Die Iguaçu-Wasserfälle – Fassungsloses Staunen

Es gibt zwei Möglichkeiten, die Iguaçu Wasserfälle zu erkunden. Die eine liegt auf der argentinischen Seite, die andere auf der brasilianischen.

Ich beginne mit der argentinischen Seite.

 

Iguaçu in Argentinien

Wir überqueren also die argentinische Grenze, einmal mehr Pass raus, Stempel rein, und dann geht’s endlich in Richtung des Parkeingangs. Allerdings dauert die Fahrt gerade mal ein paar Minuten, bis wir bei einer kolossalen Schlange von Vehikeln zum Stehen kommen.

Das hätte uns eigentlich die erste Warnung sein sollen, aber wir sind eh schon verloren.

 

Warten mit einer Million Besuchern

Und schon wartet die nächste Schlange auf uns, eine von vielen, wie wir wenig später schmerzhaft erleben sollten.

Noch halbwegs belustigt, reihen wir uns zuhinterst ein. Es erinnert mich an Rockkonzerte in den 60-er- und 70-Jahre, als die Organisation noch zu wünschen übrig liess und man in einem gefährlichen Gewimmel von Leuten fast erdrückt wurde.

Aber auch dieses Hindernis ist irgendwann überwunden, man bezahlt die Eintrittsgebühr von stattlichen 30 Dollars und geht anschliessend ein paar hundert Meter zum Bahnhof, wo uns der Zug zum Eingang fahren soll.

Falls nun jemand ahnen sollte, dass eine weitere Schlange auf uns wartet, liegt er genau richtig. Ein gewichtiger Mann in Uniform informiert uns, dass es vielleicht besser ist, die gerade mal achthundert Meter bis zur Mittelstation zu Fuss zu gehen. Der Grund, die kurze Bahnstrecke in zwei Abschnitte aufzuteilen, bleibt ein Geheimnis, das wahrscheinlich nur die Erbauer kennen und verstehen.

Auf jeden Fall ist auch die Schlange an der Mittelstation lang, geradezu pervers lang. Wir rechnen: falls der Zug alle 15 Minuten fährt und pro Fahrt ca. 300 Passagiere befördert, werden wir frühestens im überüberüberübernächsten Zug mitgenommen werden!

 

Der Himmel brennt (wieder einmal)

Die Hitze ist unvorstellbar. Nur die Wartenden in der Nähe des Zuges kommen in den Genuss eines Daches, alle anderen, wir eingeschlossen, leiden und stöhnen und jammern unter der gnadenlosen Sonne.

 

Waiting for the Train to the Iguaçu Falls 1 Waiting for the Train to the Iguaçu Falls 2

Ohne guten Sonnenschutz sind massive Verbrennungen angesagt. Kinder und Babys sind besonders ausgesetzt; wenigstens für sie gibt es mitleidige Leute, die ihnen Exil unter dem schützenden Dach anbieten. Ich komme mir vor wie in Dantes Purgatorium, aber im Gegensatz zu den Sündern ist unser Leiden irgendwann zu Ende.

 

the Train to the Iguaçu Falls

Das Spielzeugzüglein mit einer Spielzeuglokomotive, auf der der Lokomotivführer knapp sitzen kann, fährt mit einer neuen Ladung ab, darunter, Gott sei’s gedankt, auch wir. Erst jetzt erkennen wir, dass neben den Geleisen zahlreiche Leute zu Fuss die kurze Strecke ohne die lange Warterei hinter sich bringen.

Fuck und nochmals fuck! Machen wir denn heute alles falsch!

 

Die Stunden vergehen …

Als hätte es noch einer Steigerung bedurft, steht uns der eigentliche Hammer noch bevor. Im irrigen Glauben, das Schlimmste hinter uns gelassen zu haben, bewegen wir uns voll neu gewonnener Euphorie in Richtung des Eingangs … und trauen unseren Augen nicht, denn das, was sich vor unseren Augen bietet, ist die längste Schlange, die ich je gesehen habe.

