Immerhin, ein Trost nach den kalten Nächten, wird es nun endlich wieder wärmer. Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, sind es jene Tage, wo man nie richtig warm wird, wo jeder noch so kleine Anflug von Wärme durch eine kalte Bise, ein offenes Fenster, ein ungeheiztes Restaurant in Sekundenschnelle weggeblasen wird.

Also verschwinden nun unsere warmen Socken und Wolldecken wieder dorthin, wo sie hingehören, in die unterste Schublade.

DAK-Bungalows

Nach den gestrigen Strapazen gibt es wenig Lust, ein weiteres Mal lange Strecken abzufahren, doch es bleibt bei der frommen Absicht. Wir treffen kurz nach Jammu endlich unsere Langzeitbegleiter wieder – sie waren uns zwischenzeitlich abhanden gekommen – doch diese haben beschlossen, bis Ludhiana durchzufahren, knappe 300 km, also was soll’s. Wir machen uns also auf die Socken, um noch vor Einbruch der Dunkelheit, am Ziel einen DAK-Bungalow zu finden.

Ein Dak-Bungalow, Dak-Haus oder Dak-Bungalow ist zu dieser Zeit ein Regierungsgebäude in Britisch-Indien unter der Company Rule und dem Raj. Diese Unterkünfte sind unsere bevorzugte Übernachtungsorte in Indien, sie stellen alles bereit, was wir brauchen: einen Garten, wo man das unsere Vehikel hinstellen darf, Toiletten und Duschen und einfach Ruhe und Frieden nach all den Chaos ausserhalb der Mauern.

Ein typischer DAK-Bungalow aus britischen Zeiten

Die übliche Schinderei

Manchmal glaubt man, sich an die Strassenverhältnisse in Indien angepasst zu haben, dass die Nerven zu Stahlträgern geworden sind und uns nichts und niemand mehr aus der Ruhe bringen kann.

Der heutige Tag beweist, dass nichts von dem wahr ist. Die Strassen an sich sind zwar besser als erwartet, doch das, was sich darauf tummelt, ist Indien pur. Radfahrer, die auch bei hundert-Dezibel-Hupen nicht ausweichen wollen. Fussgänger auf dem Weg nach Nirgendwo. Hunde, die sich mitten auf der Strasse begatten. Autos, die meisten heruntergekommen, aber fahrbar, und dann natürlich die Trucks und Busse.

Die Herren der Strasse!

Die erste schmerzhafte Lektion jedes Indienfahrers – der grössere hat immer Vorfahrt. Das Fahrrad hat Vorfahrt vor den Fussgängern (diese bestenfalls vor den Hunden), das Auto hat Vorfahrt vor den Fahrrädern, der Lastwagen oder Bus hat Vorfahrt gegenüber allem, wahrscheinlich auch gegenüber Gott, falls sich dieser denn auf indische Strassen wagen würde (und sich dabei fragen würde, ob bei der Erschaffung der Welt, insbesondere der Spezies Mensch, nicht einiges schiefgelaufen ist).

Es bedeutet für uns, obwohl wir so eine Art Zwischending zwischen Auto und Lastwagen darstellen, dass man sich bei überholenden oder entgegenkommenden Trucks oder Bussen nur mit brüskem Bremsen oder Ausweichen auf die Wiese vor einem Zusammenstoss retten kann.

Der Tag endet also nicht in Wohlgefallen, die Nerven liegen blank, und als das Resthouse in Ludhiana auch noch für Touristen geschlossen ist, weil angeblich ein hoher Beamter hier übernachten soll, haben wir die Nase gestrichen voll und wünschen alle Inder von Herzen zum Teufel.

Chandigarh

Auf dem Weg nach Delhi kommen wir an der wahrscheinlich bekanntesten Retortenstädte der Welt vorbei – Chandigarh.

Chandigarh ist eine grosse Stadt im Norden Indiens. Gebaut wurde sie in den 50er-Jahren nach den Plänen des Architekten, Architekturtheoretikers und Stadtplaners Le Corbusier (1887-1965). Die Stadt ist in fast 60 Sektoren aufgeteilt, also quasi kleine Dörfer im Grossen, und ein Drittel des Gebiets ist der Natur überlassen.

