Tumbes – Nasse Füsse im Hotelzimmer

Ausnahmsweise werde ich nicht vom Lärm der Strasse oder von unruhigen Zimmernachbarn geweckt, sondern durch ein wildes Wetterleuchten, das tiefe Schrammen in den Nachthimmel reisst.

 

Der Himmel fällt auf die Erde

Aha, das könnte der Beginn von ‚Tumbes aislado‘ sein. Die ersten Anzeichen des kommenden Unwetters. Also doch kein Journalistenkäse? Der nächste Weckruf ist ein donnerndes Geräusch vor dem Fenster. Und wieder fällt der Himmel auf die Erde, und einmal mehr finde ich es im warmen Bett äusserst gemütlich, während draussen der Sturm tobt.

Um zwei erwache ich, das Tosen hat eher noch zugenommen. Ich tappe im Halbdunkel ins Bad und zucke zusammen … Kann es sein, dass … Nein, das ist unmöglich. Da ist etwas, was man auf keinen Fall erleben will. Meine Füsse patschen in kaltes Wasser. Na wunderbar!

 

Nasse Füsse

Das Licht zeigt das ganze Disaster. Da mein Zimmer im obersten Stock liegt, also dort, wo sich unter dem offenen Dach der Swimmingpool befindet, aber auch dort, wo sich jetzt die Wassermassen sammeln und beim besten Willen nicht wissen, wohin sie abfliessen sollen, suchen sie sich halt eigene Wege.

Einen davon durch die Etagentür in meinen Flur hinein und von da direkt in mein Zimmer. Einen Augenblick lang zögere ich. Soll ich die Tür öffnen, auf die Gefahr hin, dass noch viel mehr Wasser in mein Zimmer fliesst? Ich lasse es sein und rufe die Reception an. Keine Antwort. Entweder sind die Kerle am Schlafen oder sie sind bereits als erste Opfer des Unwetters zu beklagen.

Da ich im Moment eh nicht viel machen kann, bringe ich halt mein Zeug auf sichere Höhen, schlafe noch etwas weiter und träume nasse Träume.

 

Überblick über das Disaster

Am Morgen dann, es schüttet weiterhin aus allen Himmelsöffnungen, versuche ich mir erst mal einen Überblick zu verschaffen.

Allerdings muss ich zu diesem Zweck an den Empfang hinunter, aber besser zu Fuss als mit dem Lift. Die Lust, irgendwo zwischen dem 3. und 4. Stock hängen zu bleiben, weil der Strom ausfällt, ist ziemlich klein. Also suche ich das Treppenhaus, finde es auch. Ein düsterer Betonschacht ohne Licht, und ob sich die Tür je wieder öffnen lässt, falls ich wieder zurück muss, ist fraglich.

Mit der Taschenlampen-App bewaffnet, tapse ich also durch endlose Gänge, vorbei an seltsamen Gegenständen, die ich nicht zuordnen kann, und komme mir vor wie Indiana Jones auf der Suche nach dem heiligen Gral. Aber den Mutigen gehört die Welt, ich erreiche schliesslich das Parterre und kann an der Reception nun endlich meinen Klagebericht zum Zustand meines Zimmers abgeben.

Was aber bestenfalls zu einem verständnisvollen Lächeln führt. Verstehe ich irgendwie, denn man hat ganz andere Probleme als meine nassen Füsse. Alles rennt durcheinander, ruft sich Befehle zu, ist ziemlich ausser Rand und Band. Denn eines scheint klar zu sein: das eben erst fertiggestellte Hotel scheint nicht nur an Kinderkrankheiten zu leiden, sondern auch an ernsthaften Baumängeln.

 

Frühstück unter der Sturzflut

Soll mich aber nicht weiter interessieren, denn ein währschaftes Frühstück wartet auf mich, das ich mir auf keinen Fall entgehen lassen will. Da es aber ausgerechnet vor der Kaffeemaschine von der Decke pisst, sind ein paar organisatorische Kniffe von Nöten, aber alles andere klappt perfekt. Zwei Herren in den besten Jahren sind neben mir die einzigen Gäste. Sie stellen sich als Berater einer deutschen Firma heraus, die eben die Installation einer neuen städtischen Wasserversorgung abgeschlossen haben. Zumindest an Wasser dürfte es in den nächsten Tagen nicht fehlen …

 

Fährt der Bus?

