Porto Alegre – Gesichter und Geschichten

 

Irgendwann in der Nacht, ich kann meine verklebten Augen kaum öffnen, zwängt sich eine ziemlich beleibte Brasilianerin in den leeren Sitz neben mir, bewaffnet mit zwei sehr schwer aussehenden Taschen, die sie auf den Boden zwischen Sitz und vorderer Lehne zwängt und nach lautstarken Diskussionen mit ihren Begleiterinnen sich mit allerhand seltsamen Geräuschen zur Ruhe begibt.

Ich ahne Schlimmes, aber die gute Frau gibt den Rest der Reise keinen Mucks mehr von sich, und so schlafe ich weiter.

Schimmer am pechschwarzen Himmel

Erste graue Schimmer am pechschwarzen Himmel sind unmissverständliche Anzeichen, dass der Morgen nicht mehr lange auf sich warten lässt.

Allerdings ist es erst fünf Uhr, es fehlen also immer noch ein paar Stunden. Die Beine fühlen sich in der Zwischenzeit etwas steif an, von meinem Lieblingsknie gar nicht zu sprechen.

Aber keine Seele rührt sich, also beschliesse ich mit einem wohligen Seufzer, mich wieder dem Schlaf zu ergeben.

Gegen sieben wird es unruhig, nicht nur, weil die Stewardess mit dem Frühstück zu Gange ist, sondern weil alles aus dem Schlaf erwacht, denn zwischenzeitlich ist die Sonne aufgegangen, und die elektronische Anzeige zeigt eine Aussentemperatur von bereits wieder 28 Grad an.

Das sogenannte Desayuno besteht aus einem Kaffee (gut), einem Cracker (na ja) und etwas Süssem mit Schokoladeüberzug (grässlich). Auch die brasilianische Nachbarin taucht aus ihrem Delirium auf.

Bom Dia.

Eine konfuse Unterhaltung

Mit kaum halbstündiger Verspätung erreichen wir Porto Alegre, und ich suche mir schleunigst ein Taxi und lasse mich zu meinem Hotel fahren, das diesmal auch tatsächlich existiert.

Die ältere Dame an der Reception spricht nur Brasilianisch, und so ergibt sich eine ziemlich konfuse Unterhaltung, allerdings nicht die letzte, wie sich zeigen wird.  Mein in Portugal erworbenen Portugiesisch-Kenntnisse scheinen nicht auf grosses Verständnis zu stossen, und so – einmal mehr – kommunizieren wir mit Händen und Füssen, viel Lachen und Grinsen und allem, was weiterhelfen kann.

Immerhin habe ich ein ganzes Appartement für mich allein zur Verfügung, ein riesiges Bett, ein zweites Bett im Vorraum, eine Küche, ein grosses Bad mit moderner Dusche und allem. Der Unterschied zur letzten Nacht könnte nicht grösser sein.

Und einen Tisch, worauf ich, ohne dass Finger und Hände taub werden und der Rücken zu schmerzen beginnt, endlich mal vernünftig schreiben kann. Die überfällige Dusche zeigt einmal mehr, dass es die kleinen Dinge sind, die das Leben erst richtig schön machen.

Wo bin ich gelandet?

Nach einem zweistündigen Erholungsschlaf, aus dem ich mit schwerem Kopf erwache, ist es Zeit für einen ersten Erkundungsgang in die Stadt.

Wie sich herausstellt, führt die Strasse unweit des Hotels direkt zur Altstadt, wo sich die Leute gegenseitig auf die Füsse treten. Millionen von Menschen, so scheint es, fast wie in …?

Wo bin ich da gelandet? Ist das Delhi oder sonstwo in Indien?

Porto Alegre
Porto Alegre – ein Ameisenhaufen
Porto Alegre
Nicht Delhi – Brasilien

Nein, es muss Brasilien sein, aber auch hier herrscht ein buntes Gemisch der verschiedensten Rassen, von hellen Portugiesenabkömmlingen bis zu tiefschwarzen Nachkommen der importierten Sklaven aus Schwarzafrika. Und natürlich jede Nuance dazwischen.

Die Stimmung ist heiter, gelöst, man hört viel Lachen und sieht fröhliche Gesichter.

Schön. Gefällt mir sehr.

Porto Alegre

Die Millionenstadt Porto Alegre (port. freundlicher Hafen) ist nicht nur eine der grössten Städte des Landes, sie ist auch die Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul.

