Langtang Trek Tag 3 – Vom Lama Hotel nach Langtang

Nach der besagten schlimmen Nacht weckt ich mein Zimmernachbar um 5 aus meinem kurzen Schlaf. Er wühlt knappe anderthalb Stunden in seinen Sachen herum, ich habe nicht den leisesten Schimmer, ob erwas sucht oder Ordnung schafft oder einfach so früh wach ist und nichts Besseres zu tun hat.


Olfaktorische Überfälle und andere Beleidigungen

Immerhin verschwindet er um halb sieben, und ich kann endlich durchatmen und mich ebenfalls zum Frühstück aufmachen. By the way, die hiesige Toilette – es ist kaum zu glauben – stellt eine weitere Steigerung olfaktorischer Angriffe auf meinen Geruchssinn dar, von den visuellen Beleidigungen ganz zu schweigen. Trotzdem schaffe ich es, meinen Gedärmen endlich etwas Erleichterung zuführen zu können.

Es scheint, dass die meisten Trekker bereits unterwegs sind, was mich nicht besonders überrascht, denn eine Überraschung wäre es nur gewesen, wenn ich mal nicht der Letzte beim Abmarsch wäre.

Immerhin entpuppt sich das Frühstück im Gegensatz zum gestrigen Abendessen als positive Überraschung.

Dazu eine Ergänzung: obwohl die Küche sehr überschaubar ist, bringt sie es doch irgendwie fertig, eine grosse Anzahl unterschiedlichster Menüs anzubieten. Also Pizza, Frühlingsrollen, MoMos in allen Ausprägungen …

Allerdings scheint das grüne Zeug, das die Pizza des Mexikaners verziert, das gleiche zu sein, das auch die Füllung meiner Frühlingsrolle ausmacht. In beiden Fällen – ebenso ungeniessbar wie undefinierbar. Wir rätseln darüber, was es sein könnte, werden aber nicht einig. Spinat? Etwas Lokales, das nur hier wächst?

Aber das System braucht Kalorien für die nächsten Tage, also isst man alles, was auf den Tisch kommt. Mit wenig Begeisterung, aber was soll’s …

Lama Hotel
Lama Hotel – einfach eine Ansammlung von Gebäuden, aber „Hotel“ scheint leicht übertrieben

Stufen, Stufen, Stufen …

Etappe 2
Zweite Etappe gemäss Polar-Aufzeichnung

Ich würde gerne feststellen, dass der heutige Tag weniger anstrengender als der gestrige ist, kann ich aber nicht. Es geht genauso weiter wie gehabt, eine Tritt nach dem anderen, nur ist die Strecke im Vergleich zu gestern länger. Muss ich mich also auf einen weiteren 9-Stünder einstellen?

Es sieht so aus.

Dschungel
Der Dschungel lichtet sich …
Fluss
Der Fluss rauscht und begleitet uns auf dem Weg

Immerhin kommen wir langsam aus dem Wald heraus, und zum ersten Mal zeigt sich das wundervolle Panorama der verschneiten Berggipfel. Auch das Wetter zeigt sich wieder in Festlaune, azurblauer Himmel, eine Luft, die allen Müll von Kathmandu aus den Lungen und Bronchen entsorgt.

Langtang Ri
Links der Langtang Ri, der höchste Gipfel der Region

Allerdings spüre ich, dass sich das System nach der anfänglichen Beunruhigung weitgehend stabilisiert hat. Ich atme leichter, obwohl die zunehmende Höhe spürbar wird (wir nähern uns der 3000-Meter Grenze). Wir durchqueren die letzten Meter im Wald, wie gewohnt werde ich dauernd überholt.

Lange Kolonnen aus unterschiedlichen Nationen keuchen den Berg hinauf. Chinesen mit ausdruckslosen Gesichtern, denen man die Anstrengung kaum ansieht. Tätowierte Russen mit Oberarmen wie Baumstämme. Indische Gruppen, alle zum Steinerweichen keuchend. Ein paar fröhliche Amerikaner. Fast keine Europäer. Gar keine Schweizer.

Und alle sind schneller als ich. Sogar die Eselkarawanen …

Eselkarawanen
Auch sie sind ständige Begleiter, manchmal in der gleichen, manchmal in der Gegenrichtung


Die Träger

Aber nicht nur sie. Auch die Träger, diese kleinen, sehnigen Männer in jedem Alter (selten sogar Frauen), mit ihren ungeheuren Lasten von manchmal über 50 Kg steigen leichtfüssig an mir vorbei, die meisten mit schlechtem Schuhwerk (Flipflops und dergleichen) und kaum einem Schweisstropfen auf der Stirn.

Ich versuche eine der Lasten vom Boden zu heben – keine Chance. Dabei bin ich nicht gerade der Schwächste, aber mit dieser Last auf dem Rücken käme ich keine hundert Meter weit.

