Langtang Trek Tag 6 – Gedenkstätte für die Toten

 

Etappe 5: Von Langtang zum Bamboo Village

Irgendwas stimmt nicht frühmorgens um sechs. Zum Konzert der Vögel und der entfernten Stimmen des Küchenpersonals hat sich ein rhythmisches Klopfen auf dem Dach gesellt. Der Blick aus dem Fenster enthüllt die ganze Wahrheit. Es pisst aus allen Rohren. Das darf nicht wahr sein. Regen! Und wie!


Regen am frühen Morgen

Das bedeutet, dass ich heute tatsächlich auch die restliche Ausrüstung, mühselig hierher hochgetragen, benutzen muss. Also die Gamaschen, die Handschuhe (es ist nämlich auch kalt), der Regenponcho (Kraxen). Und wenn wir Pech haben, wird trotzdem alles feucht, denn der aufkommende Wind wird uns das Nass um Ohren und Beine schlagen.


Der Wettergott meint es gut

Aber mal sehen, die Suppe wird nicht so heiss gegessen, wie sie gekocht wird. Sitaram wirft allerdings ein, dass diese Art Regen sehr lange dauern kann, Stunden oder noch mehr. Ich dagegen bin überzeugt, dass es schon bald wieder aufhellen wird. Und tatsächlich, noch während ich mit wenig Genuss in ein langweiliges geschmackloses Chapati beisse, scheint uns der Wettergott gnädig zu sein. Aber mal abwarten, ich traue dem Frieden noch nicht.


Buddhistische Morgenrituale

In der Zwischenzeit vollzieht der Boss des Hauses seine morgendlichen Rituale vor dem kleinen Altar zu Ehren Buddhas. Zuerst füllt er kleine runde Behälter, in einer Reihe aufgestellt, mit irgendwas und zündet es an. Wahrscheinlich eine Art brennbares Oel oder sowas.

Auf jeden Fall füllt sich der Raum schon bald mit leichtem, kaum sichtbarem Rauch, der in den Augen brennt. Dazu murmelt und singt er seine Gebete. Sehr eindrücklich, aber man müsste mehr darüber wissen, um die Bedeutung des Ganzen zu verstehen. Auch Sitaram kann nicht helfen, er ist Hinduist, seine Gebete gehören anderen Gottheiten.


Gedenkstätte für die Toten

Am Rand des (neu errichteten) Dorfes steht eine kleine Gedenkstätte in Form einer Stupa. An ihren Seitenwänden sind die Namen aller Toten des Bergsturzes eingraviert. Die meisten davon Einwohner. Viele Soldaten. Zahlreiche Touristen aus aller Herren Länder …

Man bleibt stehen und liest die Namen. So viele Tote … Einfach verschwunden. Begraben im grössten Friedhof der Gegend.

 

Gedenkstätte
Gedenkstätte für die Toten

Der Friedhof der Bäume

Wie prophezeit – beim Abmarsch um acht hat sich der Regen verzogen, der frostige Hauch und der in der Luft schwebende Nebel sind aber immer noch wenig aufmunternd. Immerhin kommen wir schnell vorwärts und stehen schon bald wieder auf dem riesigen Friedhof, der einmal das Dorf Langtang war. Vor uns und hinter uns keuchen die anderen Trecker bergauf- oder abwärts, doch auch sie bleiben stehen, legen eine Minute des stillen Gedenkens ein.

Bergabwärts sieht man erst die anderen Verheerungen, die die vom Bergsturz ausgelöste Druckwelle verursacht hat. Man muss verstehen, dass die Verlagerung von Millionen Tonnen Gesteins und Sands und Wasser einer entsprechenden Verdrängung von Luft zur Folge hat. Diese weicht aus, die Druckwelle rast in ungebremstem Tempo das Tal hinunter und reisst alles um, was ihr im Wege steht. Tausende von umgestürzten Bäumen liegen talabwärts auf den Hängen, einzelne verkrüppelte Stämme trotzen noch immer der endgültigen Niederlage. Ein schreckliches Bild.

