Einsiedeln – Unterägeri

Wer hätte gedacht, dass nach dem gestrigen Regen einer der schönsten Tage des gesamten Trips auf mich wartet?

Es gibt nichts Besseres als positive Überraschungen.

Der Tagesplan sieht tatsächlich eine wunderbare Route vor, für einmal ganz in meinem Sinn:

 

From Einsiedeln to Unterägeri

 

Die Sache mit dem Morgenessen

Ich bin erstaunlich früh wach, werde mir als erstes ein Restaurant im Freien für mein Frühstück suchen, denn mein Zimmer bietet nichts dergleichen. Auf dem Weg nach unten treffe ich auf zwei sportlich aussehende Herren, die offenbar zu einer Gruppe Wanderer aus Italien gehören. Sie treten vor mir aus dem Lift und steuern auf ein reichhaltiges Frühstücksbuffet zu.

Nun gut, ich rede mir ein, dass meine Absichten redlich waren, aber wie man weiss, steckt der Teufel voller Hinterlist. Alles deutet doch irgendwie darauf hin, dass mich mein heutiges Karma in genau diesen Frühstücksraum mit genau diesem wunderbaren Frühstücksbuffet geführt hat. Es gibt keine Zufälle, solche schon gar nicht, also muss dem Willen des Universums Genüge getan werden.

Und so sitze ich mit einem ganz klein wenig schlechten Gewissen vor meinem Teller, daneben Kaffee und Orangensaft, während mir die verantwortliche Dame des Hauses zunickt und guten Appetit wünscht.

Ich bin sicher, dass mir heute irgendeine dumme Sache passieren wird. Wie sagt man so schön, Gott straft sofort.

 

Pilgerwege

Die Tour führt von Einsiedeln auf einem alten Pilgerweg über den Chatzenstrick zum Hochmoor von Rothenthurm und über den Raten zum Aegerisee.

So verspricht es der Führer, ob es allerdings ein Pilgerweg ist, weiss ich nicht, aber es gibt ja ein Netz von solchen Wegen, die meisten im Zusammenhang mit dem Jakobsweg, die kreuz und quer durch die Schweiz führen.

Am Ende gelangt man, wenn Gott und die Muskeln mitgemacht haben, nach Santiago de Compostela in Galizien. Vor vielen Jahren auch einer meiner Wanderträume, aber seit der Jakobsweg einen gewaltigen Hype erfahren hat, mit Millionen von Pilgern, vor allem auf dem Abschnitt über Nordspanien, bin ich davon abgekommen.

Wer sich mit ein paar sehr unterhaltsamen und witzigen Erfahrungen informieren will, der liest am besten den Millionenseller von Hape Kerkeling Ich bin dann mal weg.

Hape Kerkeling, Deutschlands vielseitigster TV-Entertainer, lief zu Fuß zum Grab des heiligen Jakob – über 600 Kilometer durch Spanien bis nach Santiago de Compostela – und erlebte die reinigende Kraft der Pilgerreise. Ein außergewöhnliches Buch voller Witz, Weisheit und Wärme, ein ehrlicher Bericht über die Suche nach Gott und sich selbst und den unschätzbaren Wert des Wanderns.

Es ist ein sonniger Junimorgen, als Hape Kerkeling endlich seinen inneren Schweinehund besiegt und in St.-Jean-Pied-de-Port aufbricht. Sechs Wochen liegen vor ihm, allein mit sich und seinem elf Kilo schweren Rucksack. Er marschiert über die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen, durch das Baskenland, Navarra und Rioja bis nach Galicien zum Grab des heiligen Jakob – seit über tausend Jahren Ziel für Gläubige aus der ganzen Welt. Nach 35 Tagen erreicht er erschöpft sein Ziel – ziemlich geläutert und mit sich selbst im Reinen.

 

Über den Katzenstrick

Man wundert sich immer wieder über seltsame Namen und Bezeichnungen. Katzenstrick? Ich kann mir bei diesem Namen weder bezüglich Katze noch Strick etwas vorstellen, aber sei’s drum, der zu erklimmende Hügel wird auf jeden Fall Katzenstrick genannt.

Kurz nach Einsiedeln führt der Weg zwischen Wiesen hindurch einem bewaldeten Hang entgegen, während Kuhglocken den frohgemuten Wanderer begleiten. Denn frohgemut darf ich mich heute nennen. der Himmel ist so blau wie er nur sein kann, ein paar niedliche Wolken kleben irgendwo im Norden fest, es ist zum ersten Mal so richtig warm. Zeit für einen Tenüwechsel, jetzt sind endlich wieder kurze Hosen und T-Shirt angesagt.