Träger mit schwerer Last
Diese Last sieht leichter aus als sie ist; ausserdem leidet der Porter unter einem verletzten Fuss
Träger
Kleine drahtige Männer, manchmal in Flip-Flops oder anderen nutzlosen Schuhen, aber mit Lasten auf dem Rücken, die ich keinen Millimeter vom Boden heben kann

Kosten sparen

Ich ärgere mich gewaltig über die Tatsache, dass mit ihnen ein ungebührliches Spiel mit den Kosten getrieben wird. Viele Trekker, diese vermeintlich naturverbundenen Leute, möchten möglichst billig zu einem Trek kommen, was letztlich bedeutet, dass der Tour Operator dort bei den Kosten spart, wo er keinen Widerstand zu erwarten hat. Also bei den Trägern. Diesen am untersten Ende der Fresspyramide angesiedelten Wesen. Es ist eine Schande, die nur schwer erträglich ist.

Sitaram beruhigt mich insofern, dass die Kinder der potentiellen Träger (und später Guides) schon mit 5 Jahren beginnen, schwere Lasten zu tragen. 50 Kilos wiegen für sie wahrscheinlich weniger schwer als für mich meine gut 15 Kilos. Trotzdem – es gibt vermeintlich Regeln zum Schutz der Träger, aber daran hält sich – wie an vieles andere – kein Schwein.


Rast im Hotel Tibetan

Die erste Rast im Hotel Tibetan, das zwar so heisst, aber irgendwie eher nach Verschlag aussieht. Es ist heiss geworden, überraschend nach der eiskalten Nacht.

In der Zwischenzeit habe ich mich sogar an Black Tea gewöhnt, ein Ausbruch aus Gewohnheiten, der nachdenklich macht. Ich und Tee trinken? Da stimmt was nicht. Vielleicht aus lauter Langeweile. Und weil der sogenannte Black Coffee ausser black nicht viel zu bieten hat.

Hotel Tibetan
Es sieht zwar auch nicht nach Hotel aus, ist aber eines …


Rhododendron – die nepalesische Nationalblume

Und dann endlich, so wie im Führer versprochen, die lang ersehnten Rhododendren-Wälder. Die nepalesische Nationalblume. Die meisten Sträucher sind allerdings schon verblüht, doch einige – rosa, dunkel- bis hellrot und weiss – erstrahlen noch in ihrer ganzen Pracht. Ein Bild, an dem man sich sattsehen kann.

Rhododendren
Hellrosa …
Rhododendren
… pink und dunkelrot …
Rhododendren
… und von nahe ganz zart und duftend …

Die Yaks

Und da sind endlich auch die Yaks. Viele viele Yaks. Braun und schwarz. Mit weissen Flecken oder ohne. Mit geschwungenen Hörnern. Mit lieben Augen, die unendliche Geduld zeigen. Und Durchhaltevermögen in dieser lebensbedrohlichen Welt.

Es entsetzt, dass vor zwei Jahren, in einem offenbar äusserst schneereichen Winter, 600 Yaks verhungert sind. Dabei stellen sie für die Bewohner des Tals die einzige zuverlässige Lebensgrundlage dar. Was ist da geschehen?

Yaks
Immer friedlich (ausser wenn Jungtiere beschützt werden müssen), immer genügsam, immer eine Augenweide


Langtang – ein Nachruf

Nach dem Erreichen der baumlosen Zone – wir sind jetzt bereits über der 3000-er Grenze, erkennen wir schon von weitem eine hellen Einschnitt an der linken Bergflanke.

Natürlich weiss jeder, worum es sich handelt.

Langtang Bergsturz
Langtang Bergsturz – eine riesige Wunde in der Landschaft

Es ist die Bergsturzzone, schon von weitem wie eine tiefe Wunde im Berg zu erkennen. Wenn man näher kommt, sind die verheerenden Wirkungen zu sehen. Man kommt, seltsam still geworden, näher, bis man die Grenze des Bergsturzes erreicht. Man bleibt stehen und traut seinen Augen nicht.

Bergsturz Langtang
Von da oben kam das Unheil …
Bergsturz Langtang
Eine gigantische Lawine aus fels und geschmolzenem Wasser …
Bergsturz
Nur noch Geröll …
Bergsturz
Felsen und Steine und Sand …

Unter diesen Millionen von Tonnen liegen über 400 Menschen begraben. Ein ganzes Dorf, Langtang, vom Antlitz der Erde getilgt. Dorfbewohner. Touristen. Soldaten. Guides. Träger. Tiere. Yaks. Kühe. Schafe. Der Tod hat keinen Unterschied gemacht. In Sekundenschnelle, begleitet von einem ungeheuerlichen Grollen und Tosen und Krachen, begraben.

