Immer noch regen

Ein weiterer Morgen in grau, düster und kalt. Im Eilschritt durch die verschlafene Stadt, die aber bereits am frühen Morgen vor Energie sprüht. Das junge Mädchen in meinem Breakfast-Restaurant, schon beinahe eine alte Bekannte, trifft mit Verspätung ein, eingehüllt in Regenkleidung und auf dem Kopf einen Helm der Marke, die man nur hier in Vietnam sieht. Elegant zwar, aber an die Schutzwirkung kann man nicht wirklich glauben, dazu sehen die Teile doch sehr zerbrechlich aus.

Frühstück

Meine Gastgeberin und ihr Gast

Während sie sich bereit für einen weiteren langen Tag macht, der ihre freundlichen einladenden Gesten ein weiteres Mal mit tausend abweisenden Blicken der Vorbeigehenden belohnen wird, macht sich ein älterer Mann, dessen Funktion schleierhaft erscheint, daran, das Restaurant in eine möglichst einladende Form zu bringen.

Seine Sorgfalt ist rührend: Zentimetergenau werden die Tische und Stühle an den richtigen Platz gerückt, die Menükarten zurechtgelegt, der Storen soweit heruntergezogen, dass er genau den korrekten Schutz vor Sonne und Regen gewährleisten soll. Und doch wird das Restaurant ein weiteres Mal leer bleiben oder zumindest fast, so wie alle anderen Tage. Unsere westliche Vorstellung von Rendite und Kosten/Nutzen-Verhältnis wird arg strapaziert, doch hier gelten offenbar ganz andere Gesetzmässigkeiten.

das warten auf verspätete busse

Manchmal frage ich mich, ob das Warten auf verspätete Busse nicht einen wesentlichen Teil des Reisens ausmacht. Natürlich nicht, wenn man organisiert reist. Dann steht der sauber herausgepützelte Bus auf die Sekunde genau bereit, die Sitze sind gereinigt, Fahrplan und Ziele klar. Nicht in meinem Fall.

Alles ist unsicher, immer. Wird der Bus zur angegebenen Zeit kommen, kommt er überhaupt? Gibt es das Hotel, in dem ich eine Reservation getätigt habe, noch oder steht an seiner Stelle eine Tankstelle oder hat es gar nie existiert? Alles durchaus vorstellbare Möglichkeiten. Wird an der Bushaltestelle ein Tuk-Tuk oder ein Taxi oder zumindest ein Motorrad bereitstehen, um mich zum Hotel zu bringen, oder geht es mir wie der älteren Französin, die weit ausserhalb Luang Nampthas bis zum Morgengrauen warten musste und sich dabei einen atomaren Schnupfen holte?

erinnerungen an Marokko

Während ich auf den Bus nach Hoi An warte, ist die Erinnerung auf dem Weg zurück in eine lang zurückliegende Vergangenheit. Es ist August 1978, ich bin in Ouarzazade, Marokko. Die Wüste ist nahe.

“Salaam aleikum”. Ist es das, was der schlecht rasierte, pockennarbige Mann murmelt, während er sich mit einem Seufzer der Erleichterung neben mir auf das Trottoir setzt? Ich rücke meine Tasche ein wenig beiseite und nicke – mehr aus Überraschung als aus Höflichkeit. “Bonjour.” Arabisch kann ich nicht, bin nicht mal sicher, ob es Arabisch ist oder einer dieser merkwürdigen Dialekte, die hier südlich des Atlas’ gesprochen werden.

Es bleibt mir also nur die Sprache der Eroberer, auch wenn diese längst das Weite gesucht haben, und hoffe, den Mann damit nicht allzu sehr zu kränken. “Ca va bien?” Die Stille, die den Begrüssungsworten in meinem holprigen Französisch folgt, wird nur unterbrochen durch das Krächzen einiger schwarzer Vögel, die mit mächtigem Flügelschlag über uns hinwegziehen.

