Jodhpur – die blaue Stadt

 

Mal sehen, ob die erste von Rajasthans farbigen Städten tatsächlich so blau ist, wie behauptet wird.

Jodhpur – die blaue Stadt.

Oder handelt es sich wieder mal um einen Trick, mehr Touristen anzulocken?

Ich bin gespannt, ob die euphorischen Elogen meiner Freunde zutreffen. Rajasthan soll sich ja vom übrigen Indien erheblich unterscheiden, mehr als jeder andere Bundesstaat, Ladakh ausgenommen, wie wir festgestellt haben. Also mehr Ruhe, weniger Menschen, entspannter, gemächlicher?

Wir werden sehen …

 


 

Rajasthan – Farbige Flecke inmitten trostloser Wüste

Wenn man sich auf eine Reise begibt, verschwindet man an einem Ort auf der Landkarte und erscheint auf einem anderen. Dazwischen ist irgendwo oder nirgendwo, manchmal im Flugzeug, auf der Strasse, auf dem Fluss, auf dem Meer. Der andere Punkt auf der Landkarte, den ich in dieser Nacht ansteuere, ist gross und weit und leer und trotzdem voller Wunder. Das Irgendwo ist auf dem Weg dahin im Nachtzug von Delhi nach Jodhpur.

Rajasthan.

 

Nilgauantilopen
Nilgauantilopen (Bild von Bishnu Sarangi)

Der Name allein klingt mystisch, er beinhaltet, wie vieles in Indien, Geheimnisse, Wunder, Ungesehenes, Unerhörtes.

Es wird eine Reise ins Herz der Wüste Thar sein. Wo zwar, wie in Dune, nicht riesengrosse Würmer hausen, dafür Kamele, Esel, Schlangen, Eidechsen, Nilgauantilopen … Und auch ein paar Millionen Menschen, im Vergleich zum übrigen Land eine beinahe verschwindend kleine Zahl. Der grösste Teil lebt in den Städten. Jaipur. Bikaner. Jodhpur. Udaipur …

Ihre Namen bewirken ein Ziehen in der Brust. Man spürt das Geheimnisvolle. Die uralten Geschichten. Vor dem geistigen Auge tauchen farbige Häuser auf, blaue, rote, gelbe, braune … Und Sand, endlose trostlose Ebenen, wo es kein Leben gibt. Oder doch? Das Leben findet überall statt.

Auch in der Wüste Thar.

 


 

Stupid Foreigners!

Das einzige, was mich an den Bahnfahrten stört, ist die Zumutung, irgendwo aussteigen zu müssen, weil die Fahrt zu Ende ist. (Sten Nadolny)

Und wer das nicht glaubt, den verweise ich auf die wunderbaren Zug-Bücher von Paul Theroux. (The great Railway Bazaar oder The old Patagonian Express als Beispiele)

Der Nachtzug von Delhi nach Jodhpur wird mich also ins gelobte Land bringen. Ich bin rechtzeitig am Bahnhof, suche nach Wagennummer, ringsherum Menschen mit der gleichen Absicht. Man drängelt, ist ungeduldig. Stress.

Üblicherweise kann man davon ausgehen, dass das Ticket die richtige Wagen- und Sitznummer anzeigt. Aber wir sind in Indien, und so schaffe ich es tatsächlich, zwar den richtigen Wagen und die richtige Sitznummer, aber das falsche Abteil zu erwischen.

Erst das sorgenvolle Gesicht des wohlbeleibten Inders, der mit einer Miene aus Ärger und Zweifel vor meinem Bett steht, deutet an, dass etwas nicht stimmt. Seine Familie steht mit ängstlichen Blicken hinter ihm, zwei Mädchen und die ebenso wohlbeleibte Dame seines Herzens.