Neben den unmittelbaren Folgen der Sturzflut beschäftigt mich die Frage, ob es überhaupt einen Bus gibt, der mich über die Grenze nach Ecuador und dann nach Guayaquil bringt.

Die Herren an der Reception glauben fest daran, es könnte aber auch sein, dass sie mich einfach loshaben wollen. Ich trampe also kurze Zeit später mit meinem Gepäck entlang der überfluteten Strassen zum Busterminal und treffe dort tatsächlich auf andere Travellers mit dem gleichen Ziel.

Der Regen fällt weiterhin. Ich würde gerne das Geräusch beschreiben, aber da fehlen in der deutschen Sprache schon beinahe die entsprechenden Adjektive. Es ist nicht einfach ein Plätschern oder Triefen, wie wir es kennen, es ist ein veritables Donnern und Tosen auf den Dächern, auf der Strasse, auf den Autos, auf den Dächern der TukTuks, das jede Unterhaltung schwierig macht. Hält man sich zu nahe am Regen auf, wie zum Beispiel die Raucher, die vor das Gebäude verdammt werden, ist man in Sekunden platschnass.

 

Der Bus fährt ab – durch knietiefes Wasser

Irgendwann fährt tatsächlich ein Bus vor, allerdings nicht der geplante, aber mir ist alles recht, solange ich aus diesem nassen Paradies wegkomme. Es geht nur langsam durch die überschwemmten Strassen, einige sind so tief unter Wasser, dass der Verkehr Ausweichrouten nehmen muss. Reissende Bäche strömen durch die Strassen und Gassen, allerlei Müll schwimmt oben auf (auch eine Möglichkeit, diesen loszuwerden). Zahlreiche Menschen stehen am Strassenrand, schauen sich ohne grosse Emotionen das Ergebnis der Niederschläge an.

 

 

Floods in Tumbes

Knietiefes Wasser überall

The bus plows its way through

Der Bus pflügt sich durch

Doch sobald wir die unmittelbaren Stadtbezirke verlassen haben, bessert sich die Situation, und der Fahrer gibt Gas. Es sind nur wenige Kilometer bis zur Grenze, die Abfertigung geht zügig, Adios Peru, hola Ecuador.

 

 

Guayaquil

Guayaquil ist die grösste Stadt Ecuadors, das wirtschaftliche Zentrum des Landes, hektisch, grossstädtisch, arrogant. Aber nicht ohne Charme.

Nach der Ankunft – etwas müde von den Aufregungen – mache ich trotzdem einen Rundgang durch das Stadtzentrum und bin sehr positiv überrascht worden durch die grosszügigen und schon ein bisschen nach Geld und Wohlstand riechenden Anlagen. Die Stadt hat etwa 2,53 Millionen Einwohner (Stand 2013); im Großraum Guayaquil leben mehr als 3 Millionen Menschen.

Guayaquil liegt am Westufer des Guayas, etwa 50 km oberhalb von dessen Mündung in den Golf von Guayaquil. Das ursprüngliche Zentrum von Guayaquil liegt auf geringer Höhe zwischen drei Hügeln und dem Estero Salado (span. für Salziger Sumpf), einem weit ins Landesinnere ragenden Meeresarm, der im heutigen Stadtgebiet zum Teil ausgetrocknet und mit gehobenen Wohnvierteln bebaut worden ist.

 

Guayaquil - Highlights Guayaquil - at the Shore Guayaquil - Water everywhere Guayaquil - Highlights Guayaquil - Highlights 2 Guayaquil - Highlights 3

 

Die ‚Casa de Romero‘ mitten im Stadtzentrum hat sich wieder mal als Griff in die richtige Hotelkiste erwiesen. Das nette Fräulein an der Reception klagt zwar über mangelnde Gäste, den Grund dafür kennt sie nicht. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass die Stadt nicht im Fokus der Touristen liegt.

Andere Destinationen in Ecuador haben eine ganz andere Bedeutung, vor allem natürlich die Hauptstadt Quito, 426 Kilometer im Norden gelegen, mitten in der sogenannten Sierra. Da will ich morgen hin.

 

Kilometerstand: 6102

Song zum Thema:  Van der Graaf Generator – After the Flood

Und hier geht die Reise weiter … nach Quito