Nun habe ich also den ersten Höhepunkt zwischen Sevilla und Santiago erreicht, sozusagen ein antikes Highlight mit einer besonderen grandiosen Atmosphäre. Hier treffen die moderne spanische Lebensart und Kultur auf eine römische Vergangenheit, die von erhabener Schönheit ist, oder ganz einfach etwas vom Besten, was der Camino zu bieten hat.

Nach dem Frühstück in Franks und Zhilins Appartement (danke für die Einladung) mache ich mich auf, der besonderen Stadt näherzukommen. Der Weg vom Hotel ist kurz, das moderne Museum zeigt den Weg zu den wichtigsten Ausgrabungen.

Das Nationalmuseum für römische Kunst, das Museo Nacional de Arte Romano, beherrbergt eine Sammlung von Artefakten aus der römischen Epoche, darunter Mosaike, Skulpturen, Töpferwaren, Münzen und Schmuckstücke. Das in einem modernen und eleganten Stil gebaute Museum wurde von dem spanischen Architekten Rafael Moneo entworfen.

Nun, wie schon mehrfach erwähnt, bin ich kein grosser Museumgänger, und antike Gemäuer und dergleichen sind mir normalerweise ein Gräuel. Ich ziehe die Gesellschaft realer Menschen vor, sie sind im hier und jetzt.

Bei diesem Museum allerdings werden meine Grundsätze über den Haufen geworfen. Ich schlendere, anfänglich eher gelangweilt, durch die kühlen, nüchtern gehaltenen Räume, und stelle mir vor, welches Schicksal die ausgestellten Artefakte hatten. Und nach einer Weile stellt sich tatsächlich eine Art Ehrfurcht ein, als spüre man einen Hauch der Vergangenheit.

Das moderne Mérida

Mérida ist nicht nur eine Stadt der Vergangenheit, sondern auch ein sehr lebendiger Ort, den man besuchen sollte. Sie hat ein angenehmes Klima, eine reiche Gastronomie und eine freundliche Atmosphäre. Das ganze Jahr über finden hier verschiedene kulturelle Veranstaltungen statt, wie das Internationale Festival des klassischen Theaters.

Es gibt Städte wie Sevilla, wo man sich einfach treiben lassen kann. Wo man seine Augen wandern lässt, von Sonne und Hitze umhüllt. Merida gehört definitiv dazu. Vielleicht ist es einmal mehr die Leichtigkeit des Seins, das Schweben durch die Gassen.

Das römische Mérida

Mérida wurde im Jahr 25 v. Chr. von Kaiser Augustus als Kolonie für Veteranen der römischen Legionen gegründet. Die Stadt erhielt den Namen Emerita Augusta und wurde Hauptstadt der Provinz Lusitania. Zur Zeit des Römischen Reiches war Mérida eine der wichtigsten Städte der Region, mit einer blühenden Wirtschaft und einem regen militärischen und kulturellen Leben. Es wurden viele beeindruckende Bauwerke errichtet, wie Theater, Amphitheater, Tempel, Brücken und Aquädukte. Einige dieser Denkmäler sind noch heute erhalten und gehören zu den Hauptattraktionen der Stadt.

Der Weg zu den Ausgrabungen ist nicht weit. Zahleiche Restaurants und Bars und Läden säumen den Weg dahin, und dann ist man da, noch in der Entfernung, und trotzdem weiss man, dass etwas Besondere wartet.

Das Amphitheater

Das Amphitheater, das etwa zur gleichen Zeit wie das Theater gebaut wurde und 15.000 Zuschauer fasst, war Schauplatz von Gladiatorenkämpfen und Seeschlachten. Es besteht aus einer kreisförmigen Arena, die von Sitzreihen und Bögen umgeben sind.

Auf den ersten Blick sieht das Amphitheater nicht viel anders aus als dasjenige in Italica, nur grösser und besser erhalten. Doch wenn man den Innenraum betritt, glaubt man in einer anderen Welt zu sein.

Es muss so sein, an diesem heissen Tag in Mérida, ein dunkelblau gesprenkelter Himmel umrahmt die alte Stätte, so wie vor 2000 Jahren, ein würdiger Hintergrund für das Theater. Man hört im Geist den Lärm, den Applaus der bis zu 15000 Zuschauer, die Anfeuerungsrufe, vielleicht auch das Stöhnen der Gladiatoren, die hier gekämpft und vielleicht gestorben sind.