So ungern ich es zugebe, er hat recht. Es gibt also überraschernderweise im gleichen Wagen eine erste und eine zweite Klasse mit den haargenau gleichen Sitznummern. Der herbeigerufene Schaffner wirft kopfschüttelnd einen Blick auf mein Ticket und komplimentiert mich anschliessend mit vorwurfsvoller Leidensmiene an den richtigen Platz nämlich in die zweite Klasse, wo ich tatsächlich erneut meine Sitznummer finde.

In seinem Blick ist das zu erkennen, was hinter seiner Stirn vorgeht, aber ungesagt bleibt.

„Stupid Foreigners!“

 


 

Eine mögliche Armada von Lebewesen

Nach diesen anfänglichen Friktionen mache ich mich frohgemut auf eine wunderbare Fahrt durchs stockdunkle Indien bereit.

Da ich mit leichtem Gepäck unterwegs bin und deshalb auch keinen Schlafsack bei mir habe, muss ich mich mit der Wolldecke begnügen, die mir die indische Eisenbahngesellschaft grosszügigerweise zur Verfügung stellt.

Die Vorstellung, welche Armada von sehr kleinen und weniger kleinen Lebewesen sich darin verstecken könnte, hätte noch vor kurzem meine Phantasie zu Galoppsprüngen angestachelt, aber jetzt, nach ein paar Wochen Indien, ist mir das egal.

Ich werde mich zu Hause einer integralen Säuberungs- und Desinfektionskur unterwerfen müssen.

Der Zug fährt tatsächlich pünktlich ab, das Klopfen der Räder auf den Schienen und Weichen wird lauter, bis es langsam zu einem monotonen Singsang wird und jegliche Art von Schlaflosigkeit im Nu vertreibt.

Draussen rast einmal  mehr das nächtliche Indien vorbei, der letzte Blick aus dem Fenster zeigt schattenhafte Schemen, manche still und unbeweglich, andere auf seltsame Weise lebendig.

 


 

Singhvi’s Haveli Hotel

Bei der Ankunft in Jodhpur ist es halb neun morgens, ein TukTuk-Fahrer bringt mich ins Singhvi’s Haveli Hotel.

Die Fahrt durch die engen Gassen zwischen mehrheitlich blau getrichenen Häusern hindurch verschafft einen ersten Eindruck dieser Stadt. Auf den ersten Blick ebenso traurig und hart und trostlos wie ähnliche Städte im restlichen Indien. Viel Unrat auf der Strasse, Löcher und Gräben auf der Oberfläche, was den TukTuk Fahrer zu halsbrecherischen Manövers zwingt. Doch da ist etwas, was mich zweifeln lässt am ersten Eindruck. Vielleicht sind es die fröhlichen Stimmen, die aus den Häusern klingen, etwas hohl und verzerrt zwar, aber trotzdem von ansteckender Lebensfreude zeugend.

Die Häuser machen einen heruntergekommenen Eindruck, doch die alte Pracht aus längst vergangenen Zeiten schimmert noch immer durch. Kunstvolle Verzierungen an den bröckelnden Mauern, Fenster, die eher luftdurchlässigen Gittern gleichen, vielleicht früher ganz anderen Zwecken dienend. Und über allem hängen, wie überall sonst auch, Kabel für Strom und Telefon und anderes …

 

Enge Gassen in Jodhpur
Durch enge Gassen zum Hotel

 


 

Havelis

Havelis waren früher Handelsstationen, mit allem Reichtum ausgestattet, und auch das Singhvi’s Haveli Hotel weist immer noch die Schönheiten der damaligen Zeit auf. Nichts hat auf der Fahrt darauf hingedeutet, dass ich die nächste Nacht in einem ausserordentlichen Gebäude verbringen werde, einem Hotel wie aus Tausendundeiner Nacht.

Man betritt das Anwesen durch ein metallenes Tor in einen Innenhof hinein, der TukTuk Fahrer lädt mich ab und verschwindet mit röhrendem Motor. Die Begrüssung ist kurz und freundlich, man hat mir – wie man stolz verkündet – eines der schönsten Zimmer reserviert und wünscht mir einen angenehmen Aufenthalt.

Ja, so müsste es immer und überall sein.

