Ecuador – Die Mitte der Welt

Ich kann mich an einen Roman erinnern, dessen letztes Kapitel „Die Mitte der Welt“ hiess. Allerdings ging es dabei nicht um geographische Begriffe sondern um Weggehen und Loslassen und die Furcht, dass alles vergeblich ist und man am Schluss wieder am selben Ort landet.

Der erste Trip – zur Mitte der Welt

Darum geht es heute nicht. Ich habe eine erste Tour gebucht, die mich erstens zur besagten Mitte der Welt, aber zweitens auch zu Märkten und Vulkanseen und kleinen Städten im Norden von Quito bringen soll. Ich vermute, dass wir an mehreren klassischen Touristenfallen landen werden, aber was soll’s. Einmal ist keinmal.

Je nördlicher man kommt, desto zahlreicher werden die Touristen aus den USA.

Nicht unbedingt meine bevorzugte Spezies (seit dem 8. November 2016 schon gar nicht mehr), aber die meisten sind in Ordnung. Heute hat sich neben anderen Nationen eine ganze Reihe von ihnen eingefunden, die meisten mit fortgeschrittenem Verfallsdatum.

Um Punkt sieben fährt der Bus ab. Erster Zielort – Mitad del Mundo. Es gibt zwar noch eine andere Mitte der Welt, nicht allzu weit von unserer gelegen (das Lustige dabei ist, dass man festgestellt hat, dass der Äquator tatsächlich etwa 240 Meter nördlich durchgeht).

The middle of the world

Die Mitte der Welt – la Mitad del Mundo

 

Wirklich die Mitte der Welt?

Das mit der Mitte der Welt ist eine seltsame Sache, die uns der Experte vor Ort zu erklären versucht, aber auf ziemliches Unverständnis in den Gesichtern stösst.

Dass hier der Äquator durchgeht (deswegen der Name Ecuador) ist klar. Man stellt sich auf die eingezeichnete Linie, und so steht das eine Bein in der nördlichen, das andere in der südlichen Hemisphäre. Pünktlich am 21. März und am 22. September steht die Sonne senkrecht über dem Äquator und wirft somit keinen Schatten.

Soweit so gut.

Aber warum die Mitte der Welt?

Er versucht uns Folgendes nahezubringen: Ecuador ist der einzige Ort, wo es messbare Erhebungen gibt; überall sonst auf der Welt, wo der Äquator durchgeht, also in Brasilien und Afrika, gibt es keine Erhebungen und auf den Ozeanen schon gar nicht. Er sagt noch sehr viel mehr dazu, allerdings höre ich nicht mehr richtig zu, denn seine Erklärungen scheinen mir nun doch etwas allzu weit hergeholt zu sein.

Viel interessanter ist, dass die vor den Inkas hier lebenden Menschen bereits eine Sonnenuhr besassen, die exakt den Verlauf der Sonne und der Jahreszeiten wiedergeben konnten. Hut ab!

Wolkenumhangene Berge – farbige Märkte

Eigentlich hält das Wetter einmal mehr nicht, was es versprochen hat, und so geht der Trip entlang wolkenumhangener Berge, deren Gipfel im weissen Dunst verschwinden. Aber die Stimmung im Bus ist fröhlich, obwohl ein gegenübersitzender Kanadier schrecklich nervt. Er verkündet lauthals, dass er sich auch für sein Land einen Präsidenten wie Trump wünscht.

Ich kann den Brechreiz kaum unterdrücken.

mountains with caps of clouds

Berge mit Wolkenmützen

Immerhin erreichen wir nach einer Stunde Otovalo, das vor allem durch seinen wunderbar farbigen Markt einige Berühmtheit erlangt hat.

Da ich mir herzlich wenig aus diesen Touristenfallen mache, beschränke ich mich aufs Zuschauen. Es ist immer wieder spannend zu beobachten, wie die Touristen vor lauter Angeboten den Verstand verlieren und auf die einfachsten psychologischen Tricks der Verkäufer hereinfallen. Nachher fühlen sie sich besonders schlau, wenn sie den Preis heruntergehandelt haben.