 

Wald
Das war einmal ein dichter Wald

Einmal mehr wird klar, wie die Macht der Natur wirkt. Dabei ist das Phänomen einfach zu erklären. Nepal liegt in einer geologischen Hochrisikozone, an der Grenze zweier tektonischer Platten. Seit Millionen von Jahren bewegt sich die indische Platte langsam gegen Norden auf die viel grössere eurasische Platte zu und schiebt sich dabei zum Himalaya auf. Der dabei entstehende Druck entlädt sich in ruckartigen Erdbeben, so wie am 25. April 2015.


Affen, Vögel, Pandas

Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, Tiere zu sehen, verschwindend klein. Der Lärm der Trekker-Kolonnen, die permanente Bewegung durch den Wald stört die Tiere auf.

Immerhin, die Chance, einem der niedlichen Languren zu begegnen, ist gross. Sie haben sich offenbar an die sonderbaren Gesellen in ihren modischen und farbigen Kleidern und die verschiedenen Sprachen gewöhnt. Sie beobachten, falls überhaupt, was da geschieht, und entschliessen sich dann ohne Rücksicht auf Verluste, in weiten Sprüngen den Wald und die Wege zu überqueren.

Natürlich zur Freude der Touristen, die endlich mal eine der animalischen Sensationen des Tales sehen können.

 

Languren
Languren – ebenso flink wie furchtlos
Ein vorsichtiger Blick
Ein vorsichtiger Blick von weitem

Im Unterschied zu unseren Breitengraden ist hier der Gesang der Vögel noch in allen Variationen zu hören. Es singt und zwitschert und zirpt und triliert, doch zu entscheiden, welche Stimme zu welchem Vogel gehört, fällt auch Sitaram schwer.

Immerhin sind es über 350 verschiedene Vogelarten. Einige davon erkennt er, darunter den Glanzfasan, den nepalesischen Nationalvogel, aber auch Ibis, Tragopan und andere, deren Namen und Aussehen mir vollkommen fremd sind.

In der Goseinkund-Region, also der Gegend um die entsprechenden heiligen Seen, lebt der kleine rote Panda, eine extrem vom Aussterben bedrohte Spezies. Zu ihrem Schutz hat die Regierung ein grossangelegtes Schutzprogramm ins Leben gerufen.

 

Kleiner Panda (Ailurus fulgens)
Der rote Panda (Copyright Wikipedia)

Und natürlich ist es Frühling, auch die Zeit der Jungtiere, teilweise kurz zuvor geboren und voller Stolz auf den Armen herumgetragen. Sie sind die Zukunft der Bauernfamilien, ohne sie ist keine Existenz denkbar.

 

Jungtiere
Erst kurz zuvor geboren, aber neugierig und immer noch etwas verwirrt
Jung und schon auf den Beinen
So jung und schon auf den Beinen

Das Rätsel des linken Knies

Dann aber geht es zügig bergabwärts. Wir treffen unseren Freund, den Thai-Buddhisten, der sich zur Abwechslung offenbar ein Zimmer genommen hat. Und ja, die ersten Stufen bergabwärts, ursprünglich ein mulmiges Gefühl bezüglich meines linken Knies verursachend, sind beruhigend. Natürlich bin ich vorsichtig, natürlich versuche ich, bei ganz hohen Tritten das rechte Knie zu belasten, aber es geschieht – nichts. Das Knie hält. Dreimal Hurra!

Aber es sind schon wahnsinnige Stufen, die auch bergab Kopfschütteln auslösen. Wie ich es geschafft habe, hier hochzukommen,ist mir ein Rätsel, aber wie schon erwähnt – der Stolz macht vieles möglich.

 


Weibliche Trägerinnen

Wir haben nur wenige getroffen, aber alle machen den Eindruck extremer Leistungsfähigkeit, die uns Fitness-Center gestählte Mannsbilder erblassen lassen. Sie strahlen gleichzeitig etwas Schüchternes aus. Man möchte ihnen die Hand schütteln, ihnen danken. Ach, ich weiss nicht, irgendwas stimmt da nicht. Wie so vieles andere …

 

Trägerinnen
Weibliche Trägerinnen – ebenso stark wie schüchtern

Lama Hotel und zwei Bekannte im Stress

Das Lama Hotel ist genauso überfüllt und irgendwie abweisend wie beim Aufstieg. Sitaram schlägt vor (da wir zeitlich gut imPlan liegen), doch noch zwei Stunden bis Bamboo Village (heisst es so?) weiter zu marschieren. Okay, warum nicht. Alles, um auf dieses wenig einladende Etablissement zu verzichten, ist gut.