Marokko

Bus in Marokko

Ein graublauer Himmel, der am Horizont in schimmernde Streifen übergeht, spiegelt sich in einem Fenster, das von der andern Strassenseite stumm und halbblind herüberblickt. Der strenge, nicht zu sagen beissende Geruch, der in der Luft liegt, erinnert an alte Schulhöfe, an längst vergessene Kasernenareale. Mit dem Rücken an die Mauer eines halbverfallenenen Hauses gelehnt, warte ich auf den Bus, der schon seit Stunden überfällig ist. Doch Ungeduld ist fehl am Platz, vielleicht kommt er doch noch. Nichts ist so, wie es scheint.

Ich erhebe mich ächzend und stelle mich herausfordernd an den Strassenrand, als könnte ich damit den Bus herbeizaubern. Merkwürdig ist es schon, dass wir die einzigen Wartenden auf den Morgenbus nach Zagora sind. Dabei hat mir der schlecht gelaunte Patron des Hotels glaubhaft versichert, dass es von Vorteil ist, möglichst früh an die Bushaltestelle zu gehen.

Und mit südländischer Überzeugungskraft bekräftigte er mehrmals, dass der Bus nach Zagora nie Verspätung hat, schon gar nicht an einem Werktag. Heute ist Mittwoch, einen besseren Werktag kann man sich gar nicht vorstellen. Na gut, warten wir eben noch ein Weilchen. Seufzend setze ich mich wieder hin. Der Mann schaut kurz auf, mit vor Müdigkeit verschleierten Augen. Ich zucke mit den Schultern und versuche ein Lächeln.

Es ist still, fast ein wenig unheimlich. Von weitem hört man das Geräusch klappernder Schritte auf dem Pflaster. Eine Türe wird zugeschlagen. Ein Hund jault und verstummt, als ihn eine herrische Stimme zur Ruhe mahnt. Ein Motor brummt auf, wird hochgejagt. Manchmal taucht an der Querstrasse schemenhaft eine vermummte Gestalt auf, um gleich wieder um die nächste Ecke zu verschwinden.

Das Ungetüm, das mit gewaltigem Getöse um die Ecke biegt, ist zwar tatsächlich angeschrieben, mit kaum noch sichtbaren Lettern und einer dicken Schicht Staub darüber, aber wenn ich mich nicht täusche, steht da nicht – wie sehnlichst erwartet – ZAGORA, sondern MARRAKESH.

Es darf einfach nicht wahr sein. Ich stupfe meinen schläfrigen Begleiter, der seelenruhig die Ankunft beobachtet hat, mit dem Finger sachte an: “Zagora?” Das Lächeln, das auf seinem Gesicht erscheint, ist so breit, dass ich selbst lachen muss. Er schüttelt heftig den Kopf. “Marrakesh”, sagt er, und diesmal habe ich keine Mühe, ihn zu verstehen.

Der Chauffeur ist ein grossgewachsener schwerer Mann mit schwarz und dicht spriessendem Barthaar; seine Kleider sind ausgebeult und voller Flecken, und unter dem Hemd quillt der Bauch hervor. Immerhin – der Ramadan wird ihm möglicherweise zu einer besseren Taille verhelfen. Er lädt eben Kisten in den Gepäckraum, als ich es ein letztes Mal versuche. Doch die Frage wird mit einem mitleidigen Kopfschütteln bedacht. “Et le bus à Zagora?” Das Schulterzucken sagt alles. “Peut-etre un peu plus tard.”

Da ist sie nun also, die grosse Frage. ZAGORA. Das heisst Wüste, letzter Ort vor der grossmächtigen Einöde. Tor zur Sahara. Die Düne von Tinfou. Allein der Name zerfliesst schon auf der Zunge. Oder aber MARRAKESH. Noch mehr Geheimnisse. Djema al Fna. Der Platz der Märchenerzähler, der Wasserverkäufer. Der tausend Vielfalten. Die letzten Passagiere steigen ein. Mein Freund packt seine Siebensachen zusammen, doch bevor er in den Bus steigt, dreht er sich nochmals um. “Marrakesh?” fragt er. Ich schüttle, noch immer unentschlossen, den Kopf. Er klopft mit der Hand auf die staubbedeckte Carosserie des Buses. “Marrakesh!” wiederholt er eindringlich und lächelt einladend.

