Leh – Ultra-Marathon

 

Any Idiot can run, but it takes a special kind of Idiot to run a Marathon.

Heute findet der Khardung-La Marathon statt, etwas vom schlimmsten, was man sich vorstellen kann (doch alles ist relativ, siehe übernächsten Abschnitt).

 


 

Der Khardung-La Marathon

Der Start ist im Nubra-Valley auf der anderen Seite des Khardung-Passes auf gut 4500 Meter, dann geht’s hinauf zur Passhöhe auf genau 5370 Meter und von da an ins Tal hinunter auf einer mehrheitlich unbefestigten Strasse hinunter nach Leh, alles in allem gerade mal 72 schlappe Kilometer.

 

Der Marathon
Der Khardung-La Marathon – Auch mit dem Auto eine anspruchsvolle Geschichte


 

Die Ultra-Marathons

Allerdings wird mir berichtet, dass noch andere, viel krassere Ultra-Marathons gibt. Es bestätigt die alte Regel, dass etwas Schlimmes immer durch etwas noch Schlimmeres übertroffen werden kann.

Der längste davon misst 333 Kilometer. Das bedeutet, dass die Standardstrecke von 111 Kilometern dreimal gelaufen wird.

Der Startort ist mir nicht bekannt, wahrscheinlich irgendwo am Arsch der Welt hinter den sieben Bergen. Keine Ahnung, wer die Teilnehmer sind; ich stelle mir hagere, kleine, zähe Burschen vor, aus Haut und Knochen bestehend, mit einem ungeheuer grossen Herz und einer Lunge wie ein Elefant. Auf jeden Fall geht’s nach dem Start über sage und schreibe 333 Kilometern durch halb Ladakh, durch Täler und Höhen, über hohe und höchste Pässe dem Ziel entgegen.

Der Beste braucht dazu etwa 65 Stunden, unterbrochen von gerade mal 2 Stunden Schlaf, so erzählt man mir einigermassen glaubhaft.

[Die folgenden Videos sind dem Blog La-Ultra – The High entnommen. Besten Dank!]

 

 

 

Marathon in Leh – Tag 1

Nun, so schlimm wird’s heute nicht werden, aber immerhin.

Das Ziel ist irgendwo in der Pampa, auf jeden Fall ausserhalb des Zentrums von Leh. Bis ich mich dahin durchgefragt habe, vergeht Zeit, zuviel Zeit, denn als ich endlich das Ziel erreiche, sind die ersten beiden Läufer bereits im Ziel.

 

Marathon in Leh
Marathon in Leh – jedes Jahr eine grosse Sache

Der Lautsprecher verkündet, dass der Sieger 6 Stunden 53 Minuten gebraucht hat, der Runner-up ein paar Minuten mehr. Beides sind Soldaten der indischen Armee, wahrscheinlich mit besten Trainingsbedingungen und vielleicht noch unterstützt durch das eine oder andere Mittelchen aus der Drogenküche des Armeearztes

Trotzdem eine geradezu unmenschliche Leistung, die nicht hoch genug bewertet werden kann. Es ist ja nicht nur die Distanz, die für uns Normalverbraucher ein Ding der Unmöglichkeit beziehungsweise eine Strafe Gottes wäre. Es ist die Höhe, die normales Gehen und Atmen zur Schwerstarbeit macht. Der untenstehende Spruch dazu sagt alles …

 

Oh yes
Oh yes – Da kann man wirklich zustimmen


 

Platz drei bis fünf

Das empfangende Publikum besteht hauptsächlich aus Schulkindern,die offenbar gerade Mittagspause haben.

Wo ist der nächste Läufer? Doch da, das muss er sein, lautes Hallo-Geschrei, Händeklatschen, Lachen und tatsächlich, da kommen drei Läufer gemeinsam dem Ziel entgegen, nicht besonders pressiert, wie es scheint, sie schauen gelassen und würdevoll mal nach links, dann nach rechts. Und dann sind sie im Ziel, frenetischer Applaus. Platz drei, vier und fünf geht unter grossem Jubel an drei Kühe.

Da man für sie keine Medaille bereithält, machen sie sich stattdessen über das Material her, mit dem die Ziellinie gezogen wurde. Offenbar besteht das weisse Pulver aus etwas Organischem, das den beiden Helden zu munden scheint.

 

Runnerups
Drei besondere Runnerups


 

Die echten Runnerups

Und dann doch noch, wenn auch mit gebührendem Abstand, die echten Nummer drei und vier, auch sie Soldaten und in jeder Hinsicht der obigen Beschreibung entsprechend.

 

Nummer drei
Diese Burschen sind wirklich zäh

Leider stelle ich zusammen mit einem Ehepaar aus Alaska und zwei Inder-Burschen das einzige noch vorbliebene Publikum dar, denn der Rest der Zuschauer hat sich verzogen (Mittagspause vorbei). Finde ich doch etwas ärmlich, schliesslich haben alle, die das Ziel erreichen, eine unglaubliche Leistung vollbracht. Wenigstens wir klatschen, was die Hände hergeben. Nach einer weiteren halben Stunde verziehe auch ich mich, in der Hoffnung, auf der halbwegs abgesperrten Strasse auf die nächsten Läufer zu stossen. Es bleibt aber bei der Hoffnung, Vielleicht habe ich ja die falsche Strasse erwischt (denn nach knapp 500 Metern gibt es keine Absperrung mehr und die Läufer müssen sich durch den Verkehr kämpfen), auf jeden Fall treffe ich niemanden mehr. Wo sind die verbleibenden 58 Läufer geblieben?

Verloren, verirrt? Niemand weiss es.

Vielleicht findet man in ein paar Jahren ein paar abgenagte, von der Sonne gebleichte Knochen, an den Füssen die Überreste von teuren Markenlaufschuhen …

 


PS Song zum Thema:   Bruce Springsteen – Born to run


Und hier geht die Reise weiter – auf ins Nubratal …