Wir treffen zum ersten Mal unsere beiden Mexiko/Slowakei-Australier wieder, sie scheinen aus irgendeinem Grund pressant zu sein. Sie wollen den restlichen Abstieg bis Syabrubesi noch an diesem Tag bewältigen. Eine echte Herausforderung, wie mir scheint. Das bedeutet ein Bergabrennen gegen die Zeit, und wenn ich mich an die steilen Abschnitte erinnere, die noch vor ihnen liegen – dann Prost und viel Glück!


Zimmer in Bamboo Village?

Irgendwie scheint mir der Weg bergab richtig viel Vergnügen zu bereiten. Wir haben alle Zeit der Welt, Sitaram ist überzeugt, dass wir im Bamboo ein Zimmer finden werden. Aus nachvollziehbaren Gründen kann ich seinen Optimismus nicht ganz teilen, schliesslich sind wir schon einige Male versetzt worden.

Meine Sorgen machen ihn schliesslich doch ein bisschen nervös machen lässt. Auf jeden Fall schlägt er vor, doch schon mal vorzugehen, um sicherzustellen, dass seine optimistische Annahme auch zutrifft. Während er also in Riesenschritten (endlich mal ohne den Grossvater) den Wald hinunter rennt, habe ich Zeit, mich umzusehen. Und endlich die phantastische, mystische Welt der lebenden und toten Bäume zu bewundern, die mich einmal mehr an Mittelerde erinnern, fehlen nur noch die Hobbits, Frodo und seine Gefährten Sam Gamdschie und Pippin und Merry, die bei einem späten Frühstück sitzen.

 

Mittelerde-Wald
Mittelerde-Wald, aber ohne Hobbits

Und da, ganz in der Nähe, noch ein Langur-Affe. Er versteckt sich anfänglich hinter einem Baum, doch dann, mutiger geworden, zeigt er sich. Wunderbar.

Der letzte Abschnitt, kurz vor dem Tagesziel, ist die ultimative Herausforderung nicht nur für meine Knie, sondern für alle Muskeln und Sehnen. Aber auch dieser Abschnitt, langsam und vorsichtig, bleibt hinter mir zurück, und schon eilt mir Sitaram entgegen. Meine Besorgnis bezüglich Zimmerverfügbarkeit scheint doch nicht ganz falsch gewesen zu sein. Wir haben nämlich das allerletzte Zimmer gefunden. Glück gehabt, mein Freund!


Das tibetische Hotel

Diesmal ist es ein tibetisches Hotel, wie alle bisherigen in einem sagen wir mal desolaten Zustand, der aber zu genügen scheint. Der Dining Room ist etwas düster und kalt, der Ofen ist zwar in Betrieb, aber da dauernd jemand die Tür offen lässt, verpufft seine ganze Leistung.

 

Dining Room
Düster und kalt

In meinem Zimmer ist alles ein bisschen klapprig, zwischen den Wandbrettern scheint die Sonne durch, das Schloss lässt sich nur mit viel Mühe schliessen. Man gewöhnt sich daran. Sogar an die sich ziemlich abweits des Hotels befindliche Toilette – ein weiteres Meisterstück tibetisch/nepalesischer Baukunst.

 

Schlafzimmer
Etwas unfertig, aber irgendwie gemütlich

Und tatsächich – mitten in der Nacht, der verschlafene Blick auf die Uhr zeigt 2.30 – folge ich grimmig und mit verquollenen Augen und der Stirnlampe dem Ruf der Natur und fühle mich eins mit der Welt und dem Kosmos …


PS Song zum Thema:  Ty Segall Band – I bought my Eyes


Und hier geht die Reise weiter …

 

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