Über zwei steile Treppen gelange ich zu einem Raum, den ich auf dem Weg zum meinem Zimmer durchqueren muss. Die Wohnräume der Havelis befinden sich üblicherweise in den oberen Stockwerken und sind hauptsächlich mit Kisten, Truhen und Kissen möbliert. Das Singhvi’s Haveli ist ein grossartiges Beispiel für diese einmalige Zusammenstellung der unterschiedlichsten Gegenstände, deren Funktion nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Aber man ist gerührt, beeindruckt und spürt eine eigentümliche Trauer über das Ende vergangener Glorie.

 

Tausendundeine Nacht
Tausendundeine Nacht in Jodhpur

Über mein Zimmer kann ich mich nicht beklagen, im Gegenteil! Es entspricht genau dem, was ich mir unter tausendundeiner Nacht vorstellen kann. Man hat sich rührende Sorgfalt gegeben, die Wände zu schmücken, das Bettgestell ist bemalt, dem verantwortlichen Künstler würde ich höchstpersönlich ein Bier bezahlen für seine Anstrengungen.

Ich bin ganz sicher – in diesem Zimmer werde ich eine wunderbare Nacht verbringen.

 

Mein Zimmer, liebevoll ausgestattet
Mein Zimmer, liebevoll ausgestattet, man fühlt sich wohl


 

Das Meherangarh Fort

Es ist hier am Rand der Wüste Thar sehr heiss; Aircon und Ventilator vermögen die lastende Hitze grade mal ein wenig zu kompensieren. Aber das soll mich nicht stören, und so mache ich mich nach dem Frühstück auf, das eigentliche Juwel Jodhpurs zu entdecken, das Meherangarh Fort, eine Festung, die alles in den Schatten stellt, was ich bisher gesehen habe.

 

Fort
Ein steinerner Koloss [https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71394]

Man erreicht sie entweder über eine Strasse oder in meinem Fall durch die Altstadtgassen, zwischen den blaugetünchten Häusern hindurch. Man kommt schon arg ins Schwitzen, bevor man auch nur den Eingang erreicht hat, wo der übliche Obolus, diesmal auch für die Audio-Unterstützung, zu entrichten ist.

 

Aufstieg zum Eingang
Aufstieg zum Eingang in die riesige Burg
Alles ist wuchtig und bedrohlich
Gleichzeitig wuchtig und gefährlich, aber auch verspielt und leicht


 

Miss India beim Wischen

Sobald man das Haupttor durchschritten hat, fällt der Blick auf die Putzequippe, die für einmal durch zwei ausnehmend hübsche junge Damen repräsentiert wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwo auf der Welt das Fegen des Hofs durch zwei derart attraktive Schönheiten durchgeführt wird.

Die jüngere schaut auf, mustert mich mit einem Blick, den ich nicht lesen kann. Er ist gleichzeitig offen, neugierig, doch steckt auch anderes darin – Leid, Trauer, Vorwurf, doch auch das Akzeptieren der Tatsache, dass es nie besser werden wird.

 

Wunderbar farbige Putzequippe
Schöne Frauen in wunderbaren Kleidern – beim Fegen des Innenhofs
klassische indische Schönheit
Was soll wohl ihr Blick bedeuten?


 

Eine steinerne Matrone

Die Festung ist gigantisch gross, grösser als jede Burg in Europa. Sie thront wie eine riesige rote, steinerne Matrone über der Stadt. Sie erinnert an die Kulissen aus Game of Thrones, irgendwie surreal in ihrer Mächtigkeit, beinahe kitschig. Sie befindet sich auf einer Höhe von 123 Metern auf einem Einzelfelsen. Eine sich den Berg entlang windende fünf Kilometer lange Straße führt hinauf.