Was soll man gegen eine solche Überzeugungskraft tun? Und ausserdem – vielleicht kommt der Bus nach Zagora heute gar nicht mehr. Die Aussicht auf eine weitere Nacht im wanzenverseuchten Hotel gibt den endgültigen Ausschlag. Und so zerfliessen Pläne wie Schnee in der Sonne, dafür entstehen andere, Schicksal würde man hier sagen. Also lassen wir ihm seinen Lauf und fahren nach Marrakesh …

Marokko

Marokko

Nicht, dass ich glaube, dass der Bus mich heute statt nach Hoi An nach Sibirien bringen wird, doch eine kleine Unsicherheit bleibt immer. ich unterhalte mich in der Zwischenzeit noch ein letztes Mal mit der Bedienung und erfahre in unserem wechselseitigen Unverständnis doch allerhand über das Leben hier in Hué. Und es muss ein hartes Leben sein. Für uns unvorstellbar in seiner Genügsamkeit, in seinem ständigen Warten und Hoffen auf bessere Tage.

Und so verabschiede ich mich mit einem ein weiteres Mal wehmütigen Gefühl, denn da ist der Bus, er donnert heran, verteilt Wogen von schmutzigem Regenwasser über die Fussgänger. Jetzt muss alles schnell gehen. Ein letztes Winken und Hué ist Vergangenheit.

Der buddhistische Mönch, der in seinen knallorangen Kleidern aus der grauen Masse der Reisenden heraussticht, bringt mich erneut in die Vergangenheit zurück, zur Wüste, die ich haarscharf verpasste …

Es ist Abend geworden im Bus nach Marrakesh …

Der Himmel wird schimmlig. Die Röte der untergegangenen Sonne verblasst, langsam nur, in winzigen, kaum wahrnehmbaren Schritten, und doch entgleitet sie uns. Das monotone Dröhnen des Motors ist während der letzten Stunde das einzige Geräusch gewesen.

Die munteren Stimmen sind verstummt; manche Passagiere dösen mit ausdruckslosem Gesicht auf ihren Plätzen, andere sitzen zusammengesunken, schlafend, träumend, vielleicht vom Essen, das sie heute Abend erwartet, vielleicht von der ersten Zigarette, von einem Glas kühlen Wassers.

Ich lehne die heisse Stirn an die Fensterscheibe und betrachte den Sonnenuntergang. Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Dunkle Schleier decken das letzte rostrote Aufbäumen des Lichtes am Horizont zu, mit einem Mal verliert die Welt an Festigkeit und Stabilität, wird durchsichtig wie ein gespenstischer Schleier. Der Prophet sagt etwas von dem Augenblick, wenn ein weisser Faden nicht mehr von einem schwarzen unterschieden werden kann. Dann – endlich – endet die tägliche Fastenzeit.

Aber ist es immer noch hell. Der seltsam gekleidete Mann, ein islamischer Geistlicher vermutlich, der die ganze Fahrt über neben dem Chauffeur gesessen hat, erhebt sich. Das Murmeln der Passagiere verebbt, eine geisterhafte Stille senkt sich mit einem Mal über die bunt gemischte Gesellschaft. Der Mann – er ist grossgewachsen und schlank – greift in die Tasche, nimmt einen feucht glänzenden Plastikbeutel aus seiner Tasche.

Einen Augenblick lang schwebt sein Blick feierlich über den Anwesenden, als wollte er eine Predigt halten … Dann senkt sich sein Blick, er greift in den Beutel und entnimmt ihm einen kleinen Gegenstand, den er dem nächstsitzenden Passagier mit einem gemurmelten Wort in die Hand drückt.

Dieser verbeugt sich und steckt den Gegenstand genussvoll in den Mund; der Mann geht weiter, von Sitzreihe zu Sitzreihe, langsam, bedächtig, mit grosser ernster Würde. Immer wieder gleitet seine Hand in den Beutel, blickt dem Empfänger seiner Gabe einen kurzen Augenblick in die Augen, manchmal lächelt er.

Als er sich den hintersten Sitzreihe, wo ich nun seit geraumer Zeit allein sitze, nähert, merke ich mit einem Mal, wie ich innerlich den Atem anhalte. Noch ein paar Schritte, ich höre das gedämpfte Murmeln der Dankesworte, die helle Stimme des Mannes, den ich erst jetzt, als er vor mir steht, als jungen Mann erkenne, kaum so alt wie ich; vielleicht bin ich auch nur verwirrt, doch mit diesem Gefühl bin ich nicht allein.

