Bye-bye Mandalay

Die Befürchtung, dass ich nach der Ankunft in Mandalay bis Mittag auf dem Sofa in der Hotel-Lobby verbringen muss, hat sich nicht bestätigt. Ich kann tatsächlich um kurz nach sechs mein Zimmer beziehen (hello, old friend) und falle nach einer heissen, äusserst erquicklichen Dusche in einen ebenso erquicklichen langen Schlaf.

Auf der Suche nach dem Mandalay vergangener Zeiten

Der Name Mandalay klingt so wunderschön, so alles umfassend, was die Idee des Orients ausmacht. Er zerfliesst auf der Zunge, schafft im Geist Bilder und Vorstellungen, von breitkrempigen runden geflochtenen Hüten über schlitzäugigen, lächelnden, ewig mysteriösen Gesichtern. Dahinter Sonnenuntergänge in den lieblichsten Farben, Rikschas, Früchte, Stände am Strassenrand, zarte Klänge von Melodien, der Geruch von Blumen, Mangos, Papyas in der Luft …

Das alles ist irgendwie da und doch nicht. Die Stadt selbst ist – auch bereits angesprochen – laut, stinkig, hässlich. Eine der vielen Metropolen in Asien, die vor lauter Wachstum aus allen Fugen geraten, ersticken im Verkehr, im Lärm, im Dieseldunst.

Kinder, Katzen, Hunde

Wie immer in armen Ländern sind Kinder die einzige funktionierende Sozialversicherung, sie sind der Garant, dass es auch im Alter jemanden gibt, der für einen sorgt. Also gibt es (muss es!) sehr viele davon. Und ehrlich – es kann gar nicht zu viele geben.

Sie sitzen, ohne einen Ton von sich zu geben, während Stunden im knatternden Zug, im zugigen Bus, vor oder hinter dem Fahrer auf dem Moped, eingehüllt in die Tragtücher auf dem Rücken oder auf der Brust der Mutter, und wenn man sie ansieht, zieht nach einer kurzen oder längeren Pause ein Lächeln über ihr Gesicht, das jedes Herz zum Schmelzen bringt. Man könnte tausend Fotos machen, jedes anders, jedes gleich, jedes eine Geschichte.

Kind mit Schachtel

Ein Kind spielt gedankenverloren mit einer Schachtel

Was wollte ich noch sagen? Ach ja, Hunde, Katzen und Kinder. Fangen wir mit den Hunden an. Kurz gesagt – sie sind einfach überall. Sie gehören ganz offensichtlich alle dem gleichen Modell an, der Urvater muss ein mittelgrosser, brauner, kurzfelliger Opa gewesen sein, der es schaffte, ein ganzes Land mit der gleichen genetischen Sorte auszustatten.

Dabei überrascht angenehm, dass es ihnen – obwohl in den meisten Fällen herrenlos – ziemlich gut zu gehen scheint. Selten ein abgemagertes oder krankes Tier, die meisten sind gut genährt, nicht gerade übergewichtig, aber in relativ gutem Zustand. Wenn ich an Indien denke … Sie sind – was man als Tourist dankbar erkennt – wenig aggressiv, ausser wenn es darum geht, den Kampf um eine läufige Hündin auszufechten. Dann geht es zur Sache, und das Heulen und Kreischen kann mitunter ganze Nächte dauern.

Katzen? Weniger häufig als Hunde, immer sehr scheu, von drahtigem, wehrhaftem Äusseren, immer gewappnet auf einen Angriff, wie es scheint, immer die Krallen gewetzt und bereit anzuwenden. Keine Schmusekätzchen, keine verwöhnten, wohlstandsverwahrlosten Tiere, sondern echte Raubtiere.

Cheeroots

Abseits der Hauptverkehrsachsen findet man kleine unerwartete Schönheiten, die alles andere, das Hässliche, mühelos wettmachen. Dazu gehören die alten Leute, in einer der vielen versteckten Nebenstrassen, kleinen engen Gässchen, wo kaum zwei Fahrzeuge kreuzen können, sie sitzen auf ihren winzigen Hockern, und während sie gedankenverloren eine Zigarette oder einen Cheeroot, wie die burmesischen Zigarren genannt werden (nichts für westliche Lungen, das haben wir bereits vor 11 Jahren ausprobiert) rauchen, schwatzen sie und lachen sie und haben eine gute Zeit.