Ich kann gar nicht anders als langsam gehen, denn der Duft von frisch gemähtem Gras wedelt um meine Nase, nur das gelegentliche Rattern eines Traktors durchbricht die morgendliche Stille. Vorbei an mehreren Bauernhöfen steige ich den Katzenstrick hinauf, ein paar Kinder überholen mich lachend. Offenbar beurteilen sie meinen Gang als den eines gebrechlichen alten Kauzes.

Na ja, so unrecht haben sie nicht.

 

Cows accompany me on the way to the Katzenstrick

 

Eine besondere Schule

Eines der Gebäude ganz oben scheint eine Schule zu sein. Die Kinder werden von zwei Erwachsenen begrüsst, offenbar gehen sie hier in die Schule. Sie nennt sich CasaVitura und muss etwas ganz Besonderes sein. Neugierig wie ich bin, erkundige ich bei den beiden Herren, offenbar Lehrer, etwas genauer über dieses Etablissement.

Es handelt sich um ein alternatives Bildungsangebot zur Volksschule, vorerst mit einem Kindergarten und einer Primarschule. Später soll auch eine Oberstufe dazukommen. Das Ziel ist, die Kinder in ihren Fähigkeiten zu stärken, indem ihre Wissbegierde, ihre Entdeckungsfreude und Begeisterungsfähigkeit mithilfe des natürlichen Lernens gestärkt wird.

Natürliches Lernen ist kompetenzorientiert, selbstorganisiert, geschieht ohne strikte Stundenpläne und verzichtet auf Hausaufgaben und Noten. In einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und des Vertrauens lernen die Kinder, Entscheidungen selbst zu treffen und Aufgaben selbstwirksam zu lösen. Die altersdurchmischte Lerngruppe entspricht dem Bedürfnis, voneinander lernen zu wollen, und fördert das soziale Miteinander. Jedes Kind wird in seiner Herkunft respektiert. Die CasaVitura setzt sich für ein friedvolles Miteinander ein und ist politisch und konfessionell neutral (siehe oben stehenden Link).

Beeindruckt durch den pädagogischen Ansatz und die Ernsthaftigkeit und Überzeugung der beiden Lehrer, bin ich nach einer halben Stunde immer noch am Diskutieren, und habe offenbar vergessen, dass der Weg auch heute weit ist.

 

Das Rothenthurm Hochmoor

Vom Katzenstrick führt ein breiter Weg hinunter ins Tal, wo das berühmteste Hochmoor der Schweiz liegt. In der Talebene überquert man Hauptstrasse und Bahn und gelangt schliesslich an einem Pferdegestüt vorbei zum Hochmoor.

 

Way down to the Moor

A bit cutious, a bit anxious

Mutter und Fohlen sind zwar neugierig, treten vorsichtig näher, beschnuppern den komischen Kerl und drehen wieder ab, ziemlich unbeeindruckt, wie mir scheint.

Ich kann mich an die 80-er Jahre erinnern, an die hochemotionale Auseinandersetzung zwischen der Armee und deren zumeist rechtsgerichteten Nein-Sagern sowie den Landschaftsschützern, die die Initiave unterstützten. Man kann sich heute, wo sich viele gesellschaftliche Parameter geändert haben, kaum mehr vorstellen, dass die Armee ausgerechnet auf diesem noch unberührten und selten gewordenen Hochmoor einen Panzerübungsplatz bauen wollte.

Einen Panzer Übungsplatz! Ausgerechnet!

Wer mich kennt, weiss um meine Abneigung gegen das Militär, aber auch weniger militante Landsleute konnten mit der hirnverbrannten und schon damals völlig weltfremden Idee nichts anfangen. Und so führte die damalige Volksinitiave zum Schutz der Moorlandschaften zu einem unerwarteten Erfolg, ein erstes Menetekel an der Wand, das auf die zukünftigen Entwicklungen in der Gesellschaft hindeutete.

 

Moor at Rothenturm

Das Moor darf zwar durchquert werden, allerdings nicht in seiner speziell geschützten Kernzone. Trotzdem erhält der Wanderer einen beschränkten, aber nicht weniger eindrücklichen Einblick in die wilde Pflanzenlandschaft. Es bietet nicht nur Pflanzen, sondern auch Tieren einen geschützten Lebensraum.

Ich zitiere aus folgendem Link:

Im Wechsel der Jahreszeiten spielt das trogförmige Hochtal mit den Farben. Im Frühling schmückt es sich mit einem lila Schleier aus Mehlprimeln. Zitronen-, Segel- und Perlmuttfalter lassen sein Sommerkleid bunt flattern. An kühlen Herbstmorgen trägt es ein Diadem aus Tautropfen. Und im Winter streicheln oft Sonnenstrahlen über die weisse Decke, während im Unterland der Nebel drückt. Bergföhren, Fichten, Gehölz, Auen und die in Mäandern fliessende Biber verstärken den Reiz der Landschaft.

