Langtang Trek Tag 1 – Von Kathmandu nach Syabrubesi

Dann also erster Abschied von Kathmandu, die nächsten acht Tage sind ein Sprung ins Unbekannte. Das scheint sich auch merklich auf meinen Schlaf auszuwirken. Alle paar Minuten, so scheint es mir zumindest, wache ich auf, Gedanken rasen. Habe ich alles eingepackt? Ist der Rucksack nicht zu schwer? (ist er!) Reichen die Kräfte für den schweren Trek? (Na ja).

Das alles ist mir neu. Normalerweise schlafe ich auch vor wichtigen Ereignissen wie ein Stein, diesmal scheint es, als würden andere Faktoren wirken. Das Alter? Zweifel an meiner Leistungsfähigkeit?

Beunruhigend.

Anyway, man kann nicht von einem ausgeschlafenen, fitten Zustand reden, als ich um 5 Uhr mit verklebten Augen eine (warme) Dusche nehme, vielleicht die letzte vor gar keinen oder eiskalten. Mal sehen …


Nachtwache in der Reception

Ein bekanntes Bild, das mich jedes Mal ärgert: in der Reception des Hotels erheben sich bei meinem Erscheinen zwei Gestalten aus ihren unbequemen Schlafpositionen auf dem viel zu kurzen Besuchersofa oder am Boden.

Sie müssen hier die Nacht verbringen, die armen Kerle, weil es sonst einfach keine anderen zur Verfügung stehenden Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Aber das ist nur eine der Beobachtungen, die mich in den nächsten Tagen beschäftigen werden.


Ein paar Minuten zu früh …

Der Gang durch das langsam aufwachende Thamel ist endlich mal gefahrlos. Noch sind wenige Motorräder und Autos unterwegs, an manchen Orten wird ausgiebig gegähnt und sich gestreckt. Der Rucksack fühlt sich gut an, vielleicht lösen sich meine Befürchtungen in Luft auf.

Ich bin ein paar Minuten zu früh, das Office ist noch geschlossen. Mal sehen, ob sich der schlechte Ruf der Nepalesen bezüglich Pünktlichkeit bewahrheitet.

Das gibt mir Gelegenheit, den Arbeitern zuzusehen, die in ihren um die Stirn befestigten Körben alte Ziegelsteine von einer Baustelle im Hinterhof zu einem bereitstehenden Lastwagen transportieren. Es sind alle durchwegs junge, sehnige Typen, die mit stoischen Gesichtern die schweren Lasten holen, tragen, ausleeren. Ich frage mich, was sie dafür wohl kriegen.

Vieleicht will ich es lieber nicht wissen.


Der Busbahnhof

Sitaram, mein Guide, Helfer und Freund in den nächsten acht Tagen, taucht nur wenige Minuten später auf. Wir nehmen die Strasse bis ans Ende von Thamel und schauen uns nach einem Taxi zum „Busbahnhof“ um.

Dort herrscht ein riesiges Gedränge. Zahlreiche Busse stehen der Strasse entlang zur Abfahrt bereit, um ein Kassenhäuschen, das die entsprechenden Tickets anbietet, hat sich eine Traube wild gestikulierender Männer gebildet. Es macht den Eindruck, als würde an diesem Morgen halb Kathmandu verreisen wollen.

Mein Bus nach Syabrubesi
Auf den ersten Blick ganz okay

Sitaram hat aber für alles gesorgt, mein Rucksack wird mangels Platz im Gepäckraum auf dem Dach festgebunden. Ich hoffe allerdings, dass die trüben Wolken am Himmel keine Ankündigung für Regen sind. Ruckack und Schlafsack nass? Eine unangenehme Vorstellung.

Ein paar Meter daneben verkaufen die Bauern aus der nahen Umgebung ihre Produkte am Gemüsemarkt. Man glaubt, sogar durch den Gestank der Auspuffgase den Geruch des frischen Gemüses riechen zu können. Laute Rufe, Diskussionen, Gelächter mischen sich mit dem Hupkonzert der vorbeifahrenden Vehikel.

Es ist schon einiges los um sieben Uhr morgens.