Cheeroot Zigarren

Cheeroot im Mund

Oder das kleine Mädchen, das mich mit einem herzlichen Hello begrüsst und spontan zu sich nach Hause einlädt, die kleinen Jungs, die mangels Spielzeug ihre Schuhe für ein Wurfspiel missbrauchen. Wunderbar und genial zugleich.

Auch dort, wo der Verkehr braust, an den Kreuzungen, wo aus allen Ecken und Enden Vehikel aufeinandertreffen, bleibt die grundsätzliche Freundlichkeit und Gelassenheit bestehen. Die gleiche Situation in Zürich – Mord und Totschlag. Hier kein Problem. Man hupt und hupt nochmal … und fährt aneinander vorbei. Ohne Probleme, ohne Fluchen, ohne Kampf.

Wenn es etwas gibt, was man immer und jedes Mal aus Burma mit nach Hause nimmt (und vergeblich versucht, zuhause einen Teil davon im Alltag anzuwenden), so ist es diese umwerfende, immer wieder berührende Freundlichkeit der Leute. Ich kenne kein anderes Land, wo trotz unsäglicher Armut soviel gelacht und gescherzt wird.

Fabelhaftes Essen

Und das Essen ist fabelhaft. Manchmal weiss ich beim besten Willen nicht, was mir aufgetischt wird, aber es schmeckt schlicht köstlich.

Wunderbares Essen

Da meldet sich ein Pawlow’scher Impuls

Süssigkeiten

Es sind Süssigkeiten, sie schmecken grandios

U Bein Brücke – nicht gefunden

Ich wollte noch etwas über eine sehr lange Velofahrt erzählen, mit dem Ziel, die U Bein Brücke ein letztes Mal zu sehen, und wie ich, fast erstickt im dichten Verkehr, nach mehr als einer Stunde das Handtuch warf und mich entkräftet in die nächste Beiz flüchtete. Aber das kennen wir in der Zwischenzeit, also lassen wir’s …

Es gibt diese Momente, wo sich Fragen stellen.

Wo ist der Bus?

Beispielsweise jetzt, um kurz vor neun am Busbahnhof in Mandalay. Ringsherum ein unbeschreibliches Gewirr von Leuten und irgendwelchen Vehikeln, von riesigen Überlandbussen mit getönten Scheiben über abgewrackte Ruinen von Kleinbussen bis hin zu all den Zubringern, den Trishaws und Tricycles, den Pickups und Traktoren und Fahrräder und weiss der Henker was sonst noch alles.

Die Frage ist nur – was machen wir hier? Wir stehen seit einer guten Dreiviertelstunde am gleichen Ort, der Chauffeur hat sich verdrückt, die anderen Passagiere – Burmesen – sitzen mucksmäuschenstill auf ihren zugewiesenen Plätzen.

Eigentlich wurde mir ein grosser Bus nach Kalaw versprochen, einer mit allem sozusagen, und ein Pickupdienst, der mich um halb acht abholt, zum Busbahnhof bringt und anschliessend im Bus verfrachtet. Nur – da ist kein Bus, zumindest keiner, der so aussieht, wie ich mir das vorstelle, und die Leute hinter und neben mir machen nicht den Eindruck, als würden sie etwas anderes erwarten als eben diesen Minibus. Und da einmal mehr kein Mensch auch nur ein einziges Wort ausser Burmesisch spricht, laufen meine diesbezüglichen Fragen ins Nirvana.

Ich bereite mich innerlich auf die Tatsache vor, dass es einmal mehr heisst, in Optionen zu denken.

Oder anders ausgedrückt – Flexibilität ist gefragt. In einem Land, wo nichts, aber auch gar nichts sicher ist, eine unumgängliche Fähigkeit. Keine Tickets mehr für morgen? Dann halt übermorgen. Bus ausgebucht? Dann halt der Zug. Auch ausgebucht? Dann halt das Flugzeug. 1. Klasse voll? Dann die Holzklasse (falls nicht zu weit). Dieses permanente Anpassen an sich ständig verändernde Bedingungen gehört bei Reisen dieser Art dazu und ist in vielen Fällen eben gerade das, was es ausmacht. Nichts für organisations- und sicherheitswütige Massentouristen, wo jeder Gang zur Toilette Monate vorher festgelegt wird.