 

protected high moor The path through the moor

 

Für einmal nicht der einzige

Es wird nun heiss, zum ersten Mal seit Tagen rinnt der Schweiss von der Stirn. Auf dem Aufstieg zum Raten ist niemand zu sehen, von den obligaten Kühen abgesehen. Je weiter man nach oben kommt, nimmt die durchschnittliche Anzahl Personen pro Quadratmeter rapide zu.

Ganze Völkerwanderungen sind unterwegs, die Grillplätze sind voll belegt, Kindergeschrei, Hundegebell, Rauch, Geruch von Würsten und anderem. Sehr schön. Es gibt zwar keine freien Plätze mehr auf den zahlreichen Sitzbänken entlang der Strecke, aber ich geniesse die Gesellschaft. Manch komischer Blick folgt mir, ich spüre die Fragen, die Vermutungen. Egal.

 

On the Raten

Manchmal ist der Weg schnurgerade, dann bin ich plötzlich wieder allein auf weiter Flur, bis mich das Summen eines e-Bikes, im Volksmund „Stromer“ genannt, aufschreckt. Ich werde mich hüten, meine Meinung zu diesen Vehikeln preiszugeben. Ärger wäre mir gewiss.

 

straight ahead

Manchmal muss man einfach Geduld haben, vor allem dann, wenn die Rast längst überfällig ist, und weit und breit keine Sitzbank oder was Vergleichbares in Sicht ist. Das, was dann allerdings im Schatten eines Baumes vor einem kleinen Häuschen auftaucht, ist so ungefähr die State-of-the-Art bezüglich Sitzgelegenheiten für müde Wanderer.

Es kommt mir beinahe so vor, als hätte das Universum zusätzlich zum erschlichenen Gratis-Frühstück noch weitere Highlights im Köcher. Mir soll’s recht sein, aber so ganz traue ich der Geschichte nicht. Auf jeden Fall begehe ich nun eine ausgedehnte Rast, strecke die Beine, schaue mich um, keine Menschenseele weit und breit, der ich einen Platz neben mir hätte anbieten können.

 

a very welcome bench

 

Im Gedenken an Patrick Leigh Fermor

Wenn man wie ich zwischen Bächen und Wiesen und Wälder wandert, taucht irgendwann der Name Patrick Leigh Fermor auf und seine Wanderung durch das alte Europa von 1933. Es ist sozusagen die Ur-Wanderbibel, Bücher, die jeder Wanderer unbedingt lesen sollte. Ich habe ihn bereits in meinen Laosbüchern erwähnt.

Und was für eine Wanderung das war.

Fermor war gerade mal 18 Jahre alt, als er sich 1933 entschloss, durch Europa zu wandern. Er nahm ein Schiff zur obersten Spitze von Holland und lief los, Ziel Istanbul, damals noch Konstantinopel genannt. Man muss sich vorstellen, dass dieses Jahr noch das alte Europa war, das Europa vor dem unsäglichen Krieg, der ein paar Jahre später losbrechen sollte. Die Anzeichen für die kommende Katastrophe sind nicht zu übersehen, und so wandert er durch Länder, deren Verfallsdatum bereits geschrieben steht.

Aber nicht nur das. Zu dieser Zeit gab es weder geeignete Wanderausrüstung noch Wege, geschweige denn Wegweiser. Der junge Mann musste sich den Weg suchen, aber das störte ihn nicht im Geringsten. Während der ganzen Strecke schrieb er Tagebuch, nur um dieses irgendwo im Süden zu verlieren, was ihn zwang, die Notizen aus dem Kopf zu reaktivieren.

18 Jahre alt ist Patrick Leigh Fermor, als er sich aufmacht, Europa zu erkunden. Sein Ziel vor Augen, er will nach Konstantinopel, wandert er zunächst von Hoek van Holland rheinaufwärts. Tief hinein nach Deutschland geht die winterliche Reise, durch Wiesen und Wälder, verschneite Städte, die Donau entlang, nach Wien und Prag, bis in die ungarischen Marschen. Es ist das Jahr von Hitlers Machtergreifung. In seiner poetischen und präzisen Sprache lässt Patrick Leigh Fermor vor unserem inneren Auge das alte Europa erstehen, das wenige Jahre später in Schutt und Asche versinken wird.