Auslöser der Katastrophe war das Erdbeben am 25. April 2015. Über 8000 Menschen starben in Nepal, unzählige wurden verletzt. Am Schlimmsten traf es die Bergtäler, wo noch lange nach dem Beben keine Hilfe eintraf. So wie in Langtang. Wo es allerdings nichts zu retten gab.

Wo nur noch ein gigantischer, von einem Talende zum anderen reichender Geröllhaufen zurückgeblieben ist. Offenbar war durch das Erdbeben der Damm eines Gletschersees oberhalb des Dorfes geborsten und führte dazu, dass sich Wasser und Geröll zu einer riesigen todbringenden Lawine vereinigten. Ein Zusammenspiel hochgefährlicher Komponenten. Und wer in der Flussrichtung lag, wurde beseitigt.


Ein neues Langtang

Unweit der Geröllhalde ist das neue Langtang mit guten Hotels und Restaurants und Läden entstanden, vielleicht schöner und moderner als das untergegangene. Immerhin ein kleinder Trost. Auf jeden Fall erhalte ich – oh Wunder! – ein Zimmer mit WC (!) und warmer Dusche (!!).


Auf der Suche nach potentiellen Abnehmern von Malstiften

Ich habe vor der Abreise im letzten Moment noch ein paar Schachteln Malstifte gekauft, die Erinnerung an die verwahrlosten Kinder beim letzten Trekking hat sich eingeprägt. Ich suche also arme Kinder für meine Farbstifte und frage den Wirt nach potentiellen Abnehmern. Dieser denkt zuerst an seine eigenen Kinder, was ich nun angesichts seines grossen und offenbar gut besetzten Hotels etwas daneben finde.

Etwas zögerlich stecke ich also einem kleinen herzigen Mädchen die erste Schachtel in die Hand, in der Annahme, dass es sich dabei um die Tochter des Wirts handelt.

Für die anderen Malstifte jedoch suche ich geeignetere Abnehmer. Beim Gang durch das Dorf höre laute Klopfgeräusche, gehe ihnen nach und finde Arbeiter, die von Hand Steine zerkleinern.

Man muss sich das vorstellen: es ist billiger, grosse Steine heraufzutransportieren und sie durch billigste Arbeiter zerkleinern zu lassen, als eine Maschine – so wie bei uns – diese mühselige Arbeit machen zu lassen. Ich weiss, dass sich ganze Familien damit beschäftigen und mit dieser Arbeit wenigstens ein wenig zu ihrer Existenzsicherung beitragen können.

Ich frage sie nach Kindern, ernte verständnislose Gesichter, doch dann tauchen zwei andere Männer auf, die endlich einigermassen zu verstehen glauben. Ich drücke ihnen also zwei Schachteln in die Hand und versuche mit Händen und Füssen zu erklären, was der Zweck ist.

Eine Schachtel ist noch übrig, ich folge den beiden zu ihrer ärmlichen Behausung (eine weitere unglaubliche Herabsetzung menschlicher Würde), wo wir den letzten Abnehmer finden, der kaum weiss, wie ihm geschieht.

Ich verabschiede mich mit tiefer Verbeugung und Namaste und habe gleichzeitig das Gefühl, etwas Richtiges getan zu haben, und tiefstes Mitleid mit diesen armen Leuten, die auf der absolut untersten Stufe leben.

Immer noch aufgewühlt, wird mir im Hotel mitgeteilt, dass auch die erste Schachtel den richtigen Abnehmer gefunden hat. Das kleine Mädchen entpuppt sich Gott sei Dank nicht als Tochter des Wirts, sondern als die vierjährige Tochter einer alleinstehenden armen Frau, die in der Küche arbeitet.

Bingo.

Kurze Zeit später taucht das Mädchen im Diningroom auf, die Schachtel als grössten Schatz an die Brust gedrückt.


Ein leseloses Dasein

Da das iPhone im Lama Hotel nicht aufgeladen werden konnte, ist es nun am Kabel. Nach dem Essen sitzt man noch etwas gelangweilt herum, nichts zu lesen (ausser einer Broschüre von gerademal zwei Seiten, die mir der Boss des Hauses mitleidig in die Hand drückt). Das sind, man glaubt’s kaum, die einzigen lesbaren Buchstaben im ganzen Haus.

Heftige Lese-Entzugserscheinungen verspürend, verziehe ich mich in mein Zimmer und schlucke eine Tablette für meinen immer noch etwas angeschlagenen Magen. Es ist so kalt, dass auch mein guter Schlafsack zuwenig wärmt und die dicke Decke ein wunderbar kuscheliges Gefühl vermittelt.

Im Unterschied zu gestern hat sich mein Puls einigermassen normalisiert und ich schlafe ziemlich schnell ein.

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