Und da – plötzlich und unerwartet – taucht der Driver auf, packt eine Ladung Betelnuss in den Mund und prescht los, erstaunlicherweise in einem Pulk von 4 Fahrzeugen, allesamt vom gleichen Transportunternehmen (“since 2009”), nun denn also, auf in die Berge.

Wer ist der Schnellste?

Der Fahrer nimmt das sehr wörtlich, so wörtlich, dass manchmal der Atem still steht. Zeigt der Tacho tatsächlich 120 an? Kann es sein, dass man bei diesen Strassenverhältnissen tatsächlich so schnell fahren kann? Man kann. Irgendwann erkenne ich den Grund. Die vier Fahrer, allesamt jung, allesamt gute Fahrer, allesamt Betelnusskauer, haben nur eines im Sinn, nämlich sich gegenseitig zu zeigen, wer auf der kurvenreichen Strecke nach Kalaw der Schnellste ist (ohne dass es Tote und Verletzte gibt).

Bus nach Kalaw

Mein Bus mit Spiegelbild

Zunächst aber geht es die Ebene entlang nach Süden, die Strasse ist recht ordentlich (“Asian Highway”), also eine Art Autobahn, und tatsächlich, alle paar Kilometer taucht eine Mautstelle auf, und hinter schmutzigen Scheiben sitzen ernsthafte Damen oder Herren und verlangen den entsprechenden Obolus.

Nicht, dass sich nun jemand eine Autobahn nach unserem Level vorstellt, oh nein, es ist wahrlich nur eine schlechte Landstrasse mit zwei getrennten Fahrstreifen. Auch hier gibt es Löcher und Gräben und Kühe und Fuhrwerke und Fahrradfahrer …

Stopover

Wieder mal eine kurze Pisspause

Esspause

Zeit zum Durchatmen

Mahlzeit aif dem Weg nach Kalaw

Schmeckt besser als es aussieht (mit Ausnahme des Hühnerknochens)

Toilette

Lady und Gent

Verkehrsregeln? Wofür?

Nach Thazi und einem kurzen Stopp geht’s langsam in die Berge. Ich kann mich beim besten Willen nicht an die Fahrt vor 11 Jahren erinnern (es war früher Morgen nach einer ebenso legendären Zugfahrt von Yangon). Und die Rückfahrt mitten in der Nacht – schemenhafte Erinnerungen an die Kurven blockierende Lastwagen, ein Halt im Nirgendwo, viel Staub und Lärm …

Zumindest die Strasse scheint in einem besseren Zustand zu sein (ansonsten der Fahrstil unserer Möchtegern-Laudas in höchstem Masse suizidal gewesen wäre). Es geht in Tremola-Kehren aufwärts, während schwer beladene Lastwagen den Verkehr zum Beinahe-Stillstand bringen. Allerdings ist zum besseren Verständnis zwingend zu ergänzen, dass in Burma niemand, wirklich NIEMAND sich an irgendwelche Verkehrsregeln hält. Ich bin sicher, in irgendwelchen verstaubten Schubladen existiert ein burmesisches Verkehrsreglement, nur hat es den Weg in die Öffentlichkeit nie gefunden. Sicherheitslinien? Nie gehört. Überholen vor Kurven? Interessiert kein Schwein. Lichter im Dunkeln? Eine Lachnummer. Man hupt und hupt und hofft, dass der Entgegenkommende dann schon wissen wird, was zu tun ist.

Manchmal ist es besser, die Landschaft zu betrachten und sich nicht um den Verkehr zu kümmern. Denn die Aussicht ist phänomenal. Tief unten schlängelt sich die Strasse durch dichten Dschungel, gerade noch sichtbar als staubiges Band im grünen Drumherum.

Mit wenigen Aussnahmen ist der Urwald noch intakt, die Holzmafia hat hier also noch nicht zugeschlagen (wird aber früher oder später geschehen, darauf verwette ich mein letztes Hemd).

Erst kurz bevor wir die Hochebene erreichen, auf der Kalaw liegt, erkenne ich nun doch die eine oder andere Einzelheit, und kaum ist der Gedanke da, sind auch wir da, an der Hauptstrasse, und ich werde höflich hinauskomplimentiert. Mehrere Jungs mit Mopeds streiten sich darum, wer mich für 1000 Kyats zum Railroad Hotel bringen darf …