Eine klassische Win-Win-Situation.

Ich muss wieder mal auf eine Passage aus meinem Roman „Eine Schlange in der Dunkelheit“ zurückgreifen. So ungefähr muss man sich den Markt vorstellen, anstelle der Süssigkeiten einfach Früchte und Gemüse dazunehmen, dann stimmt das Bild.

Der Duft von gebratenem Fleisch und frischem Fisch mischte sich mit dem fremdartigen Aroma von Pfefferschoten, die auf Tüchern ausgebreitet waren, von Muskatnuss und anderen Gewürzen, gelben, roten, braunen, schwarzen. Es roch nach ausgestopften Vögeln und nach solchen, die noch lebten und in ihren viel zu kleinen Käfigen kreischten und fiepten und einen Höllenlärm veranstalteten, nach geröstetem Brot und Süßigkeiten, frischen Kuchen und Nüssen, nach kandierten Früchten, Marzipan, Konfekt und Pralinen und Tafeln aus gebranntem Zucker.

 

Market ladies

Ein farbiger Markt – mit allem, was dazugehört

Market in Ecuador Market in Ecuador 2 a thousand spices

Ein Vulkansee

Nächste Station – ein Vulkansee.

Wir steigen auf die Caldera hinauf, blicken hinunter auf den riesigen Kratersee und machen uns im Geist Vorstellungen darüber, wie er entstanden ist.

Offenbar gibt es auch hier einen schlafenden Supervulkan; das sind die Ungeheuer, die das Leben in einem einzigen Ausbruch zum Erliegen bringen können und so alle 600’000 Jahre ausbrechen (beim letzten Ausbruch eines Supervulkans auf Java vor über (!) 600’000 Jahren überlebte die Menschheit nur ganz knapp; ob es das nächste Mal wieder so gut ablaufen würde, ist fraglich).

Zu ihnen gehört auch der schlafende Riese unter dem Yellowstone-Park oder der besagte auf Java.

Na gut, irgendwann mal, einfach nicht unbedingt heute oder die nächsten paar hundert Jahre.

A lake is the remnant of the eruption of a supervolcano

Ein See ist der Überrest des Ausbruchs eines Supervulkans

It looks beautiful, but as we know ...

Er sieht schön aus, aber eben …

 

Und wieder eine Sturzflut vom Himmel

Irgendwann um drei Uhr nachmittags wird ein Lunch offeriert. Man tauscht sich aus, woher, wohin, was gekauft, oh und ah, bis der Guide zur Heimfahrt ruft. Seine tausendmal angebrachten Witzchen sind in der Zwischenzeit etwas schal geworden, es wird still im Bus, man freut sich auf den Abend.

Ich überquere vom Yellow House lediglich die Strasse zu einer Kneipe, und während ich mich mit dem Waiter unterhalte, beginnt es zu regnen. Ach was, zu regnen? Tatsächlich, es hat heute entgegen aller Wahrscheinlichkeit noch nicht geregnet, und als müsste das Wetter beweisen, dass es noch da ist, schüttet es wieder mal wie aus Kübeln.

Ich würde nach dem Essen eigentlich gerne ins Hotel zurück, was aber angesichts der Wassermassen ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die grob geschätzten zehn Meter zwischen Restaurant und Hotel würden genügen, mich patschnass werden zu lassen.

Also warte ich geduldig, checke meine Mails, freue mich an Trumps Niederlage bezüglich Krankenversicherung und werfe immer mal wieder einen langsam etwas ungeduldigen Blick nach draussen. Eine junge Dame, der ich schliesslich nach beinahe einer Stunde mein Problem schildere, hat die rettende Idee, mich mit ihrem Schirm zum Hotel zu begleiten. Das hätte mir auch schon früher einfallen können, aber danke, junge Dame, danke!

Kilometerstand: 6798

Song zum Thema:  Bauhaus – King Volcano

Und hier geht der Trip weiter … zum Cotopaxi