Kühler Sand unter blossen Füssen

Der erste Gedanke nach dem Aufwachen – wo bin ich? Der Blick durch das Halbdunkel entdeckt Unbekanntes, Möbel, Stühle, ein Kasten. Das leise Summen des Ventilators bringt mich in die Wirklichkeit zurück, die Vorhänge bauschen sich alle paar Sekunden, bevor sie wieder in sich zusammenfallen. Langsam wird alles klar – ich bin in Indien, rings herum Goa. Der Schlaf schleicht sich schnell weg, das System wird hochgefahren, der leere Magen verlangt nach Energiezufuhr.

Ein Gefühl, auf das ich mich gefreut habe – der kühle Sand unter meinen blossen Füssen. Ich stehe einen Augenblick still, geniesse die zarte Berührung, doch nur bis zur Stelle, wo der Schatten dem hellen Morgenlicht weicht. Von einem Augenblick zum anderen ist der Sand mit Hitze aufgeladen, erschreckt mache ich einen Satz zur Seite, bis ich meine Flip-Flops finde und erleichtert aufatme.

Der Weg zum Meer hinunter ist das erste Highlight des Tages. Ich rieche das süssliche Aroma der blühenden roten Gebüsche am Wegrand. Ich spüre die vom Sand aufsteigende Hitze, die Wärme der Morgensonne auf meinem Gesicht. Ich höre das ferne Kreischen der Möven. Ich sehe den blauen Himmel, die verdorrten Hügel, die Palmen und Gräser.

So muss ein Morgen sein.

Weg

Blumenbesetzter Weg zum Strand

Schild

Välkomna!

Das Schild am Wegrand zeigt mir den Weg zu den zahllosen Shacks am Strand. Välkomna! Dipl. Kock! Da kann eigentlich nichts schiefgehen.

Buddha im Kopf

Ein paar Minuten später sitze ich im Schatten, das Meer, blau und wild in Wurfentfernung, das Plätschern der Wellen am Ohr. Eine Tasse Kaffee, ein Ananassaft, ein Banana Pancake vor mir auf dem Tisch. Ein Gefühl des Wohlbehagens stellt sich ein, der Ruhe, des beinahe inneren Friedens. Ich sitze einfach da. Ich bin froh, da zu sein. Am richtigen Ort.

Frühstück

Mehr braucht es nicht

Ein warmes Gefühl des Wiedererkennens

Während ich so dasitze, nichtsdenkend, nichtstuend, sozusagen als Buddha am Strand von Goa, tauchen aus der Tiefe der Erinnerung merkwürdige, kaum fassbare Szenen früherer Ereignisse oder Gefühlszustände auf.

Eine Zehntelsekunde oder weniger. Und für einen winzigen Moment lang erscheint etwas Bekanntes auf, ein warmes Gefühl des Wiedererkennens. Aber es kann nicht festgehalten werden. Es verschwindet im gleichen Moment, an dem man es fassen will. Es kann eine Melodie sein, eine Erinnerung, ein Geruch, ein Bild, und für einen Schnipsel Zeit ist alles da, was den damaligen Augenblick ausgemacht hat. Wunderbar und traurig zugleich, denn man hat das Gefühl, um etwas Wichtiges betrogen zu werden.

Strand

Der Strand von Calangute

Die Füsse im Sand

So ist es jetzt, in diesem Moment, am Strand von Calangute, die Füsse im Sand, der Blick auf dem Meer, das unter dem diffusen grauen Himmel schwimmt. Es sieht gleich aus wie immer, und trotzdem ist alles anders.

Langsam stellt sich ein Zustand der Stille ein. Vielleicht ist es die Umgebung, die das alte Denken verlangsamt und das neue beschleunigt. Der lange Blick aufs Meer hinaus wird immer weniger unterbrochen durch all das, was man tun sollte und tun könnte. Der rationale Geist verstummt, lässt anderes zu Wort kommen, bringt Verschüttetes ans Tageslicht.

Und schon ist die Realität wieder da

Aber da ist diese alte Frau mit dem Baby auf dem Arm. Unbestimmbares Alter, vielleicht 60, vielleicht erst 40. Eine winzige, verschrumpelte Frau, zart im Körperbau, mit bittenden klaren Augen. Ich drücke ihr, wie immer in diesen Augenblicken voller Scham, eine 10-Rupie-Note in die Hand und weiche ihrem Blick aus.

Auch das gehört zu diesem Morgen.