Aber bei näherer Überlegung eigentlich nicht überraschend: ab hier geht man auf Brücken bis zu den verschiedenen Plattformen, und diese sind,  was die Anzahl der sich darauf befindlichen Besucher anbetrifft, beschränkt.

Im Kurztext: erst wenn eine Horde Besucher zurückkehrt, erhält die nächste Hundertschaft die gnädige Erlaubnis zum Eintreten ins gelobte Land …

 

On the way to the falls Getting closer to the falls

 

Doch dann – das Weltwunder

Nun, in der Zwischenzeit sind seit dem Eingang drei Stunden vergangen, drei Stunden anstehen in der Hitze, drei Stunden Ärger und Frust und beginnende Aggressionen, aber Leute, es hat sich gelohnt.

Denn das, was uns am Ende des Spaziergangs auf metallenen Gehwegen erwartet, ist das Unglaublichste, was ich diesbezüglich schon gesehen habe. Eigentlich ist es nicht zu beschreiben, aber ich versuche es trotzdem …

Es gibt verschiedene Arten von Weltwundern. Die vom Mensch geschaffenen sieben Weltwunder wie die Pyramiden von Gizeh, der Koloss von  Rhodos, die hängenden Gärten von Babylon … Aber auch die neueren wie die chinesische Mauer, Angkor Wat, der Petersdom, der Taj Mahal … Sie alle sind reinste Poesie. Sie strömen etwas Überirdisches aus, etwas, was über den Menschen hinausgeht, etwas, was den Atem nimmt und zu Demut zwingt.

Aber dann gibt es die Weltwunder, die ganz ohne den Menschen geschaffen wurden. Sie sind reinste Natur, von dieser geschaffen und ebenso wie die vom Menschen geschaffenen Wunder reinste Poesie. Auch sie nehmen den Atem. Auch sie zwingen zu Demut.

Iguaçu ist eines davon.

 

Das Rauschen und Dröhnen wird lauter

Jetzt, wo das Warten definitiv ein Ende hat, kehrt die Ruhe zurück. Man betritt die Brücke, die sich über zahlreiche ruhig dahin fliessende Nebenflüsse dem Ziel nähert. Ich gehe langsam, will mich konzentriert nähern, bleibe immer wieder stehen, die Leute hasten vorbei, als könnte ihnen das Objekt ihrer Begierde im letzten Moment genommen werden.

Das Rauschen wird lauter, wird zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen, als hätten sich die Wesen der Unterwelt zu einem konzertierten Angriff versammelt. Ein Abgrund wird sichtbar, ein Loch in der Welt, in das sich das Wasser stürzt. Und nun kann sich niemand mehr ausruhen, der Schritt beschleunigt sich, man will das Monster sehen, sofort.

 

The roaring gets louder

Von weitem sichtbar – ein Loch in der Welt

awesome and frightening

Das Wasser stürzt in die Tiefe

 

El Gargante del Diablo

Und dann steht man zuvorderst, ohne Atem, ohne Puls, wie es scheint. Man ist erschlagen. Nicht nur, weil das Dröhnen des fallenden Wassers so ohrenbetäubend ist, sondern weil man ganz einfach ohne Worte ist. Man ist erstaunt, schockiert, aufs Höchste euphorisch. Man glaubt, etwas zu erleben, was einmalig ist. Und das ist es auch.

Denn das, was sich hier abspielt, ist ein wahres Naturwunder.

Die gelblichen Wassermassen fliessen, anfangs noch ruhig, als wären sie sich der Gefahr nicht bewusst, immer schneller werdend dem Abgrund entgegen. Einen winzigen Augenblick scheinen sie zu schweben, um dann donnernd in der Tiefe zu verschwinden.