Nun steht er vor mir, und ich erkenne seine eigene Verwirrung. Was wird nun geschehen? Ich sehe ihn an, lächle, vielleicht fast ein bisschen entschuldigend für die Tatsache, dass ich da bin, ich, der Ungläubige, der Fremde, der in diesem Augenblick so fehl am Platze ist.

Es ist still geworden, unerwartet. Die Köpfe der vor mir Sitzenden sind zu uns gedreht. Ein versonnenes Lächeln überzieht unversehens das Gesicht des Mannes. Er greift in den Beutel, entnimmt ihm eine der letzten Datteln und legt sie in meine Hand. Mit einer leichten Verbeugung wendet er sich um und geht langsam zwischen den Sitzreihen zu seinem Platz. Die Blicke folgen ihm, wie er sich lautlos in den Sessel sinken lässt.

Die Dattel in meiner Hand ist leicht und doch gleichzeitig schwer wie ein Sandstein. Ein unerwartetes Glücksgefühl überschwemmt mich. Ich starre auf die Dattel, fast ein bisschen ehrfürchtig. In diesem Moment fühle ich mich verbunden, mit diesen merkwürdigen Gestalten in ihren unförmigen Kleidern und den Wollmützen auf dem Kopf. Vielleicht ist der Mensch tatsächlich ein höchst bedeutsames Wesen, bedeutsamer als ein Stern, wie John Steinbeck in East of Eden behauptet …

Und immer noch spüre ich das klebrige Gefühl der Dattel in meiner Hand. Wenn ich sie esse, bleibt nur die Erinnerung.

Irgendwann stecke ich die Dattel in den Mund. In der geisterhaften Düsternis des Wageninneren bleibe ich still sitzen, atmend, kauend.

Heute ist nicht Ramadan und kein Geistlicher da, der Datteln verteilt. Nach ein paar kurzen sechs Stunden erreichen wir Hoi An. Erstmals ein bisschen Ärger, denn mein Rucksack ist derart verdreckt, dass ich ihn kaum anzufassen wage. Was soll’s, es ist, wie es ist.

mit dem fahrrad in die Stadt

Das Fahrrad – natürlich ohne Gänge wie meistens – bringt mich schnell und ohne Anstrengung in den alten Stadtteil, ein weiteres, ausnahmsweise nicht vom Krieg zerstörtes, kulturelles Erbe Vietnams (und ein bisschen auch Frankreichs).

Hoi An

Eine Menge zu sehen …

japanische Brücke

Die berühmte japanische Brücke

Die Strassen quillen über vor Touristen, der grösste Teil davon Japaner und Chinesen. Hoi An war während langer Zeit – so lese ich im Lonely Planet – eine Handelsstation der beiden Länder, und beide Völker haben ihre Spuren hinterlassen, darunter als besonderes Highlight die gedeckte japanische Brücke, auf der sich Trauben von Touristen tummeln.

Hoi An

französisches Erbe, heruntergekommen

Hafen in Hoi An

Hafen in Hoi An

Nicht sehr elegant, aber zielstrebig kurve ich mit meinem Lastesel durch die Menge, ohne ein einziges Mal abzusteigen, ernte dafür allerdings den einen oder anderen bösen Blick. Und da – manchmal geschehen Zeichen und Wunder – Nadèche, meine französische Freundin, die in der Menge auftaucht. Es wird ein lustiges Wiedersehen, das wir in einem vietnamesischen Lokal namens Bale Hell zelebrieren.

Hoi An

Verkehrsgetümmel in Hoi An

Bale Hell

Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt: man wickelt Fleischstücke, Fisch, Gemüse und was weiss ich noch alles in “Rice-Pancakes” (die mich verdächtig an Papier erinnern und tatsächlich auch schmecken wie Karton) und tunkt das Teil in eine scharfe Sauce. Es schmeckt tatsächlich gut, doch meine diesbezügliche Handfertigkeit wird wieder einmal auf eine harte Probe gestellt, und einmal mehr erlebe ich das durchaus verzichtbare Erlebnis, dass sich am Nebentisch eine vietnamesische Grossfamilie köstlich amüsiert …

Nadèche again