 

eine mächtige Burg
Mächtig, kolossal, überwältigend
alt und jung
Das ganz alte und das ganz junge zusammen
eine einzige Augenweide
Passend zum blauen Himmel – der Himmel auf Erden


 

Eine Lektion in Demut

Und dann folgt man den nummerierten Audio-Punkten, insgesamt 33, lässt sich einlullen in die Stimme des Kommentators. Man gelangt in steinerne Innenhöfe, wo sich die Konkubinen versammelten und ins schattige Gemach des Maharajas. Dann, bereits etwas atemlos, steigt man weitere steile Stufen hinauf in die oberen Etagen, wo man angesichts der Kostbarkeiten, der Malereien, des ungeheuren Reichtums, der hier ausgebreitet wird, das Atmen vergisst.

Es ist immer wieder erstaulich, wie schnell wir vergleichen. Ist dieses Bauwerk grösser als alles in Europa? Sind die Kunstwerke in diesen Palästen ebenso schön und einmalig wie die Bilder von Monet, von Picasso, von Van Gogh oder Jackson Pollock? Was bezwecken wir instinktiv damit? Wollen wir uns versichern, dass wir besser sind oder zumindest nicht schlechter? Natürlich ist es reiner Narzissmus. Es kann und darf nicht sein, dass Künstler aus diesen vermeintlich unterentwickelten Ländern etwas mindestens genauso gut können wie wir. Unser Weltbild würde sonst gewaltige Risse bekommen.

Tatsache ist, dass man sich kaum dagegen wehren kann.

Und das. was mir im Inneren des Forts begegnet, bringt mein armseliges Selbstwertgefühl in arge Nöte.

Es ist Zeit, sich daran zu erinnern, dass zu dieser Zeit, als diese Kunstwerke geschaffen wurden, sich die Bauern in Mitteleuropa noch gerne die Schädel einschlugen (es handelt sich dabei um die gleichen, die heute noch voller Stolz behaupten, die Krone der Schöpfung zu sein).

 

einfach nur schönfliegender ElefantKunstwerk als Kutsche (oder umgekehrt?)Sänfte als Kunstwerk


 

Lebende Zeugen aus der Vergangenheit

Der würdevolle, weissbärtige Herr mit dem eigenartigen Turban auf dem Kopf sitzt bewegungslos da, man denkt einen Augenblick an einen ausgestopften Artefakt, was natürlich völliger Blödsinn ist. Nur seine Augen bewegen sich, sie mustern die seltsamen Gestalten aus dem Ausland, die sich über die Kunstwerke seiner Vorfahren hermachen, dann blickt er zur Seite, irgendwie verhalten spöttisch. Nicht das erste Mal, dass ich mich woanders hinwünsche. Obwohl ich soviel verpassen würde.

Und da, kaum erkennbar durch das schmale Fenster – eine Dame mit goldenem Reif am Arm, die Augen geschlossen, der rosa Umhang wie ein seidener Hauch über den Schultern. So stelle ich mir die Konkubinen des Maharadschas vor, im kühlen Nachmittagswind wartend. Immer wartend …

 

ehrwürdiger alter Mann
Er sitzt einfach da, Wasserpfeife zur Hand
schlafende Frau am Fenster
… und sie wartet, schläfrig am Fenster


 

Zurück in die Gegenwart

Es gäbe noch viel zu erzählen, zu beschreiben, doch irgendwann ist der Kopf voll, die Sinne überwältigt.

Dann gibt man auf, kehrt mit langsamen, müden Schritten in die Gegenwart zurück. Durch die ärmlichen Gassen, wo sich der Unrat häuft, wo Kühe im Dreck nach etwas Essbarem suchen. Wo jeder Schritt achtsam sein sollte, will man nicht in einen Kuhfladen treten oder in einem Loch den Fuss brechen.

Aber der Blick von ganz oben hat gezeigt, dass die Stadt tatsächlich blau ist. Blau in allen Schattierungen. Der Grund dafür bleibt mir verschlossen.

 

blaue Stadt
Eine wirklich blaue Stadt – Jodhpur


 

PS Song zum Thema:  Chris Isaak – Blue Hotel

 


 

Und hier geht die Reise weiter … nach Bikaner am Rand der Wüste Thar