Endlich auf dem Weg

Ich bin endlich auf dem Weg nordwärts zum Mekong oder wenigstens bis Chiang Khong, wo ich endlich wieder meinen alten Freund, den Mekong, antreffen werde.

Zur Abwechslung mal kein heruntergekommener Local Bus, sondern ein VIP-Bus, die Carosserie glänzt im Sonnenschein, als wäre sie frisch geschrubbt und poliert worden.

Die resolute Dame, verantwortlich für die Innenorganisation, weist mir mit strengem Blick meinen Platz zu und überreicht mit salbungsvoller Miene ein Lunchpaket (!). Darin versteckt sich ein Softdrink (süss),  eine Art Sandwich (trocken) und etwas Süsses (undefinierbar).

Chiang Mai - Chiang Khong

Chiang Mai – Chiang Khong, Perron 19

Busbahnhof

Wie immer ein hektisches Ducheinander auf dem Busbahnhof

Nordwärts

Vor dem Fenster huschen Reisfelder vorbei, die meisten vertrocknet (dry Season), einige mit bleichem Wasser gefüllt. Auf graslosen Wiesen ein paar verstreute, erstaunlich magere Rinder, die Köpfe tief gesenkt, auf der Suche nach Nahrung.

Manchmal ein niedriges Dach, darüber eine reglos schwebende Säule aus schwärzlichem Rauch, am Strassenrand ein schwarzfelliger Esel, daneben ein mit Kisten beladenes Fuhrwerk. Aber auch Autos, viele, viele Autos, allesamt asiatischer Herkunft. Die Solidarität spielt …

Die schmalgliedrigen Hände des Buschauffeurs liegen entspannt auf dem Steuerrad, mit eleganten, beinahe zärtlichen Bewegungen dreht er daran, und immer eine winzige Nuance, bevor sich das Fahrzeug in die Kurve legt, neigt er den Körper in die erwartete Richtung. Manchmal treffen sich unsere Blicke im Rückspiegel, ein kurzer Kontakt zwischen zwei Welten …

Sie sind ein eigenes Völklein, diese Buschauffeure, und obwohl sie nicht unterschiedlicher sein könnten, haben sie sehr viel gemeinsam. Ein paar Gesichter sind mir geblieben, wenn auch verwischt in der Erinnerung. Der kleingewachsene schmalgliedrige Inder zum Beispiel, der seine erstaunlich langen und schon grau werdenden Haarbüschel alle paar Augenblicke hinter die Ohren strich, während er den riesigen altmodischen Bus mit stoischer Ruhe über die löcherübersäten, staubigen Strassen von Hampi nach Goa chauffierte.

Erinnerungswürdige Busfahrten 1 – Indien

Ich zitiere aus dem damaligen Tagebuch:

16.2.07 Der Chauffeur ist eine Ausnahmeerscheinung: klein, schmächtig, mit hinter den Ohren zurückgekämmten grauen Haaren und einer intellektuellen Brille auf der Nase. Er fährt wie der Teufel. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen, mit Millimetergenauigkeit rast er an und zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern vorbei, kreuzt andere Busse und viel grössere Lastwagen mit felsenfester Sicherheit, lacht im Rückspiegel, wenn er merkt, dass die Mitfahrenden ihren Atem anhalten.

Aber es geht vorwärts, auch wenn eine scheinbar unendlich lange Strecke eine einzige fürchterliche, staubige und mit tiefen Löchern übersäte Baustelle darstellt. Eine Steigerung der bisherigen Strapazen scheint kaum möglich, doch diese Baustelle schlägt jeden Rekord. Man atmet spürbar auf, wenn endlich nach über einer Stunde (oder waren es mehr?) die Baustelle ein Ende hat und wir auf die schmale, ebenfalls mit Löchern übersäte Strasse zurückkommen, aber eben, es ist eine Strasse.