Der Bus

Der Bus, der uns nach Syabrubesi, dem Ausgangspunkt des Treks, bringen soll, ist mit etwas gutem Willen als heruntergekommen, alt und hässlich zu beschreiben. Mit weniger gutem Willen müsste man ihn schleunigst aus dem Verkehr nehmen. Ich gehe davon aus, dass er in der Schweiz im besten Fall einen Schrotthändler als Abnehmer finden würde.

Fahrerkabine
Fahrerkabine, auch für besondere Gäste vorgesehen

Wir haben zwei einigermassen bequem aussehende Sitze, Platz zum Ausstrecken der Beine ist allerdings nicht vorhanden (denn der Vordermann hat den Platz unter seinem Sitz mit Flaschen vollgestellt). Und der Bus ist zum Bersten voll. Jeder Sitz ist belegt (und wie sich später herausstellen wird, ebenso jeder freie Platz im Gang und sonstwo).

Die Fahrerkabine, durch dreckige Fenster und eine verrostete, meistens hin- und herschwingende Tür vom Rest des Busses abgetrennt, scheint auch etwas bequemere Sitzgelegenheiten für besondere Gäste anzubieten. Ich finde allerdings im Verlauf der ganzen Fahrt nie heraus, welchen Fahrgästen der Zutritt gewährt wird und welchen nicht. Das gehört ins Kapitel nepalesischer Logik.


Chinesische Gastarbeiter

Vor uns sitzen ein paar sehr chinesisch aussehende Passagiere, alle ärmlich gekleidet, alle permanent in Mandarin klatschend und wenn es eine Möglichkeit gibt, jede freie Minute rauchend. Es handelt sich offenbar um Gastarbeiter, die für eine gewisse Zeit in Nepal arbeiten und dann wieder nach Tibet zurückkehren.

Meine Gedanken gehen reflexartig zurück zu jeden Tagen in Yünnan, den herzlichen, freundlichen Menschen, die so gar nicht dem üblichen Cliché entsprechen. Dann sehe ich diese Arbeiter vor mir, in ihren abgetragenen Kleidern, dem Gepäck, das wohl einiges beinhaltet, was am Zoll zu Problemen führen könnte. Aber das ist eine andere Geschichte.


Der (die) Stau(s)

Wir befinden uns auf der Hauptstrasse Ost-West, dem Prithvi-Highway von Katmandu nach Pokhara. Es bedeutet auch, dass der Verkehr schon in Kathmandu zu einem nicht enden wollenden Strom von stinkenden und hupenden Teilnehmern wird.

Und es bedeutet aber auch, dass wir mehr als eine Stunde benötigen, bis wir von Stau zu Stau endlich die unter einem dicken (Smog-)Nebel liegende Hauptstadt verlassen können. Es geht bergab, auf der anderen Seite des Tals sind die dichten Kolonnen zu sehen, denen wir wohl oder übel folgen müssen.

Die Ergebnisse der durchwachten Nacht machen sich bemerkbar, mein Kopf sinkt immer wieder vornüber, aber allzu viel verpasse ich nicht. Wir befinden uns permanent in einer Armada von Lastwagen, Bussen, Autos und Motorrädern, die todesmutig (vor allem die Motorräder) versuchen, mittels hochriskannten Überholmanövern ein paar Meter zu gewinnen.

Allerdings – wenn man sich daran gewöhnt hat und rational überlegt – wird klar, dass es – so seltsam es klingt – diese todesmutigen Manöver braucht. Man würde sonst hinter einem Lastwagen, der mit knapp 10 Kilometern pro Stunde vor sich hinkeucht, verhungern.

Also überholt man halt dort, wo man annimmt, dass in dieser Sekunde niemand entgegenkommt. Also auch vor Kurven und an Orten, wo die Strasse an den Abgrund grenzt. Dass in den meisten Fällen trotzdem ein Bus, ein Lastwagen, ein mit der ganzen Familie vollgepacktes Motorrad entgegenkommt, wird einberechnet. Wofür hat man denn Bremsen?


Piss-Stop

Nach knapp zwei Stunden ein Piss-Stop, die Beschreibung der entsprechenden Einrichtungen überlasse ich der Phantasie der Leser (aber wie sich später herausstellt, bei weitem nicht die schlimmsten).