 

Thundering water with rainbow

Donnerndes Wasser mit Regenbogen

A foaming cloud of water and steam

Eine einzige schäumende Wolke aus Wasser und Dampf

 

Die Gargante del Diablo, der Teufelsschlund, das ist das, was vor uns donnert und kracht und ein Getöse veranstaltet, als wäre tatsächlich der Teufel am Werk. Es dampft und kocht und siedet, zerstäubtes Wasser hängt wie ein gewaltiger Schleier über dem Abgrund, ein permanenter Regenbogen verleiht dem Ganzen erst die notwendige Patina.

Tausend Leute drängen sich auf den engen Plattformen über dem Schlund, Millionen von Fotos und Videos und Selfies werden im Sekundentakt geschossen. Alle paar Minuten schwappt ein nasser Nebel über den Zaun, lässt die Leute entweder erschrecken (die Fotoapparate! Die Handys!) oder vor Freude aufschreien.

Man müsste allein sein, Zeit haben, dieses Weltwunder ganz geniessen zu können. Einmal mehr erhält man einen kurzen, aber eindrücklichen Einblick in die Kräfte der Natur.

 

Downwards

Abwärts

Gargante del Diablo 2

Der Teufelsschlund

 

Die Iguaçu Wasserfälle

Ein paar Zahlen aus Wikipedia: Die Iguazú-Wasserfälle bestehen aus 20 größeren sowie 255 kleineren Wasserfällen auf einer Ausdehnung von 2,7 Kilometern. Einige sind bis zu 82 Meter, der Großteil ist 64 Meter hoch. Die Wassermenge an den Fällen schwankt von 1500 m³/s bis über 7000 m³/s.

Das umgangssprachlich Garganta del Diablo (spanisch) beziehungsweise Garganta do Diabo (portugiesisch) oder „Teufelsschlund“ genannte Wasserfallsystem ist eine U-förmige, 150 Meter breite und 700 Meter lange Schlucht. Da die meisten Fälle in Argentinien liegen, ist der größere Panoramablick von der brasilianischen Seite aus möglich. Die Fälle sind durch mehrere größere und kleinere Inseln voneinander getrennt.

 

Der Camino Inferior

Ein 1400 Meter langer Weg, der Camino Inferior, führt über unzählige Treppen hinunter zum Fluss, wo das Spektakel von unten her bewundert werden kann.

Der Fluss ist voll von Booten mit Touristen, die ganz nahe an das herabdonnernde Wasser herangeführt werden (das habe ich verpasst).

 

Tiny boats on foaming water

Winzige Boote auf schäumendem Wasser

Wet T-Shirt Contest

Wet T-Shirt Contest

Es ist eine andere Sicht auf das Monstrum, doch der Eindruck von etwas Furchteinflössendem bleibt. Der Blick bleibt wie angeklebt hängen, man ist in einer Art Trance, untermalt durch das unaufhörliche Tosen des Wassers, den feuchten Dunst, der wie ein frühmorgentlicher Nebel über allem hängt.

 

The falls from below

Die Fälle von unten

Distant roar and thunder

Fernes Rauschen und Tosen

From above ...

Von oben …

... and from below

… und von unten

 

An manchen Orten sind Stege angebracht, so dass sich die mutigeren und weniger wasserscheuen Besucher ganz nahe an den Wasserfall heranwagen können.

 

The footbridge out to the falls

Der Steg zu den Fällen hinaus

Getting wet guaranteed

Nass werden garantiert

 

Insgeheim hofft man (ein atavistischer Reflex?), das Erschauern und Kribbeln angesichts des vor den Augen abspielenden Dramas möge nie aufhören. Es hat etwas von einem Horrorfilm: man entsetzt sich und spürt gleichzeitig ein betörendes Gefühl der Faszination.

Und so, ermüdet und erschlagen von soviel Natur und Energie und Krachen und Tosen, steigt man in den Bus mit dem einen Gedanken, nochmals wiederzukommen …

 

Kilometerstand: 2073

Song zum Thema: Johnny Winter – Rollin‘ and Tumblin‘

Und hier geht der Trip weiter … auf die brasilianische Seite der Wasserfälle