Eigentlich müsste man als Schweizer stolz sein, dass die Stadt im Wesentlichen von einem (allerdings sehr umstrittenen) Landsmann konzipiert wurde. Der erste Eindruck ist zwar nicht schlecht – Grünflächen zwischen den Gebäuden, breite Avenuen, kein Abfall entlang der Strassen, doch die Stadt bleibt eben doch, oder gerade deswegen, steril, steif, leblos. Viele Jahre später gibt es einen ähnlichen Beitrag über Doha – The Imitation of Life!

Beim Platz der Gewalten, umgeben von Gebäuden, die tatsächlich nur der Phantasie Le Corbusiers entsprungen sein können, bleibt der Stolz im Hals stecken. Die Diskrepanz zwischen der unsäglichen Armut der Bevölkerung und diesen Prachtsbauten, die eher nach Manhattan als nach Indien gehören, ist schmerzt.

Von Nk8595 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.

Man ist beim Abschied froh, diese Gebilde aus kaltem Beton, umgeben von einer so lebendigen Welt, hinter sich lassen zu können.

Eine verärgerte Reporterin

Doch das Theme lässt uns nicht so schnell los. Eine junge hübsche Inderin, die sich als Reporterin – Typ jung, attraktiv, karrierebewusst – für ein lokales Blatt entpuppt, schnappt sich die ahnungslosen Touristen. Offenbar mit dem Ziel, ihnen möglichst viel Positives zu ihrer Stadt entlocken zu können.

Doch es ist definitiv nicht ihr Tag, denn die vermeintlich begeisterten Hippies stellen sich schnell als ziemlich skeptische Zeitgenossen heraus. Wir werden nach allen Künsten der Überredung – die Stimme ist sanft, die Augen leuchten herausfordernd – interviewt. Und natürlich, ihre Fragen sind suggestiv, sie wünscht sich zumindest ein Nicken, noch besser zustimmende Worte. Man kann es ihr nicht verübeln.

Ob es ein bisschen Scham ist, ausgerechnet einen Schweizer als Urheber dieser Monströsität bekennen zu müssen, oder der Stress auf Indiens Strassen – auf jeden Fall sind wir genervt und alles andere als gewillt, uns ihre Lobpreisungen anzuhören.

Beim Wort „Anachronismus“ legt sich ihre Stirn zum ersten Mal in tiefe Falten, was so gar nicht zu ihrem schönen Gesicht passt, doch als wir alle oben beschriebenen Schwächen und Probleme  aufzählen, ist das Interview von einem Augenblick zum anderen vorbei. Mit einem letzten verächtlichen Blick über die Schulter stolziert sie davon, der Fotograph, der sich ein heimliches Grinsen nicht verkneifen kann, in ihrem Schlepptau.

Der erste Elefant

So sehr es überraschen mag, die Strassen bleiben durchwegs gut. Alles andere bleibt beim alten: grenzdebile Radfahrer, entspannte Wasserbüffel und Zebus, entnervte Autofahrer, deren Hupkonzerte die Gehörgänge malträtieren.

Allerdings wartet am Nachmittag eine sehr positive Überraschung auf uns, in vielfacher Hinsicht eine Wiedergutmachung des unsäglichen Vormittags – ein waschechter Elefant mit einem mächtigen bemalten Kopf watschelt vorbei, auf seinem Rücken schaukelnde Passagiere mit stolzen Mienen.

Und eine weitere Überraschung – das Camp, wo wir die Nacht verbringen wollen, ist eine Offenbarung. Es ist nicht nur angenehm und mit allem ausgerüstet, was das Herz begehrt, es ist gepflegt und von einer Qualität, die wir lange nicht mehr angetroffen haben.

Das Ziel erreicht

Dann also die letzten Kilometer bis Delhi, und he, wir haben wider Erwarten nach gut 10000 Kilometern doch tatsächlich das Ziel erreicht. Nicht immer mit Wohlgefallen, aber die Probleme haben uns gelehrt, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind und nach Lösungen zu suchen.