Es sind nur wenige Besucher da, der wirkliche Andrang wird erst am Nachmittag und Abend stattfinden, doch die Anwesenden sind wie ich erstaunt, überwältigt, voller Bewunderung für die Kunst der Römer, Hinterlassenschaften zu errichten, die scheinbar für die Ewigkeit gebaut wurden.

Eigentlich macht man nichts anderes als schweigend und gelegentlich das iPhone zückend durch die Anlage zu gehen, langsam, denn schnelle pressierte Schritte passen nicht zu wirklichen Bewunderern. Andererseits gibt es weitere Höhepunkte, also zieht man weiter, einem nächsten Höhepunkt entgegen.

Das römische Theater

Dieses monumentale Theater wurde in den Jahren 16 und 15 v. Chr. errichtet. Das enorme Bauwerk ist bis heute größtenteils erhalten geblieben. In seiner Blütezeit fanden hier bis zu 6.000 Zuschauer Platz. Es hat eine bemerkenswerte Bühnenstruktur und wird noch heute für Aufführungen genutzt.

Allerdings war es nicht das Lieblingsgebäude der Einwohner von Mérida, denn die Römer waren keine großen Theaterfans. Es symbolisierte jedoch die Größe und Stärke des Reichs und war vor allem ein wichtiger Ort für politische Kampagnen und Propaganda.

Nach dem Amphitheater kann man eigentlich kaum noch etwas Besseres, Eindrücklicheres erwarten, und doch übertrifft das römische Theater alle Erwartungen. Man betritt den Innenraum und fühlt sich innert Sekunden als Teil einer monumentalen Theateraufführung.

Die notwendige Kulisse ist noch da. Die Bühenfassade, die korinthischen Säulen, die Statuen der Götter und Kaiser. Und so wird das Theater auch heute noch für besondere Aufführungen benutzt. Ich könnte mir vorstellen, dass das Festival für Klassisches Theater, das jeweils zwischen Juni und August stattfindet, ein besonderer Leckerbissen wäre. Aber eben, der Camino ruft …

Ein paar Kommentare dazu (sorry, nur in Schweizerdeutsch)

Der Circus Maximus

Der Zirkus Maximus in Mérida wurde wie sein Namensvetter in Rom für Wagenrennen und andere Spektakel genutzt. Er hat einen rechteckigen Grundriss und ist durch die so genannte spina in zwei Bereiche geteilt. Gut zu erkennen sind noch heute die Arena, in der die Rennen durchgeführt wurden, der Zuschauerraum bzw. dieTribühnen und die Startboxen. Der Zirkus besass eine Fläche von über 30000 m2 und konnte in seiner Blütezeit über 30000 Zuschauer aufnehmen.

Nun, an diesem Tag sind es etwas weniger Zuschauer, denn ich bin tatsächlich der einzige Besucher. Was mir die Gelegenheit gibt, mich alten Träumen von Ben Hur zuzuwenden und mir die Anfeuerungsrufe vorzustellen, während sich Ben Hur verzweifelt den bösartigen Angriffen seines Erzfeindes Messala erwehren muss.

Auch wenn der Zirkus Maximus zu den besterhaltenen des römischen Reiches gilt, strahlt er in seiner einsamen Grösse etwas Trauriges aus. Man möchte den Platz mit Menschen füllen, man möchte den Geruch der Pferde riechen, das Geschrei der Zuschauer, das Getrappel der Hufe hören, aber eben. Es ist nur noch eine Erinnerung an glorreiche Zeiten, zwar noch da, aber nur noch für die krächzenden Raben, die am Himmel ihre Runden drehen und einen gelegentlichen Besucher aus fernen Landen.

Die Hitze und das Bier

Im Grunde bilden alte Gemäuer wie die oben beschriebenen die Umsatzgrundlage für zahlreiche Etablissements, wo Bier und ähnlich flüssige Belohnungen ausgeschenkt werden. Ich verlasse den Zirkus Maximus mit maximalem Durst und maximalem Überdruss an jeglichen weiteren Erinnerungen an das gute alte römische Reich.

Der Weg vom Zirkus zu den belebteren Stadtbezirken ist lang und heiss, und ich bin froh, mich aufatmend auf einen Stuhl sinken zu lassen, den kühlen Bierkrug vor mir und die Aussicht auf einen gemütlichen, absolut Sehenswürdigkeiten-losen Abend in Gesellschaft meiner Freunde.

 

Passender Song:  Armik – Lost in Paradise

Und hier geht der Camino weiter … nach Aljucén

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