Noch etwas später der vorgesehene Lunch-Stop in einem düsteren Restaurant. Eine Menükarte existiert nicht, und was an der Theke angeboten wird, scheint mir auch nicht das Gelbe vom Ei zu sein. Ich entschliesse mich aber trotzdem für Daal Bhat, das nepalesische Nationalgericht, was eine gute Entscheidung ist.

Allerdings hätte ich besser auf das Mineralwasser verzichtet, denn nach einer weiteren Stunde meldet sich meine Blase und bewirkt einen Zustand fortschreitender Not. Unter gütiger Hilfe Sitarams kann ich einen Stopp dazu benutzen, der organischen Verzweiflung Herr zu werden, und werde dabei Zeuge einer weiteren Steigerung schrecklicher Toiletten.


Lottoziehung

Irgendwann verlassen wir die Hauptstrasse und biegen nach rechts ab. Jetzt wird es erst so richtig hart. Die Strasse ist teilweise in einem Zustand, der nur noch als erbärmlich bezeichnet werden kann. Ist es überhaupt noch eine Strasse oder eher ein Bachbett, das als Strasse benutzt wird?

Auf jeden Fall werden wir herumgewirbelt, es ist ratsam sich irgendwo festzuhalten. Man stelle sich einfach die Kugeln bei der Lottoziehung vor: so wie sich jeweils die Kugeln fühlen müssen, geht es uns.

Doch der Blick durch das Fenster zeigt aufregende Bilder, die Lust auf die nächsten Tage machen. Die Gegend wird rauer, die Flüsse wilder, die Abgründe tiefer. Etwas, was durchaus meinen Vorlieben entspricht, allerdings befürchte ich insgeheim, dass die nächsten Stunden auch eine allgemeine Eskalation dieser Bilder sein könnte. Was sich tatsächlich bewahrheiten sollte.

Brücken
Havarierte Brücken
Häuser
… und einsame Häuser

Erinnerungen an Ladakh

Wer sich an meine Beschreibung der hochgefährlichen Strecke von Leh nach Manali erinnert, weiss um die Gefahren. Die Abgründe sind zwar nicht so tief, allerdings sitzen wir im Unterschied zu Ladakh nicht in einem modernen Minibus mit einem talentierten Fahrer, sondern in einem überfüllten, heruntergekommenen Bus, dessen Bremsen möglicherweise in den Sechzigerjahren zuletzt gewartet worden sind.

Anyway, ich sitze sozusagen in der ersten Reihe, darf also dauernd in die schwindelerregenden Abgründe sehen, während der Bus seine Kurven dreht, manchmal sogar überholt, und gelegentlich beim Passieren eines Lastwagens oder Busses bis auf den letzten Zentimeter des Abgrunds ausweichen muss.

Man schliesst die Augen und versucht an etwas anderes zu denken …


Syabrubesi

Aber auch die schlimmsten Fahrten haben irgendwann ihr Ende, und so erreichen wir nach über 7 Stunden das kleine Dorf Syabrubesi, wo wir die Nacht verbringen werden. Mein Zimmer ist okay, meine ächzenden und knarrenden Knie finden die asiatische (Kauer)toilette allerdings überhaupt nicht lustig.

Hotel
Hotel New Yalapeak Guest House

Die Menükarte verspricht Köstlichkeiten, die mein knurrender Magen gerne ausprobiert. Doch wer könnte den Verlockungen von Mo: Mos: in allen Variationen (so schreibt man das offensichtlich) schon widerstehen?


Heisse Quellen

Es tummeln sich zahlreiche Trekker im Dorf, einige (gezeichnet) auf dem Rückweg, andere (hoffnungsvoll) vor dem Abmarsch.

Um meine etwas verkrampften Muskeln – die Busfahrt hat über sieben Stunden gedauert – zu lockern, mache ich einen Spaziergang durch das Dorf, entdecke am reissenden Fluss sogar eine heisse Quelle, in deren Bassin ich allerdings nicht mal meine grosse Zehe stecken würde.

Dorf
Ein typisches friedliches Dorf in den Bergen
Fluss
Dieser Fluss wird in den nächsten Tagen ein ständiger Begleiter sein

Ich verabschiede mich früh in den Schlafsack, in der Hoffnung auf ein paar Stunden besseren Schlafes …

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