Im zweiten Teil seines Reiseberichts nimmt Patrick Leigh Fermor den Leser erneut mit in eine fremde, faszinierende und heute verschwundene Welt. Wir treffen ihn wieder 1934 in Budapest, wo er Bälle und Kaffeehäuser besucht. Auf einem geliehenen Pferd durchquert er die ungarische Tiefebene mit ihren Hirten und Ziehbrunnen, verweilt auf Landgütern, in denen die Zeit aufhört zu existieren, um dann weiterzuziehen bis in die siebenbürgischen Karpaten und zum Eisernen Tor, dem Ende Mitteleuropas.

Interessant ist das weitere Leben Fermors. Im 2. Weltkrieg kämpfte er auf der Seite von Griechenland und wird bis heute als Nationalheld verehrt. Er lebte fast sein ganzes Leben auf Kreta und starb 2011 mit beinahe hundert Jahren.

Eine sehr empfehlenswerte Wanderliteratur, ein grossartiges Leseerlebnis.

 

Wälder und manchmal Wasser

Ich bin froh, dass es nach all den sonnenbeschienenen Wiesen und Abhängen nun in den Wald hineingeht. Es ist, als würde man in eine andere Welt eintauchen, in eine stille, einfache Welt, die nichts bietet ausser Ruhe und Kraft. Oder bilde ich mir das nur ein, dass man automatisch durchatmet, die Brust sich weitet, der Atem flacher wird, der Geist von neuem erwacht? Die romantische Liebe der Deutschen zu ihren Wäldern hat viel zu ihrer Kultur beigetragen, warum das ausgerechnet dort so ist, weiss ich nicht.

Wenn man allerdings zum Beispiel an England denkt, wo die einstigen dichten Wälder bis auf einen kläglichen Rest verschwunden sind, wird man schon nachdenklich. Hat die Beziehung zu den Wäldern ihren Ursprung in der Kultur eines Landes? Oder genau umgekehrt?

Wie bereits erwähnt, beim Wandern hat man Zeit um nachzudenken. Ob die diesbezüglichen Ergebnisse in jedem Fall wertvoll sind, wage ich gelegentlich zu bezweifeln.

 

Into the forest again

 

Dem Ägerisee entgegen

Morgen lege ich einen 1-tägigen Break ein, meine liebe Tante Hildy wird beerdigt. Ich muss also heute Abend nach Hause fahren und werde den Trail übermorgen Samstag ab Meierskappel weiterführen. Der Abschnitt von Unterägeri bis Meierskappel fehlt dann in meinem Reisebericht, aber ich werde versuchen, doch ein paar zwar nicht selbst erlebte oder erwanderte Infos einzubauen.

Der ursprüngliche Plan sah vor, die heutige Nacht auf dem Bauernhof Hinterwiden zu verbringen und zwar auf einem Strohlager. Keine Ahnung, was mich zu dieser ziemlich hirnverbrannten Idee gebracht hat, wahrscheinlich eine bessere Einteilung der Etappen von Unterägeri bis Luzern. Irgendwann, schon beinahe am Tagesziel, liegt zu meiner Rechten ein stattlicher Bauernhof, wahrscheinlich Hinterwiden. Vielleicht habe ich doch was verpasst.

Anyway, der Weg über die hügelige Landschaft über den Raten, den Gottschalkenberg und die Brusthöchi, abwechselnd durch dichten Wald, dann wieder entlang Wiesen, wo das Heu duftet, oder die Höfe, wo die Bauern emsig daran sind, die verlorene regnerische Zeit von letzter Woche nachzuholen. Es dröhnt an allen Ecken und Enden, Traktoren und Maschinen, deren Namen mir nicht geläufig sind, die aber einen erheblichen Beitrag zur Effizienzsteigerung beitragen.

Ich bin selten in solch glücklichem Zustand gewandert. Einmal mehr taucht der Gedanke auf, wie schon früher auf langen Busreisen, dass es nie aufhören möge.

Aber dann taucht er am Horizont auf, der Ägerisee, von weitem ein harmloser Tümpel, dessen Oberfläche das helle Blau des Himmels spiegelt. Unterägeri kommt näher, eines der Paradiese für wohlhabende Expats, eines dieser typisch schweizerischen Steuerparadiese.

 

The Ägerisee from afar

Der Blick auf die SBB-App zeigt mir, dass der nächste Bus nach Zug in einer halben Stunde abfährt. Es heisst also pressieren, steile Asphaltstrassen hinunter ins Dorf, und tatsächlich, ich erreiche die Bushaltestelle in dem Moment, als der Bus einfährt.

Und dann bin ich zurück, wenigstens nur temporär, in der Welt und fühle mich seltsam ungeeignet, beinahe fehl am Platz. Aber so muss es wohl sein …

 

Song zum Thema:  The Parting Gifts – Keep Walking

Und hier geht der Trip ausnahmsweise nicht weiter, aber man sehe selbst …