Ich müsste mich nun des langen und breiten auslassen über die Schönheit der Stadt, ihre kulturellen Hotspots, ihr Klima und die politische Einordnung in die komplizierte Struktur dieses seltsamen Landes.

Will ich aber nicht, dazu gibt es sachbezogene Informationen auf Wikipedia und anderswo.

Ich will – wenigstens ein bisschen – eintauchen ins Leben der Menschen – soweit das überhaupt möglich ist – ich will spüren, wie sie ticken. Aber kann man das überhaupt in so kurzer Zeit?

Aber ich lasse es ruhig angehen, setze mich in ein Restaurant, wo mich wiederum kein Schwein versteht und umgekehrt, und lasse die Stadt auf mich wirken.

Der Ausdruck auf den Gesichtern ist entspannt, fröhlich, auf eigenartige Weise rührend in all der Stresslosigkeit. Man scheint das Leben zu lieben und geniesst es. Ich nehme mir Zeit, während der starke Kaffee seine Wunder tut, und mache mir Gedanken.

 

Geschichten zu den Gesichtern

Ich liebe es, den Gesichtern Geschichten zuzuschreiben. Ob sie auch nur im Geringsten zutreffen, ist nebensächlich. Sie geben mir eine Struktur, und so werden aus unbekannten Gesichtern spannende Lebensläufe.

Diese ziemlich aufgemotzte Dame, deren Kleider abgetragener sind als sie es gerne hätte, ihr Gang ist aufrecht und würdevoll. Welches Geheimnis trägt sie mit sich herum? Ist sie die Gattin eines ehemaligen Kupferbarons (keine Ahnung, ob es sowas gibt in dieser Gegend), der sein ganzes Geld während der Finanzkrise verloren hat? Hat er zu trinken begonnen, ist er in Depressionen versunken in seinem neuen Heim, das anstelle der hundert nur noch drei kleine Zimmer beherbergt? Und seine Frau, ungebrochen und voller Mut, trägt sie nun die Verantwortung auf ihren Schultern, ohne ihren Stolz zu verlieren?

Oder dieser alte Mann, der sich mit Hilfe ungleich langer Stöcke mühsam vorwärts bewegt, welches Leben liegt hinter ihm? Ist es eine Reihe von unausweichlichen Erschütterungen gewesen, die ihn bis zu diesem Tag, zu diesem elenden Gang gebracht haben? Aber halt, das Lächeln auf seinem Gesicht erzählt eine andere Story, eine glücklichere. Oder doch nicht? Ist alles ganz anders? Genau umgekehrt?

So vergeht die Zeit, und plötzlich merke ich, dass mir die Menschen schon viel weniger fremd vorkommen. Dass sie nur ganz wenig anders sind als alle anderen.

Das ist gut zu wissen.

central plaza
Einer der zentralen Plätze – ein Fussgängerbereich
Porto Alegre zentral
Ein buntes Gemisch von Farben und Herkunft

Churrascaria

Der Abend kommt schnell, und es beginnt tatsächlich zu regnen. Während ich auf der Suche nach einem Restaurant durch die Ozon-geschwängerte Luft eile, geht ein richtiger Wolkenbruch nieder. Allerdings scheint das Wasser genauso schnell zu verdampfen wie es am Boden aufschlägt.

Ich lande schliesslich in einem kleinen Restaurant unweit meines Hotels, wo ich zum ersten Mal mit der typisch brasilianischen Weise der Buffetauswahl konfrontiert werde. Es gibt keine Karte, man stellt sich ans Buffet und bedient sich selbst nach dem Prinzip All-you-can-eat oder man gibt dem Kellner zu verstehen, was man gerne hätte.

Der ältere Mann, der mich bedient, erkennt meine Hilflosigkeit und kümmert sich liebevoll um den ausländischen Trottel. Auf jeden Fall ist die mit Fleisch gefüllte Empanada eine Offenbarung, aber hätte ich nicht besser eine echte traditionelle Churrascaria besucht, wo die legendären Fleischgerichte der Gegend feilgeboten werden?

Vielleicht morgen.

Der Rest ist schnell erzählt, denn man zahlt früher oder später immer den Tribut an Nächte im Bus oder Flugzeug, und während im Hintergrund eine grässliche, typisch brasilianische Telenovella läuft, versinke ich langsam …

Kilometerstand: 994

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