Irgendwann überqueren wir die westlichen Ausläufer der Ghats, es geht tief hinunter in Richtung Goa. Erinnert mich an Busfahrten in Peru und Bolivien, allerdings haben sich mir die damaligen Pneuprofile ins Langzeitgedächtnis eingeprägt. Ich hoffe, unser Bus ist diesbezüglich besser ausgestattet … Der Wald wird grüner, dichter, man merkt, dass die trockenen Hochebenen hinter uns sind. Es geht mit horrendem Tempo abwärts, geradewegs in Richtung Goas. Irgendwann überqueren wir die Staatsgrenze, aber es dunkelt bereits beim Näherkommen ans Meer …

Erinnerungswürdige Busfahrten 2 – Peru

Ganz stark und für die Ewigkeit in mein Gedächtnis eingegraben ist der Chofer in den Anden, von Ayacucho nach Lima. Es hat tagelang geregnet, doch ich habe es mir in den Kopf gesetzt, die berühmte Strecke über die 5000 Meter hohen Berge auf dem Landweg  zu machen. Die Bähnler streiken, also bleibt nur der Bus.

Ich sehe den Chauffeur noch vor mir: ein vierschrötiger Mann mit gewaltigem Schnauzbart und grimmigem Blick, der alle paar Augenblicke einen  wüsten Fluch ausstösst. Ich sitze neben ihm auf dem Beifahrersitz, eine vermeintlich höfliche Geste dem Touristen gegenüber, die sich als zweifelhaftes Geschenk entpuppt, denn Physik und die Lage der Räder führen dazu, dass ich in jeder geländerlosen Linkskurve einen atemlosen Moment über dem Abgrund hänge.

Und der Abgrund wird von Kurve zu Kurve alptraumhafter: am Fuss des langgezogenen, mit schroffen Abhängen besetzten Tales fliesst ein Fluss, kaum mehr erkennbar durch den Regen, der sich etwas weiter oben in Schnee verwandelt und die Strasse zu einem mit Seife überzogenen Rinnsal verwandelt. Die Scheibe ist schon bald mit Schnee zugekleistert, doch der Chauffeur lässt den Scheibenwischer nur einmal, zweimal über den Match gleiten … und stellt ihn wieder ab. Meine Frage beantwortet er mit einem breiten Lachen. Batterie schonen.

Die Pointe des Tages erkenne ich erst nach der Ankunft: die Pneus besitzen, alle ohne Ausnahme, nicht einmal einen Hauch von Profil. Glatt und geschmeidig wie Wursthäute. Es kann seit diesem Vorfall vorkommen, dass ich vor der Abfahrt einen vorsichtigen Blick auf die Räder werfe …

Mit dem VIP-Bus nach Chiang Khong

Die Fahrt  ist ereignislos, ich habe schlecht geschlafen und nicke immer wieder ein. Allerdings bekommt man auch im Halbschlaf das Tempo mit, das der Chauffeur einschlägt: Er blocht mit 80 Sachen durch die Dörfer, ohne sich gross um die anderen Verkehrsteilnehmer zu kümmern. Man merke sich: der Grössere ist immer der Stärkere. Das ist mir aus meinem ersten Indientrip in lebhafter, wenn auch schmerzlicher Erinnerung  geblieben.

Mekong

Da ist er endlich – mein Mekong

Dann Chiang Khong,, das Tagesziel, am Mekong gelegen. Da ist er endlich, mein Mekong, auf den ich mich so lange gefreut habe. Breit, braun, schnell, massig, kräftig. Ein Monster von einem Fluss. Man begrüsst sich wie alte  Freunde …

Und da ist mein alter Freund, ein Langzeit-Traveller, der sich seit vielen Jahren in Asien  herumtreibt. Es gibt viel zu erzählen bis am späten Abend. Es wird erstaunlich kalt, was in der Nacht dazu führt, dass ich wider Erwarten auf meine im letzten Moment eingepackte warme Unterwäsche zurückgreifen muss  …