Pyin U Lwin – Für bleiche Gesichter und empfindliche Haut

 

Die Fahrt von Mandalay nach Pyin U Lwin mit dem Sammeltaxi, offiziell auf anderthalb Stunden geschätzt, dauert etwas länger, genauer gesagt mehr als doppelt so lange.

 

Kaffeehalt
Ein erstaunlicher guter Kaffee

Das hat seinen Grund. Erstens: der Chauffeur muss die restlichen Passagiere in der ganzen Stadt zusammensuchen. Dann, als wir uns endlich auf der eigentlichen Strecke befinden (in der Zwischenzeit ist mehr als eine Stunde verstrichen), gibt es a) einen Pinkelstopp, bei dem der Chauffeur (was für ein Saftsack!) doch tatsächlich einen Passagier vergisst (dank meinem lautstarken Einsatz musste der arme Kerl nicht zu Fuss gehen), dann b) einen Wassernachfüllstopp, c) einen Benzinauffüllstopp und schliesslich d) einen Halt für alle, bei dem ich erstaunlicherweise einen wirklich guten Kaffee serviert bekomme.

Das Leben ist seltsam und überraschend.


Wahlen

Auf dem ganzen Weg begegnen uns wild gestikulierende Leute auf allerlei Vehikeln, die mit Lautsprechern ausgerüstet, politische Parolen in die Welt hinausposaunen. Klar, am Wochenende sind Wahlen. Demokratische Wahlen? That’s a joke, man! Ich komme darauf zurück.


Lastwagen

Nun, auf jeden Fall geht’s bergauf, Kehren wie auf der Tremola, gelegentlich von riesigen chinesischen Lastwagen blockiert. Sie sind bis unters Dach mit Burmas Kostbarkeiten beladen, vor allem Teakholz, gewildert oder legal gekauft. Meistens wohl eher das erstere, auf jeden Fall auf dem Weg nach China, von wo sie dann mit billigstem chinesischem Plastikgerümpel zurückkehren, Ware, die sie nur noch in armen Ländern wie Burma absetzen können.


Was für ein seltsamer Name

Ich kann mir den blöden Namen dieses Ortes einfach nicht merken. Dabei bin ich jetzt hier gelandet, in Pyin U Lwyn, einem Städtchen mit 80000 Einwohnern mitten in den Bergen auf gut 1100 Metern. Es ist später Nachmittag, und durchs Fenster dringt eine angenehme Frische, Nicht erstaunlich, dass die Briten sich in den heissen Sommermonaten hierher zurückzogen, um ihre bleichen Gesichter und die empfindliche Haut nicht den Angriffen der Sonne auszusetzen.

 

Die Hauptstrasse in Pyin U Lwin
Wo ist das Trottoir geblieben?
Kirchturm in Pyin U Lwin
Der berühmte Kirchturm in Pyin U Lwin
Tempel in Pyin U Lwin
Und der unverzichtbare Tempel

Hotel Bravo

Das Hotel Bravo, offenbar eine Erstklass-Adresse für Travellers, ist gelinde gesagt, nicht gerade 5-Stern-prächtig. Da es aber bei dieser einen Nacht bleiben wird, werde ich es überleben. Genau ein Licht brennt und in dessen knapp 40 Watt versuche ich, auf der Tastatur auf dem iPad die richtigen Buchstaben zu finden. Geht aber ganz leidlich. Im Hintergrund hebt Eric Clapton eben zu einem seiner himmelsstürmenden Soli an, also ist alles in bester Ordnung.


Ein Nachmittag zum Vergessen

Es fängt an mit einem nicht ganz unerwarteten Zusammenstoss zwischen einem (unschuldigen) Mopedfahrer und einem arroganten (schuldigen) Schnösel am Steuer seines teuren Autos. Versicherung? Fehlanzeige. Schuldeingeständnis? Lachhaft. Also macht sich der Schnösel zu meinem Ärger einfach aus dem Staub, während der Mopedfahrer vergeblich versucht, sein Vehikel wieder in Gang zu bringen. Immerhin hat er Glück gehabt und ist unverletzt geblieben.

Kurze Zeit später beobachte ich einen Kutschenfahrer, wie er sein mageres, kleines Rösslein schlägt. Diese bedauernswerten Kreaturen warten den ganzen Tag in sengender Sonne auf Touristen, während ihr Herr und Meister irgendwo im Schatten sitzt. Beim ersten Mal bleibt es noch bei einem unterdrückten Fluchen, beim zweiten Mal jedoch verliere ich in Sekundenschnelle die Contenance. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der arme Mann, der nicht weiss, wie ihm geschieht, schon einmal derart auf Schweizerdeutsch zusammengeschissen worden ist. Fuck you, Bastard!

 

Pferdekutschen in Pyin U Lwin
Auf Kundschaft wartend

Der wahre Tiefpunkt folgt kurz darauf.

Können Tiere Selbstmord begehen? Kaum. Dazu fehlt ihnen das entsprechende Bewusstsein. Die sich im Folgenden abspielende kleine Tragödie beweist aber das Gegenteil. Aus einer Seitenstrasse tappst, Kopf geradeaus, mit zielgerichteten kleinen Schritten, ein noch junger rabenschwarzer Vogel in Richtung der Strasse, auf der der dichte Feierabendverkehr braust.

Im ersten Moment finde ich es irgendwie noch lustig, bin überzeugt, dass er gleich die Gefahr erkennen wird und wegfliegt. Eben nicht. Während ich ihm noch zurede, hält er stur die Richtung ein, tritt hinaus auf die Strasse. Die Mopedfahrer können auf mein Rufen hin noch ausweichen, der schwere PW hingegen … Ich kann mich eben noch abwenden, doch das Geräusch der krachenden Knochen verfolgt mich bis in den Schlaf. Lieber Himmel …

Gemäss Führer soll es hier ein Waisenhaus geben, und da ich mich vor dem Abflug mit allerlei Spielzeug und dergleichen eingedeckt habe, wäre dies eine Gelegenheit, es loszuwerden. Aber es passt zu diesem komischen Tag: so sehr ich mich auch bemühe, mich bei den Leuten auf der Strasse erkundige – ich finde das besagte Haus nicht. Also werde ich auf eine neue Gelegenheit warten müssen, eine gute Tat zu vollbringen.


Auf dem Markt

Die Stadt bietet einen wunderschönen Markt, versteckt zwischen Häusern und Gassen. Hier möchte ich mich mit Proviant für die morgentliche Fahrt nach Hsipaw eindecken. Das Problem ist nur, dass ich den Ausgang nicht mehr finde und tatsächlich auf die Hilfe der Besucher angewiesen bin. Sie finden das natürlich extrem lustig. Schon wieder einer dieser Westler, die keine Ahnung von gar nichts haben.

 

Proviant
Proviant für die Zugfahrt
Garküche in Pyin U Lwin
Frisch zubereitet …
Restaurant
Ein kleines Restaurant …

PS Song zum Thema: Rose Tattoo – Suicide City


Und hier geht die Reise weiter …

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