weiss, dem Grab vieler Schiffe, viele davon deutsche Kriegsschiffe, das berühmteste davon, die ‚Admiral Graf Spee‘.

Das Buch über das Ende des stolzen Schiffes habe ich als Halbwüchsiger verschlungen. Irgendwo da unten also, gar nicht mal tief im flachen Wasser, liegen die Überreste des riesigen Schlachtschiffes, das nach dem Ende der Naziherrschaft von der eigenen Besatzung versenkt wurde. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich die Informationen in Wikipedia oder sonstwo anzusehen. Es manifestiert wie kein anderes Symbol das Ende des tausendjährigen Reichs und die damit eingehende Verzweiflung.

Ruhe sanft …

 

 Admiral Graf Spee
Das unrühmliche Ende der Admiral Graf Spee

 


Ein neues Land

Und dann betreten wir echten uruguayanischen Boden, wir haben Colonia erreicht, ein kleines schmuckes Städtchen, das zum Unesco Welterbe gehört.

Leider ist die Zeit viel zu knapp, es geht bereits gegen fünf Uhr nachmittags, und der Bus nach Montevideo braucht gut zweieinhalb Stunden für die 190 Kilometer. Neben mir sitzt eine ältere Dame, die sich als Australierin entpuppt und ein vergleichbarer Reisefan ist wie ich. Anstatt die Landschaft des neuen Landes zu geniessen, tauschen wir all die verrückten Geschichten aus, die sich durch das jahrelange Herumreisen ergeben, lachen lauthals über die gegenseitigen Erzählungen aus indischen Bus- und Zugfahrten und erleben wunderbar kurze und äusserst unterhaltsame Stunden bis Montevideo.

Aber einmal mehr – goodbye.

 


 

Das verschwundene Hotel

Der Taxifahrer spricht perfekt englisch; noch bevor ich richtig eingestiegen bin, erzählt er mir seine Lebensgeschichte, angefangen bei seiner portugiesischen Herkunft, dem Abstecher nach Kanada und das Gestrandetsein in Montevideo. Auch seine Beziehungsprobleme werden adressiert, und er fragt mich im Ernst, ob er seine Frau doch besser verlassen soll.

Noch bevor ich ihm eine adäquate Antwort geben kann, haben wir die Adresse des Hotels erreicht (ich bin froh), doch wo ist das Hotel?

Kein Schild, auch der Name auf der Klingel stimmt nicht.

Nachbarn weisen zwar darauf hin, dass Leute ein und aus gehen, aber ihre Miene lässt auf nichts Gutes schliessen. Mehrmaliges Klopfen und Läuten führt zu nichts, mein Adrenalinspiegel steigt in bedrohliche Höhen, und so entschliessen wir uns (der Taxifahrer ist Gottlob bei mir geblieben; wahrscheinlich wartet er immer noch auf meine diesbezügliche Antwort auf seine Scheidungsabsichten), ein anderes Hotel zu suchen.

 


Dann halt ein Hostel

Also wieder zurück aus der zwielichtigen Umgebung in die belebte Stadtmitte, während der Taxifahrer sich überlegt, wo er mich hinbringen soll.

Offenbar hat ihn mein Äusseres (?) nicht von viel Kaufkraft überzeugt, und so bringt er mich zu einem Hostel, also eines dieser hotelähnlichen Etablissements, die vor allem von jungen Backpackern mit bescheidenem Reisebudget aufgesucht werden. Üblicherweise gibt es keine Einzelzimmer, man schläft in Zimmern mit unterschiedlich vielen, meistens Kajütenbetten, und teilt sich Badezimmer und Toilette.

Also nicht unbedingt das, wonach mein Herz begeht. Bevor ich mich von meinem Schock erholen kann, ist der Taxifahrer verschwunden, und, da es in der Zwischenzeit bald elf Uhr ist, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beissen. Immerhin bin ich der einzige Gast in einem riesigen Zimmer mit etwa zehn Kajütenbetten, also Platz für zwanzig Leute.

Ich mache mich grummelnd daran, das Beste aus der Situation zu machen, und tatsächlich, irgendwann fällt die Müdigkeit wie ein Felsen über mich und ich döse weg, umgeben von neun Kajütenbetten, die als stille Wächter über meinen Schlaf wachen …

Kilometerstand: 190

 

Song zum Thema: 16 Horsepower – Low Estate

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