Das ist doch schon mal etwas.

Unser glorioser Einzug mit Trompeten und Posaunen ist eine einzige Mühsal. Weder Trompeten noch Posaunen, nur Strassen ohne Bezeichnung und Karten, die nichts taugen.

Es ist zu bezweifeln, ob jemand die Zahl der Einwohner kennt. Ein paar Millionen mehr oder weniger fallen nicht ins Gewicht, und ihre Zahl ändert sich von Tag zu Tag. Die oberen Zehntausend wohnen am Stadtrand, wo Hitze und Lärm und alles andere, was diese Stadt ausmacht, kaum wahrnehmbar sind.

Die meisten Einwohner hingegen sind weniger vom Glück beschenkt. Ihre Häuser sind nicht gekühlt, falls sie überhaupt in sowas wie Gebäuden wohnen. Tausende wohnen mit Sack und Pack und Kindern und allem auf der Strasse, auf den Trottoirs, in Hinterhöfen.

Und am Morgen, in aller Frühe, fahren die Lastwagen heran, laden die in der Nacht Verstorbenen auf die Ladebrücke und bringen sie weg (bevor allfällige Touristenaugen sie zu Gesicht bekommen könnten).

Aber eben – Indien polarisiert. Man liebt es oder man hasst es. Schwarz oder weiss, dazwischen nichts. Und doch bin ich später immer wieder zurückgekehrt.

Nach gefühlten Stunden erreichen wir den Connaught Place, das Zentrum der Stadt, doch das Irwin Spital, in dessen Nähe sich der gesuchte Campingplatz befinden soll, erweist sich wieder mal als Fata Morgana und zwingt uns zu dem, was wir in der Zwischenzeit hassen gelernt haben – die Suche nach irgendwas im Nirgendwo.

Pfadfinder und überfüllte Zeltplätze

Mit den letzten Liter Benzin – wer denkt schon an derartige Probleme – schaffen wir es knapp bis zum erwähnten Zeltplatz, der zu unserer Überraschung voll ist. Mit dem wirklich letzten Tropfen Benzin erreichen wir einen anderen Platz, der im Süden der Stadt liegen soll und als Boyscout Campingplatz bezeichnet wird. Ein Boyscout Campingplatz?

Das klingt eigentlich ganz gut, aber das, was uns erwartet, ist alles andere als gut. Ein paar hundert Jugendliche scheinen doch tatsächlich sowas wie ein Jamboree abzuhalten. Grosszügigerweise dürfen wir trotzdem bleiben („jeden Tag eine gute Tat“), bezahlen 3 Rupien und machen uns auf allerhand Unangenehmes gefasst.

Das fängt schon bei den sanitären Anlagen an, die – man kann es schlecht beschreiben, ohne den olfaktorischen Faktor miteinzubeziehen – aus ein paar Löchern im Boden bestehen, die wir bei Benutzung mit ein paar Millionen Fliegen teilen müssen.

Habe ich die Hitze erwähnt? Sie faucht einem entgegen, sobald man den Wagen verlässt (der allerdings auch nicht gekühlt ist, aber doch irgendwie einen gewissen Schutz verleiht). Also nach der Kälte im Kaschmir nun die Hitze in Delhi. So hat sich Dante Alighieri wohl die Hölle vorgestellt, als er sich beim Schreiben der Göttlichen Komödie die schlimmsten Qualen imaginierte.

Der wirkliche Höhepunkt des Tages (oder der Hölle) geschieht allerdings mitten in der Nacht . Man feiert offenbar ein Fest, das noch relativ harmlos mit einem Lagerfeuer beginnt, sich aber schnell in eine Manöverübung nach echt preussischer Tradition entwickelt. Dazu gehören Lautsprecher und Durchsagen und Musik und Anfeuerungsrufe aus hunderten Kehlen.

Nur die Müdigkeit bewahrt uns davor, dem Lärm noch länger zuhören zu müssen.

 

Passender Song zum Jahr:  Bad Company – Run with the Pack

Und hier geht der Trail weiter … in Delhi

 

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