Goa – Strand und Meer und Himmel

Der Morgen hat eine andere Farbe. Grüner, brauner, roter als bei uns. Goa ist gross und lang, es ist schwer, die richtige Station zu erwischen. Mit Glück tippe ich genau richtig und steige in Tivim aus. Ein knatterndes TukTuk bringt mich nach Calangute.

Es wird eine entspannte Fahrt durch die Palmenwälder, die Wiesen und Sümpfe, vorbei an den farbigen Menschen, an Abwasserkanälen, deren Gestank für einen Moment meine Nüstern bläht, an ausgetrockneten Bächen, an Müll an den Strassenrändern, an Ständen und Läden und an auf dem Boden ausgebreiteten Teppichen mit allerhand Tand und Firlefanz.

Das ist Indien. So wie ich es zu kennen glaube.

Doch wie immer, wenn ich an einem Ort ankomme, wo ich schon mal gewesen bin, erstaunt mich die Erkenntnis, was ich alles vergessen habe. Mein Blick schweift in die Ferne, ich versuche die Erinnerungen wachzurufen, an Dörfer, an Strassen, an Häuser, an Kirchen. Vergeblich. Dann wende ich micht den Gesichtern zu, vielleicht entdecke ich ein bekanntes, doch nein, sie sehen aus, wie alle anderen. Das seltsame Gefühl kommt auf, dass dies ein fremdes Land ist, dass alles nur Einbildung ist. Ich bin zum ersten Mal hier, denn Indien ist jedes Mal neu, und man sieht ein, dass man nicht hierher zurückkehren kann. Man muss es jedes Mal neu erleben. Vielleicht auch jedes Mal neu über sich ergehen lassen.

Oder ist das bloss eine dumme Ausrede für mein schlechtes Gedächtnis? Ich habe das Gefühl, dass mir etwas abhanden gekommen ist, vielleicht die Fähigkeit, mich zu erinnern. Dabei bin ich immer stolz darauf gewesen, mich auch an die bedeutungslosesten Ereignisse und Orte zu erinnern.

Auch das ist Indien. Es schenkt viel und nimmt einiges.


Calangute Beach – Kühler Sand unter blossen Füssen

Der Weg zum Meer hinunter ist ein erstes Highlight. Ich rieche das süssliche Aroma der blühenden roten Gebüsche am Wegrand. Ich spüre die vom Sand aufsteigende Hitze, die Wärme der Sonne auf meinem Gesicht. Ich höre das ferne Kreischen der Möven. Ich sehe den blauen Himmel, die verdorrten Hügel, die Palmen und Gräser.

So muss ein Tag sein.

Ein Gefühl, auf das ich mich gefreut habe – der kühle Sand unter meinen blossen Füssen. Ich stehe einen Augenblick still, geniesse die zarte Berührung, doch nur bis zur Stelle, wo der Schatten dem hellen Morgenlicht weicht. Von einem Augenblick zum anderen ist der Sand mit Hitze aufgeladen, erschreckt mache ich einen Satz zur Seite, bis ich meine Flip-Flops finde und erleichtert aufatme.

Blooming bushes on the way to the beach
Der Weg zum Strand

Jetzt ist es da, das Feeling, auf das ich mich gefreut habe. Natürlich gibt es auch in Italien oder Spanien oder Thailand blaue Himmel und roten Sand auf dem Weg zum Strand. Auch dort hört man von weitem das Bellen der Wellen, die ans Ufer klatschen. Und blühende Bougainvilleas. Aber irgendwas ist hier anders. Keine Ahnung, was es ist. Vielleicht steckt es im Kopf, vielleicht ist es das Zusammenwirken der Sinne. Man muss es erlebt haben.

Das Schild am Wegrand zeigt mir den Weg zu den zahllosen Shacks am Strand. Välkomna! Dipl. Kock! Da kann eigentlich nichts schiefgehen.

Ein paar Minuten später sitze ich im Schatten, das Meer, blau und wild in Wurfentfernung, das Plätschern der Wellen am Ohr. Eine Tasse Kaffee, ein Ananassaft, ein Banana Pancake vor mir auf dem Tisch.

Calangute beach - Food
Mehr braucht es nicht

Buddha am Strand

Ich sitze einfach da. Ich bin froh, da zu sein. Am richtigen Ort.So ist es jetzt, in diesem Moment, am Strand von Calangute, die Füsse im Sand, der Blick auf dem Meer, das unter dem diffusen grauen Himmel schwimmt. Es sieht gleich aus wie immer, und trotzdem ist alles anders.

Langsam stellt sich ein Zustand der Stille ein. Vielleicht ist es die Umgebung, die das alte Denken verlangsamt und das neue beschleunigt. Der lange Blick aufs Meer hinaus wird immer weniger unterbrochen durch all das, was man tun sollte und tun könnte. Der rationale Geist verstummt, lässt anderes zu Wort kommen, bringt Verschüttetes ans Tageslicht.

Während ich so dasitze, nichtsdenkend, nichtstuend, sozusagen als Buddha am Strand von Goa, tauchen aus der Tiefe der Erinnerung merkwürdige, kaum fassbare Szenen früherer Ereignisse oder Gefühlszustände auf.

Eine Zehntelsekunde oder weniger. Und für einen winzigen Moment lang erscheint etwas Bekanntes auf, ein warmes Gefühl des Wiedererkennens. Aber es kann nicht festgehalten werden. Es verschwindet im gleichen Moment, an dem man es fassen will. Es kann eine Melodie sein, eine Erinnerung, ein Geruch, ein Bild, und für einen Schnipsel Zeit ist alles da, was den damaligen Augenblick ausgemacht hat. Wunderbar und traurig zugleich, denn man hat das Gefühl, um etwas Wichtiges betrogen zu werden.


Und schon ist die Realität wieder da

Aber da ist diese alte Frau mit dem Baby auf dem Arm. Unbestimmbares Alter, vielleicht 60, vielleicht erst 40. Eine winzige, verschrumpelte Frau, zart im Körperbau, mit bittenden klaren Augen. Ich drücke ihr, wie immer in diesen Augenblicken voller Scham, eine 10-Rupie-Note in die Hand und weiche ihrem Blick aus.

Auch das gehört zu diesem Tag.

PS Song zum Thema: John Powell – Goa (The Bourne Supremacy)

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